Auf’s Glück getauft…

Kurz nach Hl. Dreikönig wird getauft – und damit in’s volle Leben geschmissen.

Im Dunstkreis der Geburt und der Besuche aus aller Welt, können wir noch schwelgen und den romantischen Gefühlen freien Lauf lassen, aber nun beginnt der Ernst des Lebens. Jetzt werden wir mit Jesus in’s Jahr geschickt, in das Ungewisse seiner und unserer eignenen Zukunft.

Wenn man sich Bilder in Erinnerung ruft, auf denen die Taufe Jesu dargestellt wird, zeigt sich ein erwachsener Jesus, der im Wasser des Jordan steht und von Johannes, dem Täufer untergetaucht wird.
Moment, wie kann das gehen? Er wurde doch erst vor wenigen Tagen geboren?

Wer in diese Falle tappt, bringt die eigene Weltsicht und die Botschaft Jesu im Moment ein wenig durcheinander.

WIR taufen kleine Kinder. WIR taufen sie auf „Christus“ und machen sie damit zu einem Mitglied unserer kirchlichen Gemeinschaft. WIR setzen sie durch diese Religionszugehörigkeit von anderen Menschen, anderer Kultur und Religion ab. WIR glauben sie damit unter den Schutz des Himmels zu stellen – als ob sie das nicht auch so schon wären. WIR praktizieren Taufe als ein Fest des neuen, physischen Lebens.
Für Johannes und Jesus war das ganz anders.
Für sie ging es nicht um die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft. Jesus war Jude und er war dies auch nach seiner Taufe noch – niemand hegte daran irgend einen Zweifel. Er wurde dadurch auch nicht zum zahlungspflichtigen Mitglied einer jüdischen Gruppe um einen gewissen Johannes, dessen Lehren er von nun an zu befolgen hätte.
Jesus und Johannes verstanden Taufe als etwas viel grundlegenderes, existenzielleres.
Für Jesus ist die Taufe viel eher ein Weg zurück, zu den eigenen Wurzeln, zum verwurzelten Menschsein, das sich nicht überhebt, sich aber auch nicht für sich selber schämt.
Für ihn war das rituelle Waschen – denn nichts anderes ist die Taufe hier – ein Ausdruck seiner Demut und seines Mutes, die Verantwortung, die dem Menschen gegeben ist, als erwachsener Mensch zu übernehmen.
In der Taufe Jesu geht es nicht um Kinder, oder um Gottes Schutz, sondern darum, erwachsen zu werden. Es geht darum, statt mit allen Wassern gewaschen zu sein, unabhängig und ganz aus dem Geist der Unendlichkeit zu leben, an nichts hängen zu bleiben und sich von keinem Sog der Zeit ersticken zu lassen.
Es geht um Demut, Mut und Verantwortung.
Deshalb öffent sich auch der Himmel. Weil einer es fertig bringt, Mutig zu sein, ohne Macht zu wollen, bereit zu sein für tiefe Verantwortung und diese als Dienst zu verstehen. Der Himmel öffnet sich, weil einer begreift, dass der wahre Kniefall der Demut, der Mut zum Dienen ist. Der Himmel öffnet sich, weil einer tief verstanden hat, dass es auch auf ihn ankommt, dass keiner die Verantwortung für sein und unser Leben einem höheren Wesen, einem Gott oder seinen Stellvertretern abgeben kann. Der Himmel öffnet sich, weil sich da einer als Mensch, als echter Sohn der Unendlichkeit begreift – und bereit ist, dieses Erbe anzunehmen.
Deshalb hört er auch die Stimme (darin steckt schon das Wort „zustimmen“): „Das ist mein geliebter Sohn. An ihm habe ich gefallen gefunden.“
Das ist keine Aufforderung, diesem Sohn nachzulaufen und jeden Satz, den er spricht, nachzuplappern. Das ist eine Aufforderung, sich selbst genauso zu verstehen: Als Erbe, als Nachfahre Gottes, als konkretes Gesicht der Unendlichkeit.

Ich bin überzeugt, wir hätten gesellschaftlich eine Menge Probleme weniger, könnten wir langsam damit aufhören, die Menschheit hauptsächlich in ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe wahrzunehmen. Oder anders gesagt: Wenn es uns gelingen könnte, uns nicht mehr als kleine Kinder Gottes zu begreifen und uns nicht mehr kindisch, wie Kleinkinder zu benehmen, sondern die Einladung, erwachsen zu werden, anzunehmen, sähe unsere Welt vielleicht anders aus. Wenn wir uns als verbundene und eigenständige Partner Gottes begriffen, wenn wir uns nicht mehr verstecken müssten, hinter den selbstgemachten und scheinbaren Grenzen von Religionen und Kulturen, weil uns der Mut fehlt, ganz wir selbst zu sein, dann würde uns vielleicht auffallen, wie unsinnig es ist, sich wegen eben dieser eigentlich willkürlichen Zugehörigkeiten zu bekämpfen.
Wenn wir begreifen würden, wie wichtig es ist, die Verantwortung für das, was geschieht nicht immer und immer wieder an abstrakter und unerreichbarer Stelle zu suchen, wenn wir also nicht ständig die Religionen oder Kulturen für unsere Lust uns abzugrenzen und diese Grenzen zu schützen, verantwortlich machten, sondern wenn wir endlich begriffen, dass wir auch in den engsten, religiösen Grenzen als freie Menschen, aus dem freien Geist Gottes entscheiden könnten, wie würden wir erwachsen – als Menschheit.
Wie sehr würden wir uns nicht mehr benehmen wie pubertierende, die noch nicht gelernt haben, mit sich und der Welt umzugehen. Wie sehr würden wir begreifen, dass wir zum Glück getauft sind, und gerufen sind, allen Lebewesen auf ihrem Weg zum Glück zu verhelfen.

Zu leben heisst, ….

In Pfarrämtern geschehen schräge Dinge. Vor einiger Zeit hatte mich ein jüngerer Mann angerufen. Er klang irgendwie ein wenig nervös, aber eigentlich ganz sympatisch. Auf der Suche nach einem Seelsorger sei er, sagte er. Ob ich so einer sei, und ob ich auch wirklich studiert hätte, frage er. Nein, vorbeikommen wollte er nicht, man könne sein Anliegen auch jetzt, schnell, am Telefon klären. Ich habe das eigentlich nicht so gerne, aber gut, wenn er das so will …

Ob ich den Satz „Vivere militare est“ kenne, fragte er. Er bräuchte diesbezüglich dringend Unterstützung.

Das Wort „militare“ störe ihn – mich störte es auch. Da ich doch Theologie studiert habe, und deshalb sicher gut Latein spräche, könne ich ihm sicher helfen, dieses Wort durch ein ähnliches, weniger kriegerisches, zu ersetzen.

Jetzt hatte halt ich Latein nicht in der Schule, sondern erst an der Uni „gelernt“. Nach der Schlussprüfung hat mein Prof. Schwankl aus dem Fenster gezeigt und mit ernster Miene gesagt: Sehn’s da drüben Maria Hilf mit der Büssertreppe? Da gehen’s heut’ Nachmittag ‚nauf und zünd’n `s a grosse Kerz’n a. Grund dazu ha’m `s.

Deshalb wollte ich ihn eigentlich zu unserem pensionierten Priester schicken. Während ich ihm die Telefonnummer heraussuchen wollte, fragte ich ihn noch, wofür er diesen Satz eigentlich brauchte.

Voller Stolz sagte er, er wolle sich diesen Satz auf den Hintern tätowieren lassen und da käme ein Wort wie „militare“ nicht so gut, vor allem bei den Frauen nicht.

Der Mann sagt „vivere militare est.“ „Zu leben heisst zu kämpfen.“ Da haben wir ihn, den alten Geschlechterkonflikt. Blickwinkel

Ich glaube, dass das völlig falsch ist. Das Leben kann sich manchmal so darstellen, als ginge es nur darum, sich durchzukämpfen, aber das Leben ist kein Kampf – ausser, wir machen es dazu. Das ist ein Blickwinkel auf das Leben, nicht das Leben selbst. Das Leben ist auch kein Wettbewerb, auch wenn man uns das noch so nachdrücklich eintrichtern möchte. Wer das tut, will uns meistens etwas verkaufen. Man kann das Leben aus diesem Blickwinkel betrachten und bewerten, aber es bleibt ein Blickwinkel, nicht das Leben selbst.

Ich sage lieber – und das ist eigentlich auch nur ein weiterer Blickwinkel, wenn auch ein wie ich finde, viel sympatischerer – : „vivere, amare est.“ „Zu leben heisst, zu lieben.“

Wenn Du Dich und das Leben frei lässt,
wirklich,
wenn Du ohne Angst verstraust, ganz,

wenn Du wach bleibst,
in der Tiefe Deiner Seele,
und die unverfälschten,
klaren Augen Deines Kinderherzens
nicht mit der Suche nach Glück und Unglück verdeckst,
wenn Du das Leben so frisch von innen her anschaust,
genau,
wenn Du Dich berühren lässt, einfach, und jetzt,
dann wird das,
was Du dann tust,
kraftvoller sein als alles,
was Du Dir vorstellen kannst. Deine Schritte werden Dich selbst behüten,
sie werden heilen, segnen, leben. Dann wirst Du ein Liebender, eine Liebende sein,
mit jeder Faser Deines Lebens.

Trotzdem würde ich mir das jetzt nicht auf den Hintern tätowieren lassen.

umgekehrtes Schuldbekenntnis

Zwei der Schlüssel, um wirkliche Fülle zu erfahren, sind Dankbarkeit und Freude. Sie sind gratis, jederzeit verfügbar und warten geradezu nur darauf, geübt zu werden. Es stimmt, man kann Dankbarkeit und Freude üben. Zum Beispiel, in dem man die eigene, geschenkte Grösse zulässt, und sich nicht ständig kleiner macht, als man ist.

Das hat nichts zu tun mit Grössenwahn, sondern viel eher damit, ehrlich und demütig anzunehmen, was ist und was ich bin – und der damit verbundenen Verantwortung nicht ständig, feig aus dem Weg zu gehen. Denn es ist manchmal auch bequem, klein zu bleiben.

Das Leben hat eine unerschöpfliche Lust, sich an sich selbst zu freuen. Wenn wir uns ständig selbst dafür kritisieren, was wir sind, stehen wir dieser Sehnsucht, eigentlich dieser Erfüllung von Leben, unaufhörlich im Weg. Kein Wunder, wenn wir darüber depressiv und verbittert werden. Und welche heilsame Kraft soll schon von uns ausgehen können, wenn wir jedem Anflug von Lebendigkeit den Stachel eingeübter Selbstgeringschätzung mitgeben?

Beten heisst, all diese fiesen Stacheln, die uns zurückhalten, das zu sein, was wir wirklich sind, nacheinander aus unserem Herz zu ziehen. Sie liebevoll aber bestimmt fallen zu lassen und dann weiterzugehen, macht nicht nur den eigenen Geist ein Stück heiler, es lässt auch die gesünder werden, mit denen wir das Leben teilen. Und es macht unser Dasein kraftvoll, und unser Tun.

Hab keine Angst vor Deiner eigenen Grösse! Werde einfach, still, schlicht, und hab‘ dennoch keine Angst vor Deiner eignen Grösse. Diese Grösse hat einen Namen – und das ist nicht Deiner. Es ist der Name des Unaussprechlichen, des unergründlichen Grundes, der wirkt und der leben will, mit Deinem Gesicht und Deinem Herz.

Der Text aus einem Gottesdienst einer schwedischen Frauengruppe sagt’s:

Gott, ich bekenne vor Dir,

dass ich keinen Glauben an meine eigenen Möglichkeiten gehabt habe,
dass ich mich selbst nicht gleich viel geliebt habe, wie die andern,
nicht meinen Körper,
nicht mein Aussehen,
nicht meine Talente,
nicht meine Art zu sein.
Ich habe andere mein Leben steuern lassen.
Ich habe mehr auf das Urteil anderer vertraut als auf mein eigenes.

Ich bekenne,
dass ich mich nicht im Masse meiner vollen Fähigkeiten entwickelt habe,
dass ich zu feige gewesen bin, um in einer gerechten Sache Streit zu wagen,
dass ich mich gewunden habe, um Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Ich bekenne,
dass ich nicht gewagt habe zu zeigen, was ich alles kann,
nicht gewagt habe, meine Fähigkeiten zu leben.

Gott unser Vater und Schöpfer,
Jesus, unser Bruder und Erlöser,
Geist, unsere Mutter und Trösterin,
vergib mir den Zweifel an mir selbst,
richte mich auf,
gib mir Glauben an mich selbst und Liebe zu mir selbst.

Leere Tasse

Eines Tages kam eine Schülerin zum Meister. Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte. Sie hatte alle Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg hinauf gestapft – was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die junge Frau völlig abgekämpft beim Meister ankam, sass der in aller Ruhe auf einer Matte und trank Tee. Sie begrüsste ihn überschwänglich und erzählte ihm, welche spirituellen Abenteuer sie schon erlebt hatte, welche Askese sie schon auf sich nahm, und wie viel Zeit sie sich pro Tag für das Gebet nehme, und was sie schon alles gelernt habe. Dann bat sie ihn, bei ihm weiterlernen zu dürfen.

Der Meister lächelte freundlich und sagte: “Komm in einem Monat wieder.”

Von dieser Antwort völlig verwirrt ging die junge Frau wieder zurück ins Tal. Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, warum der grosse Meister sie wohl zurückgeschickt hatte.

Einen Monat später erklomm sie den Berg erneut mit nicht weniger Mühen, und kam zum Meister, der wieder auf seiner Matte, teetrinkend am Boden saß.

Diesmal erzählte die Schülerin von all den Hypothesen und Vermutungen, die sie und ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte. Sie erzählte davon, wie sie darüber diskutiert hatten ob sie schon ausreichend viel gelernt habe, oder ob es noch zu früh sei, den Meister aufzusuchen – ob sie noch zu jung sei? Dennoch bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen.

Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: “Komm in einem Monat wieder.”

Dieses frustrierende Spiel wiederholte sich einige Male. So langsam verliess die junge Frau der Mut. Es war nach langem Zaudern und vielen, vergeblichen Versuchen, dass sich die junge Frau denoch erneut aufmachte, um zu dem Meister zu gehen. Als sie diesmal beim ihm ankam und ihn wieder teetrinkend vorfand, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte und sagte nichts.

Nach einer Weile ging der Meister in seine Behausung und kam mit einer Tasse zurück. Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: “Jetzt kannst du hier bleiben, damit wir zusammen üben können. In ein volles Gefäß kann man nichts füllen.”

 

Auch, wenn wir uns am Beginn der Ferien eher leer fühlen, so ist das nicht die erfüllende Leere, von der die spirituellen Traditionen sprechen. Wenn wir von Arbeit und Alltag leer sind, dann sind wir eigentlich eher ausgepresst und ausgelaugt. Das ist etwas anderes, als im geistlichen Sinn leer und offen zu sein. Wer sich dann wirklich wieder regenerieren möchte, der darf nicht der Illusion verfallen, er müsste möglichst viel „haben“ (Freiheit, Zeit, Erlebnisse,…) um sich wieder aufzufüllen. Er muss, im Gegenteil, die Schlappheit eine gute Zeit lang aushalten und hinhalten und muss vor allem eines lernen: unproduktives Warten, ohne sich abzulenken. Sonst merkt er nämlich gar nicht, dass er längst vor lauter Hunger seinen Hals so voll mit Überflüssigem gestopft hat, dass er eigentlich am liebsten ko…. möchte.

Ferien heisst, „nicht Müssen“. Gönnen Dir dieses „nicht Müssen“. Du musst gar nichts. Nicht mal glücklich sein musst Du! Wenn Du das zulassen kannst, wirst Du es vielleicht ganz von selbst.

Das Wunder ungeteilter Achtsamkeit

Eigentlich ist es ja die Stille, die am Ende machtvoll spricht, die offen ist und alles in sich vereint, wenn die Worte im Kopf endlich ein zufriedenes Ende gefunden haben. Aber wie diese Stille, wie das Schweigen Gottes finden? Wie kann es überhaupt ganz stille werden, in einer Welt die ständig spricht und lärmt und schreit und donnert – bis hinein in meine Seele?

Ein Weg – und es ist gewiss nicht der schlechteste – ist, sich GANZ auf etwas einzulassen. GANZ auf EINES einzulassen, hinein zu lauschen in das Geheimnis dessen, was sich in diesem Augenblick hier ereignet.

Nicht verstehen zu wollen, nicht festhalten zu wollen, nicht beurteilen zu wollen und nicht ablehnen zu wollen, sondern offen und wach wie ein Kind einfach zu schauen und zu lauschen und so nichts anderes zu tun als GANZ (da)zu sein.

Dann kann sich das grosse Wunder dieser Welt in jedem Augenblick ereignen: Das Wunder, dass es plötzlich still wird in allem Lärm und Gebrüll der Zeit. Das Wunder, dass es plötzlich weit wird und gelöst, in aller Enge unseres Alltags. Das Wunder, dass die Zeit vergeht und ALLE Zeit ver-geht und nur noch jetzt ist, Gottes JETZT.

Die Frage ist, erwarten wir noch, dass uns dies geschieht? Haben wir noch wirkliches Vertrauen in das unvergängliche Wunder unserer Achtsamkeit?

Bisch‘ fit?

„In diesem Jahr werde ich im Urlaub nichts tun. Die erste Woche werde ich mich nur 
im Schaukelstuhl entspannen.“

„Ja, aber dann?“
„Dann werde ich eventuell ein wenig schaukeln.“

 

Aktivferien sind etwas ganz wunderbares. Sich in der freien Natur zu bewegen und etwas für den eigenen Körper, für die Gesundheit und die Fitness zu tun, ist durchaus löblich und kann (angeblich) richtig Spass machen.

Kein Wunder begegnet man seit einigen Jahren immer mehr Menschen, die ihre durch die Pensionierung gewonnene, freie Zeit damit verbringen, perfekt ausgerüstet mit Ganzköpervollversieglung aus Marken-Windstopper-Jacken und stromlinienförmigen Regenpants mit Ablaufnaht, bei Wind und Wetter, kraftvoll unterstützt durch schnittig designte, umgebaute Skistöcke mehrere Kilometer weit zu gehen. Am besten in Rud… äh … Gruppen. Vor allem am Eingang der Verenaschlucht kann man das gut beobachten. Aus dem Auto steigen, Montur montieren, Höhe der Stöcke kontrollieren, eventuell neuangeschafftes Material gemeinsam bewundern (oder beneiden), noch schnell einen Schluck aus der Outdoortrinkflasche – denn bis zum Restaurant am anderen Ende der Schlucht ist es weiter als man denkt – und dann aber los…

Man hat mir gesagt, dies werde gemeinhin als „walken“ bezeichnet.

Ich bin noch nicht soo alt, aber in meiner Kindheit ging man entweder spazieren, oder man ging einfach am Stock…

Wie gesagt, es ist eine tolle Sache, dass wir mittlerweile gelernt haben, wie wichtig es ist, auf unseren Körper zu achten, ihn zu pflegen und dafür besorgt zu sein, das wir bis in’s hohe Alter unseren Beitrag leisten, um gesund zu bleiben und vor allem eines zu sein: Fit!

Leider muss ich aber für mich feststellen, dass ich immer wieder Menschen begegne, die auch im hohen Alter top fit sind, aber sonst gar nichts. Das macht mich irgendwie nachdenklich, denn mir schwirrt einfach immer noch die Bedeutung des Wortes „fit“ im Kopf herum. „Fit“ heisst nämlich eigentlich nicht „gesund“, sondern „passend/angemessen“. Und um mein Leben mir und dem Leben selbst angemessen gestalten zu können, muss ich auf meine GANZE Gesundheit schauen und nicht nur auf die körperliche.

So unbequem nämlich die Notwenigkeit ist, Sport zu betreiben und den Körper zu „ertüchtigen“, so bequem ist es, dabei NUR beim Körper zu bleiben. Bei manchem wilden Walker bin ich mir nicht so sicher ob er wirklich walked, oder ob er nicht versucht vor dem Tod davonzulaufen.

Wer wirklich in der Tiefe – bis in die Zellen hinein – gesund, dem Leben angemessen, leben will, der muss viel mehr tun als von A nach B die Stöcke zu schwingen. Oder vielleicht müsste man eher sagen: der muss vielmehr lassen? Gerade die Verenaschlucht, der Wald, die Wiesen und so vieles mehr, laden ein einmal WIRKLICH zu gehen, mit ganzem Herzen oder ganzem Fuss. Eigentlich laden sie ein, nicht irgendwo hin zu laufen, sondern einmal wirklich anzukommen in jedem Schritt. Den eigenen Körper und Geist frei zu lassen und in grossem Frieden im All herumzuspazieren … stehen zu bleiben, zu verweilen und dann wieder weiter zu gehen, um wieder stehen zu bleiben und tief zu schauen, zu lauschen und zu sein.

Von Jesus – ein mir ziemlich fit erscheinender junger Mann – heisst es im Glaubensbekenntnis übrigens auch nicht „er walked zu Rechten Gottes“, sondern noch schlimmer: „er SITZT“!
Ich will Ihnen nicht die Freude am Sport verderben, aber ich wünsche Ihnen von Herzen, dass die Sommerzeit für Sie eine Zeit wird, in der Sie der Einladung bei sich zu Hause anzukommen ohne Angst und schlechtem Gewissen, lächelnd folgen können – ganz gleich wohin Sie gerade wackeln … äh … walken … äh … gehen!

Die Extase der Hl. Theresa

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Er hatte einige Kritik aushalten müssen, der gute Herr Bernini, als er der hohen Geistlichkeit der damaligen Zeit seine Skulptur der Hl. Teresa zeigte. Von Obszönität, von Respektlosigkeit einer Kirchenlehrerin gegenüber wurde da gesprochen. Die etwas verklemmten Moralhüter seiner (und späterer) Zeit sahen in der Darstellung ihrer Ekstase „nur“ eine Frau auf dem Höhepunkt ihrer Lust. Sie erkannten nicht, welch buchstäblich überwältigende Schönheit nicht nur Teresa, sondern als Einladung eben auch die Betrachter dahinraffen möchte, wenn wir uns ganz auf das Dasein als Mensch aus Fleisch und Blut einlassen. Die Sinnlichkeit ist eben doch ein Weg in den Sinn geschenkten Lebens. Heute steht die Skulptur in der Kirche Sta Maria della Vittoria in Rom und niemand käme auf die Idee, an der künstlerischen Lauterkeit des grossen Bildhauers und Architekten des italienischen Barock zu zweifeln. Mit Leib und Seele zu leben heisst auch mit Leib und Seele die Berührung Gottes zu erwarten und zu erfahren. Wer weiss, welches Geschöpf ihm seine Haut leiht …

Was nährt?

Im buchstäblichen Sinne selbst-vergessen – unser wahres Selbst vergessend – ziehen wir durch unser Leben, und versuchen alles zu unternehmen, um das brennende und stechende Gefühl des Verlorenseins, des Ungewissen, das uns befällt, wenn wir den Grund verlieren, nicht mehr wahrzunehmen.

So kämpfen wir und lenken uns ab von dem Gefühl der Einsamkeit und beginnen, wie in einer Ersatzhandlung, auf Konten, Häuser, Autos, Schmuck, Bargeld und wertvolles Metall zu vertrauen. Wir beginnen fast unbemerkt und ziemlich blind auf die Versprechungen von Parteien, von Wissenschaft und sogar Heilsinstitutionen (manchmal auch unserer Kirche) zu schnelles Vertrauen zu legen, und glauben, wir könnten damit die tiefe Sehnsucht nähren, die in unseren Herzen wohnt.

Dabei ertränken wir nur das durstige Herz durch pochendes Wiederholen und Betonen dessen, was wir meinen zu sein: Deutsche, Schweizer, Europäer, Christen, gebildete, ehrliche Handwerker, Vater, Mutter, Partner, ein Scholz, ein Hänggi, ein Meier, ein Huber, …

Doch sobald wir anfangen unser Gefühl des Mangels mittels Abgrenzung zu beantworten, mittels Zugehörigkeit und Differenz, beginnt auch das, was viele von uns, seit langem in den Wahnsinn treibt. Der Wettbewerb.

Er macht auch vor keiner Kirche halt: Wer hat mehr Kirchenbesucher, mehr Ministranten, besucht mehr alte Leute, wirkt heilvoller in seiner Umgebung, spendet mehr und hat die tiefere Kirchensteuer.

Obwohl wir eigentlich genau wissen, dass es keinen Gewinn ohne Verlierer gibt, und obwohl wir heute sehr genau sehen könnten, wer und wo die Verlierer sind, auf deren Rücken unser Glück entsteht, tun wir so, als gäbe es kein Morgen, keine andere Wahl.

Werden wir so glücklich, tragen wir so bei zum Glück in unserer Umgebung, geschweige denn in unserer Welt?

Das ist doch ignoranter Wahnsinn.

Dieses System ist Menschengemacht – auch, wenn wir meinen, es sei ewig – also können es auch Menschen wieder ändern.

Unsere Probleme beginnen damit, dass wir vergessen, wer und was wir wirklich sind. Und sie enden damit, dass wir uns wieder verbinden mit der grossen Quelle, aus der wir bis hier her gekommen sind: Grosses Leben, Gottes Leben, das jetzt atmet in mir und Dir und auch in denen, deren Haut gelb, schwarz oder braun ist und deren Blut doch rot pulsierend durch die Menschenadern fliesst.

Warum nehmen wir die Einladung, die uns der Wind, der Regen, die Sonne, die Erde, der Tag und die Nacht, das Holz auf dem wir sitzen, die Kleidung, die unsere Haut berührt, warum nehmen wir die Einladung, die uns das grosse Leben in all seiner Fülle, in jedem Moment, selbst noch im Sterben und an jedem Ort, selbst im tiefsten Kellerloch entgegenschreit uns nahestreichelt, flüstert, lebt und liebt, nur mit so grossem Zögern an?

Warum lassen wir uns nicht von dem, was wir jetzt sehen, riechen, hören, schmecken, fühlen, zu dem verführen, was unser Herz erfüllt und uns verbinden mit dem Ursprung, der tief in uns das Leben wachhält?

Warum lassen wir uns nicht erweichen, von der Güte, mit der die Erde jeden einzelnen Menschen birgt und lassen unser Innerstes so weit werden, dass es katholisch (allumfassend, das All umfassend) wird und buchstäblich die ganze Welt – damit sich selbst – in liebevoller Zärtlichkeit umarmt?

In der Religion geht es immer auch darum, die Unterschiede solange zu lieben und zu ver-atmen, bis sie zusammenfallen, obwohl sie noch da sind:

Kein Aussen, kein Innen, kein Hier, kein Dort, kein Du, kein Ich, nur Leben, das atmet, pulsiert und liebt.

KH Scholz

Gott macht Fehler

Gott macht Fehler. Ganz bewusst. Er lässt sie zu, weil dann die Liebe eine Chance hat, ihr Gesicht zu zeigen – Ihr Gesicht zu zeigen.

Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack
A crack in everything,
That’s how the light gets in. 

Läut‘ die Glocken, die noch klingen.
Vergiss Perfektes darzubringen.
Es ist ein Bruch,
Ein Riss in allen Dingen.
So dringt das Licht nach innen.

(L. Cohen)

Eine perfekte Welt mit Fehlern? Kann das möglich sein? Ein perfekter Mensch mit Fehlern? Kann ich mit all meinen Fehlern, so, wie ich bin, perfektes Abbild Gottes sein?

Ja, genau so ist es. Eben ein perfektes Unebenbild.

Denn es geht nicht darum alles Fehlerhafte auszumerzen, gegen jeden Fehltritt anzukämpfen, auszublenden, was nicht in’s perfekte Bild passt (kriminell gewordene Ausländer, alte und behinderte Menschen, Sterbende, aggressive Jugendliche – und deren Eltern, …)

Es geht nicht darum, den Fehler loszuwerden, gegen den Fehler zu kämpfen, sondern für das Fehlende da zu sein. Das wäre ein Abbild, göttlichen Handelns.

Denn was die Schöpfung so perfekt macht, ist nicht die oberflächliche Vollkommenheit seeligen Friedens hinter dicken Grenzwällen und sauber gestrichenen Gartenzäunen.

Es ist die Art des Umgangs mit dem Scheitern.

Es ist das Begreifen, dass genau das Scheitern, genau der Fehler, den ich immer wieder mache, vielleicht viel mehr den Weg zum Neuen, Wahren, Lebendigen in sich trägt, als jede punktkorrekte Bilanz. Einstein: „Wer keine Fehler macht, kann auch nicht zur Vernunft kommen.„

Was sollte ich denn lieben können, wenn nicht das, was meine Liebe braucht?

Wie schwer ist ein Glas Wasser

Wie schwer ist ein Glas Wasser?

 

Während eines Seminars über Stress-Management griff die Seminarleiterin zu einem Wasserglas und hielt es in die Höhe.

Die meisten TeilnehmerInnen erwarteten nun die berühmte Frage, ob das Glas nun halb voll oder halb leer sei.

Statt dessen, mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen, fragte sie: „Wie schwer ist dieses Glas Wasser?“

Die Antworten reichten von 200 bis 300 Gramm.

Sie erwiderte, das absolute Gewicht des Wasserglases spiele überhaupt keine Rolle. Es käme darauf an, wie lange ich das Glas in der Hand halte.

„Das Glas für nur eine Minute zu halten, ist überhaupt kein Problem“, betonte sie. „Wenn ich es aber eine Stunde lang halten will, wird mir irgendwann der Arm weh tun. Und wenn ich es einen ganzen Tag lang so in der Hand halte, wird mein Arm steif und steifer werden und sich am Ende wie gelähmt anfühlen.

Das absolute Gewicht des Wasserglases ist in jedem Fall das selbe. Aber je länger ich es in der Hand halte, umso schwerer wird es sich anfühlen.

Die Belastungen und Sorgen des Lebens sind ganz wie dieses Wasserglas. Sie nur einen Augenblick in meinen Gedanken zu halten, macht noch nichts. Sobald ich sie aber schon ein wenig länger festhalte und über ihnen grüble, fängt es an weh zu tun. Dieser Schmerz ist wichtig, um meine Probleme tief sehen zu können, aber er muss auch ein Ende finden können, sonst habe ich keine Kraft mehr für die nächsten Schritte, geschweige denn für die Lösung. Wenn ich den ganzen Tag über meine Sorgen nachdenke, fühle ich mich irgendwann wie gelähmt – unfähig auch nur irgendetwas zu tun.

Es ist wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, Stress und Druck sein zu lassen.
Versuchen Sie regelmässig am Abend, so früh wie möglich, alle Belastungen abzulegen. Wenn sie religiös sind, dann legen Sie sie einfach in’s Herz Gottes – als wären Sie ein Kind. Und wenn Sie nicht religiös sind, dürfen Sie gerne das Selbe tun. Tragen Sie Ihre Sorgen nicht durch den ganzen Abend bis weit in die Nacht. Denken Sie daran, das Glas immer wieder abzustellen!“

 

Und was sagte die Mystik zu diesem Bild?

Wenn ich das Glas meiner Sorgen immer wieder in die Hand nehme und immer wieder abstelle und immer wieder in die Hand nehme und immer wieder vertrauend abstelle, werde ich mich irgendwann dabei ertappen, wie ich – völlig ohne Angst und ohne zu wissen, was ich tue – den ganzen Kelch leertrinke. Dankbarkeit wird wachsen für alles, was mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin.