Das Meer ist nicht mehr …

„Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem.“ (Offenbarung 21, 1.-2a)
„Das Meer ist nicht mehr“
Diese Worte, die sich eine Nachbarin schon länger für ihre Beerdigung gewünscht hatte, treffen mich mitten in’s Herz. Vor ein Paar Tagen war es so weit und wir haben voneinander Abschied genommen. Abschied in einer Weite und Ehrlichkeit, wie ich es selten erlebt habe.
Wenn jemand mitten im Sterben voller Vertrauen und Gelassenheit sagen kann, das Meer des Lebens, in dem so viele den Grund nicht unter die Füsse bekommen, das Meer aus Fragen und Verwirrendem, in dem so viele fast ertrinken, dieses Meer der Ahnungslosigkeit und der widerstrebenden Gefühle, ist nicht mehr, …
So frei von Angst möchte ich auch einmal gehen können!
So klar, aufrecht, und selbstverständlich meine wirkliche Heimat hinter den Dingen ahnend, möchte ich auch einmal alles, was jetzt zu meinem Leben gehört, loslassen können ohne mich vor Schmerz und Trauer all zu sehr zu fürchten.
„Ich sah das neue Jerusalem“ war für unsere Nachbarin keine Floskel. Für sie war Heimat immer etwas weit jenseits von Landschaft, Gebäuden und Menschen und der Zeit.
Vielleicht war das der Grund, warum es ihr so unnachahmlich gelang, ganz nah und tief verwurzelt in Ihrer Landschaft, in ihrem Elternhaus und mit den ganz konkreten Menschen Ihrer heimatlichen Umgebung zu leben. Weil sie nicht an ihnen hing. Weil sie niemand halten, zurückhalten musste.
Eine zärtlich befreiende Kraft und Klarheit lag geheimnisvoll in jeder Begegnung – ohne dass es dafür Worte brauchte.
Ich hoffe, sie hat uns diese Kraft dagelassen – uns, die wir noch im Meer rudern und die wirkliche Heimat, die „neue Stadt“, das „neue Jerusalem“ bisher nur unseren Wünschen kennen.

Schweigen ist manchmal lauter als alles andere

Als vor 9 Jahren unser Neffe mit 3 ½ Jahren starb, ist – verständlicherweise – die ganze Familie mehr oder weniger durchgedreht. Als wir im Spital bei den Ärzten zur Besprechung sassen, wurde mir erschrocken bewusst, was jetzt mein Job ist: NICHT durchdrehen.

Wenn alle verrücktspielen, ist das zwar hilfreich, wenn es mittendrin einen gibt, der nicht durchdreht, der still ist. Es klingt auch schön. Einfach ist das aber nicht. Denn ich habe auch ja keine Ahnung und möchte am liebsten genauso durchdrehen, wie alle anderen. Trotzdem gibt’s im Grunde keine andere Wahl, als in all der Überforderung zu versuchen einen ruhigen Geist und ein waches Herz zu bewahren.

Das gilt für jeden.

Und es gilt in der aktuellen sozialen, ökologischen und vor allem weltpolitischen Lage. Vielleicht ist wache Gelassenheit, angesichts überwältigendem Wahnsinns, das Wertvollste was wir als Menschen und als Religionsgemeinschaften anbieten können.

Ich glaube, das ist unser Job als spirituell verwurzelte Menschen:

Uns zu fürchten, und uns trotzdem entschlossen zu erlauben, unerschrocken der leisen Macht unserer Seele zu folgen. Unserer ersten Muttersprache, der Sprache der Stille, zu vertrauen.

Still werden.

Nicht auf ewig.
Nicht immer.
Aber ein-, zweimal am Tag, jeden Tag, ein paar Minuten lang nicht sprechen, nicht lesen, nicht den Facebook-Status updaten, nicht mailen, … nur sein.

Und so, täglich, stündlich die ganze herausfordernd komplexe Wirklichkeit in Die geheimnisvoll schweigende Gegenwart legen – wie Priesterinnen und Priester.

Ja, ich weiss, man kann und darf nicht immer schweigen. Manchmal muss manaufstehen, eingreifen. Aber wer z.B. 1968 aufgestanden ist, und sich seitdem nicht mehr hingesetzt hat, den werden viele mit der Zeit längst ausgeblendet haben. Eben auch dann, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat.

Um gehört zu werden braucht es Stille.

Stell Dir vor, wir würden uns so verstehen.
Stell Dir vor, wir würden unsere Familien, unsere kleinen und grossen Gemeinschaften so verstehen.
Stell Dir vor, wir würden unsere Religionsgemeinschaften so verstehen.

Stell Dir vor, wir erlaubten uns zu werden, was wir im Herzen wirklich sind: ein Ort gelassener Unerschütterlichkeit und besonnener Klarheit.

Stell Dir vor, wir hätten den Mut uns zu fürchten,
und erlaubten uns deshalb, unerschrocken der leisen Macht unserer Seelen zu folgen, und lernten so Schritt für Schritt nicht durchzudrehen,
sondern dem geheimnisvollen Schweigen hinter den Dingen zu vertrauen.

Stell Dir vor, wir hätten tief verstanden,
dass unser Schweigen manchmal lauter, mächtiger sein kann, als alles andere.

Stell Dir vor, wir nähmen diesen Job ernst. Er ist nicht leicht.
Aber es gibt so viele, die auf uns warten.

Herr Wohllieb wartet auf ein Zeichen

Die folgende Geschichte ist nicht von mir, sondern von Susanne Niemeyer. Veröffentlicht wurde sie im Kalender „Der andere Advent 2015/1016“ des Vereins Tecum

Ich finde sie so wunderbar, dass ich sie hier posten muss. 

Als Herr Wohllieb Dienstag morgen erwachte, hatte sich ein grosses Loch aufgetan. Unten rauschten die Lastwagen. Gegenüber schüttelte eine Frau im dritten Stock ihren Teppich über den Köpfen der Fussgänger aus. Der Himmel war mittelgrau und die Leuchtreklame des Tabakladens blinkte unverdrossen. Es war Dezember. Alles war wie immer, nur dass plötzlich diese Frage vor ihm stand: „Was mache ich mit dem Rest meines Lebens?“ Sie war aufgetaucht, als Herr Wohllieb gründlich seine Zähne putzte und sich dabei routinemässig im Spiegel betrachtete. Sein Haar hatte sich für einen angenehmen Silberton entschieden, der mit dem Eisblau des Pyjamas korrespondierte, den er in allen geraden Wochen trug. (Für die ungeraden hatte er einen Mintgrünen, eine, wie er fand, etwas gewagte Farbe. Aber nachts sah ihn ja niemand.)

Die Frage verschwand auch beim Frühstück nicht. Gegen Mittag machte er sich daran, die Badezimmerfugen zu reinigen, um sich zu zerstreuen, aber die Frage blieb.

Gross und unüberhörbar stand sie im Raum und liess sich nicht ignorieren. Herr Wohllieb wunderte sich, denn normalerweise neigte er keinesfalls zu Grübeleien. Im Gegenteil, er schätzte sich als ausgesprochen nüchternen und unkomplizierten Zeitgenossen, dessen einzige Exzentrik darin bestand, sonntags ein weiches Frühstücksei mit 0rangenmarmelade zu essen. Über das Leben im Allgemeinen hatte er sich noch nie Gedanken gemacht.

Nach reiflicher Überlegung beschloss er, sich an Gott, den Allmächtigen, zu wenden. Auch wenn sie bisher noch nicht viel Kontakt miteinander hatten, nahm er an, dass er der richtige Ansprechpartner für derlei Dinge wäre.

„Herr Gott“, begann er, strich über sein Haar und straffte den Rücken, denn dies war ein ernster Moment. Er räusperte sich noch einmal und sprach in Richtung Zimmerdecke: „Was soll ich tun mit meinem Leben? Bitte sei so gut und gib mir ein Zeichen. Danke.“ Er zögerte kurz und fügte noch hinzu: „Dein Bernd“ Dann wartete er.

Aber Gott schwieg. „Merkwürdig“, murmelte Herr Wohllieb, denn er hatte mit einer raschen Reaktion gerechnet. Sein Fall lag ja nicht so kompliziert. „Ob er meine Nachricht nicht erhalten hat? so kompliziert. „Vielleicht ist er überlastet…“ Er verwarf den Gedanken schnell. „Wie albern“, schalt er sich, „überlastet. Der Allmächtige!“

Nach eingehender Betrachtung entschied er, dass es nur einen einzigen Grund für Gottes Schweigen geben konnte: Er dachte nach. Er, Gott, der Allmächtige, wollte für ihn, Bernd Wohllieb, eine perfekte, eine wahrhaft vollkommene Antwort finden. Der Gedanke liess ihn erröten. Sein Herz pochte schneller. Sollte er, Bernd Wohllieb, denn so wichtig sein? Das war doch nicht möglich! Er fuhr sich ein weiteres Mal durchs Haar und beschloss, eine Krawatte umzubinden.

Dann machte er einen Spaziergang, bei dem er jedem Passanten freundlich zunickte, denn auf keinen Fall wollte er, der offenkundig ein so bedeutender Mensch war, für hochnäsig gehalten werden. Auch die folgenden Tage blieben Tage des Schweigens. Gott dachte nach und Herr Wohllieb wollte ihn nicht stören.

Sorgsam ging er mit sich um, hielt sich höflich die Tür auf und achtete darauf, nicht mit sich selbst zu schimpfen, wie er es häufig tat, wenn er »Ich Dussel« murmelte oder »Jetzt reiss dich aber zusammen!“.

Wenn Gott, der Herr, ihn für so wichtig hielt, dass er bereits drei volle Tage über ihn nachdachte, dann sollte er es ihm nachtun und sich nicht für weniger wichtig halten.

Je länger Gottes schweigen dauerte, desto mehr Ehrfurcht bewirkte es in Herrn Wohllieb. Er bemerkte kaum, wie die Jahre vergingen. seine Haare wurden weiss und er verlor drei Zähne, die Lastwagen auf der Strasse wurden grösser und eines Morgens war die alte Leuchtreklame gegen eine moderne Schrift ausgetauscht.

Manchmal fiel ihm seine Frage dieses fernen Dienstagmorgens wieder ein. Dann sagte sich Herr Wohllieb: „Gott denkt über mich nach“ Und das beruhigte ihn so ungemein und es erfüllte ihn mit einer solchen Wärme, weil er wusste, zwischen Gott, dem Herrn, und ihm, dem alten Herrn Wohllieb, gab es so etwas wie ein stilles Einvernehmen. Und das war möglicherweise Antwort genug.

 

Es geht vermutlich wirklich nicht nur darum, was man tut, sondern vor allem, wie man es tut. Ob man sich zum Beispiel die Haare nun abrasiert, ob man sie färbt, oder nach links kämmt, mag keine Rolle spielen. Wie man es macht, aber schon.

Im Zen kennt man die Geschichte eines jungen Mönches, der den alten Meister fragt, wie er denn Erleuchtung erlangen könne. Der Meister fragt ihn: „Hast Du schon gegessen?“ Der Schüler antwortet erstaunt mit „ja“. Darauf der Meister: „Dann geh und wasche Deine Essschalen.“ 

Es sind die alltäglichen Dinge, auf die es ankommt. Die Achtsamkeit im Kleinen hat die Kraft, eben nicht nur die kleinen Dinge, sondern mit ihnen den ganzen Alltag, damit uns selbst, und mit uns die ganze Welt, zu verwandeln. Denn sie verwandelt den Blick auf das, was wir tun und den Blick auf uns und unsere Wirklichkeit. Ganz wach die unerschütterliche Stille allen Lebens zulassen, oder anders formuliert: dankbar im Schweigen Gottes zu wohnen, das ist der Weg der Achtsamkeit. Auf einmal zeigen sich die unscheinbaren, kleinen Dinge in ihrer ganzen Kostbarkeit und öffnen den Blick für ihre und für meine Einzigartigkeit und, auf eine geheimnisvoll selbstverständliche Art, auch für die Heiligkeit dieses unwiederbringlichen Augenblickes im dem das ganze Leben wurzelt. 

 

„Loset Sie, Mössiö…“

Mit grimmiger Miene und einem Gehstock in der Faust kam sie, eine entschlossen ältere Dame um die 80, auf mich zu und forderte unmissverständlich und mit der im Grunde äusserst helvetischen Eröffnungsformel: „Loset Sie, Mössiö!“ meine Aufmerksamkeit ein.
Ich hatte eben eine Debatte mit einem älteren Herrn geführt, der sich darüber beschwerte, dass wir zu Weihnachten in unserer Pfarrkirche keine Eucharistiefeier anböten.
Von der Dame mit dem Stock erwartete ich nun eine ähnliche, katholische Schelte – doch weit gefehlt.
„Lassen Sie das mit dem dummen Baby in der Kirche! Was soll das an Weihnachten mit diesem Kind. Das hat doch nichts mit Weihnachten zu tun. Das isch doch e seich, mit däm Ching und dere Chrippe!“
Ich bin mir nicht ganz sicher, wann ich zum letzten Mal so grosse Augen gemacht hatte. Noch während ich versuchte mich zu sammeln, schwang sie ihren Stock in der Luft und fuhr mit kräftiger, entrüsteter Stimme weiter: „Das ist doch kein Wunder, dass da ein Kind geboren wurde, damals in Palästina! Aber dass der ein Revolutionär wurde, und dass er das so grundlegend gemacht hat, dass wir heute noch darüber reden, DAS ist für mich ein Wunder! Säget Sie das de Lüt, Mössiö, säget Sie ihne das!“
Ich war nun wirklich sprachlos. Das hatte ich von diesen 80 katholischen Lebensjahren nicht erwartet.
Die alte Dame hat mit der Wucht ihrer Entrüstung mein Herz getroffen. Seltsam verwandt fühle ich mich ihrer Empfindungen, denn ich habe die romantische Überhöhung von Advent und Weihnachten, von Familie und Geburt noch nie wirklich gemocht. Was sich vor dem banal-gesellschaftlichen Auge, in dem Kind in der Krippe auf tragisch-kitschige Art konzentriert, hat für mich nicht wirklich etwas mit dem wahren Segen von Weihnachten zu tun. Viel eher schon mit einem Weihnachtsfluch. Denn die Erwartung von Jahresendromantik und heiler Wirklichkeit, ist in den meisten Fällen genau der Grund für das gerade Gegenteil der tieferen Sehnsucht unseres Lebens. Wie alle überhöhten Erwartungen trägt auch dieser Weihnachtliche heile-Welt-Zwang erschreckend zerstörerisches Potential in sich.
Er lässt uns an der irren Illusion festhalten, es gäbe ein heiles Leben ohne Bruch. Das ist nun nicht nur gelogen, sondern im buchstäblichen Sinn des Wortes von Herzen gefährlich. Denn dieses schräge Bild von Wirklichkeit zerfrist unser Herz, wenn wir es mit dem vergleichen, was tatsächlich unser Leben ist.
So gesehen stimme ich meiner neuen Freundin mit dem agilen Stock aus ganzer Seele zu.
Allerdings meine ich, in dem Bild vom Kind in der Krippe gibt es noch etwas anderes zu sehen, als nur eine oberflächlich heile Welt.
Was da geboren wird ist nämlich tatsächlich revolutionär – und das viel tiefer, als es ein Mensch allein je sein kann. Was da geboren wird, ist das wirkliche Gesicht des Menschen, der wahre Mensch ohne Rang und Nahmen, die Menschlichkeit, das Menschsein schlechthin.
Und was das bedeutet, das erfährt, wer am 24. und 25. Dezember bei uns in der Kirche St. Niklaus vorbei schaut…

Heimweh nach Himmel

Im Grunde sind wir alle krank vor Heimweh. Heimweh nach unserer wirklichen Heimat: Wir haben Heimweh nach dem Himmel.
Weil Heimweh – wie es der Name ja sagt – weh tut, versuchen wir etwas dagegen zu unternehmen. Aber in der Regel haben wir damit keinen Erfolg. Auch sich zu erinnern, wie es „zu Hause“ riecht, wie sich unser Körper fühlt, wie weit unsere Seele dort wird, fällt uns schwer, weil die Erinnerung mit jedem Jahr, in dem wir uns fern dieser Heimat fühlen, mehr und mehr verblasst.
Von Landschaften kann man Fotos machen, die helfen, sich zu erinnern. Von Menschen, bei denen man sich zu Hause fühlt ebenso. Aber von unserer wahren Heimat, von unserem Ursprung, gibt es keine Bilder.
Der Versuch sich vom Heimweh abzulenken kostet uns eine Menge Kraft und oft auch Geld. Am Ende bleibt das Heimweh hinter allem stehen und färbt das ganze Leben mit seiner Sehnsucht nach etwas scheinbar unerfüllbaren.
Das muss aber nicht so bleiben.
Es gibt ein Tor, genauer ein torloses Tor, das uns auf direktem Weg dorthin führt woher wir kommen.
Wir tragen es in uns – ungeachtet dessen, wo wir sind und wie wir uns fühlen. Deshalb steht es uns an jedem Ort dieser Welt zur Verfügung. Und deshalb steht uns auch unsere wirklich Heimat, der „Ort“ unserer Sehnsucht in jedem Augenblick und an jedem Ort der Welt offen.
Das Tor ist die Stille. Nicht das Fehlen jeglichen Klangs, jeglichen Geräusches. Es geht um die Stille, zu der wir selber werden, wenn wir zulassen, dass unser Herz still wird. Sie ist so etwas wie die Muttersprache unsere Seele. Weil sie keine Form hat, keine Farbe, keine Grenze, keinen Geschmack, ist die leere, tiefe, weite Stille des Alls nicht von dieser Welt. Sie ist der Klang der wahren Wirklichkeit.

Dieses Tor durchschreiten wir genau dann, wenn wir unser Herz von „Senden“ auf „Empfang“ schalten. Wenn das innere Plappern in den Hintergrund tritt, erfahren wir, dass die Leinwand, auf der sich unser ganzes Leben abspielt, unsere Dramen und unser Glück, reine, gegenwärtige Stille ist. Schon immer – und unauslöschlich. Dort sind wir zu Hause – selbst dann, wenn wir uns ganz verloren fühlen.
Die Stille ist das Tor.

Sorgentiere

Manche Menschen halten sich Sorgen, wie sich andere Leute Haustiere halten. Sie füttern sie, sie hätscheln sie und merken nicht, wie nach und nach alles anfängt, nach dem ungewaschenen Zottelfieh zu riechen.
Der ganze Lebenswandel beginnt sich mehr und mehr um die kleinen Mitbewohner zu drehen. Immer öfter werden sie zur Entschuldigung, weil dies oder jenes leider nicht geht, denn «ich hab ja schon genug Probleme».
Diese Sorgentierchen loszulassen, ist nicht einfach. Ihre Glieder haben Widerhaken, die sich im Filz, den wir uns in Ängstlichkeit um unser Herz gelegt haben, sehr erfolgreich und hartnäckig verheddern. Dort fühlen sie sich wohl, denn sie leben von diesem Gewalke unserer Angst.
Darüber hinaus vermitteln sie uns den Eindruck, wir müssten uns um sie kümmern, wir trügen Verantwortung für sie. Täten wir das nicht, würden sie uns stinkfrech auf den Teppich machen und jeder sähe, wie es um uns und die Sauberkeit unserer Seele stünde.
Dabei übersehen wir, dass die meisten dieser kleinen Geister nichts anderes sind, als Geister, die es gar nicht gibt. Imaginäre Hausgenossen unserer Seelen, die sich einschleichen, wenn wir nicht gründlich genug üben, 
in die Stille unseres Herzens 
zu lauschen und von Grund auf zu vertrauen.
Dieses nur scheinbar grundlose Vertrauen hat im Herzen beinahe unbegrenzte Kraft. Wer es wagt, bei dem löst es den ängstlichen und viel zu engen, starren Filz und nimmt so den Sorgentierchen – und ihren Kindern – die Nahrung und den Halt. Es macht das Leben weit und frei und lässt uns seinen Grund erfahren: Es geht um Dich!

Hol‘ mich hier raus …

wald

Manchmal fühlt es sich so an, als stünde ich im tiefsten Wald. Irgendwo im Dickicht eines undurchdringlichen Dschungels, der über lange Jahre und fast unbemerkt im Alltag herangewachsen ist. Gemischte Gefühle, verwirrende Empfindungen und verstörende Fragen, verknoten sich wie Lianen und Dornengestrüpp ineinander. Sie wurzeln auf dem Humus, den ihre eigenen Blätter und Früchte produzieren, wenn sie überreif herabfallen und zu faulen beginnen. Es ist ein Kreislauf, ein höllischer Kreislauf, aus Rastlosigkeit und Erschöpfung, aus Orientierungslosigkeit dem Drang etwas zu tun, aus mangelder Verbundenheit zu mir und meinem Leben. Wie der biblische Widder verheddere ich mich mit meinen Hörnern immer mehr in irgend einem Busch, in irgend einer Idee, einer Illusion: «Warum ausgerechnet ich?», zum Beispiel, oder «ich MUSS es haben!», gerne auch «ich bin es eh nicht wert!»
Je mehr ich diesen Stimmen glaube, je mehr ich mich verstricke, desto weniger sehe ich den Himmel und desto tiefer stecke ich in meinem eigenen, modernden Dreck. Das ist der Humus, in dem die Traurigkeit wurzelt – und die Einsamkeit.
Zum Glück ist das nicht die ganze Welt. Der Wald kennt Lichtungen und feste Wege, die in die Weite führen – dorthin, wo das Glück wohnt, wo man den Himmel atmet. Was es dazu braucht sind Mut, Vertrauen und ein Sinn für Orientierung, ein Herz für das Wesentliche. Deshalb: Lass Dich da raus holen … werde wesentlich!

Patentrezepte

Mit Patentrezepten ist es so eine Sache. Die Idee, das Leben mit dem geeigneten Rezept, mit dem perfekten Plan, mit einer „Weltformel“, in den Griff zu bekommen, ist vermutlich so alt, wie die Suche des Menschen. Es wäre ja auch wirklich verlockend, wenn wir die Probleme unseres „Welt-Alltages“ ein für alle mal lösen könnten – mit einem einfachen Rezept, das jeder umsetzen kann und das jedem schmeckt.

Leider kommt in diesem schönen Gedanken das Wort „wenn“ vor. Und darauf kannst Du Gift nehmen: Sobald irgendwo das Wort „wenn“ auftaucht – ebenso wie seine Geschwister „hätte“, „könnte“, „würde“, ist allerhöchste Vorsicht geboten.

So sehr wir auch keine Ahnung haben, wie … wir werden die Herausforderung, unsere Gegenwart zu gestalten und eine Zukunft zu kochen, die allen Lebewesen schmeckt und gut tut, nicht los. Das grosse 5 Sterne-Menü, nach dem wir alle, ein für alle mal gegessen haben – für immer und ewig – wird ein unrealistischer Traum bleiben. Soviel wissen wir.

Die Wunderlösung für alle ungelösten Fragen dieser Welt wird auch morgen nicht in unserem Postfach liegen. Also bleibt der Hunger nach dem tiefen Glück. An jedem Tag muss wieder neu gekocht werden. Simpel, aber essbar. Zubereitet aus dem, was uns zur Verfügung steht. Das ist sehr wichtig, denn unsere Teller werden leer bleiben, so lange wir glauben, es sei unmöglich mit dem Kochen zu beginnen, weil in unserem Kühlschrank die nötigen Zutaten fehlen. So lange wir meinen, wir können nichts ausrichten, weil wir zu wenig haben oder sind, weil uns zu wenig oder gar das Falsche zur Verfügung steht, so lange wird die Küche der Menschheit kalt bleiben. Der Hunger in den Herzen wird wachsen. Und das wissen sie selbst: Hunger und Glück kommen selten miteinander.

Deshalb ist es wichtig, nicht mehr länger zu warten, sondern mit dem Kochen zu beginnen und sich vom Augenblick und dem, was sich vorfindet, inspirieren zu lassen. Denn, auch wenn Du es nicht glaubst: Kochen kann jeder – andere Menschen nähren, auch.

Vielleicht besteht die Kunst der guten „Zukunfts-Küche“ ja gar nicht so sehr darin, WAS auf den Teller kommt, sondern vielmehr darin, was NICHT auf den Teller kommt. Vielleicht liegt das Geheimnis des unbekannten Patentrezeptes gar nicht in den Zutaten, die uns fehlen, sondern in den Zutaten die wir weglassen. Das wäre eine echte Festküche, der es gelänge die Menschheit zu nähren, in dem sie die Angst voreinander einfach wegliesse, und die Ausgrenzung und den Willen im Anderen die Bedrohung zu sehen.

Uups – da war er wieder, der verräterische Konjunktiv, das Wörtchen „wäre“. Aber vielleicht klappt’s ja trotzdem. Einen Versuch wäre es wert. Guten Appetit.

Auf’s Glück getauft…

Kurz nach Hl. Dreikönig wird getauft – und damit in’s volle Leben geschmissen.

Im Dunstkreis der Geburt und der Besuche aus aller Welt, können wir noch schwelgen und den romantischen Gefühlen freien Lauf lassen, aber nun beginnt der Ernst des Lebens. Jetzt werden wir mit Jesus in’s Jahr geschickt, in das Ungewisse seiner und unserer eignenen Zukunft.

Wenn man sich Bilder in Erinnerung ruft, auf denen die Taufe Jesu dargestellt wird, zeigt sich ein erwachsener Jesus, der im Wasser des Jordan steht und von Johannes, dem Täufer untergetaucht wird.
Moment, wie kann das gehen? Er wurde doch erst vor wenigen Tagen geboren?

Wer in diese Falle tappt, bringt die eigene Weltsicht und die Botschaft Jesu im Moment ein wenig durcheinander.

WIR taufen kleine Kinder. WIR taufen sie auf „Christus“ und machen sie damit zu einem Mitglied unserer kirchlichen Gemeinschaft. WIR setzen sie durch diese Religionszugehörigkeit von anderen Menschen, anderer Kultur und Religion ab. WIR glauben sie damit unter den Schutz des Himmels zu stellen – als ob sie das nicht auch so schon wären. WIR praktizieren Taufe als ein Fest des neuen, physischen Lebens.
Für Johannes und Jesus war das ganz anders.
Für sie ging es nicht um die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft. Jesus war Jude und er war dies auch nach seiner Taufe noch – niemand hegte daran irgend einen Zweifel. Er wurde dadurch auch nicht zum zahlungspflichtigen Mitglied einer jüdischen Gruppe um einen gewissen Johannes, dessen Lehren er von nun an zu befolgen hätte.
Jesus und Johannes verstanden Taufe als etwas viel grundlegenderes, existenzielleres.
Für Jesus ist die Taufe viel eher ein Weg zurück, zu den eigenen Wurzeln, zum verwurzelten Menschsein, das sich nicht überhebt, sich aber auch nicht für sich selber schämt.
Für ihn war das rituelle Waschen – denn nichts anderes ist die Taufe hier – ein Ausdruck seiner Demut und seines Mutes, die Verantwortung, die dem Menschen gegeben ist, als erwachsener Mensch zu übernehmen.
In der Taufe Jesu geht es nicht um Kinder, oder um Gottes Schutz, sondern darum, erwachsen zu werden. Es geht darum, statt mit allen Wassern gewaschen zu sein, unabhängig und ganz aus dem Geist der Unendlichkeit zu leben, an nichts hängen zu bleiben und sich von keinem Sog der Zeit ersticken zu lassen.
Es geht um Demut, Mut und Verantwortung.
Deshalb öffent sich auch der Himmel. Weil einer es fertig bringt, Mutig zu sein, ohne Macht zu wollen, bereit zu sein für tiefe Verantwortung und diese als Dienst zu verstehen. Der Himmel öffnet sich, weil einer begreift, dass der wahre Kniefall der Demut, der Mut zum Dienen ist. Der Himmel öffnet sich, weil einer tief verstanden hat, dass es auch auf ihn ankommt, dass keiner die Verantwortung für sein und unser Leben einem höheren Wesen, einem Gott oder seinen Stellvertretern abgeben kann. Der Himmel öffnet sich, weil sich da einer als Mensch, als echter Sohn der Unendlichkeit begreift – und bereit ist, dieses Erbe anzunehmen.
Deshalb hört er auch die Stimme (darin steckt schon das Wort „zustimmen“): „Das ist mein geliebter Sohn. An ihm habe ich gefallen gefunden.“
Das ist keine Aufforderung, diesem Sohn nachzulaufen und jeden Satz, den er spricht, nachzuplappern. Das ist eine Aufforderung, sich selbst genauso zu verstehen: Als Erbe, als Nachfahre Gottes, als konkretes Gesicht der Unendlichkeit.

Ich bin überzeugt, wir hätten gesellschaftlich eine Menge Probleme weniger, könnten wir langsam damit aufhören, die Menschheit hauptsächlich in ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe wahrzunehmen. Oder anders gesagt: Wenn es uns gelingen könnte, uns nicht mehr als kleine Kinder Gottes zu begreifen und uns nicht mehr kindisch, wie Kleinkinder zu benehmen, sondern die Einladung, erwachsen zu werden, anzunehmen, sähe unsere Welt vielleicht anders aus. Wenn wir uns als verbundene und eigenständige Partner Gottes begriffen, wenn wir uns nicht mehr verstecken müssten, hinter den selbstgemachten und scheinbaren Grenzen von Religionen und Kulturen, weil uns der Mut fehlt, ganz wir selbst zu sein, dann würde uns vielleicht auffallen, wie unsinnig es ist, sich wegen eben dieser eigentlich willkürlichen Zugehörigkeiten zu bekämpfen.
Wenn wir begreifen würden, wie wichtig es ist, die Verantwortung für das, was geschieht nicht immer und immer wieder an abstrakter und unerreichbarer Stelle zu suchen, wenn wir also nicht ständig die Religionen oder Kulturen für unsere Lust uns abzugrenzen und diese Grenzen zu schützen, verantwortlich machten, sondern wenn wir endlich begriffen, dass wir auch in den engsten, religiösen Grenzen als freie Menschen, aus dem freien Geist Gottes entscheiden könnten, wie würden wir erwachsen – als Menschheit.
Wie sehr würden wir uns nicht mehr benehmen wie pubertierende, die noch nicht gelernt haben, mit sich und der Welt umzugehen. Wie sehr würden wir begreifen, dass wir zum Glück getauft sind, und gerufen sind, allen Lebewesen auf ihrem Weg zum Glück zu verhelfen.

Zu leben heisst, ….

In Pfarrämtern geschehen schräge Dinge. Vor einiger Zeit hatte mich ein jüngerer Mann angerufen. Er klang irgendwie ein wenig nervös, aber eigentlich ganz sympatisch. Auf der Suche nach einem Seelsorger sei er, sagte er. Ob ich so einer sei, und ob ich auch wirklich studiert hätte, frage er. Nein, vorbeikommen wollte er nicht, man könne sein Anliegen auch jetzt, schnell, am Telefon klären. Ich habe das eigentlich nicht so gerne, aber gut, wenn er das so will …

Ob ich den Satz „Vivere militare est“ kenne, fragte er. Er bräuchte diesbezüglich dringend Unterstützung.

Das Wort „militare“ störe ihn – mich störte es auch. Da ich doch Theologie studiert habe, und deshalb sicher gut Latein spräche, könne ich ihm sicher helfen, dieses Wort durch ein ähnliches, weniger kriegerisches, zu ersetzen.

Jetzt hatte halt ich Latein nicht in der Schule, sondern erst an der Uni „gelernt“. Nach der Schlussprüfung hat mein Prof. Schwankl aus dem Fenster gezeigt und mit ernster Miene gesagt: Sehn’s da drüben Maria Hilf mit der Büssertreppe? Da gehen’s heut’ Nachmittag ‚nauf und zünd’n `s a grosse Kerz’n a. Grund dazu ha’m `s.

Deshalb wollte ich ihn eigentlich zu unserem pensionierten Priester schicken. Während ich ihm die Telefonnummer heraussuchen wollte, fragte ich ihn noch, wofür er diesen Satz eigentlich brauchte.

Voller Stolz sagte er, er wolle sich diesen Satz auf den Hintern tätowieren lassen und da käme ein Wort wie „militare“ nicht so gut, vor allem bei den Frauen nicht.

Der Mann sagt „vivere militare est.“ „Zu leben heisst zu kämpfen.“ Da haben wir ihn, den alten Geschlechterkonflikt. Blickwinkel

Ich glaube, dass das völlig falsch ist. Das Leben kann sich manchmal so darstellen, als ginge es nur darum, sich durchzukämpfen, aber das Leben ist kein Kampf – ausser, wir machen es dazu. Das ist ein Blickwinkel auf das Leben, nicht das Leben selbst. Das Leben ist auch kein Wettbewerb, auch wenn man uns das noch so nachdrücklich eintrichtern möchte. Wer das tut, will uns meistens etwas verkaufen. Man kann das Leben aus diesem Blickwinkel betrachten und bewerten, aber es bleibt ein Blickwinkel, nicht das Leben selbst.

Ich sage lieber – und das ist eigentlich auch nur ein weiterer Blickwinkel, wenn auch ein wie ich finde, viel sympatischerer – : „vivere, amare est.“ „Zu leben heisst, zu lieben.“

Wenn Du Dich und das Leben frei lässt,
wirklich,
wenn Du ohne Angst verstraust, ganz,

wenn Du wach bleibst,
in der Tiefe Deiner Seele,
und die unverfälschten,
klaren Augen Deines Kinderherzens
nicht mit der Suche nach Glück und Unglück verdeckst,
wenn Du das Leben so frisch von innen her anschaust,
genau,
wenn Du Dich berühren lässt, einfach, und jetzt,
dann wird das,
was Du dann tust,
kraftvoller sein als alles,
was Du Dir vorstellen kannst. Deine Schritte werden Dich selbst behüten,
sie werden heilen, segnen, leben. Dann wirst Du ein Liebender, eine Liebende sein,
mit jeder Faser Deines Lebens.

Trotzdem würde ich mir das jetzt nicht auf den Hintern tätowieren lassen.