Nichts ist unter Kontrolle – aber alles ist gehalten.

Es brauchte nicht viel, um alle unsere Pläne durcheinander zu bringen. Eine winzige, praktisch unsichtbare Veränderung, die Mutation eines geruchlosen, lautlosen Teils des Kosmos reichte aus, um die menschliche Welt innerhalb weniger Wochen zu einer Vollbremsung mit verheerenden Folgen zu zwingen. Jahrhunderte an Forschung, Wissenschaft, technischer Entwicklung und planerischer Kunst, wurden einfach durch eine mikroskopische Kugel mit dem technischen Namen SARS-CoV-2 ausgehobelt.

Der Kosmos lässt uns spüren, dass seine Ordnung das Chaos ist.
Das haben wir vergessen. In all den Jahren des oft menschenverachtend «Machbaren», der Versicherungen und der Planbarkeiten, haben wir völlig aus den Augen verloren, dass das Leben zwar sehr geduldig ist, sich aber niemals kontrollieren lässt.

Nichts ist unter Kontrolle – aber alles ist gehalten!

Ich sage das nicht einfach so dahin. Und ich sage es auch nicht nur, weil ich in der Bibel mehr als 300 Mal lese: «Fürchte Dich nicht!», «Hab keine Angst!»
Nein. Ich sage es, weil ich es spüren kann.

Wenn es mir gelingt, meine Angst und Hilflosigkeit radikal anzuerkennen, wenn ich mich aufrichtig neben mein Fürchten und meine Unsicherheit setzen kann, um Atemzug für Atemzug in die Stille einzutauchen, wenn ich damit meiner Seele erlaube, sich aufzurichten und sich mit allem zu verbinden, was ist, dann kann ich es spüren.

Nichts ist unter Kontrolle,
aber alles ist gehalten.

Glauben Sie mir nicht!
Überprüfen Sie es selbst.
Alles ist gehalten.

Vielleicht ist das die Herausforderung, nicht nur der vergangenen und der kommenden Tage, sondern unserer Zeit, dass wir dies neu lernen: Uns, frei von Furcht, der Komplexität des Lebens zu öffnen, und demütig die alte, tragende Ordnung neu zu entdecken. Die Ordnung, die unserem Kosmos seinen Namen gab, und die uns in jedem verdankten Herzschlag zeigt, wo unser Platz im Ganzen ist und wo es uns braucht.

Das wäre das tiefste Ostern, das ich mir vorstellen kann. Es wäre eine Auferstehung am eigenen Leib. Eine, die uns wieder mit der Urkraft des Leben in seiner ganzen, schrägen Überfülle verbindet.

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Vom Einsetzen und Hinsetzen

Einschränkungen sind meistens hart. Sie entsprechen nicht unserem ersten Impuls, mit Herausforderungen umzugehen. Sie fordern die unmodernste und daher ungewohnteste aller innerer Bewegungen: etwas sein zu lassen. Einen Zustand verändern zu wollen, in dem wir versuchen etwas gegen ihn zu tun, liegt uns viel näher. Aber buchstäblich NICHTS zu tun, mit allem aufzuhören, sich still zu verhalten, still zu werden? Das wirkt absurd und sinnlos. Doch das ist es ganz und gar nicht. Das können/müssen wir in diesen Tagen lernen.

Ich möchte nicht sagen, dass der leidliche Virus da ist, um uns etwas beizubringen. Von der Idee, dass er uns gar geschickt wurde, dass die Natur oder eine Gottheit dem Menschen diese Massregelung schickt, halte ich nichts. Ich sage lieber, er ist da. So, wie der Himmel da ist, oder der Frühling, die Krokusse, oder der Marderschiss vor unserem Haus.  Er ist da, so wie ich auch. Das lässt sich nicht leugnen.

Aber das bedeutet nicht, dass wir neben all den Unannehmlichkeiten und den Leiden, die seine Präsenz hervorruft, nicht auch etwas durch ihn gewinnen, oder lernen können.

In der Natur lässt sich im Augenblick etwas Ungeheuerliches beobachten. Wo die menschlichen Aktivitäten massiv zurückgefahren wurden, haben Tiere, Gewässer, Luft und Pflanzen in aussergewöhnlich kurzer Zeit begonnen, sich zu erholen. Wir konnten das an den Aufnahmen der NASA zur Luftverschmutzung über Chinas Städten ebenso beobachten, wie in den glasklaren Kanälen Venedigs und an den Delfinen im Hafen von Cagliari.

Sobald wir die Dinge in Ruhe lassen und nur schon einen Augenblick die Stille wirken lassen, beginnen die Selbstheilungskräfte des Lebens, die Dinge wieder neu zu ordnen – eben ganz ohne unser zu-TUN.

Nun wäre es völlig daneben zu glauben, wir müssten ÜBERALL nur unsere Finger heraushalten, die Füsse still halten, gar nichts mehr tun, und alles würde gut. Für die Situation von Flüchtlingen weltweit wäre das ebenso fatal, wie für jeden, der jetzt medizinische oder, psychologische Hilfe braucht. Die Kunst ist, zu wissen, was wann zu tun ist. Und hier kommt, wenn Sie das so wollen, die Lehre des Virus in’s Spiel.

Wie finden wir heraus, wann wir uns einsetzen, und wann wir uns hinsetzen müssen?
Wie kann ich wissen, wo es mein Tun braucht – und wo mein Schweigen?

Ich glaube, dass es dafür keine allgemeine Regel gibt. Aber ich erfahre immer wieder, dass wir dafür alle einen ausgesprochen feinen Sensor in uns tragen, der sich zwar nicht bestechen, wohl aber leicht übertönen lässt.

Der Knackpunkt ist in meinem Fall die Stille. Wenn ich mir regelmässig erlaube, einfach da zu sein und nichts zu tun, nur zu sein, öffnet sich ein Raum, in dem ich diesen «Sensor» nicht mehr so leicht ausblenden kann – ihn gar nicht mehr so einfach ausblenden WILL. Es wird ganz natürlich, das notwendige zu tun – bzw. das überflüssige zu lassen. Und plötzlich wird es schön, das zu tun, was zu tun ist. Vor allem die einfachen Dinge. Manchmal zeigt sich dadurch sogar das «sein-lassen» als notwenigstes und wirksamstes Tun, das sich schenken lässt.

Die Zeit der äusseren Einschränkungen lässt sich tiefer nutzen, um das momentan erzwungene, aber bitter nötige «Hinsetzen» zum Erlauben von innerer Stille werden zu lassen. Täglich, für ein paar Minuten nur. Aber immer wieder. Vertrauensvoll. Ganz gegenwärtig.

Stille ordnet das Herz, klärt die geistigen Kanäle, reinigt die Luft in den Lungen und zwischen den Gedanken. Und sie macht lebendig – alles: das Tun und das Lassen.

 

«Geh ich zeitig in die Leere
Komm ich aus der Leere voll.
Wenn ich mit dem Nichts verkehre
Weiß ich wieder, was ich soll.

Wenn ich liebe, wenn ich fühle,
Ist es eben auch Verschleiß
Aber dann, in der Kühle
Werd‘ ich wieder heiß.»

(aus den Buckower Elegien 1953, Bertold Brecht)

Karl H. Scholz

 

Bleib g’sund …

Für Menschlichkeit
einstehen

es riskieren
zu verlieren

nicht alles
haben müssen

sich trauen
den Kürzeren zu ziehen

mutig
für seine Überzeugung
einstehen

die eigenen Werte
nicht verraten

sensible für die
eigene Verletzbarkeit
den anderen achten

sein Herz nicht
hart machen

angreifbar bleiben
wie ein Schaf
unter Wölfen

und das Leben gewinnen.

(Almut Haneberg)

 

Seit einigen Tagen erleben wir, wie unser bislang gewohntes und sicheres Leben immer mehr durcheinander gerät. Schulen, Universitäten, ja ganze Länder werden geschlossen, Reisen untersagt, die Regale leer gekauft und überall erhöhte Hygienemaßßnahmen angeordnet. Es fällt uns nicht leicht zu sehen, was von den zahlreichen Aktionen sachlich wirklich sinnvoll ist und was Ausdruck von Angst, ja Panik ist. So reagieren manche von uns mit Schulterzucken und Unverständnis, andere jedoch mit panischen Hamsterkäufen und Rückzug in die eigenen vier Wände. Deswegen ist es an der Zeit, ganz persönlich innezuhalten um nachzuspüren und zu überlegen, in welcher sachlichen und emotionalen Situation ich mich gerade befinde. Sowohl Schulterzucken, oder panischer Rückzug mit Horrorszenarien sind als Extremvarianten nachvollziehbar. Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass dies eben nicht zu den adäquaten Reaktionen gehört. Beide Verhaltensweisen zeigen nämlich wenig Kontakt zur Realität, indem sie diese entweder ignorieren, oder aber unsere Verbindung und Vernetzung mit anderen Menschen ausser Acht lassen. Was also tun? Auf der einen Seite ist es wichtig, sich dem Wissen und Anordnungen von Experten und Behörden zu fügen, um die weitere Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Damit wir jedoch unsere Mitmenschen und uns selbst nicht aus den Augen verlieren und in Panik geraten, sollten wir uns ganz bewusst der Angst stellen. Wenn diese Angst unbeachtet zur Panik wird, macht sie uns blind. Blind für die Mitmenschen und die eigentliche Sachlage. Ja, es ist richtig, dass uns gerade diese Situation vor Augen führt, wie fragil nicht nur unsere Gesundheits- und Wirtschaftssysteme sind, sondern vor allem wir selbst. Trotz zahlreicher Errungenschaften erleben wir, dass wir das Leben nicht unter Kontrolle haben. Das bedeutet auch, dass es – allen Massnahmen zum Trotz – keine absolute Sicherheit geben kann und geben wird. Wir sind immer schon auf das aufmerksame und besonnene Entgegenkommen unserer Mitmenschen angewiesen. Dies funktioniert aber nur dann wirklich, wenn wir selber in der Lage bleiben, uns besonnen und entgegenkommend zu verhalten. Es gibt keinen 100%igen Schutz, weil wir die Unterstützung, Hilfe und evtl. auch Pflege der anderen benötigen. Somit wird von uns allen Umsichtigkeit verlangt, eine Haltung, welche die Angst nicht negiert oder herunterspielt, sondern sich geradezu darin zeigt, die persönliche und kollektive Angst in eine neue Haltung zu verwandeln, die sich als eine erhöhte Aufmerksamkeit, Wachheit und Mitmenschlichkeit zeigt. Wir dürfen gerade mehr denn je lernen, ganz im Ungewissen zu Hause zu sein. Uns ganz tragen zu lassen – ohne den Verstand auszuschalten. Gottesgegenwärtig, einfach und aufrichtig unseren Weg in der Komplexität des Lebens zu gehen. Welch eine Herausforderung für den Alltag unserer kontemplativen Haltung!

(nach A. Poraj)

 

Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.

Und halte den Koffer bereit.
Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

(aus: Die paar leuchtenden Jahre)
Mascha Kaleko

Zen – oder die Kunst nichts Besonderes zu sein

Die meisten Menschen sind sich einig: „Theologen sollten alles wissen, haben aber am Ende auch keine Ahnung.“ Wenn man Theologe ist, kann einen das wahnsinnig machen.
Aus Notwehr habe ich begonnen mir einen Ort zu suchen, an dem ich einfach die Klappe halten darf und gar nichts wissen oder können muss.
Dort, im Zen, habe ich zum ersten Mal das «auch» (in dem Vorwurf oben) entdeckt.
Früher glaubte ich den anderen fast alles. Ich glaube sogar mir selber. Mir war völlig klar, dass ich der einzige bin, der ‚es‘ nicht begreift. Warum? Weil ich so vieles nicht bin: doktorbetitelt, selbstbewusst, so richtig intelligent und schön, irgendwie besonders. Vor allem also, weil ich ICH bin.
In der konzentrierten Stille des Augenblicks erfahre ich mit jeder Faser, was ich eigentlich schon lange weiss: Das ist völliger Unsinn.
Denn nicht nur ich hab’ keine Ahnung, sondern die anderen AUCH nicht. Die meisten von uns lenken einfach sehr erfolgreich von ihrer latenten Verwirrung ab – vor allem sich selbst. Mit energischer Selbstoptimierung und einer kapitalen Portion Wind um alles Mögliche. Nur um der Frage «was das hier alles soll» zu entkommen. Aber operative Hektik ersetzt sehr oft geistige Windstille. Nicht wissen, ist meine Tür zur Kreativität geworden.
Seit ich knapp an einem Burnout mit heftigen Asthmaanfällen vorbei geschrammt bin, ist für mich Schluss, mit dem Druck alles richtig machen zu sollen und irgendwie in diese Schubladen passen zu müssen.
Es genügt, jeden Tag das Glück eines ganz gewöhnlichen, glasklaren Schrittes zu erfahren – nur eines einzigen. Atemzug für Atemzug will ich lernen, tiefer und tiefer mitten im Chaos, um Ungewissen zu wohnen, und das ganz alltägliche, das not-wendige zu tun. Kein Ahnung. Nur Mensch sein. Nichts Besonderes eben.

Das Meer ist nicht mehr …

„Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem.“ (Offenbarung 21, 1.-2a)
„Das Meer ist nicht mehr“
Diese Worte, die sich eine Nachbarin schon länger für ihre Beerdigung gewünscht hatte, treffen mich mitten in’s Herz. Vor ein Paar Tagen war es so weit und wir haben voneinander Abschied genommen. Abschied in einer Weite und Ehrlichkeit, wie ich es selten erlebt habe.
Wenn jemand mitten im Sterben voller Vertrauen und Gelassenheit sagen kann, das Meer des Lebens, in dem so viele den Grund nicht unter die Füsse bekommen, das Meer aus Fragen und Verwirrendem, in dem so viele fast ertrinken, dieses Meer der Ahnungslosigkeit und der widerstrebenden Gefühle, ist nicht mehr, …
So frei von Angst möchte ich auch einmal gehen können!
So klar, aufrecht, und selbstverständlich meine wirkliche Heimat hinter den Dingen ahnend, möchte ich auch einmal alles, was jetzt zu meinem Leben gehört, loslassen können ohne mich vor Schmerz und Trauer all zu sehr zu fürchten.
„Ich sah das neue Jerusalem“ war für unsere Nachbarin keine Floskel. Für sie war Heimat immer etwas weit jenseits von Landschaft, Gebäuden und Menschen und der Zeit.
Vielleicht war das der Grund, warum es ihr so unnachahmlich gelang, ganz nah und tief verwurzelt in Ihrer Landschaft, in ihrem Elternhaus und mit den ganz konkreten Menschen Ihrer heimatlichen Umgebung zu leben. Weil sie nicht an ihnen hing. Weil sie niemand halten, zurückhalten musste.
Eine zärtlich befreiende Kraft und Klarheit lag geheimnisvoll in jeder Begegnung – ohne dass es dafür Worte brauchte.
Ich hoffe, sie hat uns diese Kraft dagelassen – uns, die wir noch im Meer rudern und die wirkliche Heimat, die „neue Stadt“, das „neue Jerusalem“ bisher nur unseren Wünschen kennen.

Schweigen ist manchmal lauter als alles andere

Als vor 9 Jahren unser Neffe mit 3 ½ Jahren starb, ist – verständlicherweise – die ganze Familie mehr oder weniger durchgedreht. Als wir im Spital bei den Ärzten zur Besprechung sassen, wurde mir erschrocken bewusst, was jetzt mein Job ist: NICHT durchdrehen.

Wenn alle verrücktspielen, ist das zwar hilfreich, wenn es mittendrin einen gibt, der nicht durchdreht, der still ist. Es klingt auch schön. Einfach ist das aber nicht. Denn ich habe auch ja keine Ahnung und möchte am liebsten genauso durchdrehen, wie alle anderen. Trotzdem gibt’s im Grunde keine andere Wahl, als in all der Überforderung zu versuchen einen ruhigen Geist und ein waches Herz zu bewahren.

Das gilt für jeden.

Und es gilt in der aktuellen sozialen, ökologischen und vor allem weltpolitischen Lage. Vielleicht ist wache Gelassenheit, angesichts überwältigendem Wahnsinns, das Wertvollste was wir als Menschen und als Religionsgemeinschaften anbieten können.

Ich glaube, das ist unser Job als spirituell verwurzelte Menschen:

Uns zu fürchten, und uns trotzdem entschlossen zu erlauben, unerschrocken der leisen Macht unserer Seele zu folgen. Unserer ersten Muttersprache, der Sprache der Stille, zu vertrauen.

Still werden.

Nicht auf ewig.
Nicht immer.
Aber ein-, zweimal am Tag, jeden Tag, ein paar Minuten lang nicht sprechen, nicht lesen, nicht den Facebook-Status updaten, nicht mailen, … nur sein.

Und so, täglich, stündlich die ganze herausfordernd komplexe Wirklichkeit in Die geheimnisvoll schweigende Gegenwart legen – wie Priesterinnen und Priester.

Ja, ich weiss, man kann und darf nicht immer schweigen. Manchmal muss manaufstehen, eingreifen. Aber wer z.B. 1968 aufgestanden ist, und sich seitdem nicht mehr hingesetzt hat, den werden viele mit der Zeit längst ausgeblendet haben. Eben auch dann, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat.

Um gehört zu werden braucht es Stille.

Stell Dir vor, wir würden uns so verstehen.
Stell Dir vor, wir würden unsere Familien, unsere kleinen und grossen Gemeinschaften so verstehen.
Stell Dir vor, wir würden unsere Religionsgemeinschaften so verstehen.

Stell Dir vor, wir erlaubten uns zu werden, was wir im Herzen wirklich sind: ein Ort gelassener Unerschütterlichkeit und besonnener Klarheit.

Stell Dir vor, wir hätten den Mut uns zu fürchten,
und erlaubten uns deshalb, unerschrocken der leisen Macht unserer Seelen zu folgen, und lernten so Schritt für Schritt nicht durchzudrehen,
sondern dem geheimnisvollen Schweigen hinter den Dingen zu vertrauen.

Stell Dir vor, wir hätten tief verstanden,
dass unser Schweigen manchmal lauter, mächtiger sein kann, als alles andere.

Stell Dir vor, wir nähmen diesen Job ernst. Er ist nicht leicht.
Aber es gibt so viele, die auf uns warten.

Herr Wohllieb wartet auf ein Zeichen

Die folgende Geschichte ist nicht von mir, sondern von Susanne Niemeyer. Veröffentlicht wurde sie im Kalender „Der andere Advent 2015/1016“ des Vereins Tecum

Ich finde sie so wunderbar, dass ich sie hier posten muss. 

Als Herr Wohllieb Dienstag morgen erwachte, hatte sich ein grosses Loch aufgetan. Unten rauschten die Lastwagen. Gegenüber schüttelte eine Frau im dritten Stock ihren Teppich über den Köpfen der Fussgänger aus. Der Himmel war mittelgrau und die Leuchtreklame des Tabakladens blinkte unverdrossen. Es war Dezember. Alles war wie immer, nur dass plötzlich diese Frage vor ihm stand: „Was mache ich mit dem Rest meines Lebens?“ Sie war aufgetaucht, als Herr Wohllieb gründlich seine Zähne putzte und sich dabei routinemässig im Spiegel betrachtete. Sein Haar hatte sich für einen angenehmen Silberton entschieden, der mit dem Eisblau des Pyjamas korrespondierte, den er in allen geraden Wochen trug. (Für die ungeraden hatte er einen Mintgrünen, eine, wie er fand, etwas gewagte Farbe. Aber nachts sah ihn ja niemand.)

Die Frage verschwand auch beim Frühstück nicht. Gegen Mittag machte er sich daran, die Badezimmerfugen zu reinigen, um sich zu zerstreuen, aber die Frage blieb.

Gross und unüberhörbar stand sie im Raum und liess sich nicht ignorieren. Herr Wohllieb wunderte sich, denn normalerweise neigte er keinesfalls zu Grübeleien. Im Gegenteil, er schätzte sich als ausgesprochen nüchternen und unkomplizierten Zeitgenossen, dessen einzige Exzentrik darin bestand, sonntags ein weiches Frühstücksei mit 0rangenmarmelade zu essen. Über das Leben im Allgemeinen hatte er sich noch nie Gedanken gemacht.

Nach reiflicher Überlegung beschloss er, sich an Gott, den Allmächtigen, zu wenden. Auch wenn sie bisher noch nicht viel Kontakt miteinander hatten, nahm er an, dass er der richtige Ansprechpartner für derlei Dinge wäre.

„Herr Gott“, begann er, strich über sein Haar und straffte den Rücken, denn dies war ein ernster Moment. Er räusperte sich noch einmal und sprach in Richtung Zimmerdecke: „Was soll ich tun mit meinem Leben? Bitte sei so gut und gib mir ein Zeichen. Danke.“ Er zögerte kurz und fügte noch hinzu: „Dein Bernd“ Dann wartete er.

Aber Gott schwieg. „Merkwürdig“, murmelte Herr Wohllieb, denn er hatte mit einer raschen Reaktion gerechnet. Sein Fall lag ja nicht so kompliziert. „Ob er meine Nachricht nicht erhalten hat? so kompliziert. „Vielleicht ist er überlastet…“ Er verwarf den Gedanken schnell. „Wie albern“, schalt er sich, „überlastet. Der Allmächtige!“

Nach eingehender Betrachtung entschied er, dass es nur einen einzigen Grund für Gottes Schweigen geben konnte: Er dachte nach. Er, Gott, der Allmächtige, wollte für ihn, Bernd Wohllieb, eine perfekte, eine wahrhaft vollkommene Antwort finden. Der Gedanke liess ihn erröten. Sein Herz pochte schneller. Sollte er, Bernd Wohllieb, denn so wichtig sein? Das war doch nicht möglich! Er fuhr sich ein weiteres Mal durchs Haar und beschloss, eine Krawatte umzubinden.

Dann machte er einen Spaziergang, bei dem er jedem Passanten freundlich zunickte, denn auf keinen Fall wollte er, der offenkundig ein so bedeutender Mensch war, für hochnäsig gehalten werden. Auch die folgenden Tage blieben Tage des Schweigens. Gott dachte nach und Herr Wohllieb wollte ihn nicht stören.

Sorgsam ging er mit sich um, hielt sich höflich die Tür auf und achtete darauf, nicht mit sich selbst zu schimpfen, wie er es häufig tat, wenn er »Ich Dussel« murmelte oder »Jetzt reiss dich aber zusammen!“.

Wenn Gott, der Herr, ihn für so wichtig hielt, dass er bereits drei volle Tage über ihn nachdachte, dann sollte er es ihm nachtun und sich nicht für weniger wichtig halten.

Je länger Gottes schweigen dauerte, desto mehr Ehrfurcht bewirkte es in Herrn Wohllieb. Er bemerkte kaum, wie die Jahre vergingen. seine Haare wurden weiss und er verlor drei Zähne, die Lastwagen auf der Strasse wurden grösser und eines Morgens war die alte Leuchtreklame gegen eine moderne Schrift ausgetauscht.

Manchmal fiel ihm seine Frage dieses fernen Dienstagmorgens wieder ein. Dann sagte sich Herr Wohllieb: „Gott denkt über mich nach“ Und das beruhigte ihn so ungemein und es erfüllte ihn mit einer solchen Wärme, weil er wusste, zwischen Gott, dem Herrn, und ihm, dem alten Herrn Wohllieb, gab es so etwas wie ein stilles Einvernehmen. Und das war möglicherweise Antwort genug.

 

Es geht vermutlich wirklich nicht nur darum, was man tut, sondern vor allem, wie man es tut. Ob man sich zum Beispiel die Haare nun abrasiert, ob man sie färbt, oder nach links kämmt, mag keine Rolle spielen. Wie man es macht, aber schon.

Im Zen kennt man die Geschichte eines jungen Mönches, der den alten Meister fragt, wie er denn Erleuchtung erlangen könne. Der Meister fragt ihn: „Hast Du schon gegessen?“ Der Schüler antwortet erstaunt mit „ja“. Darauf der Meister: „Dann geh und wasche Deine Essschalen.“ 

Es sind die alltäglichen Dinge, auf die es ankommt. Die Achtsamkeit im Kleinen hat die Kraft, eben nicht nur die kleinen Dinge, sondern mit ihnen den ganzen Alltag, damit uns selbst, und mit uns die ganze Welt, zu verwandeln. Denn sie verwandelt den Blick auf das, was wir tun und den Blick auf uns und unsere Wirklichkeit. Ganz wach die unerschütterliche Stille allen Lebens zulassen, oder anders formuliert: dankbar im Schweigen Gottes zu wohnen, das ist der Weg der Achtsamkeit. Auf einmal zeigen sich die unscheinbaren, kleinen Dinge in ihrer ganzen Kostbarkeit und öffnen den Blick für ihre und für meine Einzigartigkeit und, auf eine geheimnisvoll selbstverständliche Art, auch für die Heiligkeit dieses unwiederbringlichen Augenblickes im dem das ganze Leben wurzelt. 

 

„Loset Sie, Mössiö…“

Mit grimmiger Miene und einem Gehstock in der Faust kam sie, eine entschlossen ältere Dame um die 80, auf mich zu und forderte unmissverständlich und mit der im Grunde äusserst helvetischen Eröffnungsformel: „Loset Sie, Mössiö!“ meine Aufmerksamkeit ein.
Ich hatte eben eine Debatte mit einem älteren Herrn geführt, der sich darüber beschwerte, dass wir zu Weihnachten in unserer Pfarrkirche keine Eucharistiefeier anböten.
Von der Dame mit dem Stock erwartete ich nun eine ähnliche, katholische Schelte – doch weit gefehlt.
„Lassen Sie das mit dem dummen Baby in der Kirche! Was soll das an Weihnachten mit diesem Kind. Das hat doch nichts mit Weihnachten zu tun. Das isch doch e seich, mit däm Ching und dere Chrippe!“
Ich bin mir nicht ganz sicher, wann ich zum letzten Mal so grosse Augen gemacht hatte. Noch während ich versuchte mich zu sammeln, schwang sie ihren Stock in der Luft und fuhr mit kräftiger, entrüsteter Stimme weiter: „Das ist doch kein Wunder, dass da ein Kind geboren wurde, damals in Palästina! Aber dass der ein Revolutionär wurde, und dass er das so grundlegend gemacht hat, dass wir heute noch darüber reden, DAS ist für mich ein Wunder! Säget Sie das de Lüt, Mössiö, säget Sie ihne das!“
Ich war nun wirklich sprachlos. Das hatte ich von diesen 80 katholischen Lebensjahren nicht erwartet.
Die alte Dame hat mit der Wucht ihrer Entrüstung mein Herz getroffen. Seltsam verwandt fühle ich mich ihrer Empfindungen, denn ich habe die romantische Überhöhung von Advent und Weihnachten, von Familie und Geburt noch nie wirklich gemocht. Was sich vor dem banal-gesellschaftlichen Auge, in dem Kind in der Krippe auf tragisch-kitschige Art konzentriert, hat für mich nicht wirklich etwas mit dem wahren Segen von Weihnachten zu tun. Viel eher schon mit einem Weihnachtsfluch. Denn die Erwartung von Jahresendromantik und heiler Wirklichkeit, ist in den meisten Fällen genau der Grund für das gerade Gegenteil der tieferen Sehnsucht unseres Lebens. Wie alle überhöhten Erwartungen trägt auch dieser Weihnachtliche heile-Welt-Zwang erschreckend zerstörerisches Potential in sich.
Er lässt uns an der irren Illusion festhalten, es gäbe ein heiles Leben ohne Bruch. Das ist nun nicht nur gelogen, sondern im buchstäblichen Sinn des Wortes von Herzen gefährlich. Denn dieses schräge Bild von Wirklichkeit zerfrist unser Herz, wenn wir es mit dem vergleichen, was tatsächlich unser Leben ist.
So gesehen stimme ich meiner neuen Freundin mit dem agilen Stock aus ganzer Seele zu.
Allerdings meine ich, in dem Bild vom Kind in der Krippe gibt es noch etwas anderes zu sehen, als nur eine oberflächlich heile Welt.
Was da geboren wird ist nämlich tatsächlich revolutionär – und das viel tiefer, als es ein Mensch allein je sein kann. Was da geboren wird, ist das wirkliche Gesicht des Menschen, der wahre Mensch ohne Rang und Nahmen, die Menschlichkeit, das Menschsein schlechthin.
Und was das bedeutet, das erfährt, wer am 24. und 25. Dezember bei uns in der Kirche St. Niklaus vorbei schaut…

Heimweh nach Himmel

Im Grunde sind wir alle krank vor Heimweh. Heimweh nach unserer wirklichen Heimat: Wir haben Heimweh nach dem Himmel.
Weil Heimweh – wie es der Name ja sagt – weh tut, versuchen wir etwas dagegen zu unternehmen. Aber in der Regel haben wir damit keinen Erfolg. Auch sich zu erinnern, wie es „zu Hause“ riecht, wie sich unser Körper fühlt, wie weit unsere Seele dort wird, fällt uns schwer, weil die Erinnerung mit jedem Jahr, in dem wir uns fern dieser Heimat fühlen, mehr und mehr verblasst.
Von Landschaften kann man Fotos machen, die helfen, sich zu erinnern. Von Menschen, bei denen man sich zu Hause fühlt ebenso. Aber von unserer wahren Heimat, von unserem Ursprung, gibt es keine Bilder.
Der Versuch sich vom Heimweh abzulenken kostet uns eine Menge Kraft und oft auch Geld. Am Ende bleibt das Heimweh hinter allem stehen und färbt das ganze Leben mit seiner Sehnsucht nach etwas scheinbar unerfüllbaren.
Das muss aber nicht so bleiben.
Es gibt ein Tor, genauer ein torloses Tor, das uns auf direktem Weg dorthin führt woher wir kommen.
Wir tragen es in uns – ungeachtet dessen, wo wir sind und wie wir uns fühlen. Deshalb steht es uns an jedem Ort dieser Welt zur Verfügung. Und deshalb steht uns auch unsere wirklich Heimat, der „Ort“ unserer Sehnsucht in jedem Augenblick und an jedem Ort der Welt offen.
Das Tor ist die Stille. Nicht das Fehlen jeglichen Klangs, jeglichen Geräusches. Es geht um die Stille, zu der wir selber werden, wenn wir zulassen, dass unser Herz still wird. Sie ist so etwas wie die Muttersprache unsere Seele. Weil sie keine Form hat, keine Farbe, keine Grenze, keinen Geschmack, ist die leere, tiefe, weite Stille des Alls nicht von dieser Welt. Sie ist der Klang der wahren Wirklichkeit.

Dieses Tor durchschreiten wir genau dann, wenn wir unser Herz von „Senden“ auf „Empfang“ schalten. Wenn das innere Plappern in den Hintergrund tritt, erfahren wir, dass die Leinwand, auf der sich unser ganzes Leben abspielt, unsere Dramen und unser Glück, reine, gegenwärtige Stille ist. Schon immer – und unauslöschlich. Dort sind wir zu Hause – selbst dann, wenn wir uns ganz verloren fühlen.
Die Stille ist das Tor.