Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.
Wenn der Herbst den Himmel klärt, wird die Luft dünner und weit. Der Wind trägt den Geruch von Erde, Laub, Kerzenrauch. In dieser Weite liegt etwas, das an Stille erinnert. Man spürt den eigenen Atem bewusster, als würde die Welt ihn begleiten. Jeder Schritt wird langsamer, jeder Gedanke ruhiger. Die Tage sind kürzer, das Licht sanfter, und etwas im Innern wird durchlässig für das, was sich zeigt, wenn man nicht mehr sucht.
Allerheiligen, Allerseelen – zwei Worte, die wie Türen klingen. Sie öffnen in dieselbe Richtung, hinein ins Unsichtbare. Es sind Tage, an denen die Grenze zwischen dem, was man sieht, und dem, was trägt, dünner wird. In der Erde ruht, was vergangen scheint. Im Atem bewegt sich, was bleibt. Alles gehört zusammen, auch wenn es in verschiedenen Gestalten erscheint.
Wer über den Friedhof geht, spürt diesen Zusammenklang. Erde, die aufnimmt. Luft, die trägt. Licht, das sich neigt. Auf jedem Grab liegt die Spur eines Lebens, das einmal voller Bewegung war. Die Hand, die eine Kerze anzündet, verbindet sich mit all den Händen, die dasselbe tun. Es entsteht eine stille Gemeinschaft – nicht in Worten, sondern im Atmen, im Schauen, im Dasein.
Das Gedächtnis arbeitet still. Es bringt Gesichter hervor, Stimmen, Gesten, manchmal nur eine Spur von Wärme. Erinnerung ist keine Linie nach hinten. Sie ist Gegenwart, die sich weitet. Wenn ein Name in uns aufsteigt, ist er da, unverstellt, vertraut. In diesem Moment geschieht Nähe. Nicht weil man sie herbeiruft, sondern weil sie Teil des Lebens selbst ist.
Heiligkeit wächst dort, wo jemand durchlässig wird. Ein heiliger Mensch trägt das Leben leicht, weil er ihm nichts entgegensetzt. Er lässt geschehen, was geschieht, und bleibt dabei wach. Heiligkeit hat keine Form, sie ist Atem. Sie bewegt sich in allem, was lebt, in allem, was sich hingibt, ohne zu besitzen.
Manchmal geschieht Heiligkeit unbemerkt. In einem Blick, der anhält. In einer Hand, die etwas aufhebt, das jemand verloren hat. In einem Wort, das den Raum heller macht. Solche Augenblicke tragen denselben Atem wie das Gebet eines ganzen Tages.
Wenn wir an die Toten denken, begegnen wir uns selbst. Wir stehen im selben Strom, atmen dieselbe Luft, die auch sie geatmet haben. In jedem Atemzug liegt eine Erinnerung daran, dass Leben sich teilt. Was einmal geatmet wurde, bleibt im Kreislauf der Welt. Der Atem, der heute unser Herz bewegt, hat vielleicht durch viele Leben hindurch seinen Weg genommen – durch Pflanzen, durch Tiere, durch Menschen, durch Zeiten. Es ist derselbe Atem, der in der Schöpfung kreist, unaufhörlich, geduldig, still.
Man kann diese Tage als Übung verstehen – eine Übung im Loslassen und im Hören. Der Atem lehrt beides. Er hält nichts fest. Er kommt und geht, ohne zu verlieren. So atmet auch das Leben durch uns hindurch. Es trägt uns, solange wir mitgehen, und ruht in uns, wenn wir still werden.
Kerzen auf Gräbern erzählen davon. Ihr Licht steht still und bewegt sich zugleich. Die Flamme ist Form und Bewegung in einem. Sie brennt, weil sie vergeht. In ihrem Leuchten spiegelt sich der Kreislauf, dem alles Leben folgt. Manchmal reicht es, eine Weile hinzusehen. Dann erkennt man, dass auch diese kleine Flamme das grosse Ganze spiegelt: Anfang, Wandlung, Weitergabe.
In dieser Bewegung liegt Trost. Wer still wird, spürt, dass Erinnerung kein Gewicht trägt. Sie ist leicht wie Atem, trägt uns aber weiter, als wir denken. Das, was war, lebt im Jetzt. Das, was jetzt geschieht, wird Erinnerung für die, die nach uns kommen. So sind alle Generationen verbunden, durch dieselbe Bewegung, durch dasselbe Schweigen zwischen zwei Atemzügen.
Allerheiligen, Allerseelen – das sind keine getrennten Feste. Es ist ein einziger grosser Atemzug der Menschheit. Die Lebenden und die Toten gehören zu demselben Lied. Man hört es, wenn man still wird. Ein Lied ohne Melodie, aber voller Gegenwart. Es braucht keine Worte, um verstanden zu werden.
Zwischen Erde und Atem geschieht Leben. Dort wächst Vertrauen. Dort beginnt Frieden. Dort ruht alles, was wir lieben, und dort bewegt sich, was uns trägt. In diesem Zwischenraum, wo Erde das Aufgehobene bewahrt und Atem das Lebendige weiterträgt, liegt der Sinn dieser Tage.
Wenn wir am Ende des Tages die Kerzen verlöschen und den letzten Atemzug des Abends spüren, ist nichts zu Ende. Die Luft, die uns verlässt, wird Teil des grossen Stroms. Der Atem, der kommt, trägt das Leben zurück. Alles, was war, bleibt darin enthalten.
So gehen wir still. Die Welt atmet, und wir atmen mit. Zwischen Erde und Atem geschieht alles, was wir sind.
Es gibt Tage, an denen das Leben leiser wird. Man steht am Fenster, schaut hinaus, und alles scheint langsamer. Der Nebel liegt über den Dächern, ein Hund bellt in der Ferne, und das Licht hat diese Farbe, die sich kaum beschreiben lässt – matt und warm zugleich. Ein Licht, das den Übergang kennt. Zwischen Sommer und Winter. Zwischen Aufbruch und Rückzug. Zwischen Aussen und Innen.
Ich mag diese Zeit. Sie zwingt niemanden zu etwas. Sie ist einfach da, mit ihrem Schweigen. Und sie fragt leise, was bleibt. Wenn die Felder abgeerntet sind, wenn die Bäume ihre Blätter fallen lassen, wenn die Tage kürzer werden – was bleibt dann. Nichts, das man in den Händen halten kann. Aber etwas im Innern bleibt. Etwas, das sich nicht aufdrängt, das man erst spürt, wenn man still wird.
In solchen Tagen kommen Gesichter zurück. Menschen, die einmal da waren. Manche lange, andere nur kurz. Und doch haben sie etwas hinterlassen. Einen Satz. Ein Lächeln. Eine Art zu gehen oder zu schauen. Die Spuren, die wirklich zählen, sind still. Sie liegen im Zwischenraum. In der Art, wie jemand zuhört. In der Geduld, mit der jemand eine Tasse abwäscht. In einem Blick, der sagt: Du bist gesehen.
Man trifft solche Menschen noch. Sie reden wenig. Sie tragen keine grossen Worte vor sich her. Sie gehen in ihrem Rhythmus, halten sich nicht fest an dem, was glänzt. Sie wissen um den Wert der kleinen Dinge. Eine Schale Suppe. Ein stiller Abend. Eine Hand auf der Schulter. In ihrer Nähe wird die Welt einfacher. Und irgendwie weiter.
Ich erinnere mich an einen alten Nachbarn. Jeden Morgen ging er mit seiner Zeitung in den Garten, setzte sich auf dieselbe Bank, trank denselben Kaffee. Er sass dort, solange die Sonne reichte. Dann stand er auf, ging hinein, als wäre nichts gewesen. Ich habe ihn nie über grosse Dinge sprechen hören. Aber wenn er einem begegnete, sah er einen an, als hätte er gerade alles verstanden. Das war seine Form von Gebet.
Man lernt von solchen Menschen, ohne dass sie lehren. Sie tragen etwas in sich, das Vertrauen schafft. Weil sie da sind, ohne etwas zu wollen. Weil sie das Leben nehmen, wie es kommt. Mit dem, was leicht ist, und dem, was schwer ist. Solche Menschen halten die Welt zusammen, ohne dass sie es merken.
In dieser stillen Zeit spürt man, dass man weniger tun muss. Dass man sich anvertraut, dem Rhythmus, der grösser ist als man selbst. Dass man loslässt, was gehen will. Kein Verzicht, eher ein Aufatmen. Ein Platz schaffen für das, was wieder wachsen will.
Wenn ich abends durch das Dorf gehe, sehe ich Lichter in den Fenstern. Menschen sitzen am Tisch, reden, schweigen, essen. Jemand liest, jemand schläft auf dem Sofa. In jedem dieser Häuser wohnt eine Geschichte. Freude, Sorge, Erinnerung. Alles auf engstem Raum. Und dazwischen dieses leise Wissen: Wir gehören zusammen. Auch wenn wir uns kaum kennen.
Das ist die Feier dieser Tage – dass man die Verbundenheit spürt, ohne sie benennen zu müssen. Dass man weiss, da sind andere, die tragen, die hoffen, die lieben, so gut sie können. Kein grosses Wissen, eher ein zartes. Und es genügt.
Ich zünde manchmal eine Kerze an. Ohne Anlass. Für das Leben vielleicht. Oder für die, die unterwegs sind. Oder einfach, weil das Licht guttut. Eine kleine Flamme, die brennt, ohne zu fragen, warum. Während sie brennt, wird etwas ruhig. Das genügt. Da sein. Atmen. Licht sehen, wo Dunkel ist.
Dann geht man schlafen. Steht am nächsten Morgen auf, macht Kaffee, schaut wieder hinaus. Alles ist gleich. Und doch ein wenig anders. Weil man gespürt hat, wie viel Tiefe im Alltäglichen liegt. Wie viel Leben in den Dingen wohnt, die kaum beachtet werden. Eine Tasse. Ein Blick. Ein Gang durchs Laub.
So geht die Zeit weiter. Ohne Eile. Ohne grosse Antworten. Mit Fragen, die offen bleiben dürfen. Und mit einem Gefühl von Dankbarkeit, das sich nicht erklären lässt. Man lebt. Man erinnert sich. Man liebt.
Christkönig – wenn ich dieses Wort höre, muss ich immer an einen älteren Herrn denken, den ich vor Jahren kennengelernt habe. Er war Schreiner und hatte in seiner Werkstatt einen merkwürdigen Hocker stehen, der aussah wie ein kleiner Thron. Vergoldet, mit Schnitzereien, völlig deplatziert zwischen Sägespänen und Holzleim. Ein Kunde hatte ihn nie abgeholt. Der ältere Herr setzte sich manchmal darauf, wenn er Pause machte, und lachte: «Seht her, der König bei der Jause.»
Es war ein stiller Witz über all die Könige dieser Welt, die ihre Throne so ernst nehmen.
Jesus steht vor Pilatus, und der fragt ihn: «Bist du ein König?» Man sieht förmlich, wie Pilatus die Stirn runzelt. Vor ihm steht ein Mann ohne Heer, ohne Palast, ohne alles, was Macht sichtbar macht. Und dieser Mann sagt: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.»
Was für ein Reich soll das sein? Eines, das man nicht sieht? Eines, das keine Grenzen hat, keine Gesetze, die man durchsetzen kann? Ein Reich, das einfach da ist, wenn Menschen einander sehen, wenn sie aufhören, gegeneinander zu kämpfen?
Vor ein paar Tagen sass ich mit einem Freund im Restaurant. Er erzählte von seiner Arbeit, vom Druck, immer mehr zu leisten, immer besser zu sein als die anderen. «Manchmal», sagte er, «möchte ich einfach aufhören, mich zu beweisen.» Wir schwiegen eine Weile. Draussen regnete es. Und in diesem Moment lag etwas Weites zwischen uns, etwas Freies. Als würde sich ein Raum öffnen, in dem es nichts zu gewinnen gibt und nichts zu verlieren.
Ich glaube, das ist gemeint mit «Mein Reich ist nicht von dieser Welt». Nicht ein Ort, sondern ein Zustand. Eine Weise zu leben, bei der man aufhört, sich ständig zu messen. Bei der man dem Leben vertraut, statt es zu kontrollieren. Bei der man gibt, ohne zu rechnen.
Ich sehe das manchmal bei ganz alltäglichen Dingen. Die Frau im Bus, die einem Fremden ihren Sitzplatz anbietet. Der Nachbar, der im Winter die Strasse für alle räumt, obwohl es nicht seine Aufgabe wäre. Die Hände einer Mutter, wenn sie Brot schneidet und dabei still wird, ganz bei der Sache. In solchen Momenten liegt eine Würde, die niemand erklären muss. Eine Königlichkeit ohne Krone.
Das Fest „Christkönig“ zu Ende November trägt einen grossen Namen. Aber es geht im Eigentlichen um etwas sehr ‘Kleines’, sehr Stilles. Um die Frage, ob wir aufhören können, uns durchzusetzen. Ob wir es aushalten, nicht recht zu haben. Ob wir dem anderen Raum geben können, ohne ihn klein zu machen.
Ein König, der nicht herrschen will – das klingt unmöglich. Aber es ist das Menschlichste überhaupt. Dass einer gegenwärtig ist, ohne sich aufzudrängen. Dass einer gibt, ohne zu fordern. Dass einer lebt, ohne andere zu unterwerfen.
Und wenn das stimmt, dann können wir alle königlich leben. Nach gutem Vorbild Jesu – und erfüllt von seiner Gegenwart. Nicht indem wir Macht ausüben, sondern indem wir sie weglegen. Nicht indem wir uns erheben, sondern indem wir uns hinknien. Nicht indem wir beweisen, wer wir sind, sondern indem wir einfach sind – und einfach sind. Charly Chaplin sagte vor langer Zeit: „Macht brauchst Du nur, wenn Du etwas Böses vor hast. Für alles andere reicht Liebe, um es zu erledigen.“
Das Lachen des alten Schreiners auf seinem vergoldeten Hocker – ich höre es manchmal noch. Als hätte er verstanden, dass wahre Könige keine Kronen brauchen. Dass sie einfach leben. Und dass das mehr als genug ist.
Ein Morgen, der anders riecht. Kühle Luft, die durch die Ritzen zieht, selbst wenn die Sonne scheint. Ein Licht, das nicht mehr blendet, sondern liegen bleibt – auf den Dingen, auf der Haut. Man merkt es nicht sofort. Aber irgendwann spürt man: Das Jahr hat die Richtung gewechselt.
Ich gehe früh hinaus. Der Kies unter den Schuhen klingt dumpfer. Der Himmel hat an Farbe verloren, dafür an Tiefe gewonnen. Auf der Bank liegt noch Tau. Über dem Fluss hängt Dunst, dünn wie Seide. Man kann durch ihn hindurchsehen, und zugleich bleibt er undurchsichtig.
Im Garten neigen sich die Sonnenblumen. Die Köpfe schwer, voll Samen. Ein paar Bienen sind noch da, träge, fast höflich in ihrer Langsamkeit. Der Wind bewegt sich vorsichtig, als wolle er niemanden stören.
Ich bleibe stehen und höre. Da ist ein Geräusch, das ich lange nicht wahrgenommen habe – das feine Rascheln von etwas, das fällt. Ein Blatt, dann noch eines. So leise, dass man sich selbst erst still werden muss, um es zu hören.
Der Sommer ist noch da, aber nur in der Erinnerung. Er zieht sich zurück, ohne Abschied, ohne Spur. Die Tage haben begonnen, sich selbst zu verkürzen. Und plötzlich merkt man, dass man das Licht vermisst, noch bevor es ganz weg ist.
Drinnen ist das Feuer im Kamin das neue Zentrum. Holz, das langsam Wärme abgibt. Der Rauch zieht in feinen Linien durch den Raum, verschwindet im Zug des Schornsteins. Ich sitze davor, schaue in die Glut, und spüre, wie alles Unnötige verschwindet.
Im Herbst geschieht die Welt anders. Sie will nichts mehr beweisen. Keine Blüte, kein Aufbruch, kein Drängen. Nur Sein. Das ist ihre Schönheit – diese Gelassenheit, in der nichts fehlen muss.
Ich gehe durch das Dorf. Auf den Wegen liegen Kastanien, manche noch in ihren grünen Hüllen, gesprungen, weich, bereit. Kinder treten darauf, das Knacken hallt durch die Gasse. Alte Leute tragen Taschen voller Äpfel. Jemand fegt den Gehweg. Das Leben wird kleiner, aber dichter.
An der Mauer beim Friedhof steht ein alter Mann. Die Hände auf den Rücken gelegt, den Blick über die Wiesen gerichtet. Er steht da, als hätte er alles verstanden. Ich nicke ihm zu. Er lächelt kaum merklich. Zwischen uns liegt ein stilles Einverständnis, das keine Worte braucht.
Ein paar Krähen sitzen auf der Stromleitung. Ihre Schatten zittern im Wind. Eine von ihnen hebt ab, ohne Ziel, ohne Eile, nur weil der Moment es erlaubt.
Ich nehme den Feldweg. Die Erde riecht stark, nach Regen, nach Pilzen, nach Leben unter der Oberfläche. Auf halber Strecke bleibe ich stehen. Unten das Dorf, darüber ein Himmel, der sich nicht entscheiden muss zwischen Grau und Blau.
Ein einzelner Apfelbaum trägt noch Früchte. Sie leuchten in einem Rot, das fast trotzig wirkt. Ich pflücke einen, wische ihn am Ärmel ab. Er schmeckt kühl, herb, klar. Kein Überfluss, nur Wesen.
Auf dem Rückweg denke ich an die Jahre, die vergangen sind. An Menschen, die kamen, gingen, blieben – jeder auf seine Weise. Der Herbst kennt solche Gedanken. Er drängt sie nicht auf, er erlaubt sie einfach.
Zu Hause brennt eine Kerze. Der Docht flackert, zieht sich zurück, richtet sich wieder auf. Ich schreibe ein paar Zeilen in mein Heft, ohne Absicht. Wörter, die sich finden, nicht gesucht. Manche bleiben, manche lösen sich auf. Wie Blätter auf Wasser.
Am Abend gibt es Suppe. Das Messer gleitet durch Kürbis, Kartoffeln, Zwiebeln. Die Hände wissen, was zu tun ist. Der Duft füllt den Raum. Kochen und Essen sind Gebet, ohne Worte, ohne Form.
Draussen klopft Regen an die Scheibe. Gleichmässig, geduldig. Es ist ein beruhigendes Geräusch – das Erinnern des Himmels daran, dass alles, was fällt, Teil eines Kreislaufs ist.
Später gehe ich noch einmal hinaus. Der Regen hat aufgehört, aber die Luft ist schwer. Über den Dächern steht der Mond, gross und ruhig. Die Wege glänzen. Ich sehe meinen Atem. Alles ist klar.
Der Herbst hat eine besondere Art von Wahrheit. Keine, die erklärt, sondern eine, die zeigt. Alles, was entstehen soll, muss auch vergehen dürfen. Alles, was festhält, wird müde. Alles, was sich löst, wird leicht.
Ich setze mich auf die alte Bank unter dem Ahorn. Das Laub liegt hoch, weich, bunt. Ich lasse die Hände darin ruhen. Ein Vogel ruft, weit weg. Dann Stille.
Manchmal reicht ein solcher Augenblick, um zu verstehen, wie wenig es braucht. Kein Plan, kein Ziel, kein Müssen. Nur Dasein. So schlicht, dass man es fast übersieht.
Der Wind hebt an, kaum merklich. Ein Blatt löst sich, schwebt, dreht sich, landet auf meinem Knie. Gelb, mit einem kleinen Riss. Ich sehe es lange an. Dann nehme ich es zwischen die Finger und lege es auf den Boden zurück.
Das ist Herbst: das Einverständnis mit dem, was vergeht. Das Vertrauen, dass das Fallen Teil des Kreises ist. Die Ruhe, die bleibt, wenn nichts mehr werden muss.
Wenn ich wieder ins Haus gehe, knarrt die Tür. Es riecht nach Holz und Wachs. Ich stelle die Schuhe beiseite, ziehe die Jacke aus. Alles, was man loslässt, wird leichter.
Ich lösche das Licht, lasse den Ofen weiterglühen. Draussen rauscht der Wind.
Die Nacht nimmt den Tag in sich auf, ohne Unterschied.
Und irgendwo, im Dunkel, beginnt schon das Neue zu keimen.
Es ist lange her. An einem Donnerstag Abend im Dom von Passau. Draussen regnet es in Strömen. Wir, ein paar nicht nur geistig mittellose Studenten, sitzen im Chorgestühl hinter dem Chor des Bayrischen Rundfunks. Davor die Münchner Philharmoniker. Der Sakristan der Kathedrale hatte uns nach Türschluss kostenlos hereingeschläust. Ein Vorteil, wenn man die richtigen Leute kennt. Am Pult vor dem Orchester steht Yehudi Menuhin. Es hiess, er würde die C-Dur-Messe von Franz Schubert dirigieren. Im Moment steht er aber nur da, den Taktstock in der Hand, und tut nichts. Gar nichts. Sehr lange nichts. Die Leute räuspern sich. Einer hustet. Man hört das Knarzen der Bänke. Hellwach und mit ganzem Herzen steht Menuhin da. Seine blitzenden Augen weit offen. Dann eine kleine, fast unscheinbare Bewegung – und der erste, zarte Ton. Und war plötzlich war alles anders. Als hätte dieser eine Ton die Stille geöffnet.
Diese zauberhafte Musik war schon lange da. Während wir gewartet hatten, war sie unsichtbar, unhörbar, tief im Schweigen verborgen. Wie etwas, das in jedem Herzen wartet.
Wo ist die Musik jetzt, wenn sie nicht gespielt wird?
Wo ist die Liebe, wenn sie keiner lebt? Vielleicht sitzt eine alte Frau im Garten, legt zwei Brote auf den Tisch, aber niemand kommt. Sie trägt die Brote am Abend wieder hinein. Die Liebe liegt in den Broten. Sie ist nicht verschwunden. Sie bleibt, auch wenn niemand sie isst. Sie hängt in der Luft. Aber sie wird hart, wenn keiner sie teilt. Liebe braucht die Geste von Geben und Annehmen, sonst bleibt sie leer.
Wo ist der Glaube, wenn er nicht gelebt wird? Ich war einmal auf einem sehr alten Pfarrhausdachboden. Da lag ein Kreuz, staubig. Daneben ein Stapel alter Gesangbücher. Vergilbte Seiten. Niemand schlug sie mehr auf. Und doch war etwas da. Nicht tot, eher eingefroren. Glaube kann warten. Er liegt still, bis einer wieder atmet.
Und wo ist die Hoffnung? Manchmal unter dem Staub vieler Jahre. Manchmal in den Augen eines Kindes, das einfach glaubt, dass morgen ein guter Tag wird. Hoffnung bleibt, auch wenn sie stumm wird. Sie liegt wie Samen im Boden. Man sieht sie nicht, bis sie jemand giesst.
Ezechiel sieht ein Feld voller Knochen. Tot, trocken, ohne Atem. Plötzlich rücken sie zusammen. Sehnen, Fleisch, Haut. Alles sieht lebendig aus. Aber es ist noch immer tot. Erst als der Geist, der Atem, weht, richten sie sich auf. Erst da beginnt Leben. So ist es mit der Musik. Ein Klavier ist nur ein Möbel, wenn niemand spielt. Eine Trommel nur Holz und Leder, wenn sie keiner schlägt. Erst wenn jemand den Mut findet, einen Ton zu wagen, beginnt es. So ist es mit der Liebe. So ist es mit dem Glauben. So ist es mit der Hoffnung.
Johannes schreibt: Am Anfang war das Wort. Das Wort aus der grossen Stille. Vielleicht war es Klang. Vielleicht Atem. Eine Schwingung. Alles kommt von dort. Alles geht dorthin zurück. Nichts geht verloren. Auch wenn wir meinen, es sei vorbei – nichts verschwindet einfach.
Ein Wort wie Abrakadabra klingt fremd. Es stammt aus dem Aramäischen, der Sprache Jesu. Es heisst: „Ich erschaffe, während ich spreche.“ Es ist ein Zauberspruch. Aber er zeigt, was Sprache kann. Worte schaffen Wirklichkeit. In der Magie nimmt der Mensch sich diese Macht. In der Bibel ist es der Himmel, der spricht – und es wird. Atem, Klang, Wort – sie rufen Leben hervor.
Und darum geht es: Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei und mit ihnen die vielen anderen kostbare Dinge des Lebens stehen jederzeit bereit. Vergebung, Güte, Verbundenheit, Frieden, sie kosten nichts, ausser dass man für sie die alten Ängste und die hinterlistige Gier loslassen muss. Alles wartet. Es wartet, mit Leben gefüllt zu werden – wie die Musik. Irgendeiner muss doch mal anfangen, das Lied des Friedens zu singen. Warum also nicht wir?
Die Ausreden sind bekannt: meine Stimme ist schwach. Ich will mich nicht verletzen. Ich bin müde. Und doch: wenn keiner anfängt, bleibt es still. Wenn keiner den Schritt wagt, bleibt alles eingefroren.
Dabei genügt wenig. Eine Frau, die summt. Ein Junge, der im Bus pfeift. Einer, der mitten in der Nacht wach liegt und plötzlich den Mut findet, das Fenster zu öffnen, um den Himmel zu sehen. Kleine Gesten, die eine Tür öffnen. Plötzlich weht Atem.
In der Zen-Tradition gibt es etwas, das Koan heisst. Es sind Fragen, die man mit dem Intellekt nicht beantworten kann. Sie kommen aus alten Gesprächen zwischen Lehrern und Schülern. Sie öffnen. Sie lassen uns nicht in Ruhe. Und sie verweisen alle auf die Tiefe des Lebens. „Wo ist die Musik, wenn sie niemand singt?“ – tiefes, lauschendes Schweigen wäre eine Antwort. Oder ein Lied. „Wo ist die Liebe, wenn sie keiner lebt?“ – eine unmittelbare Geste aus dem Herzen wäre eine Antwort. „Wo ist der Glaube, wenn er nicht gelebt wird?“ – ein entschlossener Schritt wäre eine Antwort. „Wo ist die Hoffnung, wenn sie keiner wagt?“ – ein klares Wort, leicht wie eine Feder, wäre eine Antwort.
Vielleicht ist der Himmel wie ein Dirigent. Der Einsatz ist längst gegeben. Wir sitzen mit den Instrumenten auf dem Schoss. Und wir zögern. Der Himmel wartet. Geduldig. Vielleicht sogar lächelnd. Bis endlich einer beginnt.
Und dann ändert sich alles. Die Stille klingt. Die Knochen stehen auf. Die Liebe bekommt ein Gesicht. Der Glaube atmet. Die Hoffnung leuchtet. Der Frieden wird spürbar.
Nichts ist verloren. Aber damit es lebendig wird, braucht es uns. Einen Ton. Einen Blick. Einen Schritt. Mehr nicht. Und die ganze Welt ist anders.
Jetzt im August, wenn die Nächte noch warm sind und der Tag schon früh sein Gewicht zeigt, denke ich gern an die kalten Morgen im Herbst und Winter. Manchmal spürt man den Herbst schon jetzt: Man steht vor dem Haus, und der Atem wird sichtbar. Eine kleine Wolke, die sich auflöst, kaum dass sie da ist. So einfach ist das Leben zu verstehen.
Kohelet hat dafür ein Wort gefunden: hevel – Windhauch. Dasselbe Wort für den Beschlag auf der Fensterscheibe und den Atem, der Leben bedeutet. Kurz da, dann durchsichtig. Nichts Dramatisches. Nur das, was ist, und das, was vergeht – zugleich.
Als Kind sammelte ich alles: Steine, Briefmarken, Insekten. Ganze Schachteln voller scheinbarer Unwichtigkeit. Ich glaubte, so könnte ich das Leben festhalten. Später lernte ich das Loslassen – mühsam, wie man etwas gegen die eigene Natur lernt. Noch später merkte ich: Das meiste lässt sich von selbst. Und das ist keine Tragödie, sondern eine Erleichterung.
Auch die Trauer um meinen Adoptivvater – Windhauch. Nicht, weil sie bedeutungslos wäre oder schnell vergehen soll, sondern weil sie atmet. Kommt in Wellen, bleibt, ebbt ab, kehrt zurück. Wie der Wind in den alten Bäumen vor der Kaplanei. Und das Glück nach einem gelungenen Seelsorgebesuch, das warme Gefühl nach einem ehrlichen Gespräch – auch Windhauch. Alles vom gleichen großen Atem getragen.
Ein Kollege erzählte mir einmal etwas, das mich nicht mehr loslässt: Der Gottesname im Hebräischen – JHWH – besteht ja nur aus vier Konsonanten. Ohne Vokale ist er eigentlich unaussprechbar. Doch wenn man genau hinhört, klingt er ohne Vokale wie Ein- und Ausatmen: „Jah“ beim Einatmen, „Weh“ beim Ausatmen. Jeder Atemzug spricht den Namen Gottes. Wir können gar nicht anders, als ihn auf den Lippen zu haben, Vom ersten Atmen solange wir leben.
Seitdem atme ich manchmal bewusst und höre: Jah-Weh, Jah-Weh. Ein Gebet, das sich von selbst betet. Eine Gegenwart, die nicht gemacht werden muss. Und ehrlich gesagt: Das beruhigt mich. Auch wenn ich vergesse zu beten – ich bete trotzdem. Mit jedem Atemzug.
So verstehe ich Kohelet. Er spricht nicht von Sinnlosigkeit, sondern von Leichtigkeit. Vom großen Lassen, das durch alles geht – Geburt und Tod, Freude und Schmerz, das Banale und das Heilige.
Heute Morgen, beim Brotschneiden, kam mir der Gedanke wieder: Auch das ist Windhauch. Das Brot, das Messer, die Hand, die es führt. Der Duft des frischen Brotes, das Geräusch der Klinge auf der Kruste – alles Teil desselben Atems. Nichts muss gehalten werden. Alles hält sich selbst – im großen Zusammenhang.
Meine Frau kam in die Küche, noch müde, die Haare zerzaust. Auch sie – Windhauch. Nicht vergänglich oder unwichtig, sondern getragen vom selben Atem, der alles trägt. In diesem Moment war alles da: Liebe, Dankbarkeit, Zerbrechlichkeit, Schönheit. Alles bewegt vom gleichen Wind. Ich hätte ihr gerne gesagt: Du bist Windhauch. Aber sie hätte mich wohl seltsam angeschaut.
Das Geheimnis ist: Wir müssen das Leben nicht festhalten, nicht beweisen, nicht rechtfertigen. Es reicht, dass wir atmen, dass es atmet. Und im Atem ist alles gesagt.
Was bleibt, ist nicht das, was ich krampfhaft festhalte. Was bleibt, ist das Atmen. Dieser eine große Atem, der alles durchzieht und alles von innen her erfüllt.
JH-WH. JH-WH.
Ein stilles, endloses Gebet, das sich von selbst betet, solange Leben in mir ist.
Eigentlich wollte ich lesen. Nichts Wichtiges, nur ein paar Zeilen. Aber die Brille war weg. Also suchte ich. Neben dem Bett, in beiden Jackentaschen, auf dem Schreibtisch, im Bad, noch einmal in beiden Jackentaschen und im Kühlschrank. Man weiss ja nie. Menschen wurden schon an ganz anderen Orten von der Erleuchtung gefunden … Nach zwanzig Minuten liess ich es sein. Ich setzte mich hin, die Hände auf den Oberschenkeln, und atmete. Müde vom Suchen. Müde vom Denken über all das, was gerade nicht zu finden ist: die Brille, der Frieden, ein Moment ohne dass etwas drängt. Nur zufällig fiel mein Blick auf meine rechte Hand. Die Brille lag darin. Einfach so. Vermutlich schon die ganze Zeit. Ich hatte sie gehalten, ohne es zu merken, hatte sie festgehalten, während ich überall danach suchte. Ich sass noch eine Weile so da. Etwas in mir hatte aufgegeben – und Raum gelassen. In die entstandene Stille fiel ein Satz aus einem sehr alten Zen-Text, aus Huinengs „Plattform-Sutra“, den ich vor Tagen gelesen hatte: „Der rechte Weg kennt kein Suchen und kein Ergreifen.“ Damals hatte er fremd geklungen. Jetzt sass er neben mir, vertraut wie ein alter Freund. Die Hand hielt die Brille. Der Kopf war woanders gewesen. So ist das manchmal. In einer lauten Welt klingt so ein Satz fast unverschämt leise. Da sein. Die Brille halten. Atmen. Ich brauche das immer wieder: Wachwerden zu einem offenen Herzen und leeren Händen. Zu Händen, die halten, ohne zu greifen. So findet sich dann oft der nächste, stimmige Schritt. Manchmal sogar für die ganze Welt. Selbst wenn es nur mein kurzer Schritt auf die andere Seite des Tisches ist. Brille optional.
In der Küche liegt ein Zettel auf dem Tisch. Nicht besonders auffällig. Ein Einkaufszettel, dachte ich zuerst. Aber dann habe ich ihn gelesen. „Ferien ab 8. Juli“, steht da. Nicht mehr. Keine Ausrufezeichen. Keine Ergänzungen. Kein Ziel. Kein Plan. Nur dieses eine Wort, und ein Datum.
Ich weiss nicht mehr, wer den Zettel geschrieben hat. Vielleicht ich. Vielleicht jemand anders. Er lag einfach da. Und er hat mich ausgebremst. Nicht hart, nicht abrupt. Nur ein bisschen. Als hätte jemand den Ton leiser gedreht.
Es gibt Worte, die wirken wie eine offene Tür. „Ferien“ ist so eines. Man steht davor und weiss nicht gleich, ob man eintreten darf. Ob das für einen selbst gemeint ist. Oder für andere. Und wenn man dann eintritt, merkt man: Es ist still. Und diese Stille meint es ernst.
Ich habe den Zettel nicht weggeräumt. Ich habe ihn liegen lassen. Neben der Schale mit den Äpfeln, zwischen einer Gabel und einer Rechnung. Wenn ich vorbeikomme, sehe ich ihn. Und jedes Mal merke ich: Ich bin noch nicht so weit. Noch nicht angekommen im Dazwischen.
Der Anfang der Ferien ist kein Ort. Er ist ein Blick. Ein Atemzug. Ein Schritt weniger.
Ich verreise manchmal allein. Nicht, um mich zurückzuziehen, sondern um den Blick zu öffnen. Ich nehme die Kamera mit, aber es geht nicht um Bilder. Es geht um das Schauen. Ich suche nicht das Spektakuläre. Ich warte darauf, dass etwas still wird. Nicht um mich herum – in mir.
Vor zwei Jahren stand ich irgendwo in einer fremden Ebene, nichts war vertraut, ausser das Licht. Ich wartete. Das tue ich oft, wenn ich fotografiere. Nicht auf das richtige Motiv. Auf das Verschwinden des Wartens.
Ein Hirte ging vorbei, barfuss, mit drei Ziegen. Er grüsste nicht, blieb nicht stehen. Und trotzdem war es, als hätte sich etwas berührt. Es war kein schöner Moment. Er war windig, das Licht hart, die Luft staubig. Aber ich erinnere mich daran. Weil es nichts von mir wollte.
Das Evangelium erzählt von Leuten, die losgeschickt werden, ohne Gepäck. Ohne Geld, ohne Vorrat, ohne Reservierung. Geht einfach, sagt Jesus. Bleibt, wo man euch aufnimmt. Esst, was man euch hinstellt. Wenn euch jemand nicht will, geht weiter. Kein Streit. Kein Groll. Nur Staub abklopfen und weitergehen.
Ich frage mich, ob das nicht auch eine Art Ferien ist. So zu gehen. Ohne Beweis, ohne Ziel, ohne Angst, etwas zu verpassen. Einfach gehen. Und schauen, was sich zeigt. Und wenn nichts kommt, dann eben nichts. Auch das hat ein Gewicht.
Ich kenne einen älteren Herren, der geht immer am ersten Ferientag in die Badi. Nicht zum Schwimmen, sagt er. Zum Ankommen. Er geht hin, setzt sich auf den warmen Stein am Beckenrand, zieht die Schuhe aus und schaut den anderen zu. Dann geht er wieder. Das ist sein Ritual. Und jedes Jahr sagt er: Jetzt ist Sommer.
Ich weiss nicht, ob ich ein Ritual habe. Ich glaube, ich warte einfach. Bis etwas in mir langsamer wird. Nicht aufhört, aber langsamer. Bis der Lärm nachlässt. Bis ich wieder merke, dass ich atme.
In Jesaja steht: „Wie einen seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“ Das ist kein Satz, den man analysiert. Auch keiner, über den man diskutieren muss. Es ist ein Satz, der einfach neben einem sitzt. Wie ein Mensch, der nicht fragt, wie es einem geht, sondern einfach da ist.
Irgendwo unterwegs, weit weg an einem Grenzübergang stand eine jüngere Frau. Zwei Kinder bei sich, ein Rucksack. Sie sprach mit niemandem, sie wirkte nicht unruhig. Sie stand einfach da. Wartete. Niemand wusste, worauf. Aber sie strahlte etwas aus, das schwer zu benennen war. Nicht Hoffnung. Auch nicht Resignation. Eher ein stilles Bleiben. Und für einen Moment war es, als hätte sie den ganzen Ort mit Ruhe gefüllt.
So sind Ferien nicht immer. Aber so sind sie manchmal. In einem Augenblick. In einem Blick. In einer Bewegung, die langsamer ist als sonst.
Ich glaube nicht, dass wir dafür Ferien brauchen. Aber sie helfen. Sie geben uns einen Grund, den wir uns sonst nicht erlauben. Sie sagen: Jetzt nicht. Und manchmal auch: Jetzt nie mehr. Nie mehr so weitermachen wie vorher. Nie mehr alles dem Tempo unterordnen. Nie mehr das Wichtige dem Dringenden opfern.
Wie lange dieser Zustand hält, weiss ich nicht. Vielleicht ein paar Stunden. Vielleicht eine Woche. Vielleicht nur einen Atemzug. Aber wenn man ihn einmal gespürt hat, will man ihn nicht mehr vergessen.
Ich habe den Zettel vom Küchentisch inzwischen weggelegt. Nicht weggeworfen. Nur beiseite. Er hat getan, was er tun sollte. Er hat mich erinnert. Daran, dass nicht der Tag entscheidet, ob etwas Ferien ist. Sondern der Blick. Der Ton. Der Raum zwischen den Dingen. Und dass man nicht gleichzeitig rennen und ankommen kann.
Ferien beginnen nicht, wenn man losfährt. Sie beginnen, wenn man stehenbleibt. Und sie enden nicht mit der Rückkehr. Sie enden, wenn man wieder anfängt, sich selbst zu überholen.
Ich wünsche uns, dass wir das hinausschieben. Dass wir uns nicht so schnell wieder einholen. Und wenn doch – dass wir uns dabei freundlich begegnen. Ohne Hast. Ohne Urteil. Einfach so, wie man sich wiedersieht auf einem Bahnsteig. Mit einem Lächeln. Und einem leisen: Du auch hier?
Ich bin adoptiert. Das ist keine Geschichte, die ich oft erzähle. Aber heute erzähle ich sie.
Meine Eltern, die mich adoptiert haben, waren gute Menschen. Sie haben mir früh gesagt, wie es ist. Ohne Aufhebens. „Du bist adoptiert“, haben sie gesagt. „Wir haben dich ausgesucht.“
Das war schön. Ausgesucht worden zu sein.
Trotzdem habe ich manchmal gedacht: Ich muss beweisen, dass sie richtig gewählt haben. Ich muss zeigen, dass ich es wert war.
Menschen denken oft so. Dass sie etwas wert sein müssen. Dass sie sich verdienen müssen, was sie bekommen.
Heute ist Fronleichnam. Ein Fest mit einem komischen Namen. Fronleichnam heisst: der Leib des Herrn. Gemeint ist Jesus. Gemeint ist das Brot, das er den Menschen gegeben hat. Aber nicht nur das Brot aus Mehl und Wasser. Gemeint ist die Nahrung, die er für uns ist. Und die wir füreinander sein können.
Es ist ein schwieriges Fest. Wir tragen das Brot durch die Strassen und sagen: Das ist Gott. Die Leute schauen uns an und denken: Die spinnen.
Ich verstehe das.
Jesus hat gesagt: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Das ist ein seltsamer Satz. Brot ist Brot. Jesus ist Jesus. Wie kann Jesus Brot sein?
Aber ich verstehe etwas anderes. Ich verstehe den Hunger.
Nicht nur den Hunger nach Essen. Den anderen Hunger. Den Hunger danach, dass jemand sagt: Du gehörst dazu. Du bist richtig hier.
Ich war mal für längere Zeit in einem Kloster. Die Mönche dort essen dreimal am Tag zusammen. Jeder bekommt das Gleiche. Niemand fragt: Hast du das verdient? Niemand sagt: Du warst heute nicht brav genug für das Dessert.
In unseren Zen-Kursen ist es ähnlich. Wer kommt, gehört dazu. Niemand muss etwas beweisen.
Das gefällt mir. Diese Selbstverständlichkeit.
Draussen ist es anders. Draussen muss man sich das meiste verdienen. Den Job. Die Anerkennung. Die Liebe. Manchmal sogar das Essen.
Und wir glauben: So ist es richtig. Wer nichts leistet, bekommt nichts.
Aber Jesus sagt etwas anderes. Er sagt: Das Wichtigste ist geschenkt.
Das ist schwer zu glauben.
Ich erinnere mich an meinen ersten Brotkauf. Ich war fünf Jahre alt. Meine Mutter gab mir Geld und sagte: „Geh zum Bäcker und kauf ein Brot.“
Ich war stolz. Ich war wichtig. Mama traute mir etwas zu.
Der Bäcker kannte mich. Er lächelte und gab mir das Brot. Es war schwer in meinen kleinen Händen.
Auf dem Heimweg dachte ich: Ich bin gross. Ich kann das.
Erst später habe ich verstanden: Nicht weil ich es konnte, war ich gross. Sondern weil ich gross war, konnte ich es. Meine Mutter hatte mir vertraut. Der Bäcker hatte mich ernst genommen. Sie hatten mir das geschenkt, bevor ich etwas geleistet hatte.
So ist das mit dem Brot des Lebens, glaube ich.
Es ist nicht so, dass wir uns die Liebe verdienen müssen. Es ist so, dass wir geliebt werden. Und deshalb können wir lieben.
Es ist nicht so, dass wir uns die Zugehörigkeit verdienen müssen. Es ist so, dass wir dazugehören. Und deshalb können wir etwas beitragen.
Aber das vergessen wir oft.
Wenn ich hier stehe und predige, denke ich manchmal: Hoffentlich ist es gut genug. Hoffentlich merken sie nicht, dass ich einfach ein Suchender bin.
Als würde meine Berechtigung davon abhängen, wie authentisch, wie tiefgründig, oder wie «geschliffen» ich bin.
Dabei ist es umgekehrt. Nicht weil ich tiefgründig oder «geschliffen» wäre, darf ich hier stehen. Sondern weil ich hier stehen darf, kann ich versuchen, mit Euch tiefer zu gehen.
Das ist das Geschenk.
Ich kenne einen älteren Herrn. Er geht seit Jahren nicht mehr zur Kommunion. Er sagt: „Ich bin geschieden. Ich gehöre nicht dazu.“ Er ist nicht alleine mit diesem Gefühl.
Das macht mich traurig. Weil es zeigt, wie wir aus dem Geschenk eine Bedingung gemacht haben. Wie wir aus der Einladung eine Prüfung gemacht haben.
Jesus hat mit allen gegessen. Mit den Zöllnern, die betrogen haben. Mit den Sündern, die gesündigt haben. Mit den Frauen, die nicht dazugehört haben.
Er hat nie gefragt: Bist du gut genug?
Er hat einfach das Brot gebrochen und gesagt: Hier, für dich.
Das ist Fronleichnam. Die Erinnerung daran, dass das Wichtigste geschenkt ist.
Sie sind heute hierhergekommen. Warum auch immer. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht weil Sie Hunger haben. Nach Brot oder nach etwas anderem.
Ich weiss nicht, warum Sie gekommen sind. Aber ich weiss: Sie gehören dazu.
Nicht weil Sie fromm sind. Nicht weil Sie alles verstehen. Nicht weil Sie ein gutes Leben geführt haben.
Sondern weil Sie da sind.
Das ist das Brot des Lebens. Die Gewissheit: Du gehörst dazu. Du hast ein Recht zu sein.
Und wenn Sie nachher nach Hause gehen und immer noch hungrig sind, ist das auch in Ordnung. Denn das Brot des Lebens ist kein Zaubermittel. Es ist ein Versprechen.