Nichts ist unter Kontrolle – aber alles ist gehalten.

Es brauchte nicht viel, um alle unsere Pläne durcheinander zu bringen. Eine winzige, praktisch unsichtbare Veränderung, die Mutation eines geruchlosen, lautlosen Teils des Kosmos reichte aus, um die menschliche Welt innerhalb weniger Wochen zu einer Vollbremsung mit verheerenden Folgen zu zwingen. Jahrhunderte an Forschung, Wissenschaft, technischer Entwicklung und planerischer Kunst, wurden einfach durch eine mikroskopische Kugel mit dem technischen Namen SARS-CoV-2 ausgehobelt.

Der Kosmos lässt uns spüren, dass seine Ordnung das Chaos ist.
Das haben wir vergessen. In all den Jahren des oft menschenverachtend «Machbaren», der Versicherungen und der Planbarkeiten, haben wir völlig aus den Augen verloren, dass das Leben zwar sehr geduldig ist, sich aber niemals kontrollieren lässt.

Nichts ist unter Kontrolle – aber alles ist gehalten!

Ich sage das nicht einfach so dahin. Und ich sage es auch nicht nur, weil ich in der Bibel mehr als 300 Mal lese: «Fürchte Dich nicht!», «Hab keine Angst!»
Nein. Ich sage es, weil ich es spüren kann.

Wenn es mir gelingt, meine Angst und Hilflosigkeit radikal anzuerkennen, wenn ich mich aufrichtig neben mein Fürchten und meine Unsicherheit setzen kann, um Atemzug für Atemzug in die Stille einzutauchen, wenn ich damit meiner Seele erlaube, sich aufzurichten und sich mit allem zu verbinden, was ist, dann kann ich es spüren.

Nichts ist unter Kontrolle,
aber alles ist gehalten.

Glauben Sie mir nicht!
Überprüfen Sie es selbst.
Alles ist gehalten.

Vielleicht ist das die Herausforderung, nicht nur der vergangenen und der kommenden Tage, sondern unserer Zeit, dass wir dies neu lernen: Uns, frei von Furcht, der Komplexität des Lebens zu öffnen, und demütig die alte, tragende Ordnung neu zu entdecken. Die Ordnung, die unserem Kosmos seinen Namen gab, und die uns in jedem verdankten Herzschlag zeigt, wo unser Platz im Ganzen ist und wo es uns braucht.

Das wäre das tiefste Ostern, das ich mir vorstellen kann. Es wäre eine Auferstehung am eigenen Leib. Eine, die uns wieder mit der Urkraft des Leben in seiner ganzen, schrägen Überfülle verbindet.

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Vom Einsetzen und Hinsetzen

Einschränkungen sind meistens hart. Sie entsprechen nicht unserem ersten Impuls, mit Herausforderungen umzugehen. Sie fordern die unmodernste und daher ungewohnteste aller innerer Bewegungen: etwas sein zu lassen. Einen Zustand verändern zu wollen, in dem wir versuchen etwas gegen ihn zu tun, liegt uns viel näher. Aber buchstäblich NICHTS zu tun, mit allem aufzuhören, sich still zu verhalten, still zu werden? Das wirkt absurd und sinnlos. Doch das ist es ganz und gar nicht. Das können/müssen wir in diesen Tagen lernen.

Ich möchte nicht sagen, dass der leidliche Virus da ist, um uns etwas beizubringen. Von der Idee, dass er uns gar geschickt wurde, dass die Natur oder eine Gottheit dem Menschen diese Massregelung schickt, halte ich nichts. Ich sage lieber, er ist da. So, wie der Himmel da ist, oder der Frühling, die Krokusse, oder der Marderschiss vor unserem Haus.  Er ist da, so wie ich auch. Das lässt sich nicht leugnen.

Aber das bedeutet nicht, dass wir neben all den Unannehmlichkeiten und den Leiden, die seine Präsenz hervorruft, nicht auch etwas durch ihn gewinnen, oder lernen können.

In der Natur lässt sich im Augenblick etwas Ungeheuerliches beobachten. Wo die menschlichen Aktivitäten massiv zurückgefahren wurden, haben Tiere, Gewässer, Luft und Pflanzen in aussergewöhnlich kurzer Zeit begonnen, sich zu erholen. Wir konnten das an den Aufnahmen der NASA zur Luftverschmutzung über Chinas Städten ebenso beobachten, wie in den glasklaren Kanälen Venedigs und an den Delfinen im Hafen von Cagliari.

Sobald wir die Dinge in Ruhe lassen und nur schon einen Augenblick die Stille wirken lassen, beginnen die Selbstheilungskräfte des Lebens, die Dinge wieder neu zu ordnen – eben ganz ohne unser zu-TUN.

Nun wäre es völlig daneben zu glauben, wir müssten ÜBERALL nur unsere Finger heraushalten, die Füsse still halten, gar nichts mehr tun, und alles würde gut. Für die Situation von Flüchtlingen weltweit wäre das ebenso fatal, wie für jeden, der jetzt medizinische oder, psychologische Hilfe braucht. Die Kunst ist, zu wissen, was wann zu tun ist. Und hier kommt, wenn Sie das so wollen, die Lehre des Virus in’s Spiel.

Wie finden wir heraus, wann wir uns einsetzen, und wann wir uns hinsetzen müssen?
Wie kann ich wissen, wo es mein Tun braucht – und wo mein Schweigen?

Ich glaube, dass es dafür keine allgemeine Regel gibt. Aber ich erfahre immer wieder, dass wir dafür alle einen ausgesprochen feinen Sensor in uns tragen, der sich zwar nicht bestechen, wohl aber leicht übertönen lässt.

Der Knackpunkt ist in meinem Fall die Stille. Wenn ich mir regelmässig erlaube, einfach da zu sein und nichts zu tun, nur zu sein, öffnet sich ein Raum, in dem ich diesen «Sensor» nicht mehr so leicht ausblenden kann – ihn gar nicht mehr so einfach ausblenden WILL. Es wird ganz natürlich, das notwendige zu tun – bzw. das überflüssige zu lassen. Und plötzlich wird es schön, das zu tun, was zu tun ist. Vor allem die einfachen Dinge. Manchmal zeigt sich dadurch sogar das «sein-lassen» als notwenigstes und wirksamstes Tun, das sich schenken lässt.

Die Zeit der äusseren Einschränkungen lässt sich tiefer nutzen, um das momentan erzwungene, aber bitter nötige «Hinsetzen» zum Erlauben von innerer Stille werden zu lassen. Täglich, für ein paar Minuten nur. Aber immer wieder. Vertrauensvoll. Ganz gegenwärtig.

Stille ordnet das Herz, klärt die geistigen Kanäle, reinigt die Luft in den Lungen und zwischen den Gedanken. Und sie macht lebendig – alles: das Tun und das Lassen.

 

«Geh ich zeitig in die Leere
Komm ich aus der Leere voll.
Wenn ich mit dem Nichts verkehre
Weiß ich wieder, was ich soll.

Wenn ich liebe, wenn ich fühle,
Ist es eben auch Verschleiß
Aber dann, in der Kühle
Werd‘ ich wieder heiß.»

(aus den Buckower Elegien 1953, Bertold Brecht)

Karl H. Scholz

 

Bleib g’sund …

Für Menschlichkeit
einstehen

es riskieren
zu verlieren

nicht alles
haben müssen

sich trauen
den Kürzeren zu ziehen

mutig
für seine Überzeugung
einstehen

die eigenen Werte
nicht verraten

sensible für die
eigene Verletzbarkeit
den anderen achten

sein Herz nicht
hart machen

angreifbar bleiben
wie ein Schaf
unter Wölfen

und das Leben gewinnen.

(Almut Haneberg)

 

Seit einigen Tagen erleben wir, wie unser bislang gewohntes und sicheres Leben immer mehr durcheinander gerät. Schulen, Universitäten, ja ganze Länder werden geschlossen, Reisen untersagt, die Regale leer gekauft und überall erhöhte Hygienemaßßnahmen angeordnet. Es fällt uns nicht leicht zu sehen, was von den zahlreichen Aktionen sachlich wirklich sinnvoll ist und was Ausdruck von Angst, ja Panik ist. So reagieren manche von uns mit Schulterzucken und Unverständnis, andere jedoch mit panischen Hamsterkäufen und Rückzug in die eigenen vier Wände. Deswegen ist es an der Zeit, ganz persönlich innezuhalten um nachzuspüren und zu überlegen, in welcher sachlichen und emotionalen Situation ich mich gerade befinde. Sowohl Schulterzucken, oder panischer Rückzug mit Horrorszenarien sind als Extremvarianten nachvollziehbar. Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass dies eben nicht zu den adäquaten Reaktionen gehört. Beide Verhaltensweisen zeigen nämlich wenig Kontakt zur Realität, indem sie diese entweder ignorieren, oder aber unsere Verbindung und Vernetzung mit anderen Menschen ausser Acht lassen. Was also tun? Auf der einen Seite ist es wichtig, sich dem Wissen und Anordnungen von Experten und Behörden zu fügen, um die weitere Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Damit wir jedoch unsere Mitmenschen und uns selbst nicht aus den Augen verlieren und in Panik geraten, sollten wir uns ganz bewusst der Angst stellen. Wenn diese Angst unbeachtet zur Panik wird, macht sie uns blind. Blind für die Mitmenschen und die eigentliche Sachlage. Ja, es ist richtig, dass uns gerade diese Situation vor Augen führt, wie fragil nicht nur unsere Gesundheits- und Wirtschaftssysteme sind, sondern vor allem wir selbst. Trotz zahlreicher Errungenschaften erleben wir, dass wir das Leben nicht unter Kontrolle haben. Das bedeutet auch, dass es – allen Massnahmen zum Trotz – keine absolute Sicherheit geben kann und geben wird. Wir sind immer schon auf das aufmerksame und besonnene Entgegenkommen unserer Mitmenschen angewiesen. Dies funktioniert aber nur dann wirklich, wenn wir selber in der Lage bleiben, uns besonnen und entgegenkommend zu verhalten. Es gibt keinen 100%igen Schutz, weil wir die Unterstützung, Hilfe und evtl. auch Pflege der anderen benötigen. Somit wird von uns allen Umsichtigkeit verlangt, eine Haltung, welche die Angst nicht negiert oder herunterspielt, sondern sich geradezu darin zeigt, die persönliche und kollektive Angst in eine neue Haltung zu verwandeln, die sich als eine erhöhte Aufmerksamkeit, Wachheit und Mitmenschlichkeit zeigt. Wir dürfen gerade mehr denn je lernen, ganz im Ungewissen zu Hause zu sein. Uns ganz tragen zu lassen – ohne den Verstand auszuschalten. Gottesgegenwärtig, einfach und aufrichtig unseren Weg in der Komplexität des Lebens zu gehen. Welch eine Herausforderung für den Alltag unserer kontemplativen Haltung!

(nach A. Poraj)