Anfängergeist

Anfänger-Geist

Ich möchte Anfänger werden. In allem, was ich tue und was ich bin, möchte ich zum einfachen, blutigen Anfänger werden. Nach 41 Jahren als Mensch, nach 13. Jahren im Beruf als Seelsorger, nach 10 Jahren Ehe und nach bald 5 Jahren Vater-Sein, möchte ich gerne 2014 mein Leben wieder als Anfänger führen können, als blutiger, einfacher Anfänger.

Früher dachte ich immer, es ginge darum, die Dinge zu können – und sie besser zu können, als andere, um sich zu behaupten, um bewundert zu werden, oder was auch immer. Ich habe gelernt: das ist ziemlicher Blödsinn. Alles möglichst schon können zu wollen, überall eine mehr oder minder brilliante „Performance“ abzuliefern, ist zwar verlockend und löst Bewunderung bei den beeindruckten Zuschauern aus, aber eben auch nicht mehr.

Es verwechselt Bewunderung mit Freundschaft und es degradiert die anderen zu Zuschauern. Ausserdem zehrt es aus und nährt genaugenommen niemand.

Der „Könner“ ist in erster Linie ein „Festgelegter“ und damit schnell ein „Festgefahrener“. Des „Könners“ Herz hat keine Ohren.

Der Anfänger dagegen, hat keine Ahnung, was aus dem wird, das er gerade tut. Der Anfänger weiss nicht. Er kann eigentlich nur vertrauen. Dem Anfänger stehen alle Möglichkeiten offen. Und darum geht es eigentlich, offen zu sein für das „Mögliche“. Vielleicht ist es genau das, was uns im Älterwerden an der Jugend so ungeheuer fasziniert: Dass wir damals noch ein Gefühl dafür hatten, alle Wege stünden uns mehr oder weniger offen.

Der Anfänger weiss auch nichts, er hat nichts ausser sich selbst, er ist nichts ausser Anfänger. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als Fragen zu stellen um weiter zu kommen. Zu fragen und genau und tief zu hören, sind wunderbarsten die Aufgaben eines echten Anfängers. Das möchte ich  gerne noch mehr lernen. Und ich wünschte mir, dass wir es als Gesellschaft, als Staaten, als Dörfer, Städte, lernten: Fragen zu stellen und genau und tief und offen zu lauschen – und dann angemessen lange, schweigend zu warten bevor wir eine Antwort geben. Denn wo der Anfänger fragt, gibt der „Könner und Kenner“ Antworten, ohne dass es überhaupt eine Frage gab. Das nennt man dann schnell „gute Ratschläge“ – und die sind ja bekanntlich auch Schläge.

Ich wünschte mir, dass wir uns zusammen verabschiedeten von der Faszination des „Könnens“ und der Leistung. Ich wünschte mir, dass wir statt dessen lernten, tiefer den Wert des „noch nicht Wissens“ zu schätzen, der radikalen Offenheit und des unergründlich Einfachen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde es unerlässlich, ohne Ende zu lernen, so viel und so breit es geht. Aber wenn wir einen kraftvollen, neuen Schritt tun wollen, können wir nicht anders, als den schweren Rucksack des „ich weiss“ abzustellen und mit leeren Händen und weitem Geist einzuatmen, als wäre es das erste Mal.

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