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Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Einheit in Verschiedenheit – Die Brücke der Herzen

«Die Vielfalt soll uns nicht trennen, sondern bereichern.» Doch wie oft erleben wir das Gegenteil? Unsere Welt scheint voller Gegensätze: Tradition und Wandel, Nähe und Distanz, Glauben und Zweifel, Du und Ich. Gerade in Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit stehen wir vor der Herausforderung, aus Gegensätzen eine lebendige Einheit zu schaffen – eine Einheit in Verschiedenheit.

Diese Einheit ist jedoch kein Einheitsbrei, keine Nivellierung der Unterschiede, sondern eine Einladung, das Verbindende im Verschiedenen zu suchen. Wie im Zen geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem Gegensätze nicht ausgelöscht, sondern integriert werden. Einheit entsteht nicht durch Machen, sondern durch Offenheit – wie Wellen, die denselben Ozean widerspiegeln.

Auch das unsere Religion lebt in dieser Spannung. So viele Konfessionen, Traditionen und Rituale – und doch ein gemeinsames Fundament. Jesus sagt: «Damit alle eins seien.» Doch dies ist kein Ruf zur Gleichförmigkeit, sondern zur tiefen Verbundenheit, die das Trennende überwindet. Im Zen sprechen wir vom Erwachen zur Einheit, die hinter allen Formen und Begriffen liegt – jenseits von Ich und Du.

Vielleicht liegt der Schlüssel genau hier: in der Brücke des Herzens. Was trennt uns wirklich? Oft nicht die Unterschiede an sich, sondern unsere Ängste, unsere Enge, unser Festhalten an Urteilen. Zen lehrt uns, diese inneren Barrieren loszulassen. Wenn das Herz offen ist, kann es Verbindungen schaffen. Und wer mit stiller Präsenz auf den anderen zugeht, findet oft mehr Gemeinsamkeiten, als er erwartet.

Einheit beginnt in uns selbst. In den spirituellen Traditionen heisst es: «Versöhne dich mit dir selbst, und die Welt wird Frieden finden.» Einheit mit mir selbst bedeutet, mich anzunehmen: meine Stärken und Schwächen, mein Licht und meinen Schatten. Wenn ich in mir ruhen kann, bin ich fähig, den anderen wirklich zu sehen. Und in dieser Offenheit erkennen wir: Wir sind nicht getrennt. Wir sind verbunden – wie Wurzeln eines Baumes, die tief im selben Boden verankert sind.

Einheit in Verschiedenheit ist keine Leistung, sondern ein Geschenk. Es ist wie ein Chor, in dem jede Stimme ihren eigenen Klang hat, und doch entsteht ein harmonisches Ganzes. Oder wie ein Garten, in dem die Vielfalt der Pflanzen ein einziges Bild der Schönheit ergibt. Im Zen nennen wir das «Intersein»: Alles ist mit allem verbunden, und gerade die Verschiedenheit zeigt uns die Tiefe dieser Einheit.

Die Frage, die uns in unseren Gemeinschaften bewegt, ist: Was trägt uns? Was eint uns, wenn die Welt immer komplexer wird und der Druck zunimmt? Die Antwort liegt im Herzen. Ein offenes Herz hört zu, stellt Fragen und bleibt neugierig: Was bewegt dich? Was lässt dich hoffen? Wo finden wir Heimat in der Gemeinschaft, ohne die Vielfalt auszuschliessen?

Einheit entsteht nicht durch grosse Worte, sondern durch stille Präsenz. Wenn wir innehalten, in der Stille verweilen und einander Raum geben, können wir uns jenseits aller Grenzen begegnen. Zen nennt dies das Verweilen im «stillen Grund». In dieser Haltung entsteht etwas, das nicht gemacht werden kann: die Brücke des Herzens.

Lassen wir uns also ermutigen: zu Begegnung, zu Gastfreundschaft, zum achtsamen Miteinander. Einheit geschieht, wo wir einander Raum geben und zugleich in uns selbst verwurzelt bleiben.

In einer Welt, die oft trennt, sind wir gerufen, Brücken zu bauen – Brücken von Mensch zu Mensch, von Kultur zu Kultur, von Herz zu Herz. Und während wir gehen, erkennen wir: Die Einheit ist kein fernes Ziel. Sie ist längst da – mitten in der Vielfalt, mitten in uns.

Diakon Karl Scholz

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