Eine andere Weihnachtspredigt …

Ich bin Seelsorger. Das ist eine merkwürdige Berufung, wenn man es recht bedenkt. Man sitzt da, in dieser Rolle, dieser Funktion, dieser Erwartung – und soll wissen, was man zu sagen hat. Soll wissen, wie man Menschen hilft. Soll wissen, wie man Trost gibt.
Das Problem ist: Ich weiss es auch nicht.
Es ist Dezember. Diese Frage kommt jedes Jahr: Was soll ich zu Weihnachten sagen? Was kann ich noch sagen, das nicht schon tausendmal gesagt wurde? Ein Kind wird geboren. Ein hilfloses Kind. In einer Krippe. Ja. Und dann?
Die Leute erwarten, dass ich Antworten habe. Dass ich weiss, wie man lebt. Dass ich weiss, wie man liebt. Dass ich weiss, wie man stirbt.
Ich weiss im Grunde fast nichts davon.
Es gibt so einen Typ. Kennen Sie ihn? Wir kennen ihn alle. Manchmal sitzt er in der erste Reihe. Meistens sitzt er in meinem Kopf. Dieser Typ hat alle Antworten. Der weiss, wie man richtig lebt. Der weiss, wie man richtig glaubt. Wenn ich sage, was er hören will, nickt er und schaut mich an, als würde er sagen: „Ja, genau. Jetzt hat er es auch verstanden.“
Aber ehrlich, ich verstehe recht wenig. Ich weiss nicht, ob ich sagen kann: ich glaube, was ich sage. Im Sinne einer tiefen, inneren Gewissheit. Eher muss ich sagen: Ich hoffe, was ich sage. Das ist ein Unterschied.
Die Flucht
Es ist die Nacht vor Weihnachten. Ich sitze in meinem Büro. Der Bildschirm starrt mich an. Ich starre zurück. Wir haben einen Blickwechsel, der Bildschirm und ich. Der Bildschirm gewinnt. Der Bildschirm gewinnt immer.
Also fange ich an, mich abzulenken. Ich bügel meine Hemden. Ich bügel meine Socken. Irgendwann habe ich Bügelfalten in meinen Bügelfalten. Dann räume ich mein Büro auf. Ich finde einen alten Weihrauch aus meiner Studienzeit. Rosenweihrauch. Ich zünde ihn an. Ich mache Kaffee. Ich schaue mir die Bilder meines Bildschirmschoners an.
Der Laptop läuft. Jetzt fange ich an! Gleich. Jetzt!
Aber dann fällt mir ein, dass ich ja noch Steuererklärungen machen muss. Oder Bankeinzahlungen. Oder irgendetwas anderes, das absolut dringend ist. Plötzlich bin ich wieder beschäftigt. Wieder abgelenkt. Wieder nicht beim Schreiben. Das ist die Tragikkomödie meines Lebens.
Es wird dunkel draussen. Der Regen plätschert an mein Fenster. Alles, was ein Mensch erledigen kann, ist getan. Es gibt keine Ausrede mehr. Jetzt wird geschrieben. JETZT!
Ich versuche, einen Anfang zu schreiben. Ich schreibe: „Liebe Gemeinde, zu Weihnachten…“ Ich lösche das. Das ist langweilig. Das ist falsch. Das ist nicht wahr.
Ich versuche es anders: „Das Kind in der Krippe…“ Ich lösche das auch. Das habe ich schon hundertmal geschrieben. Und hundertmal davor. Und hundertmal davor.
Die Nacht wird länger. Der Bildschirm bleibt leer. Mein Kopf bleibt leer.
Irgendwann – es ist schon sehr spät – klingelt zum Glück das Telefon. Ich soll jemanden besuchen. Was für ein zauberhaftes Glück! Für heute ist es gut. Ich lass es. Morgen ist auch noch ein Tag.
Der 24. Dezember
Es ist der 24. Dezember. Die Luft riecht nach frischem Gebäck. Der „Gedanke“ will sich nicht einstellen. Der „Gedanke“ für das jungfräuliche Papier. Mir fällt Gerhard Polt ein, der recht hat, wenn er fragt: „Wer macht sich denn heute noch einen Gedanken selber?“ Ein Teil in mir neigt sich, ihm zuzustimmen.
Weil es für einen eigenen ohnehin zu spät scheint, mache ich mich hektisch auf die Suche nach einem weihnachtlichen „Fremd-Gedanken“. Einem „Second-Hand-Gedanken“.
Aber Sie wissen ja, wie das mit „Second-Hand“ ist: Irgendwo ist immer ein Loch.
In meiner Verzweiflung wende ich mich einem Teller mit Plätzchen zu. Mit diesen wunderbaren, puderzuckrigen Dingern, die nach Vanille riechen. Mit jedem Bissen werde ich zurückgebeamt in meine Kindheit. In den Geschmack von Weihnachten. In das Gefühl von Spannung, von Erwartung, von: Es kommt etwas.
Und plötzlich ist das, was ist, genug. Einfach genug. Ein Plätzchen. Ein Moment. Ein Atemzug.
Das Aufgeben
Ich gebe auf. Nicht, weil ich eine Lösung gefunden habe. Ich gebe auf, weil Aufgeben das Einzige ist, das ich noch kann.
Wenn man aufgibt, kann etwas Seltsames passieren. Der Druck kann nachlassen. Die Erwartung verschwindet. Die Frage „Was soll ich sagen?“ wird ersetzt durch eine andere Frage: „Was ist wirklich wahr?“
Das ist eine gefährliche Frage für einen Seelsorger. Weil die ehrliche Antwort ist: Ich weiss es nicht wirklich..
Ich weiss nicht mit unerschütterlicher Sicherheit, ob es Gott gibt. Ich glaube es, aber Wissen kann ich es nicht. Ich weiss nicht, ob das Kind in der Krippe der Sohn Gottes war. Ich glaube es tief und fest, aber mit der Gewissheit eines Naturwissenschftlichen Beweises kann ich es nicht wissen.
Ich weiss nur, dass ich hier sitze. Dass ich atme. Dass ich manchmal versuche, anderen zu helfen, obwohl ich mir selbst oft nicht helfen kann.
Das ist die Wahrheit.
Und in diesem Moment der Wahrheit wird etwas frei. Nicht, weil ich eine Antwort gefunden hätte. Sondern weil ich aufgehört habe, am falschen Ort nach einer zu suchen.
Das Herz wird weit
Das Herz wird weit, wenn es aufhört, sich zu schützen. Wenn es aufhört, Antworten zu suchen. Das Herz wird weit, wenn es einfach nur offen ist. Für Fragen. Für Zweifel. Für Hoffnung. Auch für Verzweiflung.
Das Herz wird weit, wenn es zugeben kann: Ich weiss nicht. Wie ein neugeborenes Kind, ein neugeborenes Herz.
Ich sitze da, und ich weiss immer noch nicht, was ich im Gottesdienst predigen soll. Ich weiss nicht, ob das, was ich sage, wahr ist. Aber ich weiss, dass ich hier bin. Dass ich versuche. Dass ich mein Bestes geben möchte. .
Und vielleicht ist das genug. Vielleicht ist das das Einzige, was wirklich zählt: Dass man sein Herz öffnet, auch wenn man Unsicher ist.
Der Himmel wird Mensch
Wenn das Herz weit wird, wird der Himmel Mensch.
Das bedeutet nicht, dass plötzlich alles klar wird. Das bedeutet nicht, dass plötzlich alle Fragen beantwortet werden. Das bedeutet, dass der Himmel nicht mehr oben ist. Der Himmel ist hier. Der Himmel ist in diesem Moment. Der Himmel zeigt sich im Herzen, dem erlaubt wird, sich zu öffnen.
Oder anders gesagt: Der Himmel wird Mensch, wenn ein Mensch aufhört, Gott zu spielen. Wenn zum Beispiel ein Seelsorger aufhört, Antworten zu geben, die er eigentlich nicht hat. Wenn ein Mensch anfängt, wirklich ehrlich zu sein.
Das ist das Einzige, das wirklich hilft. Weil die Menschen meistens nicht Antworten brauchen. Wir brauchen Ehrlichkeit. Jemanden, der sagt: Ich weiss auch nicht. Ich bin auch verloren. Aber ich bin hier.
Weihnachten
Weihnachten ist die Geschichte eines Kindes, das im besten Sinn des Wortes nichts weiss. Ein Kind, das vertraut, auch wenn es keinen Grund hat.
Das ist die Botschaft von Weihnachten. Nicht: Hier ist die Antwort. Sondern: Hier ist das Vertrauen. Hier ist die Hoffnung.
Und wenn wir das verstehen – wenn wir wirklich verstehen – dann können wir auch so sein. Wir können vertrauen, auch wenn wir nicht wissen. Wir können hoffen, auch wenn wir keinen Grund haben. Wir können unser Herz öffnen, auch wenn wir Angst haben.
Das ist nicht leicht. Das ist nicht lustig. Das ist das Leben. Das ist Weihnachten.
Der 24. Dezember
Es ist der 24. Dezember nachmittags. Ich habe meine Predigt geschrieben. Nicht, weil ich eine Lösung gefunden hätte. Sondern weil ich aufgehört habe, eine zu suchen.
Was ich geschrieben habe ist nicht brillant, ist nicht originell. Aber ich hoffe sehr, dass es aufrichtig ist.
Ich gehe in die Kirche. Die Leute erwarten Trost. Sie erwarten Hoffnung, Glück, inneren Frieden. Sie erwarten Antworten.
Ich kann ihnen keine Antworten geben. Ich kann nur das geben, was ich bin: Gegenwart. Ein hoffentlich offenes Herz.
Dieser Typ in mir – dieser Typ, der alles wissen will – er sitzt immer noch da – in der ersten Reihe – in meinem Kopf. Aber er nickt nicht mehr. Er sitzt da, still, nachdenklich. Vielleicht versteht er jetzt. Vielleicht versteht er, dass der Himmel nicht nur oben ist. Dass der Himmel hier ist.
Zum Abschluss
Eigentlich ist das alles, was ich zu sagen habe:
Wenn das Herz weit wird, wird der Himmel Mensch.
Das ist keine theologische Aussage. Das ist eine Erfahrung. Eine Erfahrung, die sich schenkt, wenn wir dem Herz erlauben, sich zu öffnen. Wenn wir uns erlauben, ganz Mensch zu sein.
Für mich ist das Weihnachten. Und auch jeder Tag.
Nicht irgendwann. Sondern jetzt. Nicht irgendwo. Sondern hier. Nicht für jemand anderen. Sondern für dich.
Frohe Weihnachten.




