Sorgentiere

Manche Menschen halten sich Sorgen, wie sich andere Leute Haustiere halten. Sie füttern sie, sie hätscheln sie und merken nicht, wie nach und nach alles anfängt, nach dem ungewaschenen Zottelfieh zu riechen.
Der ganze Lebenswandel beginnt sich mehr und mehr um die kleinen Mitbewohner zu drehen. Immer öfter werden sie zur Entschuldigung, weil dies oder jenes leider nicht geht, denn «ich hab ja schon genug Probleme».
Diese Sorgentierchen loszulassen, ist nicht einfach. Ihre Glieder haben Widerhaken, die sich im Filz, den wir uns in Ängstlichkeit um unser Herz gelegt haben, sehr erfolgreich und hartnäckig verheddern. Dort fühlen sie sich wohl, denn sie leben von diesem Gewalke unserer Angst.
Darüber hinaus vermitteln sie uns den Eindruck, wir müssten uns um sie kümmern, wir trügen Verantwortung für sie. Täten wir das nicht, würden sie uns stinkfrech auf den Teppich machen und jeder sähe, wie es um uns und die Sauberkeit unserer Seele stünde.
Dabei übersehen wir, dass die meisten dieser kleinen Geister nichts anderes sind, als Geister, die es gar nicht gibt. Imaginäre Hausgenossen unserer Seelen, die sich einschleichen, wenn wir nicht gründlich genug üben, 
in die Stille unseres Herzens 
zu lauschen und von Grund auf zu vertrauen.
Dieses nur scheinbar grundlose Vertrauen hat im Herzen beinahe unbegrenzte Kraft. Wer es wagt, bei dem löst es den ängstlichen und viel zu engen, starren Filz und nimmt so den Sorgentierchen – und ihren Kindern – die Nahrung und den Halt. Es macht das Leben weit und frei und lässt uns seinen Grund erfahren: Es geht um Dich!

Hol‘ mich hier raus …

wald

Manchmal fühlt es sich so an, als stünde ich im tiefsten Wald. Irgendwo im Dickicht eines undurchdringlichen Dschungels, der über lange Jahre und fast unbemerkt im Alltag herangewachsen ist. Gemischte Gefühle, verwirrende Empfindungen und verstörende Fragen, verknoten sich wie Lianen und Dornengestrüpp ineinander. Sie wurzeln auf dem Humus, den ihre eigenen Blätter und Früchte produzieren, wenn sie überreif herabfallen und zu faulen beginnen. Es ist ein Kreislauf, ein höllischer Kreislauf, aus Rastlosigkeit und Erschöpfung, aus Orientierungslosigkeit dem Drang etwas zu tun, aus mangelder Verbundenheit zu mir und meinem Leben. Wie der biblische Widder verheddere ich mich mit meinen Hörnern immer mehr in irgend einem Busch, in irgend einer Idee, einer Illusion: «Warum ausgerechnet ich?», zum Beispiel, oder «ich MUSS es haben!», gerne auch «ich bin es eh nicht wert!»
Je mehr ich diesen Stimmen glaube, je mehr ich mich verstricke, desto weniger sehe ich den Himmel und desto tiefer stecke ich in meinem eigenen, modernden Dreck. Das ist der Humus, in dem die Traurigkeit wurzelt – und die Einsamkeit.
Zum Glück ist das nicht die ganze Welt. Der Wald kennt Lichtungen und feste Wege, die in die Weite führen – dorthin, wo das Glück wohnt, wo man den Himmel atmet. Was es dazu braucht sind Mut, Vertrauen und ein Sinn für Orientierung, ein Herz für das Wesentliche. Deshalb: Lass Dich da raus holen … werde wesentlich!

Patentrezepte

Mit Patentrezepten ist es so eine Sache. Die Idee, das Leben mit dem geeigneten Rezept, mit dem perfekten Plan, mit einer „Weltformel“, in den Griff zu bekommen, ist vermutlich so alt, wie die Suche des Menschen. Es wäre ja auch wirklich verlockend, wenn wir die Probleme unseres „Welt-Alltages“ ein für alle mal lösen könnten – mit einem einfachen Rezept, das jeder umsetzen kann und das jedem schmeckt.

Leider kommt in diesem schönen Gedanken das Wort „wenn“ vor. Und darauf kannst Du Gift nehmen: Sobald irgendwo das Wort „wenn“ auftaucht – ebenso wie seine Geschwister „hätte“, „könnte“, „würde“, ist allerhöchste Vorsicht geboten.

So sehr wir auch keine Ahnung haben, wie … wir werden die Herausforderung, unsere Gegenwart zu gestalten und eine Zukunft zu kochen, die allen Lebewesen schmeckt und gut tut, nicht los. Das grosse 5 Sterne-Menü, nach dem wir alle, ein für alle mal gegessen haben – für immer und ewig – wird ein unrealistischer Traum bleiben. Soviel wissen wir.

Die Wunderlösung für alle ungelösten Fragen dieser Welt wird auch morgen nicht in unserem Postfach liegen. Also bleibt der Hunger nach dem tiefen Glück. An jedem Tag muss wieder neu gekocht werden. Simpel, aber essbar. Zubereitet aus dem, was uns zur Verfügung steht. Das ist sehr wichtig, denn unsere Teller werden leer bleiben, so lange wir glauben, es sei unmöglich mit dem Kochen zu beginnen, weil in unserem Kühlschrank die nötigen Zutaten fehlen. So lange wir meinen, wir können nichts ausrichten, weil wir zu wenig haben oder sind, weil uns zu wenig oder gar das Falsche zur Verfügung steht, so lange wird die Küche der Menschheit kalt bleiben. Der Hunger in den Herzen wird wachsen. Und das wissen sie selbst: Hunger und Glück kommen selten miteinander.

Deshalb ist es wichtig, nicht mehr länger zu warten, sondern mit dem Kochen zu beginnen und sich vom Augenblick und dem, was sich vorfindet, inspirieren zu lassen. Denn, auch wenn Du es nicht glaubst: Kochen kann jeder – andere Menschen nähren, auch.

Vielleicht besteht die Kunst der guten „Zukunfts-Küche“ ja gar nicht so sehr darin, WAS auf den Teller kommt, sondern vielmehr darin, was NICHT auf den Teller kommt. Vielleicht liegt das Geheimnis des unbekannten Patentrezeptes gar nicht in den Zutaten, die uns fehlen, sondern in den Zutaten die wir weglassen. Das wäre eine echte Festküche, der es gelänge die Menschheit zu nähren, in dem sie die Angst voreinander einfach wegliesse, und die Ausgrenzung und den Willen im Anderen die Bedrohung zu sehen.

Uups – da war er wieder, der verräterische Konjunktiv, das Wörtchen „wäre“. Aber vielleicht klappt’s ja trotzdem. Einen Versuch wäre es wert. Guten Appetit.

Auf’s Glück getauft…

Kurz nach Hl. Dreikönig wird getauft – und damit in’s volle Leben geschmissen.

Im Dunstkreis der Geburt und der Besuche aus aller Welt, können wir noch schwelgen und den romantischen Gefühlen freien Lauf lassen, aber nun beginnt der Ernst des Lebens. Jetzt werden wir mit Jesus in’s Jahr geschickt, in das Ungewisse seiner und unserer eignenen Zukunft.

Wenn man sich Bilder in Erinnerung ruft, auf denen die Taufe Jesu dargestellt wird, zeigt sich ein erwachsener Jesus, der im Wasser des Jordan steht und von Johannes, dem Täufer untergetaucht wird.
Moment, wie kann das gehen? Er wurde doch erst vor wenigen Tagen geboren?

Wer in diese Falle tappt, bringt die eigene Weltsicht und die Botschaft Jesu im Moment ein wenig durcheinander.

WIR taufen kleine Kinder. WIR taufen sie auf „Christus“ und machen sie damit zu einem Mitglied unserer kirchlichen Gemeinschaft. WIR setzen sie durch diese Religionszugehörigkeit von anderen Menschen, anderer Kultur und Religion ab. WIR glauben sie damit unter den Schutz des Himmels zu stellen – als ob sie das nicht auch so schon wären. WIR praktizieren Taufe als ein Fest des neuen, physischen Lebens.
Für Johannes und Jesus war das ganz anders.
Für sie ging es nicht um die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft. Jesus war Jude und er war dies auch nach seiner Taufe noch – niemand hegte daran irgend einen Zweifel. Er wurde dadurch auch nicht zum zahlungspflichtigen Mitglied einer jüdischen Gruppe um einen gewissen Johannes, dessen Lehren er von nun an zu befolgen hätte.
Jesus und Johannes verstanden Taufe als etwas viel grundlegenderes, existenzielleres.
Für Jesus ist die Taufe viel eher ein Weg zurück, zu den eigenen Wurzeln, zum verwurzelten Menschsein, das sich nicht überhebt, sich aber auch nicht für sich selber schämt.
Für ihn war das rituelle Waschen – denn nichts anderes ist die Taufe hier – ein Ausdruck seiner Demut und seines Mutes, die Verantwortung, die dem Menschen gegeben ist, als erwachsener Mensch zu übernehmen.
In der Taufe Jesu geht es nicht um Kinder, oder um Gottes Schutz, sondern darum, erwachsen zu werden. Es geht darum, statt mit allen Wassern gewaschen zu sein, unabhängig und ganz aus dem Geist der Unendlichkeit zu leben, an nichts hängen zu bleiben und sich von keinem Sog der Zeit ersticken zu lassen.
Es geht um Demut, Mut und Verantwortung.
Deshalb öffent sich auch der Himmel. Weil einer es fertig bringt, Mutig zu sein, ohne Macht zu wollen, bereit zu sein für tiefe Verantwortung und diese als Dienst zu verstehen. Der Himmel öffnet sich, weil einer begreift, dass der wahre Kniefall der Demut, der Mut zum Dienen ist. Der Himmel öffnet sich, weil einer tief verstanden hat, dass es auch auf ihn ankommt, dass keiner die Verantwortung für sein und unser Leben einem höheren Wesen, einem Gott oder seinen Stellvertretern abgeben kann. Der Himmel öffnet sich, weil sich da einer als Mensch, als echter Sohn der Unendlichkeit begreift – und bereit ist, dieses Erbe anzunehmen.
Deshalb hört er auch die Stimme (darin steckt schon das Wort „zustimmen“): „Das ist mein geliebter Sohn. An ihm habe ich gefallen gefunden.“
Das ist keine Aufforderung, diesem Sohn nachzulaufen und jeden Satz, den er spricht, nachzuplappern. Das ist eine Aufforderung, sich selbst genauso zu verstehen: Als Erbe, als Nachfahre Gottes, als konkretes Gesicht der Unendlichkeit.

Ich bin überzeugt, wir hätten gesellschaftlich eine Menge Probleme weniger, könnten wir langsam damit aufhören, die Menschheit hauptsächlich in ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe wahrzunehmen. Oder anders gesagt: Wenn es uns gelingen könnte, uns nicht mehr als kleine Kinder Gottes zu begreifen und uns nicht mehr kindisch, wie Kleinkinder zu benehmen, sondern die Einladung, erwachsen zu werden, anzunehmen, sähe unsere Welt vielleicht anders aus. Wenn wir uns als verbundene und eigenständige Partner Gottes begriffen, wenn wir uns nicht mehr verstecken müssten, hinter den selbstgemachten und scheinbaren Grenzen von Religionen und Kulturen, weil uns der Mut fehlt, ganz wir selbst zu sein, dann würde uns vielleicht auffallen, wie unsinnig es ist, sich wegen eben dieser eigentlich willkürlichen Zugehörigkeiten zu bekämpfen.
Wenn wir begreifen würden, wie wichtig es ist, die Verantwortung für das, was geschieht nicht immer und immer wieder an abstrakter und unerreichbarer Stelle zu suchen, wenn wir also nicht ständig die Religionen oder Kulturen für unsere Lust uns abzugrenzen und diese Grenzen zu schützen, verantwortlich machten, sondern wenn wir endlich begriffen, dass wir auch in den engsten, religiösen Grenzen als freie Menschen, aus dem freien Geist Gottes entscheiden könnten, wie würden wir erwachsen – als Menschheit.
Wie sehr würden wir uns nicht mehr benehmen wie pubertierende, die noch nicht gelernt haben, mit sich und der Welt umzugehen. Wie sehr würden wir begreifen, dass wir zum Glück getauft sind, und gerufen sind, allen Lebewesen auf ihrem Weg zum Glück zu verhelfen.

Zu leben heisst, ….

In Pfarrämtern geschehen schräge Dinge. Vor einiger Zeit hatte mich ein jüngerer Mann angerufen. Er klang irgendwie ein wenig nervös, aber eigentlich ganz sympatisch. Auf der Suche nach einem Seelsorger sei er, sagte er. Ob ich so einer sei, und ob ich auch wirklich studiert hätte, frage er. Nein, vorbeikommen wollte er nicht, man könne sein Anliegen auch jetzt, schnell, am Telefon klären. Ich habe das eigentlich nicht so gerne, aber gut, wenn er das so will …

Ob ich den Satz „Vivere militare est“ kenne, fragte er. Er bräuchte diesbezüglich dringend Unterstützung.

Das Wort „militare“ störe ihn – mich störte es auch. Da ich doch Theologie studiert habe, und deshalb sicher gut Latein spräche, könne ich ihm sicher helfen, dieses Wort durch ein ähnliches, weniger kriegerisches, zu ersetzen.

Jetzt hatte halt ich Latein nicht in der Schule, sondern erst an der Uni „gelernt“. Nach der Schlussprüfung hat mein Prof. Schwankl aus dem Fenster gezeigt und mit ernster Miene gesagt: Sehn’s da drüben Maria Hilf mit der Büssertreppe? Da gehen’s heut’ Nachmittag ‚nauf und zünd’n `s a grosse Kerz’n a. Grund dazu ha’m `s.

Deshalb wollte ich ihn eigentlich zu unserem pensionierten Priester schicken. Während ich ihm die Telefonnummer heraussuchen wollte, fragte ich ihn noch, wofür er diesen Satz eigentlich brauchte.

Voller Stolz sagte er, er wolle sich diesen Satz auf den Hintern tätowieren lassen und da käme ein Wort wie „militare“ nicht so gut, vor allem bei den Frauen nicht.

Der Mann sagt „vivere militare est.“ „Zu leben heisst zu kämpfen.“ Da haben wir ihn, den alten Geschlechterkonflikt. Blickwinkel

Ich glaube, dass das völlig falsch ist. Das Leben kann sich manchmal so darstellen, als ginge es nur darum, sich durchzukämpfen, aber das Leben ist kein Kampf – ausser, wir machen es dazu. Das ist ein Blickwinkel auf das Leben, nicht das Leben selbst. Das Leben ist auch kein Wettbewerb, auch wenn man uns das noch so nachdrücklich eintrichtern möchte. Wer das tut, will uns meistens etwas verkaufen. Man kann das Leben aus diesem Blickwinkel betrachten und bewerten, aber es bleibt ein Blickwinkel, nicht das Leben selbst.

Ich sage lieber – und das ist eigentlich auch nur ein weiterer Blickwinkel, wenn auch ein wie ich finde, viel sympatischerer – : „vivere, amare est.“ „Zu leben heisst, zu lieben.“

Wenn Du Dich und das Leben frei lässt,
wirklich,
wenn Du ohne Angst verstraust, ganz,

wenn Du wach bleibst,
in der Tiefe Deiner Seele,
und die unverfälschten,
klaren Augen Deines Kinderherzens
nicht mit der Suche nach Glück und Unglück verdeckst,
wenn Du das Leben so frisch von innen her anschaust,
genau,
wenn Du Dich berühren lässt, einfach, und jetzt,
dann wird das,
was Du dann tust,
kraftvoller sein als alles,
was Du Dir vorstellen kannst. Deine Schritte werden Dich selbst behüten,
sie werden heilen, segnen, leben. Dann wirst Du ein Liebender, eine Liebende sein,
mit jeder Faser Deines Lebens.

Trotzdem würde ich mir das jetzt nicht auf den Hintern tätowieren lassen.

umgekehrtes Schuldbekenntnis

Zwei der Schlüssel, um wirkliche Fülle zu erfahren, sind Dankbarkeit und Freude. Sie sind gratis, jederzeit verfügbar und warten geradezu nur darauf, geübt zu werden. Es stimmt, man kann Dankbarkeit und Freude üben. Zum Beispiel, in dem man die eigene, geschenkte Grösse zulässt, und sich nicht ständig kleiner macht, als man ist.

Das hat nichts zu tun mit Grössenwahn, sondern viel eher damit, ehrlich und demütig anzunehmen, was ist und was ich bin – und der damit verbundenen Verantwortung nicht ständig, feig aus dem Weg zu gehen. Denn es ist manchmal auch bequem, klein zu bleiben.

Das Leben hat eine unerschöpfliche Lust, sich an sich selbst zu freuen. Wenn wir uns ständig selbst dafür kritisieren, was wir sind, stehen wir dieser Sehnsucht, eigentlich dieser Erfüllung von Leben, unaufhörlich im Weg. Kein Wunder, wenn wir darüber depressiv und verbittert werden. Und welche heilsame Kraft soll schon von uns ausgehen können, wenn wir jedem Anflug von Lebendigkeit den Stachel eingeübter Selbstgeringschätzung mitgeben?

Beten heisst, all diese fiesen Stacheln, die uns zurückhalten, das zu sein, was wir wirklich sind, nacheinander aus unserem Herz zu ziehen. Sie liebevoll aber bestimmt fallen zu lassen und dann weiterzugehen, macht nicht nur den eigenen Geist ein Stück heiler, es lässt auch die gesünder werden, mit denen wir das Leben teilen. Und es macht unser Dasein kraftvoll, und unser Tun.

Hab keine Angst vor Deiner eigenen Grösse! Werde einfach, still, schlicht, und hab‘ dennoch keine Angst vor Deiner eignen Grösse. Diese Grösse hat einen Namen – und das ist nicht Deiner. Es ist der Name des Unaussprechlichen, des unergründlichen Grundes, der wirkt und der leben will, mit Deinem Gesicht und Deinem Herz.

Der Text aus einem Gottesdienst einer schwedischen Frauengruppe sagt’s:

Gott, ich bekenne vor Dir,

dass ich keinen Glauben an meine eigenen Möglichkeiten gehabt habe,
dass ich mich selbst nicht gleich viel geliebt habe, wie die andern,
nicht meinen Körper,
nicht mein Aussehen,
nicht meine Talente,
nicht meine Art zu sein.
Ich habe andere mein Leben steuern lassen.
Ich habe mehr auf das Urteil anderer vertraut als auf mein eigenes.

Ich bekenne,
dass ich mich nicht im Masse meiner vollen Fähigkeiten entwickelt habe,
dass ich zu feige gewesen bin, um in einer gerechten Sache Streit zu wagen,
dass ich mich gewunden habe, um Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Ich bekenne,
dass ich nicht gewagt habe zu zeigen, was ich alles kann,
nicht gewagt habe, meine Fähigkeiten zu leben.

Gott unser Vater und Schöpfer,
Jesus, unser Bruder und Erlöser,
Geist, unsere Mutter und Trösterin,
vergib mir den Zweifel an mir selbst,
richte mich auf,
gib mir Glauben an mich selbst und Liebe zu mir selbst.

Leere Tasse

Eines Tages kam eine Schülerin zum Meister. Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte. Sie hatte alle Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg hinauf gestapft – was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die junge Frau völlig abgekämpft beim Meister ankam, sass der in aller Ruhe auf einer Matte und trank Tee. Sie begrüsste ihn überschwänglich und erzählte ihm, welche spirituellen Abenteuer sie schon erlebt hatte, welche Askese sie schon auf sich nahm, und wie viel Zeit sie sich pro Tag für das Gebet nehme, und was sie schon alles gelernt habe. Dann bat sie ihn, bei ihm weiterlernen zu dürfen.

Der Meister lächelte freundlich und sagte: “Komm in einem Monat wieder.”

Von dieser Antwort völlig verwirrt ging die junge Frau wieder zurück ins Tal. Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, warum der grosse Meister sie wohl zurückgeschickt hatte.

Einen Monat später erklomm sie den Berg erneut mit nicht weniger Mühen, und kam zum Meister, der wieder auf seiner Matte, teetrinkend am Boden saß.

Diesmal erzählte die Schülerin von all den Hypothesen und Vermutungen, die sie und ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte. Sie erzählte davon, wie sie darüber diskutiert hatten ob sie schon ausreichend viel gelernt habe, oder ob es noch zu früh sei, den Meister aufzusuchen – ob sie noch zu jung sei? Dennoch bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen.

Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: “Komm in einem Monat wieder.”

Dieses frustrierende Spiel wiederholte sich einige Male. So langsam verliess die junge Frau der Mut. Es war nach langem Zaudern und vielen, vergeblichen Versuchen, dass sich die junge Frau denoch erneut aufmachte, um zu dem Meister zu gehen. Als sie diesmal beim ihm ankam und ihn wieder teetrinkend vorfand, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte und sagte nichts.

Nach einer Weile ging der Meister in seine Behausung und kam mit einer Tasse zurück. Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: “Jetzt kannst du hier bleiben, damit wir zusammen üben können. In ein volles Gefäß kann man nichts füllen.”

 

Auch, wenn wir uns am Beginn der Ferien eher leer fühlen, so ist das nicht die erfüllende Leere, von der die spirituellen Traditionen sprechen. Wenn wir von Arbeit und Alltag leer sind, dann sind wir eigentlich eher ausgepresst und ausgelaugt. Das ist etwas anderes, als im geistlichen Sinn leer und offen zu sein. Wer sich dann wirklich wieder regenerieren möchte, der darf nicht der Illusion verfallen, er müsste möglichst viel „haben“ (Freiheit, Zeit, Erlebnisse,…) um sich wieder aufzufüllen. Er muss, im Gegenteil, die Schlappheit eine gute Zeit lang aushalten und hinhalten und muss vor allem eines lernen: unproduktives Warten, ohne sich abzulenken. Sonst merkt er nämlich gar nicht, dass er längst vor lauter Hunger seinen Hals so voll mit Überflüssigem gestopft hat, dass er eigentlich am liebsten ko…. möchte.

Ferien heisst, „nicht Müssen“. Gönnen Dir dieses „nicht Müssen“. Du musst gar nichts. Nicht mal glücklich sein musst Du! Wenn Du das zulassen kannst, wirst Du es vielleicht ganz von selbst.

Das Wunder ungeteilter Achtsamkeit

Eigentlich ist es ja die Stille, die am Ende machtvoll spricht, die offen ist und alles in sich vereint, wenn die Worte im Kopf endlich ein zufriedenes Ende gefunden haben. Aber wie diese Stille, wie das Schweigen Gottes finden? Wie kann es überhaupt ganz stille werden, in einer Welt die ständig spricht und lärmt und schreit und donnert – bis hinein in meine Seele?

Ein Weg – und es ist gewiss nicht der schlechteste – ist, sich GANZ auf etwas einzulassen. GANZ auf EINES einzulassen, hinein zu lauschen in das Geheimnis dessen, was sich in diesem Augenblick hier ereignet.

Nicht verstehen zu wollen, nicht festhalten zu wollen, nicht beurteilen zu wollen und nicht ablehnen zu wollen, sondern offen und wach wie ein Kind einfach zu schauen und zu lauschen und so nichts anderes zu tun als GANZ (da)zu sein.

Dann kann sich das grosse Wunder dieser Welt in jedem Augenblick ereignen: Das Wunder, dass es plötzlich still wird in allem Lärm und Gebrüll der Zeit. Das Wunder, dass es plötzlich weit wird und gelöst, in aller Enge unseres Alltags. Das Wunder, dass die Zeit vergeht und ALLE Zeit ver-geht und nur noch jetzt ist, Gottes JETZT.

Die Frage ist, erwarten wir noch, dass uns dies geschieht? Haben wir noch wirkliches Vertrauen in das unvergängliche Wunder unserer Achtsamkeit?

Bisch‘ fit?

„In diesem Jahr werde ich im Urlaub nichts tun. Die erste Woche werde ich mich nur 
im Schaukelstuhl entspannen.“

„Ja, aber dann?“
„Dann werde ich eventuell ein wenig schaukeln.“

 

Aktivferien sind etwas ganz wunderbares. Sich in der freien Natur zu bewegen und etwas für den eigenen Körper, für die Gesundheit und die Fitness zu tun, ist durchaus löblich und kann (angeblich) richtig Spass machen.

Kein Wunder begegnet man seit einigen Jahren immer mehr Menschen, die ihre durch die Pensionierung gewonnene, freie Zeit damit verbringen, perfekt ausgerüstet mit Ganzköpervollversieglung aus Marken-Windstopper-Jacken und stromlinienförmigen Regenpants mit Ablaufnaht, bei Wind und Wetter, kraftvoll unterstützt durch schnittig designte, umgebaute Skistöcke mehrere Kilometer weit zu gehen. Am besten in Rud… äh … Gruppen. Vor allem am Eingang der Verenaschlucht kann man das gut beobachten. Aus dem Auto steigen, Montur montieren, Höhe der Stöcke kontrollieren, eventuell neuangeschafftes Material gemeinsam bewundern (oder beneiden), noch schnell einen Schluck aus der Outdoortrinkflasche – denn bis zum Restaurant am anderen Ende der Schlucht ist es weiter als man denkt – und dann aber los…

Man hat mir gesagt, dies werde gemeinhin als „walken“ bezeichnet.

Ich bin noch nicht soo alt, aber in meiner Kindheit ging man entweder spazieren, oder man ging einfach am Stock…

Wie gesagt, es ist eine tolle Sache, dass wir mittlerweile gelernt haben, wie wichtig es ist, auf unseren Körper zu achten, ihn zu pflegen und dafür besorgt zu sein, das wir bis in’s hohe Alter unseren Beitrag leisten, um gesund zu bleiben und vor allem eines zu sein: Fit!

Leider muss ich aber für mich feststellen, dass ich immer wieder Menschen begegne, die auch im hohen Alter top fit sind, aber sonst gar nichts. Das macht mich irgendwie nachdenklich, denn mir schwirrt einfach immer noch die Bedeutung des Wortes „fit“ im Kopf herum. „Fit“ heisst nämlich eigentlich nicht „gesund“, sondern „passend/angemessen“. Und um mein Leben mir und dem Leben selbst angemessen gestalten zu können, muss ich auf meine GANZE Gesundheit schauen und nicht nur auf die körperliche.

So unbequem nämlich die Notwenigkeit ist, Sport zu betreiben und den Körper zu „ertüchtigen“, so bequem ist es, dabei NUR beim Körper zu bleiben. Bei manchem wilden Walker bin ich mir nicht so sicher ob er wirklich walked, oder ob er nicht versucht vor dem Tod davonzulaufen.

Wer wirklich in der Tiefe – bis in die Zellen hinein – gesund, dem Leben angemessen, leben will, der muss viel mehr tun als von A nach B die Stöcke zu schwingen. Oder vielleicht müsste man eher sagen: der muss vielmehr lassen? Gerade die Verenaschlucht, der Wald, die Wiesen und so vieles mehr, laden ein einmal WIRKLICH zu gehen, mit ganzem Herzen oder ganzem Fuss. Eigentlich laden sie ein, nicht irgendwo hin zu laufen, sondern einmal wirklich anzukommen in jedem Schritt. Den eigenen Körper und Geist frei zu lassen und in grossem Frieden im All herumzuspazieren … stehen zu bleiben, zu verweilen und dann wieder weiter zu gehen, um wieder stehen zu bleiben und tief zu schauen, zu lauschen und zu sein.

Von Jesus – ein mir ziemlich fit erscheinender junger Mann – heisst es im Glaubensbekenntnis übrigens auch nicht „er walked zu Rechten Gottes“, sondern noch schlimmer: „er SITZT“!
Ich will Ihnen nicht die Freude am Sport verderben, aber ich wünsche Ihnen von Herzen, dass die Sommerzeit für Sie eine Zeit wird, in der Sie der Einladung bei sich zu Hause anzukommen ohne Angst und schlechtem Gewissen, lächelnd folgen können – ganz gleich wohin Sie gerade wackeln … äh … walken … äh … gehen!

Die Extase der Hl. Theresa

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Er hatte einige Kritik aushalten müssen, der gute Herr Bernini, als er der hohen Geistlichkeit der damaligen Zeit seine Skulptur der Hl. Teresa zeigte. Von Obszönität, von Respektlosigkeit einer Kirchenlehrerin gegenüber wurde da gesprochen. Die etwas verklemmten Moralhüter seiner (und späterer) Zeit sahen in der Darstellung ihrer Ekstase „nur“ eine Frau auf dem Höhepunkt ihrer Lust. Sie erkannten nicht, welch buchstäblich überwältigende Schönheit nicht nur Teresa, sondern als Einladung eben auch die Betrachter dahinraffen möchte, wenn wir uns ganz auf das Dasein als Mensch aus Fleisch und Blut einlassen. Die Sinnlichkeit ist eben doch ein Weg in den Sinn geschenkten Lebens. Heute steht die Skulptur in der Kirche Sta Maria della Vittoria in Rom und niemand käme auf die Idee, an der künstlerischen Lauterkeit des grossen Bildhauers und Architekten des italienischen Barock zu zweifeln. Mit Leib und Seele zu leben heisst auch mit Leib und Seele die Berührung Gottes zu erwarten und zu erfahren. Wer weiss, welches Geschöpf ihm seine Haut leiht …