Was nährt?

Im buchstäblichen Sinne selbst-vergessen – unser wahres Selbst vergessend – ziehen wir durch unser Leben, und versuchen alles zu unternehmen, um das brennende und stechende Gefühl des Verlorenseins, des Ungewissen, das uns befällt, wenn wir den Grund verlieren, nicht mehr wahrzunehmen.

So kämpfen wir und lenken uns ab von dem Gefühl der Einsamkeit und beginnen, wie in einer Ersatzhandlung, auf Konten, Häuser, Autos, Schmuck, Bargeld und wertvolles Metall zu vertrauen. Wir beginnen fast unbemerkt und ziemlich blind auf die Versprechungen von Parteien, von Wissenschaft und sogar Heilsinstitutionen (manchmal auch unserer Kirche) zu schnelles Vertrauen zu legen, und glauben, wir könnten damit die tiefe Sehnsucht nähren, die in unseren Herzen wohnt.

Dabei ertränken wir nur das durstige Herz durch pochendes Wiederholen und Betonen dessen, was wir meinen zu sein: Deutsche, Schweizer, Europäer, Christen, gebildete, ehrliche Handwerker, Vater, Mutter, Partner, ein Scholz, ein Hänggi, ein Meier, ein Huber, …

Doch sobald wir anfangen unser Gefühl des Mangels mittels Abgrenzung zu beantworten, mittels Zugehörigkeit und Differenz, beginnt auch das, was viele von uns, seit langem in den Wahnsinn treibt. Der Wettbewerb.

Er macht auch vor keiner Kirche halt: Wer hat mehr Kirchenbesucher, mehr Ministranten, besucht mehr alte Leute, wirkt heilvoller in seiner Umgebung, spendet mehr und hat die tiefere Kirchensteuer.

Obwohl wir eigentlich genau wissen, dass es keinen Gewinn ohne Verlierer gibt, und obwohl wir heute sehr genau sehen könnten, wer und wo die Verlierer sind, auf deren Rücken unser Glück entsteht, tun wir so, als gäbe es kein Morgen, keine andere Wahl.

Werden wir so glücklich, tragen wir so bei zum Glück in unserer Umgebung, geschweige denn in unserer Welt?

Das ist doch ignoranter Wahnsinn.

Dieses System ist Menschengemacht – auch, wenn wir meinen, es sei ewig – also können es auch Menschen wieder ändern.

Unsere Probleme beginnen damit, dass wir vergessen, wer und was wir wirklich sind. Und sie enden damit, dass wir uns wieder verbinden mit der grossen Quelle, aus der wir bis hier her gekommen sind: Grosses Leben, Gottes Leben, das jetzt atmet in mir und Dir und auch in denen, deren Haut gelb, schwarz oder braun ist und deren Blut doch rot pulsierend durch die Menschenadern fliesst.

Warum nehmen wir die Einladung, die uns der Wind, der Regen, die Sonne, die Erde, der Tag und die Nacht, das Holz auf dem wir sitzen, die Kleidung, die unsere Haut berührt, warum nehmen wir die Einladung, die uns das grosse Leben in all seiner Fülle, in jedem Moment, selbst noch im Sterben und an jedem Ort, selbst im tiefsten Kellerloch entgegenschreit uns nahestreichelt, flüstert, lebt und liebt, nur mit so grossem Zögern an?

Warum lassen wir uns nicht von dem, was wir jetzt sehen, riechen, hören, schmecken, fühlen, zu dem verführen, was unser Herz erfüllt und uns verbinden mit dem Ursprung, der tief in uns das Leben wachhält?

Warum lassen wir uns nicht erweichen, von der Güte, mit der die Erde jeden einzelnen Menschen birgt und lassen unser Innerstes so weit werden, dass es katholisch (allumfassend, das All umfassend) wird und buchstäblich die ganze Welt – damit sich selbst – in liebevoller Zärtlichkeit umarmt?

In der Religion geht es immer auch darum, die Unterschiede solange zu lieben und zu ver-atmen, bis sie zusammenfallen, obwohl sie noch da sind:

Kein Aussen, kein Innen, kein Hier, kein Dort, kein Du, kein Ich, nur Leben, das atmet, pulsiert und liebt.

KH Scholz

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