Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

  • Eine andere Weihnachtspredigt …

    Ich bin Seelsorger. Das ist eine merkwürdige Berufung, wenn man es recht bedenkt. Man sitzt da, in dieser Rolle, dieser Funktion, dieser Erwartung – und soll wissen, was man zu sagen hat. Soll wissen, wie man Menschen hilft. Soll wissen, wie man Trost gibt. 

    Das Problem ist: Ich weiss es auch nicht. 

    Es ist Dezember. Diese Frage kommt jedes Jahr: Was soll ich zu Weihnachten sagen? Was kann ich noch sagen, das nicht schon tausendmal gesagt wurde? Ein Kind wird geboren. Ein hilfloses Kind. In einer Krippe. Ja. Und dann? 

    Die Leute erwarten, dass ich Antworten habe. Dass ich weiss, wie man lebt. Dass ich weiss, wie man liebt. Dass ich weiss, wie man stirbt. 

    Ich weiss im Grunde fast nichts davon. 

    Es gibt so einen Typ. Kennen Sie ihn? Wir kennen ihn alle. Manchmal sitzt er in der erste Reihe. Meistens sitzt er in meinem Kopf. Dieser Typ hat alle Antworten. Der weiss, wie man richtig lebt. Der weiss, wie man richtig glaubt. Wenn ich sage, was er hören will, nickt er und schaut mich an, als würde er sagen: „Ja, genau. Jetzt hat er es auch verstanden.“ 

    Aber ehrlich, ich verstehe recht wenig. Ich weiss nicht, ob ich sagen kann: ich glaube, was ich sage. Im Sinne einer tiefen, inneren Gewissheit. Eher muss ich sagen: Ich hoffe, was ich sage. Das ist ein Unterschied. 

    Es ist die Nacht vor Weihnachten. Ich sitze in meinem Büro. Der Bildschirm starrt mich an. Ich starre zurück. Wir haben einen Blickwechsel, der Bildschirm und ich. Der Bildschirm gewinnt. Der Bildschirm gewinnt immer. 

    Also fange ich an, mich abzulenken. Ich bügel meine Hemden. Ich bügel meine Socken. Irgendwann habe ich Bügelfalten in meinen Bügelfalten. Dann räume ich mein Büro auf. Ich finde einen alten Weihrauch aus meiner Studienzeit. Rosenweihrauch. Ich zünde ihn an. Ich mache Kaffee. Ich schaue mir die Bilder meines Bildschirmschoners an. 

    Der Laptop läuft. Jetzt fange ich an! Gleich. Jetzt! 

    Aber dann fällt mir ein, dass ich ja noch Steuererklärungen machen muss. Oder Bankeinzahlungen. Oder irgendetwas anderes, das absolut dringend ist. Plötzlich bin ich wieder beschäftigt. Wieder abgelenkt. Wieder nicht beim Schreiben. Das ist die Tragikkomödie meines Lebens. 

    Es wird dunkel draussen. Der Regen plätschert an mein Fenster. Alles, was ein Mensch erledigen kann, ist getan. Es gibt keine Ausrede mehr. Jetzt wird geschrieben. JETZT! 

    Ich versuche, einen Anfang zu schreiben. Ich schreibe: „Liebe Gemeinde, zu Weihnachten…“ Ich lösche das. Das ist langweilig. Das ist falsch. Das ist nicht wahr. 

    Ich versuche es anders: „Das Kind in der Krippe…“ Ich lösche das auch. Das habe ich schon hundertmal geschrieben. Und hundertmal davor. Und hundertmal davor. 

    Die Nacht wird länger. Der Bildschirm bleibt leer. Mein Kopf bleibt leer. 

    Irgendwann – es ist schon sehr spät – klingelt zum Glück das Telefon. Ich soll jemanden besuchen. Was für ein zauberhaftes Glück! Für heute ist es gut. Ich lass es. Morgen ist auch noch ein Tag. 

    Es ist der 24. Dezember. Die Luft riecht nach frischem Gebäck. Der „Gedanke“ will sich nicht einstellen. Der „Gedanke“ für das jungfräuliche Papier. Mir fällt Gerhard Polt ein, der recht hat, wenn er fragt: „Wer macht sich denn heute noch einen Gedanken selber?“ Ein Teil in mir neigt sich, ihm zuzustimmen. 

    Weil es für einen eigenen ohnehin zu spät scheint, mache ich mich hektisch auf die Suche nach einem weihnachtlichen „Fremd-Gedanken“. Einem „Second-Hand-Gedanken“. 

    Aber Sie wissen ja, wie das mit „Second-Hand“ ist: Irgendwo ist immer ein Loch. 

    In meiner Verzweiflung wende ich mich einem Teller mit Plätzchen zu. Mit diesen wunderbaren, puderzuckrigen Dingern, die nach Vanille riechen. Mit jedem Bissen werde ich zurückgebeamt in meine Kindheit. In den Geschmack von Weihnachten. In das Gefühl von Spannung, von Erwartung, von: Es kommt etwas. 

    Und plötzlich ist das, was ist, genug. Einfach genug. Ein Plätzchen. Ein Moment. Ein Atemzug. 

    Das Aufgeben 

    Ich gebe auf. Nicht, weil ich eine Lösung gefunden habe. Ich gebe auf, weil Aufgeben das Einzige ist, das ich noch kann. 

    Wenn man aufgibt, kann etwas Seltsames passieren. Der Druck kann nachlassen. Die Erwartung verschwindet. Die Frage „Was soll ich sagen?“ wird ersetzt durch eine andere Frage: „Was ist wirklich wahr?“ 

    Das ist eine gefährliche Frage für einen Seelsorger. Weil die ehrliche Antwort ist: Ich weiss es nicht wirklich.. 

    Ich weiss nicht mit unerschütterlicher Sicherheit, ob es Gott gibt. Ich glaube es, aber Wissen kann ich es nicht. Ich weiss nicht, ob das Kind in der Krippe der Sohn Gottes war. Ich glaube es tief und fest, aber mit der Gewissheit eines Naturwissenschftlichen Beweises kann ich es nicht wissen.
    Ich weiss nur, dass ich hier sitze. Dass ich atme. Dass ich manchmal versuche, anderen zu helfen, obwohl ich mir selbst oft nicht helfen kann. 

    Das ist die Wahrheit. 

    Und in diesem Moment der Wahrheit wird etwas frei. Nicht, weil ich eine Antwort gefunden hätte. Sondern weil ich aufgehört habe, am falschen Ort nach einer zu suchen. 

    Das Herz wird weit, wenn es aufhört, sich zu schützen. Wenn es aufhört, Antworten zu suchen. Das Herz wird weit, wenn es einfach nur offen ist. Für Fragen. Für Zweifel. Für Hoffnung. Auch für Verzweiflung. 

    Das Herz wird weit, wenn es zugeben kann: Ich weiss nicht. Wie ein neugeborenes Kind, ein neugeborenes Herz.

    Ich sitze da, und ich weiss immer noch nicht, was ich im Gottesdienst predigen soll. Ich weiss nicht, ob das, was ich sage, wahr ist. Aber ich weiss, dass ich hier bin. Dass ich versuche. Dass ich mein Bestes geben möchte. . 

    Und vielleicht ist das genug. Vielleicht ist das das Einzige, was wirklich zählt: Dass man sein Herz öffnet, auch wenn man Unsicher ist. 

    Wenn das Herz weit wird, wird der Himmel Mensch. 

    Das bedeutet nicht, dass plötzlich alles klar wird. Das bedeutet nicht, dass plötzlich alle Fragen beantwortet werden. Das bedeutet, dass der Himmel nicht mehr oben ist. Der Himmel ist hier. Der Himmel ist in diesem Moment. Der Himmel zeigt sich im Herzen, dem erlaubt wird, sich zu öffnen. 

    Oder anders gesagt: Der Himmel wird Mensch, wenn ein Mensch aufhört, Gott zu spielen. Wenn zum Beispiel ein Seelsorger aufhört, Antworten zu geben, die er eigentlich nicht hat. Wenn ein Mensch anfängt, wirklich ehrlich zu sein. 

    Das ist das Einzige, das wirklich hilft. Weil die Menschen meistens nicht Antworten brauchen. Wir brauchen Ehrlichkeit. Jemanden, der sagt: Ich weiss auch nicht. Ich bin auch verloren. Aber ich bin hier. 

    Weihnachten ist die Geschichte eines Kindes, das im besten Sinn des Wortes nichts weiss. Ein Kind, das vertraut, auch wenn es keinen Grund hat. 

    Das ist die Botschaft von Weihnachten. Nicht: Hier ist die Antwort. Sondern: Hier ist das Vertrauen. Hier ist die Hoffnung. 

    Und wenn wir das verstehen – wenn wir wirklich verstehen – dann können wir auch so sein. Wir können vertrauen, auch wenn wir nicht wissen. Wir können hoffen, auch wenn wir keinen Grund haben. Wir können unser Herz öffnen, auch wenn wir Angst haben. 

    Das ist nicht leicht. Das ist nicht lustig. Das ist das Leben. Das ist Weihnachten. 

    Es ist der 24. Dezember nachmittags. Ich habe meine Predigt geschrieben. Nicht, weil ich eine Lösung gefunden hätte. Sondern weil ich aufgehört habe, eine zu suchen. 

    Was ich geschrieben habe ist nicht brillant, ist nicht originell. Aber ich hoffe sehr, dass es aufrichtig ist. 

    Ich gehe in die Kirche. Die Leute erwarten Trost. Sie erwarten Hoffnung, Glück, inneren Frieden. Sie erwarten Antworten. 

    Ich kann ihnen keine Antworten geben. Ich kann nur das geben, was ich bin: Gegenwart. Ein hoffentlich offenes Herz. 

    Dieser Typ in mir – dieser Typ, der alles wissen will – er sitzt immer noch da – in der ersten Reihe – in meinem Kopf. Aber er nickt nicht mehr. Er sitzt da, still, nachdenklich. Vielleicht versteht er jetzt. Vielleicht versteht er, dass der Himmel nicht nur oben ist. Dass der Himmel hier ist. 

    Eigentlich ist das alles, was ich zu sagen habe:

    Wenn das Herz weit wird, wird der Himmel Mensch. 

    Das ist keine theologische Aussage. Das ist eine Erfahrung. Eine Erfahrung, die sich schenkt, wenn wir dem Herz erlauben, sich zu öffnen. Wenn wir uns erlauben, ganz Mensch zu sein. 

    Für mich ist das Weihnachten. Und auch jeder Tag. 

    Nicht irgendwann. Sondern jetzt. Nicht irgendwo. Sondern hier. Nicht für jemand anderen. Sondern für dich. 

    Frohe Weihnachten. 

  • Der Kalender endete. Das Jahr ging zu Ende, und an vielen Orten lässt sich Unruhe spüren: Was bleibt? Was war? Was kommt? Die Tage zwischen den Jahren tragen immer etwas Schwebendes in sich, als stünde man zwischen zwei Atemzügen.

    Ich sitze am Küchentisch. Durch das Fenster der alten Kaplanei in Merenschwand schaue ich dem Nebel zu, wie er sich über die Felder legt. Draussen wird es still. Die Welt zieht sich zusammen, wird klein und nah. In solchen Momenten kann man spüren, wie sehr wir sehr gewohnt sind, uns in der Zeit zu verlieren – in dem, was war, in dem, was sein wird. Wir machen Bilanzen, zählen auf, nehmen uns vor, im neuen Jahr vieles anders zu machen. Als ob die Zeit uns gehörte.

    Aber was, wenn das Jahr gar nicht zu Ende geht? Was, wenn nur der Kalender endet, während das Leben einfach weiterfliesst, Atemzug um Atemzug? Es gibt keine grossen Wendepunkte. In der Gegenwart Gottes gibt es gibt nur diesen einen Moment – und dann den nächsten. Das Einatmen. Das Ausatmen. Das stille Verweilen dazwischen.

    Mir kommen die Menschen in den Sinn, die ich in diesem Jahr begleiten durfte. Die Frau, die mir erzählte, wie sie jeden Morgen aufwacht und sich fragt, ob sie heute noch einmal von vorne anfangen kann. Der Mann, der sagte, er habe sein ganzes Leben damit verbracht, etwas zu werden, und nun wisse er nicht mehr, wer er ist. Die junge Mutter, die weinte, weil sie das Gefühl hat, dass sie nie genug ist.

    Ich erkenne mich in ihnen wieder. Diese Sehnsucht nach einem Neuanfang kenne ich gut. Und zugleich die Angst, dass nichts sich je ändert. Wir träumen von Verwandlung und fürchten sie zugleich. Wir möchten loslassen, aber wir wissen nicht, was kommt, wenn wir die Hände öffnen.

    Die alten Meister des Gebets sprechen hier von einem anderen Weg. Nicht von einem Weg des Machens, sondern von einem Weg des Seinlassens. Gedanken kommen und gehen. Zeit vergeht. Und in all dem gibt es eine Stille, die nicht von uns gemacht wird, die einfach da ist, wenn ich aufhöre, mir selbst im Weg zu stehen.

    Irgendwann diesen Herbst stand ich vor der Bäckerei in Merenschwand, das Brot in der Hand, und plötzlich war da dieses Gefühl: Genug. Das Brot war warm. Die Luft war kühl. Der Atem ging ruhig. Es gab nichts zu erreichen. Nur dieser Moment. Und er war genug. Vollkommen wie der Himmel. Zutiefst dankbar.

    Ich weiss nicht, ob ich das wirklich verstanden habe. Ich weiss nur, dass es da war – für einen Moment. Wenn ich aufhöre, der Zeit hinterherzulaufen. Wenn ich einfach atme. Wenn ich mir erlaube, wirklich still zu werden, dann kann es sein, dass sich der Himmel schenkt.

    Atem kommt und geht. Einatmen. Ausatmen. Nichts weiter. Und wenn ich ihm ganz nah bin, dann spüre ich: Ich atme nicht aus eigener Kraft. Ich werde geatmet. Von etwas Grösserem. Von dem Atem, der über den Wassern schwebte – und noch immer in allem schwebt.

    Das stille Gebet ist keine Technik. Es ist kein Programm für das neue Jahr. Es ist eher eine Haltung. Ein Verweilen. Ein Heimkommen zu dem, was immer schon da ist. Ich darf das üben. Manchmal geschieht es. Oft vergesse ich es wieder.

    Ich schaue wieder aus dem Fenster. Der Nebel hat sich gelichtet. Die Felder liegen still, und über ihnen zieht ein Vogel seine Kreise. Er ist einfach da, im Wind, im Moment. Und ich überlasse mich dem Atem, der Gegenwart Gottes.

    Das neue Jahr kam selbstverständlich. Es wird Tage geben, die schwer sind, und Tage, die leicht sind. Es wird Momente geben, in denen ich vergesse, beim Atem zu bleiben, und Momente, in denen ich mich daran erinnern darf. Aber nichts davon hängt davon ab, ob ich ab dem ersten Moment alles richtig mache. Es geht nur darum, dass ich immer wieder zurückkehren darf – zu diesem einen Atemzug, der gerade da ist. Zu der Stille, zum grossen Schweigen Gottes, das alles trägt.​​​​​​​​​​​​​​​​

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    Ein Wintertag beginnt mit einer Stille, die sich sachte über die Welt legt. Der Frost zeichnet feine Muster an Scheiben, Wege tragen einen hellen Schimmer, und der Himmel wirkt weiter, als er sonst scheint. Diese frühe Zurücknahme der Geräusche hat eine eigene Sprache. Eine Sprache, die ohne Druck auskommt und doch alles berührt.

    Ich sitze am Fenster. Der Morgen breitet sich aus, tastend, offen. In diesem wachsenden Raum wird das Innere ruhig. Gedanken verlieren ihren festen Griff, sie lösen sich wie feiner Atem in der kalten Luft. Zurück bleibt ein Grund, der vertraut wirkt. Ein Herz, das sich sammelt, ohne etwas zu wollen.

    In dieser Sammlung entsteht Licht. Kein greller Schein, eher ein warmer Atemzug, der sich ausbreitet. Ein Schimmer, der den Raum füllt, ohne Aufmerksamkeit zu verlangen. Dieses Licht wirkt wie ein leiser Gefährte, der schon lange da ist und nun hervortreten darf. Es hat Tiefe, die nichts erklärt und doch viel deutlicher wirkt als Worte.

    Ich denke an Winterlandschaften, die mir nah sind: ein stilles Feld, eine Baumgruppe, ein Weg mit dünnem Raureif. Orte, die wenig sagen und gerade darin viel Klarheit tragen. In solchen Bildern wächst etwas im Inneren. Eine Weite, die vertraut wirkt. Eine Ruhe, die das Eigene freilegt.

    Das Herz antwortet auf diese Welt mit einem Glanz, der von innen her entsteht. Es ist ein Licht, das sich zeigt, sobald Raum entsteht. Kein Ziel, kein Drängen. Nur ein feiner Schein, der alles milder macht: Wege, Menschen, das eigene Atmen.

    Im schweigenden Herzen zeigt sich das Licht. Es gehört zu jener Tiefe, die in jedem Menschen wohnt. Eine Tiefe, die im Winter manchmal leichter zu finden ist, weil die Welt stiller wird und die Wahrnehmung weicher. Dieses Licht bleibt. Und wenn man bei sich bleibt—im Sitzen, im Gehen, im einfachen Dasein, dann lässt es sich spüren.

  • Oberhalb des Lago Maggiore liegt ein kleines Dorf, festgehalten von Mauern, die schon vieles gesehen haben. Die Häuser stehen eng beieinander, ihre Dächer berühren sich fast. Unter der Woche ist es still hier. Die Fensterläden sind geschlossen, die Luft steht, als lausche sie sich selbst. Ein Hund schlägt an, irgendwo fällt eine Tür, dann wieder nichts.

    Am Freitagabend verändert sich das Dorf. Autos aus Mailand kommen den Hang hinauf, beladen mit Taschen, Stimmen, dem Gewicht von Wochen. Türen öffnen sich, Lichter gehen an, die Gassen füllen sich mit Gerüchen von Knoblauch, Kaffee und Motoröl. Eine Vespa jault um die Kurve, ein Kind ruft seiner Nonna zu, zwei Männer streiten freundlich über Fussball, und aus einem Fenster läuft ein Lied, das schon beim Refrain lacht.

    Ich sitze auf dem kleinen Balkon des Hauses der Nonna meiner Frau. Von hier aus sehe ich den See, ein schmales Stück Wasser zwischen den Dächern. Er glitzert, als wollte er alles verbinden. Die Hunde bellen einander zu, unsichtbar hinter Mauern. Jemand hämmert einen Nagel in eine Wand, jemand klopft einen Teppich aus. Es ist kein Lärm, es ist ein Chor.

    Ich habe lange gebraucht, um das zu hören. Früher suchte ich Ruhe, dachte, das Leben sei schöner, wenn es gleichmässig klingt. Doch hier lernt man, dass nichts gleich sein muss, um zusammenzugehören. Dass Unterschiedliches sich nicht stört, sondern trägt. Dass jede Stimme den anderen braucht, um vollständig zu werden.

    Die Alte, die ruft, der Hund, der antwortet, das Kind, das dazwischen lacht – sie wissen nichts voneinander, und doch bilden sie ein Ganzes. Wie die Steine der Häuser, unregelmässig, aber zusammen stark.

    Wenn am Sonntagabend die Motoren anspringen und das Dorf wieder still wird, bleibt etwas zurück. Keine Leere, eher ein Nachhall. Die Mauern halten die Stimmen, die Wege die Schritte, der See das Licht. Alles hat seinen Platz. Auch das, was verschwindet.

    Es flüstert leis‘: Höre allem zu, bis du spürst, wie es dich atmen lässt.

  • Einheit in der Verschiedenheit

    Am Morgen liegt das Licht über den Dächern.

    Alles wirkt still, als hielte die Welt den Atem an.

    Und doch bewegt sich etwas: ein Vogel, der quer fliegt, ein Ast, der sich vom Wind her bewegt, ein Mensch, der langsam die Strasse hinuntergeht.

    Nichts passt genau zusammen.

    Und doch stimmt alles.

    Einheit hat keinen Plan.

    Sie geschieht.

    So wie der Wind, der durch verschiedene Räume zieht, und doch derselbe Wind bleibt.

    Manchmal suchen wir Harmonie.

    Und wundern uns, dass sie nicht kommt.

    Dann merken wir: Das Leben stimmt schon – bloss nicht nach unserer Tonart.

    Im Zen heisst es, dass das Ganze sich in jedem Teil zeigt.

    Nicht als Idee, sondern als Erfahrung.

    Wer aufmerksam hinschaut, sieht:

    Kein Blatt ist wie das andere, und doch gehören sie alle zum selben Baum.

    Verschiedenheit ist kein Gegensatz zur Einheit.

    Sie ist ihr Ausdruck.

    Der Baum wäre ärmer, wenn alle Blätter gleich wären.

    Auch Menschen sind wie Blätter.

    Jeder trägt sein eigenes Grün, seinen eigenen Rhythmus.

    Und wenn der Wind kommt, bewegt sich jeder anders.

    Doch alle tanzen in derselben Luft.

    Es gibt Tage, an denen man spürt, wie nah alles beieinander ist.

    Und andere, an denen man sich verliert.

    Beides gehört dazu.

    Einheit in der Verschiedenheit ist nichts, das man herstellen könnte.

    Sie zeigt sich, wenn man aufhört, sie zu suchen.

    Wenn man das Ganze sein lässt, wie es ist – lebendig, bunt, unvollständig und zutiefst vollkommen.

  • Wenn der Herbst den Himmel klärt, wird die Luft dünner und weit. Der Wind trägt den Geruch von Erde, Laub, Kerzenrauch. In dieser Weite liegt etwas, das an Stille erinnert. Man spürt den eigenen Atem bewusster, als würde die Welt ihn begleiten. Jeder Schritt wird langsamer, jeder Gedanke ruhiger. Die Tage sind kürzer, das Licht sanfter, und etwas im Innern wird durchlässig für das, was sich zeigt, wenn man nicht mehr sucht.

    Allerheiligen, Allerseelen – zwei Worte, die wie Türen klingen. Sie öffnen in dieselbe Richtung, hinein ins Unsichtbare. Es sind Tage, an denen die Grenze zwischen dem, was man sieht, und dem, was trägt, dünner wird. In der Erde ruht, was vergangen scheint. Im Atem bewegt sich, was bleibt. Alles gehört zusammen, auch wenn es in verschiedenen Gestalten erscheint.

    Wer über den Friedhof geht, spürt diesen Zusammenklang. Erde, die aufnimmt. Luft, die trägt. Licht, das sich neigt. Auf jedem Grab liegt die Spur eines Lebens, das einmal voller Bewegung war. Die Hand, die eine Kerze anzündet, verbindet sich mit all den Händen, die dasselbe tun. Es entsteht eine stille Gemeinschaft – nicht in Worten, sondern im Atmen, im Schauen, im Dasein.

    Das Gedächtnis arbeitet still. Es bringt Gesichter hervor, Stimmen, Gesten, manchmal nur eine Spur von Wärme. Erinnerung ist keine Linie nach hinten. Sie ist Gegenwart, die sich weitet. Wenn ein Name in uns aufsteigt, ist er da, unverstellt, vertraut. In diesem Moment geschieht Nähe. Nicht weil man sie herbeiruft, sondern weil sie Teil des Lebens selbst ist.

    Heiligkeit wächst dort, wo jemand durchlässig wird. Ein heiliger Mensch trägt das Leben leicht, weil er ihm nichts entgegensetzt. Er lässt geschehen, was geschieht, und bleibt dabei wach. Heiligkeit hat keine Form, sie ist Atem. Sie bewegt sich in allem, was lebt, in allem, was sich hingibt, ohne zu besitzen.

    Manchmal geschieht Heiligkeit unbemerkt. In einem Blick, der anhält. In einer Hand, die etwas aufhebt, das jemand verloren hat. In einem Wort, das den Raum heller macht. Solche Augenblicke tragen denselben Atem wie das Gebet eines ganzen Tages.

    Wenn wir an die Toten denken, begegnen wir uns selbst. Wir stehen im selben Strom, atmen dieselbe Luft, die auch sie geatmet haben. In jedem Atemzug liegt eine Erinnerung daran, dass Leben sich teilt. Was einmal geatmet wurde, bleibt im Kreislauf der Welt. Der Atem, der heute unser Herz bewegt, hat vielleicht durch viele Leben hindurch seinen Weg genommen – durch Pflanzen, durch Tiere, durch Menschen, durch Zeiten. Es ist derselbe Atem, der in der Schöpfung kreist, unaufhörlich, geduldig, still.

    Man kann diese Tage als Übung verstehen – eine Übung im Loslassen und im Hören. Der Atem lehrt beides. Er hält nichts fest. Er kommt und geht, ohne zu verlieren. So atmet auch das Leben durch uns hindurch. Es trägt uns, solange wir mitgehen, und ruht in uns, wenn wir still werden.

    Kerzen auf Gräbern erzählen davon. Ihr Licht steht still und bewegt sich zugleich. Die Flamme ist Form und Bewegung in einem. Sie brennt, weil sie vergeht. In ihrem Leuchten spiegelt sich der Kreislauf, dem alles Leben folgt. Manchmal reicht es, eine Weile hinzusehen. Dann erkennt man, dass auch diese kleine Flamme das grosse Ganze spiegelt: Anfang, Wandlung, Weitergabe.

    In dieser Bewegung liegt Trost. Wer still wird, spürt, dass Erinnerung kein Gewicht trägt. Sie ist leicht wie Atem, trägt uns aber weiter, als wir denken. Das, was war, lebt im Jetzt. Das, was jetzt geschieht, wird Erinnerung für die, die nach uns kommen. So sind alle Generationen verbunden, durch dieselbe Bewegung, durch dasselbe Schweigen zwischen zwei Atemzügen.

    Allerheiligen, Allerseelen – das sind keine getrennten Feste. Es ist ein einziger grosser Atemzug der Menschheit. Die Lebenden und die Toten gehören zu demselben Lied. Man hört es, wenn man still wird. Ein Lied ohne Melodie, aber voller Gegenwart. Es braucht keine Worte, um verstanden zu werden.

    Zwischen Erde und Atem geschieht Leben. Dort wächst Vertrauen. Dort beginnt Frieden. Dort ruht alles, was wir lieben, und dort bewegt sich, was uns trägt. In diesem Zwischenraum, wo Erde das Aufgehobene bewahrt und Atem das Lebendige weiterträgt, liegt der Sinn dieser Tage.

    Wenn wir am Ende des Tages die Kerzen verlöschen und den letzten Atemzug des Abends spüren, ist nichts zu Ende. Die Luft, die uns verlässt, wird Teil des grossen Stroms. Der Atem, der kommt, trägt das Leben zurück. Alles, was war, bleibt darin enthalten.

    So gehen wir still. Die Welt atmet, und wir atmen mit. Zwischen Erde und Atem geschieht alles, was wir sind.

  • Es gibt Tage, an denen das Leben leiser wird. Man steht am Fenster, schaut hinaus, und alles scheint langsamer. Der Nebel liegt über den Dächern, ein Hund bellt in der Ferne, und das Licht hat diese Farbe, die sich kaum beschreiben lässt – matt und warm zugleich. Ein Licht, das den Übergang kennt. Zwischen Sommer und Winter. Zwischen Aufbruch und Rückzug. Zwischen Aussen und Innen.

    Ich mag diese Zeit. Sie zwingt niemanden zu etwas. Sie ist einfach da, mit ihrem Schweigen. Und sie fragt leise, was bleibt. Wenn die Felder abgeerntet sind, wenn die Bäume ihre Blätter fallen lassen, wenn die Tage kürzer werden – was bleibt dann. Nichts, das man in den Händen halten kann. Aber etwas im Innern bleibt. Etwas, das sich nicht aufdrängt, das man erst spürt, wenn man still wird.

    In solchen Tagen kommen Gesichter zurück. Menschen, die einmal da waren. Manche lange, andere nur kurz. Und doch haben sie etwas hinterlassen. Einen Satz. Ein Lächeln. Eine Art zu gehen oder zu schauen. Die Spuren, die wirklich zählen, sind still. Sie liegen im Zwischenraum. In der Art, wie jemand zuhört. In der Geduld, mit der jemand eine Tasse abwäscht. In einem Blick, der sagt: Du bist gesehen.

    Man trifft solche Menschen noch. Sie reden wenig. Sie tragen keine grossen Worte vor sich her. Sie gehen in ihrem Rhythmus, halten sich nicht fest an dem, was glänzt. Sie wissen um den Wert der kleinen Dinge. Eine Schale Suppe. Ein stiller Abend. Eine Hand auf der Schulter. In ihrer Nähe wird die Welt einfacher. Und irgendwie weiter.

    Ich erinnere mich an einen alten Nachbarn. Jeden Morgen ging er mit seiner Zeitung in den Garten, setzte sich auf dieselbe Bank, trank denselben Kaffee. Er sass dort, solange die Sonne reichte. Dann stand er auf, ging hinein, als wäre nichts gewesen. Ich habe ihn nie über grosse Dinge sprechen hören. Aber wenn er einem begegnete, sah er einen an, als hätte er gerade alles verstanden. Das war seine Form von Gebet.

    Man lernt von solchen Menschen, ohne dass sie lehren. Sie tragen etwas in sich, das Vertrauen schafft. Weil sie da sind, ohne etwas zu wollen. Weil sie das Leben nehmen, wie es kommt. Mit dem, was leicht ist, und dem, was schwer ist. Solche Menschen halten die Welt zusammen, ohne dass sie es merken.

    In dieser stillen Zeit spürt man, dass man weniger tun muss. Dass man sich anvertraut, dem Rhythmus, der grösser ist als man selbst. Dass man loslässt, was gehen will. Kein Verzicht, eher ein Aufatmen. Ein Platz schaffen für das, was wieder wachsen will.

    Wenn ich abends durch das Dorf gehe, sehe ich Lichter in den Fenstern. Menschen sitzen am Tisch, reden, schweigen, essen. Jemand liest, jemand schläft auf dem Sofa. In jedem dieser Häuser wohnt eine Geschichte. Freude, Sorge, Erinnerung. Alles auf engstem Raum. Und dazwischen dieses leise Wissen: Wir gehören zusammen. Auch wenn wir uns kaum kennen.

    Das ist die Feier dieser Tage – dass man die Verbundenheit spürt, ohne sie benennen zu müssen. Dass man weiss, da sind andere, die tragen, die hoffen, die lieben, so gut sie können. Kein grosses Wissen, eher ein zartes. Und es genügt.

    Ich zünde manchmal eine Kerze an. Ohne Anlass. Für das Leben vielleicht. Oder für die, die unterwegs sind. Oder einfach, weil das Licht guttut. Eine kleine Flamme, die brennt, ohne zu fragen, warum. Während sie brennt, wird etwas ruhig. Das genügt. Da sein. Atmen. Licht sehen, wo Dunkel ist.

    Dann geht man schlafen. Steht am nächsten Morgen auf, macht Kaffee, schaut wieder hinaus. Alles ist gleich. Und doch ein wenig anders. Weil man gespürt hat, wie viel Tiefe im Alltäglichen liegt. Wie viel Leben in den Dingen wohnt, die kaum beachtet werden. Eine Tasse. Ein Blick. Ein Gang durchs Laub.

    So geht die Zeit weiter. Ohne Eile. Ohne grosse Antworten. Mit Fragen, die offen bleiben dürfen. Und mit einem Gefühl von Dankbarkeit, das sich nicht erklären lässt.
    Man lebt. Man erinnert sich. Man liebt.

  • Christkönig – wenn ich dieses Wort höre, muss ich immer an einen älteren Herrn denken, den ich vor Jahren kennengelernt habe. Er war Schreiner und hatte in seiner Werkstatt einen merkwürdigen Hocker stehen, der aussah wie ein kleiner Thron. Vergoldet, mit Schnitzereien, völlig deplatziert zwischen Sägespänen und Holzleim. Ein Kunde hatte ihn nie abgeholt. Der ältere Herr setzte sich manchmal darauf, wenn er Pause machte, und lachte: «Seht her, der König bei der Jause.»

    Es war ein stiller Witz über all die Könige dieser Welt, die ihre Throne so ernst nehmen.

    Jesus steht vor Pilatus, und der fragt ihn: «Bist du ein König?» Man sieht förmlich, wie Pilatus die Stirn runzelt. Vor ihm steht ein Mann ohne Heer, ohne Palast, ohne alles, was Macht sichtbar macht. Und dieser Mann sagt: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.»

    Was für ein Reich soll das sein? Eines, das man nicht sieht? Eines, das keine Grenzen hat, keine Gesetze, die man durchsetzen kann? Ein Reich, das einfach da ist, wenn Menschen einander sehen, wenn sie aufhören, gegeneinander zu kämpfen?

    Vor ein paar Tagen sass ich mit einem Freund im Restaurant. Er erzählte von seiner Arbeit, vom Druck, immer mehr zu leisten, immer besser zu sein als die anderen. «Manchmal», sagte er, «möchte ich einfach aufhören, mich zu beweisen.» Wir schwiegen eine Weile. Draussen regnete es. Und in diesem Moment lag etwas Weites zwischen uns, etwas Freies. Als würde sich ein Raum öffnen, in dem es nichts zu gewinnen gibt und nichts zu verlieren.

    Ich glaube, das ist gemeint mit «Mein Reich ist nicht von dieser Welt». Nicht ein Ort, sondern ein Zustand. Eine Weise zu leben, bei der man aufhört, sich ständig zu messen. Bei der man dem Leben vertraut, statt es zu kontrollieren. Bei der man gibt, ohne zu rechnen.

    Ich sehe das manchmal bei ganz alltäglichen Dingen. Die Frau im Bus, die einem Fremden ihren Sitzplatz anbietet. Der Nachbar, der im Winter die Strasse für alle räumt, obwohl es nicht seine Aufgabe wäre. Die Hände einer Mutter, wenn sie Brot schneidet und dabei still wird, ganz bei der Sache. In solchen Momenten liegt eine Würde, die niemand erklären muss. Eine Königlichkeit ohne Krone.

    Das Fest „Christkönig“ zu Ende November trägt einen grossen Namen. Aber es geht im Eigentlichen um etwas sehr ‘Kleines’, sehr Stilles. Um die Frage, ob wir aufhören können, uns durchzusetzen. Ob wir es aushalten, nicht recht zu haben. Ob wir dem anderen Raum geben können, ohne ihn klein zu machen.

    Ein König, der nicht herrschen will – das klingt unmöglich. Aber es ist das Menschlichste überhaupt. Dass einer gegenwärtig ist, ohne sich aufzudrängen. Dass einer gibt, ohne zu fordern. Dass einer lebt, ohne andere zu unterwerfen.

    Und wenn das stimmt, dann können wir alle königlich leben. Nach gutem Vorbild Jesu – und erfüllt von seiner Gegenwart. Nicht indem wir Macht ausüben, sondern indem wir sie weglegen. Nicht indem wir uns erheben, sondern indem wir uns hinknien. Nicht indem wir beweisen, wer wir sind, sondern indem wir einfach sind – und einfach sind. Charly Chaplin sagte vor langer Zeit: „Macht brauchst Du nur, wenn Du etwas Böses vor hast. Für alles andere reicht Liebe, um es zu erledigen.“ 

    Das Lachen des alten Schreiners auf seinem vergoldeten Hocker – ich höre es manchmal noch. Als hätte er verstanden, dass wahre Könige keine Kronen brauchen. Dass sie einfach leben. Und dass das mehr als genug ist.

  • Es beginnt unscheinbar.

    Ein Morgen, der anders riecht. Kühle Luft, die durch die Ritzen zieht, selbst wenn die Sonne scheint. Ein Licht, das nicht mehr blendet, sondern liegen bleibt – auf den Dingen, auf der Haut. Man merkt es nicht sofort. Aber irgendwann spürt man: Das Jahr hat die Richtung gewechselt.

    Ich gehe früh hinaus. Der Kies unter den Schuhen klingt dumpfer. Der Himmel hat an Farbe verloren, dafür an Tiefe gewonnen. Auf der Bank liegt noch Tau. Über dem Fluss hängt Dunst, dünn wie Seide. Man kann durch ihn hindurchsehen, und zugleich bleibt er undurchsichtig.

    Im Garten neigen sich die Sonnenblumen. Die Köpfe schwer, voll Samen. Ein paar Bienen sind noch da, träge, fast höflich in ihrer Langsamkeit. Der Wind bewegt sich vorsichtig, als wolle er niemanden stören.

    Ich bleibe stehen und höre. Da ist ein Geräusch, das ich lange nicht wahrgenommen habe – das feine Rascheln von etwas, das fällt. Ein Blatt, dann noch eines. So leise, dass man sich selbst erst still werden muss, um es zu hören.

    Der Sommer ist noch da, aber nur in der Erinnerung. Er zieht sich zurück, ohne Abschied, ohne Spur. Die Tage haben begonnen, sich selbst zu verkürzen. Und plötzlich merkt man, dass man das Licht vermisst, noch bevor es ganz weg ist.

    Drinnen ist das Feuer im Kamin das neue Zentrum. Holz, das langsam Wärme abgibt. Der Rauch zieht in feinen Linien durch den Raum, verschwindet im Zug des Schornsteins. Ich sitze davor, schaue in die Glut, und spüre, wie alles Unnötige verschwindet.

    Im Herbst geschieht die Welt anders. Sie will nichts mehr beweisen. Keine Blüte, kein Aufbruch, kein Drängen. Nur Sein. Das ist ihre Schönheit – diese Gelassenheit, in der nichts fehlen muss.

    Ich gehe durch das Dorf. Auf den Wegen liegen Kastanien, manche noch in ihren grünen Hüllen, gesprungen, weich, bereit. Kinder treten darauf, das Knacken hallt durch die Gasse. Alte Leute tragen Taschen voller Äpfel. Jemand fegt den Gehweg. Das Leben wird kleiner, aber dichter.

    An der Mauer beim Friedhof steht ein alter Mann. Die Hände auf den Rücken gelegt, den Blick über die Wiesen gerichtet. Er steht da, als hätte er alles verstanden. Ich nicke ihm zu. Er lächelt kaum merklich. Zwischen uns liegt ein stilles Einverständnis, das keine Worte braucht.

    Ein paar Krähen sitzen auf der Stromleitung. Ihre Schatten zittern im Wind. Eine von ihnen hebt ab, ohne Ziel, ohne Eile, nur weil der Moment es erlaubt.

    Ich nehme den Feldweg. Die Erde riecht stark, nach Regen, nach Pilzen, nach Leben unter der Oberfläche. Auf halber Strecke bleibe ich stehen. Unten das Dorf, darüber ein Himmel, der sich nicht entscheiden muss zwischen Grau und Blau.

    Ein einzelner Apfelbaum trägt noch Früchte. Sie leuchten in einem Rot, das fast trotzig wirkt. Ich pflücke einen, wische ihn am Ärmel ab. Er schmeckt kühl, herb, klar. Kein Überfluss, nur Wesen.

    Auf dem Rückweg denke ich an die Jahre, die vergangen sind. An Menschen, die kamen, gingen, blieben – jeder auf seine Weise. Der Herbst kennt solche Gedanken. Er drängt sie nicht auf, er erlaubt sie einfach.

    Zu Hause brennt eine Kerze. Der Docht flackert, zieht sich zurück, richtet sich wieder auf. Ich schreibe ein paar Zeilen in mein Heft, ohne Absicht. Wörter, die sich finden, nicht gesucht. Manche bleiben, manche lösen sich auf. Wie Blätter auf Wasser.

    Am Abend gibt es Suppe. Das Messer gleitet durch Kürbis, Kartoffeln, Zwiebeln. Die Hände wissen, was zu tun ist. Der Duft füllt den Raum. Kochen und Essen sind Gebet, ohne Worte, ohne Form.

    Draussen klopft Regen an die Scheibe. Gleichmässig, geduldig. Es ist ein beruhigendes Geräusch – das Erinnern des Himmels daran, dass alles, was fällt, Teil eines Kreislaufs ist.

    Später gehe ich noch einmal hinaus. Der Regen hat aufgehört, aber die Luft ist schwer. Über den Dächern steht der Mond, gross und ruhig. Die Wege glänzen. Ich sehe meinen Atem. Alles ist klar.

    Der Herbst hat eine besondere Art von Wahrheit. Keine, die erklärt, sondern eine, die zeigt. Alles, was entstehen soll, muss auch vergehen dürfen. Alles, was festhält, wird müde. Alles, was sich löst, wird leicht.

    Ich setze mich auf die alte Bank unter dem Ahorn. Das Laub liegt hoch, weich, bunt. Ich lasse die Hände darin ruhen. Ein Vogel ruft, weit weg. Dann Stille.

    Manchmal reicht ein solcher Augenblick, um zu verstehen, wie wenig es braucht. Kein Plan, kein Ziel, kein Müssen. Nur Dasein. So schlicht, dass man es fast übersieht.

    Der Wind hebt an, kaum merklich. Ein Blatt löst sich, schwebt, dreht sich, landet auf meinem Knie. Gelb, mit einem kleinen Riss. Ich sehe es lange an. Dann nehme ich es zwischen die Finger und lege es auf den Boden zurück.

    Das ist Herbst: das Einverständnis mit dem, was vergeht. Das Vertrauen, dass das Fallen Teil des Kreises ist. Die Ruhe, die bleibt, wenn nichts mehr werden muss.

    Wenn ich wieder ins Haus gehe, knarrt die Tür. Es riecht nach Holz und Wachs. Ich stelle die Schuhe beiseite, ziehe die Jacke aus. Alles, was man loslässt, wird leichter.

    Ich lösche das Licht, lasse den Ofen weiterglühen. Draussen rauscht der Wind.

    Die Nacht nimmt den Tag in sich auf, ohne Unterschied.

    Und irgendwo, im Dunkel, beginnt schon das Neue zu keimen.


  • Es ist lange her. An einem Donnerstag Abend im Dom von Passau. Draussen regnet es in Strömen. Wir, ein paar nicht nur geistig mittellose Studenten, sitzen im Chorgestühl hinter dem Chor des Bayrischen Rundfunks. Davor die Münchner Philharmoniker. Der Sakristan der Kathedrale hatte uns nach Türschluss kostenlos hereingeschläust. Ein Vorteil, wenn man die richtigen Leute kennt. Am Pult vor dem Orchester steht Yehudi Menuhin. Es hiess, er würde die C-Dur-Messe von Franz Schubert dirigieren. Im Moment steht er aber nur da, den Taktstock in der Hand, und tut nichts. Gar nichts. Sehr lange nichts.
    Die Leute räuspern sich. Einer hustet. Man hört das Knarzen der Bänke. 
    Hellwach und mit ganzem Herzen steht Menuhin da. Seine blitzenden Augen weit offen. Dann eine kleine, fast unscheinbare Bewegung – und der erste, zarte Ton. Und war plötzlich war alles anders. Als hätte dieser eine Ton die Stille geöffnet. 

    Diese zauberhafte Musik war schon lange da. Während wir gewartet hatten, war sie unsichtbar, unhörbar, tief im Schweigen verborgen. Wie etwas, das in jedem Herzen wartet. 

    Wo ist die Musik jetzt, wenn sie nicht gespielt wird?

    Wo ist die Liebe, wenn sie keiner lebt? Vielleicht sitzt eine alte Frau im Garten, legt zwei Brote auf den Tisch, aber niemand kommt. Sie trägt die Brote am Abend wieder hinein. Die Liebe liegt in den Broten. Sie ist nicht verschwunden. Sie bleibt, auch wenn niemand sie isst. Sie hängt in der Luft. Aber sie wird hart, wenn keiner sie teilt. Liebe braucht die Geste von Geben und Annehmen, sonst bleibt sie leer.

    Wo ist der Glaube, wenn er nicht gelebt wird? Ich war einmal auf einem sehr alten Pfarrhausdachboden. Da lag ein Kreuz, staubig. Daneben ein Stapel alter Gesangbücher. Vergilbte Seiten. Niemand schlug sie mehr auf. Und doch war etwas da. Nicht tot, eher eingefroren. Glaube kann warten. Er liegt still, bis einer wieder atmet.

    Und wo ist die Hoffnung? Manchmal unter dem Staub vieler Jahre. Manchmal in den Augen eines Kindes, das einfach glaubt, dass morgen ein guter Tag wird. Hoffnung bleibt, auch wenn sie stumm wird. Sie liegt wie Samen im Boden. Man sieht sie nicht, bis sie jemand giesst.

    Ezechiel sieht ein Feld voller Knochen. Tot, trocken, ohne Atem. Plötzlich rücken sie zusammen. Sehnen, Fleisch, Haut. Alles sieht lebendig aus. Aber es ist noch immer tot. Erst als der Geist, der Atem, weht, richten sie sich auf. Erst da beginnt Leben. So ist es mit der Musik. Ein Klavier ist nur ein Möbel, wenn niemand spielt. Eine Trommel nur Holz und Leder, wenn sie keiner schlägt. Erst wenn jemand den Mut findet, einen Ton zu wagen, beginnt es. So ist es mit der Liebe. So ist es mit dem Glauben. So ist es mit der Hoffnung.

    Johannes schreibt: Am Anfang war das Wort. Das Wort aus der grossen Stille. Vielleicht war es Klang. Vielleicht Atem. Eine Schwingung. Alles kommt von dort. Alles geht dorthin zurück. Nichts geht verloren. Auch wenn wir meinen, es sei vorbei – nichts verschwindet einfach.

    Ein Wort wie Abrakadabra klingt fremd. Es stammt aus dem Aramäischen, der Sprache Jesu. Es heisst: „Ich erschaffe, während ich spreche.“ Es ist ein Zauberspruch. Aber er zeigt, was Sprache kann. Worte schaffen Wirklichkeit. In der Magie nimmt der Mensch sich diese Macht. In der Bibel ist es der Himmel, der spricht – und es wird. Atem, Klang, Wort – sie rufen Leben hervor.

    Und darum geht es: Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei und mit ihnen die vielen anderen kostbare Dinge des Lebens stehen jederzeit bereit. Vergebung, Güte, Verbundenheit, Frieden, sie kosten nichts, ausser dass man für sie die alten Ängste und die hinterlistige Gier loslassen muss. Alles wartet. Es wartet, mit Leben gefüllt zu werden – wie die Musik. Irgendeiner muss doch mal anfangen, das Lied des Friedens zu singen. Warum also nicht wir?

    Die Ausreden sind bekannt: meine Stimme ist schwach. Ich will mich nicht verletzen. Ich bin müde. Und doch: wenn keiner anfängt, bleibt es still. Wenn keiner den Schritt wagt, bleibt alles eingefroren.

    Dabei genügt wenig. Eine Frau, die summt. Ein Junge, der im Bus pfeift. Einer, der mitten in der Nacht wach liegt und plötzlich den Mut findet, das Fenster zu öffnen, um den Himmel zu sehen. Kleine Gesten, die eine Tür öffnen. Plötzlich weht Atem.

    In der Zen-Tradition gibt es etwas, das Koan heisst. Es sind Fragen, die man mit dem Intellekt nicht beantworten kann. Sie kommen aus alten Gesprächen zwischen Lehrern und Schülern. Sie öffnen. Sie lassen uns nicht in Ruhe. Und sie verweisen alle auf die Tiefe des Lebens. 
    „Wo ist die Musik, wenn sie niemand singt?“ – tiefes, lauschendes Schweigen wäre eine Antwort. Oder ein Lied. „Wo ist die Liebe, wenn sie keiner lebt?“ – eine unmittelbare Geste aus dem Herzen wäre eine Antwort. „Wo ist der Glaube, wenn er nicht gelebt wird?“ – ein entschlossener Schritt wäre eine Antwort. „Wo ist die Hoffnung, wenn sie keiner wagt?“ – ein klares Wort, leicht wie eine Feder, wäre eine Antwort.

    Vielleicht ist der Himmel wie ein Dirigent. Der Einsatz ist längst gegeben. Wir sitzen mit den Instrumenten auf dem Schoss. Und wir zögern. Der Himmel wartet. Geduldig. Vielleicht sogar lächelnd. Bis endlich einer beginnt.

    Und dann ändert sich alles. Die Stille klingt. Die Knochen stehen auf. Die Liebe bekommt ein Gesicht. Der Glaube atmet. Die Hoffnung leuchtet. Der Frieden wird spürbar.

    Nichts ist verloren. Aber damit es lebendig wird, braucht es uns. Einen Ton. Einen Blick. Einen Schritt. Mehr nicht. Und die ganze Welt ist anders.