Wie ein Kiesel im Bachbett …

Wenn die Corona-Pandemie irgendwann einmal vorbei ist, wird man mich vermutlich erst ganz vorsichtig wieder auswildern müssen. Denn ich fürchte, dass ich das Tempo, das wir vorher hatten und den Umgang mit der Überfülle an Dingen, von denen wir glaubten, sie seien nötig, gar nicht mehr kann. Aber das ist – bei aller Tragik und bei allen existenziellen Herausforderungen, vor die diese Zeit uns stellt – für mich auch die eigentliche, positive Seite der Pandemie. Sie zwingt uns nicht nur, sie erlaubt uns wieder von Grund auf zu lernen, was es bedeuten kann, ganz zu Hause zu sein. Auch, ganz bei mir zu Hause zu sein. Das kann ein grosser Gewinn sein. Weil Menschen, die ganz bei sich zu Hause sind, es mit ihrer Art des Daseins auch anderen, die es vielleicht gerade eher durcheinanderwirbelt, leichter machen können, den Weg nach Hause zu finden. Das wiederum ist eigentlich eine Uraufgabe von Religion: Uns gegenseitig auf dem Nachhauseweg zu begleiten. Dabei gibt es in praktisch allen Religionen Wege und Hinweise, die uns dabei helfen wollen. Man kann sie fast alle, wenn man jeden Lokalkolorit und die Färbungen der Zeit weglässt, zusammenfassen unter dem grossen Weg der Stille. Es geht ums nur Sitzen, nur Schweigen, nur Gehen, nur Stehen, einfach nur Sein – und damit ums Eintauchen in die kraftvolle Stille des Augenblicks. Der Einstieg in diesen erfüllten Augenblick findet sich für die meisten von uns in der Natur. Sie ist die grosse Lehrmeisterin des Lebens. Sie macht es leichter, wieder auf den Boden zu kommen – und sie zeigt in unzähligen Details, wie Heimkommen wirklich geht. 

In der Spiritualität spricht man gern davon, dass es sich lohnt, zu beten, zu sitzen, zu sein, wie ein Kiesel im Bachbett. Ganz gegenwärtig, ganz auf den Grund gesunken, frei von Furcht, sich nicht wehrend gegen das, was als Bach, als Leben über mich hinwegfliesst. Das Leben ziehen lassen – für einen Augenblick. Und gleichzeitig ganz darin versunken, geborgen zu sein. Mag sein, dass es mich manchmal hin und her reisst. Vielleicht schleift es mir dabei auch die eine oder andere Kante ab (was ja nicht das Schlechteste wäre). Aber egal wie sehr mich das Leben an meiner Oberfläche berührt, egal wie heftig mich das Wasser umspült, so sehr erfahre ich, dass ich im Innersten nicht nass werden kann. Wenn ich mir Stille schenke, kann ich erfahren, dass es in mir einen Bereich gibt, der geheimnisvoll geschützt ist – ungeachtet dessen, was geschieht. 

Es ist ein grosser Unterschied, ob mir das jemand erzählt, ob ich es irgendwo lese, oder ob ich mir diese Erfahrung auch erlaube. Deshalb ist es so wichtig, sich wirklich auf das eigene Leben und auf diesen Moment meines Daseins einzulassen. Still werden, sein, gegenwärtig, wie ein Kiesel im Bach.  

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Mit Gott zu Mittag gegessen …

Es war einmal ein kleiner Junge, der unbedingt Gott treffen wollte. Er war sich darüber bewusst, dass der Weg zu dem Ort, an dem Gott lebte, ein sehr langer war. Also packte er sich einen Rucksack voll mit einigen Getränkedosen, einem Butterbrot und mehreren Schokoladenriegeln, und machte sich auf die Reise.

Er lief eine ganze Weile, bis er in einen kleinen Park kam. Es war recht schön dort. Der Park war einer von den Orten, an denen man sich frei und gleichzeitig sicher fühlte. Auf einer der Bänke am Rand einer grossen Wiese sah er eine alte Frau sitzen, die den Tauben zuschaute, wie sie vor ihr nach Futter auf dem Boden suchten.

Der kleine Junge setzte sich zu der Frau auf die Bank. Nachdem sie einige Zeit gemeinsam geschwiegen und den Tauben zugesehen hatten, und öffnete er seinen Rucksack. Er wollte sich gerade etwas zu trinken herausholen, als er den hungrigen Blick der alten Frau sah. Also griff er zu einem Schokoriegel und reichte ihn ihr.

Dankbar nahm sie das süsse Stück und lächelte ihn an. Es war ein wundervolles Lächeln! Er wollte dieses Lächeln noch einmal sehen und bot ihr auch etwas zu trinken an.

Sie nahm die Dose und lächelte wieder – noch strahlender als zuvor. Der Junge war selig.

Die beiden sassen den ganzen Nachmittag lang auf der Bank im Park, assen Schokoriegel und tranken aus den Dosen – aber sprachen kein Wort.

Als es dunkel wurde, spürte der Junge, wie müde er war und beschloss, zurück nach Hause zu gehen. Nach einigen Schritte hielt er inne und drehte sich um. Er ging nocheinmal zu seiner neuen „alten“ Freundin zurück und umarmte sie.

Sie schenkte ihm dafür ihr allerschönstes Lächeln.

Zu Hause sah seine Mutter eine stille, aber unerschütterliche Freude in seinem Gesicht und fragte: „Was hast du denn heute Schönes gemacht, dass du so fröhlich aussiehst?“

Der kleine Junge antwortete: „Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen – und sie hat ein wundervolles Lächeln!“

Auch die alte Frau war mittlerweile nach Hause gegangen, wo ihr Sohn schon auf sie wartete. Auch er fragte sie, warum sie so fröhlich aussah.

Sie antwortete: „Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen – und er ist viel jünger, als ich gedacht habe.“       (VerfasserIn unbekannt)

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Nutzen Sie die Fastenzeit (und jede andere Minute ihres Lebens) um sich für die unerwartete Gegenwart Gottes zu öffnen. Oder anders ausgedrückt: Erwarten Sie nichts, aber rechnen Sie mit allem!                                                                                                      Karl H. Scholz

Bekenntnis …

„Das EINE ist meine wahre Natur
und die Natur aller Wesen.
ES ist zeitlos und unwandelbar,
ES entfaltet sich in der Zeit. 
ES offenbart sich als diese Form, die ich bin.

ES entstand nicht bei meiner Geburt,
ES vergeht nicht im Tod.
ES ist weder gut noch böse
und mit nichts vergleichbar.
ES ist wie der Ozean,
der unverändert bleibt,
auch wenn er Millionen von Wellen wirft.

Dieses EINE ist der Urgrund aller Dinge.
ES ist unendlich.
ES hat nie angefangen
und ES hört niemals auf,
denn ES kennt keine Zeit.
ES ist gleichsam der <Zeuge>,
der hinter allen Handlungen steht.
Als dieser <Zeuge> ist ES mein wahres Wesen.

ES übersteigt alle Theologie, Philosophie,
Theodizee und Metaphysik.
ES hat nichts mit Glauben zu tun. 
ES lässt sich nur erfahren.
ES ist das grenzenlose, absolute Jetzt.

Aus diesem absoluten Jetzt
steigen die vielen Formen
und Wesen des Universums auf
wie aus einem unendlich tiefen,
nie versiegenden Brunnen.

ES ist die Ursache der Ursache der Ursache,
aber nicht im Sinn von Ursache und Wirkung.
ES ist das <Nichts>, das sich immer wieder neu ausformt. Alle Dinge und alle Lebewesen – und auch wir Menschen –  bestehen aus dem reinen, ursprünglichen Nichts.

Wir sind eine Form des Nichts,
so wie ein goldener Ring die Form des Goldes ist.
Der Ring ist nicht das Gold und das Gold ist nicht der Ring –
aber als Ring aus Gold sind sie eins.
Das Gold gibt dem Ring die Existenz,
bleibt aber davon unberührt.

So bestehen Menschen,
Tiere, Bäume, Blumen,
Steine, Wasser, Berge,
Planeten, Monde, Sonnen,
Spiralnebel und wir selbst,
unsere Gefühle, Gedanken und Intentionen 
aus dem EINEN.
Das EINE ist gleichsam unser Familienname.
Wir sind alle von dieser <einen Familie>.
ES ist der Nenner, an dem alle Zähler partizipieren.

Da wir dieses EINE sind,
sind wir auch nicht entstanden
und werden nicht vergehen.
Unser wahres Wesen ist ungeboren und unsterblich.
ES war immer schon da –
nur die Form ändert sich in jedem Augenblick!
So wie die Wellen immer ihre Form verändern 
und doch der gleiche Ozean bleiben. 
ES ist nicht immer die gleiche Welle,
aber immer das gleiche Wasser.
Das EINE bleibt immer gleich
und wandelt sich nie.

Die äußere Form wird sterben,
aber was wir zutiefst sind
ist unvergänglich und unzerstörbar.
ES entsteht nicht bei unserer Geburt.
ES grenzt sich nur ein in diese Form.
ES geht im Tod nicht unter,
ES verliert nur diese Form.

Auch wenn es Menschen gibt;
die Erinnerungen haben,
als hätten sie schon einmal
oder gar mehrmals gelebt,
wäre ES immer nur dieser Urgrund,
der die vielen Erfahrungen macht.
Die äußere Form wird sterben,
aber was wir wirklich sind,
kennt keine Zeit.

Wir tragen das Gesicht des EINEN.
ES lässt sich auch hinter dem Bösen nicht verbergen.
Wenn Du im EINEN ankommst,
wirst du ES wiedererkennen.
ES ist dir urvertraut.
Dann wirst du wissen,
dass ES immer dasselbe war,
schon vor deiner Geburt,
vor der Geburt deiner Eltern,
vor ewigen Zeiten
und am Ende der Welt.

Die Welt mag untergehen,
doch auch als Untergang manifestiert sich das EINE. Untergang ist nie Untergang,
sondern Fortgang auf einer anderen Ebene und Neubeginn.

In der tiefen spirituellen Erfahrung
werden wir gewahr,
dass ES selbst ganz still ist
und nur die äußeren Formen kommen und gehen.
Dann endlich erkennen wir,
dass wir uns immer schon gekannt haben
und entdecken,
dass wir wiedergefunden haben,
was wir immer schon gewusst
und nur vergessen hatten.
ES gibt nur das zeitlose Jetzt.

Wer in diese Erfahrung gelangt,
erfährt sich als Einheit, Verbundenheit und Liebe.
Diese Liebe führt zu Gemeinschaft mit allem und jedem.
Sie zeigt sich als Sinn unseres Menschseins.
Sie führt zurück zu den Menschen in den Alltag.
Sie lässt das Leben neu begreifen
und deutet den Sinn unserer kurzen Lebenszeit
in diesem zeitlosen Universum.“

(Willigis Jäger OSB)

Wie gerne finde ich mich in dieser Formulierung wieder …

Gut sagen …

Viele Menschen erfahren ein Gefühl der Trennung
und Isolierung sowie damit zusammenhängend
Zurückweisung, Enttäuschung und Vereinsamung.
Wenn du gerade in solcher Weise leidest,
bete für denjenigen, der dich ausgeschlossen hat.
Sende ihm positive Energie und gute Wünsche.
Sich zu entscheiden, nicht zu hassen,
ist die einzige Form der Rache, die keine
offenen Wunden in deinem Herzen hinterlässt.
Wenn du einen Menschen triffst, der dich nervt,
dann sage dir: »Genau wie ich macht er das alles
nur, um seine Familie zu ernähren.
Genau wie ich macht er das alles nur, um glücklich zu sein.
Ihm geht es auch nicht besser als mir.
Bestimmt hat er Probleme, unter denen er leidet
und von denen sonst niemand weiß.«
Wenn du einen Menschen triffst,
der dich grundlos ärgert oder
irrational handelt, dann sage dir:
»Die Welt ist groß und grenzenlos,
und voll von eigenartigen Geschöpfen.«

(Haemin Sunim)

Jemandem positive Energie zu senden, heisst nichts anderes, als ihn zu segnen. Das lateinische Wort „Benediktion“ für „Segen“ bedeutet übersetzt in etwa: „Gutes sagen“. Jemandem etwas „Gutes zusagen“; jemandem „Gut sagen“, statt „wüest!“.

Ich finde das bemerkenswert, denn es heisst auch, dass ich damit nicht nur einen Menschen „Gut sage“, und ihn damit im Licht des Guten sehen möchte. Es heisst auch, dass ich damit meinen Blickwinkel ändere, aus dem ich ihn betrachte.

Nach meiner Erfahrung ist es aber genau mein Blickwinkel, der meine Wirklichkeit bestimmt. In dem ich beginne diesen Blick zu weiten, und die Menschen und Dinge aus meinen engen Bewertungen frei zu lassen, kann etwas beginnen zu heilen. Dort öffnet sich der Raum in dem die Wunder geschehen.

Den Schritt finden …

_KHS3069„Der Mensch wünscht sich einen Himmel, in dem es kein schlechtes Wetter, keine Zahnschmerzen, keine Erdbeben, Überschwemmungen, Kriege, Feindschaften und Probleme gibt. Aber es gibt nichts ausserhalb dieses Urprinzips. Es ist alles eingeschlossen, was sich da in uns und um uns vollzieht, auch Leid, Krieg und Tod. Es gibt nichts ausser diesem göttlichen Tanz. „Religiös sein“ heisst, mitzutanzen und sich als Tänzerin oder Tänzer und als Tanz zu erfahren. Es fehlt uns leider oft die Leichtigkeit des Lebens. Die Leichtigkeit des Tanzes, die Leichtigkeit des Kommens und Gehens, des Geborenwerdens und Sterbens. Wir sind schlechte TänzerInnen. Wir möchten immer den Schritt machen, der nicht dran ist. Dadurch verhaspeln wir uns, treten uns und anderen auf die Zehen.“      (Williges Jäger)

Ich wünsche mir sehr, dass wir durch diese Zeit zu dem Geheimnis zurückfinden, in dem uns die Stille des Augenblicks lehrt, welcher Schritt dran ist, und welcher nicht…

Gut, oder doch schlecht?

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<<Vor langer Zeit lebte ein alter Mann, der Pferde züchtete. Seine Pferde waren sehr bekannt und wurden zu hohen Preisen gehandelt. Eines Tages lief ihm sein edelster Zuchthengst davon. Die Nachricht dieses unschätzbaren Verlustes verbreitete sich in Windeseile. Alle Nachbarn kamen, um den Pferdezüchter zu trösten, weil sie wussten, wie sehr er an seinem Pferd hing. Sie bedauerten ihn so, als ob es ihr eigenes Unglück wäre. Er aber antwortete gelassen: «Nun ja, macht Euch keine Sorgen! Was man besitzt, wird man irgendwann auch wieder verlieren. Aber wenn man etwas verliert, gewinnt man auch etwas, oder?»
Tatsächlich, es kam genauso. Einige Tage später kehrte der Hengst zurück – und er kam nicht allein. Mit ihm kam eine bildschöne Stute. Selbst Leute, die nichts von Pferden verstanden, sahen sofort, dass diese Stute etwas ganz Besonderes war. «Was für ein Glück!», freuten sich nun die mitfühlenden Nachbarn. «Anstatt ein Pferd zu verlieren, hast du jetzt sogar ein wunderschönes Tier dazugewonnen. Wie schön für dich!»
Wieder antwortete der alte Mann gelassen: «Nun ja, wenn es Gewinn gibt, gibt es auch Verlust, oder? Deshalb gibt es nicht nur Grund zur Freude.»
Nach einigen Tagen wurde sein Sohn beim Zureiten von der Stute abgeworfen. Er fiel so unglücklich, dass er sich dabei ein Bein brach. Obwohl der Bruch sofort gut versorgt und so gut es ging eingerichtet wurde, konnte er danach sein Bein nie mehr richtig bewegen. Der Sohn war das einzige Kind des alten Mannes und er liebte ihn innig. Später einmal, so war der Plan, sollte er die Pferdezucht übernehmen. Aber wie sollte das nun gehen, mit dem lahmen Bein? Alle waren sehr traurig über diesen schweren Schlag des Schicksals – nur der alte Mann selbst sagte voller Gelassenheit: «Wer weiss, ob dies wirklich ein Unglück ist?»
Einige Jahre später herrschte Krieg im Land. Alle jungen Männer wurden eingezogen. Die meisten von ihnen kamen nicht mehr zurück. Nur der Sohn des alten Mannes blieb verschont, weil ein Soldat mit einem lahmen Bein im Krieg nichts nützt…>>
Gut, schlecht, Glück, Unglück, – woher sollen wir im Moment des Geschehens wissen, wohin uns die Dinge führen? Offen zu bleiben, und vertrauensvoll frei, ist das einzige, was wir tun können, um im Augenblick das Stimmige zu tun.
Also: keine Panik, ganz gleich, was geschieht. Oder biblisch ausgedrück: „Habt keine Angst.“

Nichts ist unter Kontrolle – aber alles ist gehalten.

Es brauchte nicht viel, um alle unsere Pläne durcheinander zu bringen. Eine winzige, praktisch unsichtbare Veränderung, die Mutation eines geruchlosen, lautlosen Teils des Kosmos reichte aus, um die menschliche Welt innerhalb weniger Wochen zu einer Vollbremsung mit verheerenden Folgen zu zwingen. Jahrhunderte an Forschung, Wissenschaft, Entwicklung und planerischer Kunst, wurden einfach durch eine mikroskopische Kugel mit dem technischen Namen SARS-CoV-2 ausgehebelt.

Der Kosmos lässt uns spüren, dass seine Ordnung das Chaos ist.
Das haben wir vergessen. In all den Jahren des oft menschenverachtend «Machbaren», der Versicherungen und der Planbarkeiten, haben wir völlig aus den Augen verloren, dass das Leben zwar sehr geduldig ist, sich aber niemals kontrollieren lässt.

Nichts ist unter Kontrolle.

Aber alles ist gehalten!

Ich sage das nicht einfach so dahin. Und ich sage es auch nicht nur, weil ich in der Bibel mehr als 300 Mal lese: «Fürchte Dich nicht!», «Hab keine Angst!»
Nein. Ich sage es, weil ich es spüren kann.

Wenn es mir gelingt, meine Angst und Hilflosigkeit radikal anzuerkennen, wenn ich mich aufrichtig neben mein Fürchten und meine Unsicherheit setzen kann, um Atemzug für Atemzug in die Stille einzutauchen, wenn ich damit meiner Seele erlaube, sich aufzurichten und sich mit allem zu verbinden, was ist, dann kann ich es spüren.

Nichts ist unter Kontrolle,
aber alles ist gehalten.

Glauben Sie mir nicht!
Überprüfen Sie es selbst.
Sie werden sehen: Alles ist gehalten.

Vielleicht ist das die Herausforderung, nicht nur der vergangenen und der kommenden Tage, sondern unserer Zeit, dass wir dies neu lernen: Uns, frei von Furcht, der Komplexität des Lebens zu öffnen, und demütig die uralte, tragende Ordnung des Lebens neu zu entdecken. Die Ordnung, die unserem Kosmos seinen Namen gab, und die uns in jedem verdankten Herzschlag zeigt, wo unser Platz im Ganzen ist und wo es uns braucht.

Das wäre das tiefste Ostern, das ich mir vorstellen kann. Es wäre eine Auferstehung am eigenen Leib. Eine, die uns wieder mit der Urkraft des Lebens in seiner ganzen, schrägen Überfülle verbindet.

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Vom Einsetzen und Hinsetzen

Einschränkungen sind meistens hart. Sie entsprechen nicht unserem ersten Impuls, mit Herausforderungen umzugehen. Sie fordern die unmodernste und daher ungewohnteste aller innerer Bewegungen: etwas sein zu lassen. Einen Zustand verändern zu wollen, in dem wir versuchen etwas gegen ihn zu tun, liegt uns viel näher. Aber buchstäblich NICHTS zu tun, mit allem aufzuhören, sich still zu verhalten, still zu werden? Das wirkt absurd und sinnlos. Doch das ist es ganz und gar nicht. Das können/müssen wir in diesen Tagen lernen.

Ich möchte nicht sagen, dass der leidliche Virus da ist, um uns etwas beizubringen. Von der Idee, dass er uns gar geschickt wurde, dass die Natur oder eine Gottheit dem Menschen diese Massregelung schickt, halte ich nichts. Ich sage lieber, er ist da. So, wie der Himmel da ist, oder der Frühling, die Krokusse, oder der Marderschiss vor unserem Haus.  Er ist da, so wie ich auch. Das lässt sich nicht leugnen.

Aber das bedeutet nicht, dass wir neben all den Unannehmlichkeiten und den Leiden, die seine Präsenz hervorruft, nicht auch etwas durch ihn gewinnen, oder lernen können.

In der Natur lässt sich im Augenblick etwas Ungeheuerliches beobachten. Wo die menschlichen Aktivitäten massiv zurückgefahren wurden, haben Tiere, Gewässer, Luft und Pflanzen in aussergewöhnlich kurzer Zeit begonnen, sich zu erholen. Wir konnten das an den Aufnahmen der NASA zur Luftverschmutzung über Chinas Städten ebenso beobachten, wie in den glasklaren Kanälen Venedigs und an den Delfinen im Hafen von Cagliari.

Sobald wir die Dinge in Ruhe lassen und nur schon einen Augenblick die Stille wirken lassen, beginnen die Selbstheilungskräfte des Lebens, die Dinge wieder neu zu ordnen – eben ganz ohne unser zu-TUN.

Nun wäre es völlig daneben zu glauben, wir müssten ÜBERALL nur unsere Finger heraushalten, die Füsse still halten, gar nichts mehr tun, und alles würde gut. Für die Situation von Flüchtlingen weltweit wäre das ebenso fatal, wie für jeden, der jetzt medizinische oder, psychologische Hilfe braucht. Die Kunst ist, zu wissen, was wann zu tun ist. Und hier kommt, wenn Sie das so wollen, die Lehre des Virus in’s Spiel.

Wie finden wir heraus, wann wir uns einsetzen, und wann wir uns hinsetzen müssen?
Wie kann ich wissen, wo es mein Tun braucht – und wo mein Schweigen?

Ich glaube, dass es dafür keine allgemeine Regel gibt. Aber ich erfahre immer wieder, dass wir dafür alle einen ausgesprochen feinen Sensor in uns tragen, der sich zwar nicht bestechen, wohl aber leicht übertönen lässt.

Der Knackpunkt ist in meinem Fall die Stille. Wenn ich mir regelmässig erlaube, einfach da zu sein und nichts zu tun, nur zu sein, öffnet sich ein Raum, in dem ich diesen «Sensor» nicht mehr so leicht ausblenden kann – ihn gar nicht mehr so einfach ausblenden WILL. Es wird ganz natürlich, das notwendige zu tun – bzw. das überflüssige zu lassen. Und plötzlich wird es schön, das zu tun, was zu tun ist. Vor allem die einfachen Dinge. Manchmal zeigt sich dadurch sogar das «sein-lassen» als notwenigstes und wirksamstes Tun, das sich schenken lässt.

Die Zeit der äusseren Einschränkungen lässt sich tiefer nutzen, um das momentan erzwungene, aber bitter nötige «Hinsetzen» zum Erlauben von innerer Stille werden zu lassen. Täglich, für ein paar Minuten nur. Aber immer wieder. Vertrauensvoll. Ganz gegenwärtig.

Stille ordnet das Herz, klärt die geistigen Kanäle, reinigt die Luft in den Lungen und zwischen den Gedanken. Und sie macht lebendig – alles: das Tun und das Lassen.

 

«Geh ich zeitig in die Leere
Komm ich aus der Leere voll.
Wenn ich mit dem Nichts verkehre
Weiß ich wieder, was ich soll.

Wenn ich liebe, wenn ich fühle,
Ist es eben auch Verschleiß
Aber dann, in der Kühle
Werd‘ ich wieder heiß.»

(aus den Buckower Elegien 1953, Bertold Brecht)

Karl H. Scholz

 

Bleib g’sund …

Für Menschlichkeit
einstehen

es riskieren
zu verlieren

nicht alles
haben müssen

sich trauen
den Kürzeren zu ziehen

mutig
für seine Überzeugung
einstehen

die eigenen Werte
nicht verraten

sensible für die
eigene Verletzbarkeit
den anderen achten

sein Herz nicht
hart machen

angreifbar bleiben
wie ein Schaf
unter Wölfen

und das Leben gewinnen.

(Almut Haneberg)

 

Seit einigen Tagen erleben wir, wie unser bislang gewohntes und sicheres Leben immer mehr durcheinander gerät. Schulen, Universitäten, ja ganze Länder werden geschlossen, Reisen untersagt, die Regale leer gekauft und überall erhöhte Hygienemaßßnahmen angeordnet. Es fällt uns nicht leicht zu sehen, was von den zahlreichen Aktionen sachlich wirklich sinnvoll ist und was Ausdruck von Angst, ja Panik ist. So reagieren manche von uns mit Schulterzucken und Unverständnis, andere jedoch mit panischen Hamsterkäufen und Rückzug in die eigenen vier Wände. Deswegen ist es an der Zeit, ganz persönlich innezuhalten um nachzuspüren und zu überlegen, in welcher sachlichen und emotionalen Situation ich mich gerade befinde. Sowohl Schulterzucken, oder panischer Rückzug mit Horrorszenarien sind als Extremvarianten nachvollziehbar. Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass dies eben nicht zu den adäquaten Reaktionen gehört. Beide Verhaltensweisen zeigen nämlich wenig Kontakt zur Realität, indem sie diese entweder ignorieren, oder aber unsere Verbindung und Vernetzung mit anderen Menschen ausser Acht lassen. Was also tun? Auf der einen Seite ist es wichtig, sich dem Wissen und Anordnungen von Experten und Behörden zu fügen, um die weitere Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Damit wir jedoch unsere Mitmenschen und uns selbst nicht aus den Augen verlieren und in Panik geraten, sollten wir uns ganz bewusst der Angst stellen. Wenn diese Angst unbeachtet zur Panik wird, macht sie uns blind. Blind für die Mitmenschen und die eigentliche Sachlage. Ja, es ist richtig, dass uns gerade diese Situation vor Augen führt, wie fragil nicht nur unsere Gesundheits- und Wirtschaftssysteme sind, sondern vor allem wir selbst. Trotz zahlreicher Errungenschaften erleben wir, dass wir das Leben nicht unter Kontrolle haben. Das bedeutet auch, dass es – allen Massnahmen zum Trotz – keine absolute Sicherheit geben kann und geben wird. Wir sind immer schon auf das aufmerksame und besonnene Entgegenkommen unserer Mitmenschen angewiesen. Dies funktioniert aber nur dann wirklich, wenn wir selber in der Lage bleiben, uns besonnen und entgegenkommend zu verhalten. Es gibt keinen 100%igen Schutz, weil wir die Unterstützung, Hilfe und evtl. auch Pflege der anderen benötigen. Somit wird von uns allen Umsichtigkeit verlangt, eine Haltung, welche die Angst nicht negiert oder herunterspielt, sondern sich geradezu darin zeigt, die persönliche und kollektive Angst in eine neue Haltung zu verwandeln, die sich als eine erhöhte Aufmerksamkeit, Wachheit und Mitmenschlichkeit zeigt. Wir dürfen gerade mehr denn je lernen, ganz im Ungewissen zu Hause zu sein. Uns ganz tragen zu lassen – ohne den Verstand auszuschalten. Gottesgegenwärtig, einfach und aufrichtig unseren Weg in der Komplexität des Lebens zu gehen. Welch eine Herausforderung für den Alltag unserer kontemplativen Haltung!

(nach A. Poraj)

 

Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.

Und halte den Koffer bereit.
Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

(aus: Die paar leuchtenden Jahre)
Mascha Kaleko