
Ein Koan …
Also, ich muss ehrlich sagen: Als mir dieser Satz zum ersten Mal begegnet ist – „Tag für Tag, guter Tag“ – da hab ich gedacht, na, das ist ja schön einfach. Das kann ja jeder. Und dann hab ich eine Weile draufgeschaut. Und dann noch eine Weile. Und dann bin ich in die Küche gegangen und hab mir einen Kaffee gemacht. Und dann hab ich wieder draufgeschaut.
Und der Satz schaut zurück.
Das ist das Unangenehme an diesen Zen-Sachen. Die lassen einem keine Ruhe. Die sitzen da wie ein alter Onkel im Fauteuil, der einen ansieht und gar nichts sagt, und man wird immer nervöser und fängt an zu reden, und je mehr man redet, desto stiller sitzt der Onkel, und irgendwann – irgendwann wird man auch still. Und dann ist es plötzlich sehr schön.
„Tag für Tag, guter Tag.“ Das sagt Yunmen, ein chinesischer Mönch, der schon seit über tausend Jahren tot ist, und trotzdem sitzt er mir heute früh in der alten Kaplanei gegenüber und schaut mich an.
Yunmen hat diesen Satz nicht gesagt, weil das Leben so schön ist. Er hat ihn auch nicht gesagt, weil es ihm immer gut gegangen wäre. Er hat ihn gesagt, so sehe ich es zumindest, weil er irgendwann aufgehört hat zu verlangen, dass der Tag anders sein soll als er ist. Das ist ein Unterschied. Ein sehr grosser Unterschied, auch wenn er klein klingt.
Ich bin jetzt in einem Alter, wo viele Tage hinter mir liegen. Schwere Tage in der Seelsorge, wo man abends nach Hause geht und nicht weiss, ob man irgendetwas Richtiges gesagt hat. Tage, wo geliebte Menschen gestorben sind und ich am Grab gestanden bin mit Worten, die mir selbst zu leicht vorkamen. Tage, wo ich morgens aufgewacht bin und gedacht habe: Das jetzt, das kann doch nicht alles sein. Und dann war’s das aber. Das war es dann. Und ich hab’s überlebt. Und rückblickend – und jetzt kommt etwas Gefährliches, etwas fast Anmassendes – rückblickend war sogar das ein guter Tag. Nicht weil er angenehm war. Sondern weil er wahr war.
„Guter Tag“ heisst nicht: ein Tag ohne Schmerz. „Guter Tag“ heisst auch nicht: ein Tag, der einem Dinge bringt, die man sich gewünscht hat. „Guter Tag“ heisst: ein Tag, der ist. Vollständig. Ganz. Nicht halb, nicht vorläufig, nicht eine schlechte Vorstufe zum nächsten Tag. Sondern er selbst.
Yunmen sagt: Jeder Tag ist in sich vollendet. Jeden Tag. Das Wetter egal. Die Sitzung, die zäh war, egal. Der Artikel für’s Pfarrblatt, der noch nicht fertig ist, egal. Es ist, was es ist.
Das finde ich tröstlich. Das finde ich auch ein bisschen frech. Beides gleichzeitig – das mag ich.
Ich hab früher manchmal nach schwierigen Gesprächen gedacht: Morgen mach ich’s besser. Immer dieses Morgen. Immer dieser nächste Tag, der es richten soll. Und Yunmen – der würde jetzt sagen: Du sitzt schon drin im guten Tag. Du sitzt mittendrin. Du merkst es nur nicht, weil du bewertest und weil du auf den nächsten wartest.
Das ist wie wenn man in einem Gespräch sitzt und schon an den nächsten Termin denkt. Dann ist man weg. Dann ist man gar nicht mehr da, während der Mensch einem gegenüber noch redet. Dann ist man schon beim Aufstehen, während die Geschichte noch läuft.
Der gute Tag ist immer dieser hier. Nicht der gestrige, der war schön aber vorbei. Nicht der morgige, der verspricht aber noch nicht hält. Dieser. Mit dem schiefen Sonnenlicht über den Dächern von Merenschwand und dem Kaffee, der ein bisschen zu stark geraten ist, und dem Brief, den ich schon drei Wochen lange nicht beantwortet habe.
Dieser Tag. Guter Tag.
Ich gestehe: Mein Kopf versteht das Koan nicht. Nicht wirklich. Aber ich habe das tiefe Gefühl – und dem tiefen Gefühl traue ich mich zu vertrauen, das ist irgendwie mein Handwerk – ich habe das tiefe Gefühl, dass das bewusste Nichtverstehen im Kopf, der Beginn des wahren „Verstehens“ ist. Man kann diese Sätze nicht lösen wie eine Rechenaufgabe. Sondern man darf mit ihnen leben. Morgen früh aufstehen, Fenster aufmachen, den Tag anschauen wie er ist – grau, strahlend, mittelmässig, was auch immer – und sagen: Ja, so ist es.
Und dann – das traue ich mir zu behaupten, nach vielen Morgen in dieser alten Kaplanei – dann ist der Tag schon ein guter.
Nicht weil er es verdient hätte. Sondern weil man Ja gesagt hat.
Tag für Tag. Guter Tag.
So einfach ist das. So schwer ist das. Und so schön.




