Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

  • Es gibt Tage, an denen das Leben leiser wird. Man steht am Fenster, schaut hinaus, und alles scheint langsamer. Der Nebel liegt über den Dächern, ein Hund bellt in der Ferne, und das Licht hat diese Farbe, die sich kaum beschreiben lässt – matt und warm zugleich. Ein Licht, das den Übergang kennt. Zwischen Sommer und Winter. Zwischen Aufbruch und Rückzug. Zwischen Aussen und Innen.

    Ich mag diese Zeit. Sie zwingt niemanden zu etwas. Sie ist einfach da, mit ihrem Schweigen. Und sie fragt leise, was bleibt. Wenn die Felder abgeerntet sind, wenn die Bäume ihre Blätter fallen lassen, wenn die Tage kürzer werden – was bleibt dann. Nichts, das man in den Händen halten kann. Aber etwas im Innern bleibt. Etwas, das sich nicht aufdrängt, das man erst spürt, wenn man still wird.

    In solchen Tagen kommen Gesichter zurück. Menschen, die einmal da waren. Manche lange, andere nur kurz. Und doch haben sie etwas hinterlassen. Einen Satz. Ein Lächeln. Eine Art zu gehen oder zu schauen. Die Spuren, die wirklich zählen, sind still. Sie liegen im Zwischenraum. In der Art, wie jemand zuhört. In der Geduld, mit der jemand eine Tasse abwäscht. In einem Blick, der sagt: Du bist gesehen.

    Man trifft solche Menschen noch. Sie reden wenig. Sie tragen keine grossen Worte vor sich her. Sie gehen in ihrem Rhythmus, halten sich nicht fest an dem, was glänzt. Sie wissen um den Wert der kleinen Dinge. Eine Schale Suppe. Ein stiller Abend. Eine Hand auf der Schulter. In ihrer Nähe wird die Welt einfacher. Und irgendwie weiter.

    Ich erinnere mich an einen alten Nachbarn. Jeden Morgen ging er mit seiner Zeitung in den Garten, setzte sich auf dieselbe Bank, trank denselben Kaffee. Er sass dort, solange die Sonne reichte. Dann stand er auf, ging hinein, als wäre nichts gewesen. Ich habe ihn nie über grosse Dinge sprechen hören. Aber wenn er einem begegnete, sah er einen an, als hätte er gerade alles verstanden. Das war seine Form von Gebet.

    Man lernt von solchen Menschen, ohne dass sie lehren. Sie tragen etwas in sich, das Vertrauen schafft. Weil sie da sind, ohne etwas zu wollen. Weil sie das Leben nehmen, wie es kommt. Mit dem, was leicht ist, und dem, was schwer ist. Solche Menschen halten die Welt zusammen, ohne dass sie es merken.

    In dieser stillen Zeit spürt man, dass man weniger tun muss. Dass man sich anvertraut, dem Rhythmus, der grösser ist als man selbst. Dass man loslässt, was gehen will. Kein Verzicht, eher ein Aufatmen. Ein Platz schaffen für das, was wieder wachsen will.

    Wenn ich abends durch das Dorf gehe, sehe ich Lichter in den Fenstern. Menschen sitzen am Tisch, reden, schweigen, essen. Jemand liest, jemand schläft auf dem Sofa. In jedem dieser Häuser wohnt eine Geschichte. Freude, Sorge, Erinnerung. Alles auf engstem Raum. Und dazwischen dieses leise Wissen: Wir gehören zusammen. Auch wenn wir uns kaum kennen.

    Das ist die Feier dieser Tage – dass man die Verbundenheit spürt, ohne sie benennen zu müssen. Dass man weiss, da sind andere, die tragen, die hoffen, die lieben, so gut sie können. Kein grosses Wissen, eher ein zartes. Und es genügt.

    Ich zünde manchmal eine Kerze an. Ohne Anlass. Für das Leben vielleicht. Oder für die, die unterwegs sind. Oder einfach, weil das Licht guttut. Eine kleine Flamme, die brennt, ohne zu fragen, warum. Während sie brennt, wird etwas ruhig. Das genügt. Da sein. Atmen. Licht sehen, wo Dunkel ist.

    Dann geht man schlafen. Steht am nächsten Morgen auf, macht Kaffee, schaut wieder hinaus. Alles ist gleich. Und doch ein wenig anders. Weil man gespürt hat, wie viel Tiefe im Alltäglichen liegt. Wie viel Leben in den Dingen wohnt, die kaum beachtet werden. Eine Tasse. Ein Blick. Ein Gang durchs Laub.

    So geht die Zeit weiter. Ohne Eile. Ohne grosse Antworten. Mit Fragen, die offen bleiben dürfen. Und mit einem Gefühl von Dankbarkeit, das sich nicht erklären lässt.
    Man lebt. Man erinnert sich. Man liebt.

  • Christkönig – wenn ich dieses Wort höre, muss ich immer an einen älteren Herrn denken, den ich vor Jahren kennengelernt habe. Er war Schreiner und hatte in seiner Werkstatt einen merkwürdigen Hocker stehen, der aussah wie ein kleiner Thron. Vergoldet, mit Schnitzereien, völlig deplatziert zwischen Sägespänen und Holzleim. Ein Kunde hatte ihn nie abgeholt. Der ältere Herr setzte sich manchmal darauf, wenn er Pause machte, und lachte: «Seht her, der König bei der Jause.»

    Es war ein stiller Witz über all die Könige dieser Welt, die ihre Throne so ernst nehmen.

    Jesus steht vor Pilatus, und der fragt ihn: «Bist du ein König?» Man sieht förmlich, wie Pilatus die Stirn runzelt. Vor ihm steht ein Mann ohne Heer, ohne Palast, ohne alles, was Macht sichtbar macht. Und dieser Mann sagt: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.»

    Was für ein Reich soll das sein? Eines, das man nicht sieht? Eines, das keine Grenzen hat, keine Gesetze, die man durchsetzen kann? Ein Reich, das einfach da ist, wenn Menschen einander sehen, wenn sie aufhören, gegeneinander zu kämpfen?

    Vor ein paar Tagen sass ich mit einem Freund im Restaurant. Er erzählte von seiner Arbeit, vom Druck, immer mehr zu leisten, immer besser zu sein als die anderen. «Manchmal», sagte er, «möchte ich einfach aufhören, mich zu beweisen.» Wir schwiegen eine Weile. Draussen regnete es. Und in diesem Moment lag etwas Weites zwischen uns, etwas Freies. Als würde sich ein Raum öffnen, in dem es nichts zu gewinnen gibt und nichts zu verlieren.

    Ich glaube, das ist gemeint mit «Mein Reich ist nicht von dieser Welt». Nicht ein Ort, sondern ein Zustand. Eine Weise zu leben, bei der man aufhört, sich ständig zu messen. Bei der man dem Leben vertraut, statt es zu kontrollieren. Bei der man gibt, ohne zu rechnen.

    Ich sehe das manchmal bei ganz alltäglichen Dingen. Die Frau im Bus, die einem Fremden ihren Sitzplatz anbietet. Der Nachbar, der im Winter die Strasse für alle räumt, obwohl es nicht seine Aufgabe wäre. Die Hände einer Mutter, wenn sie Brot schneidet und dabei still wird, ganz bei der Sache. In solchen Momenten liegt eine Würde, die niemand erklären muss. Eine Königlichkeit ohne Krone.

    Das Fest „Christkönig“ zu Ende November trägt einen grossen Namen. Aber es geht im Eigentlichen um etwas sehr ‘Kleines’, sehr Stilles. Um die Frage, ob wir aufhören können, uns durchzusetzen. Ob wir es aushalten, nicht recht zu haben. Ob wir dem anderen Raum geben können, ohne ihn klein zu machen.

    Ein König, der nicht herrschen will – das klingt unmöglich. Aber es ist das Menschlichste überhaupt. Dass einer gegenwärtig ist, ohne sich aufzudrängen. Dass einer gibt, ohne zu fordern. Dass einer lebt, ohne andere zu unterwerfen.

    Und wenn das stimmt, dann können wir alle königlich leben. Nach gutem Vorbild Jesu – und erfüllt von seiner Gegenwart. Nicht indem wir Macht ausüben, sondern indem wir sie weglegen. Nicht indem wir uns erheben, sondern indem wir uns hinknien. Nicht indem wir beweisen, wer wir sind, sondern indem wir einfach sind – und einfach sind. Charly Chaplin sagte vor langer Zeit: „Macht brauchst Du nur, wenn Du etwas Böses vor hast. Für alles andere reicht Liebe, um es zu erledigen.“ 

    Das Lachen des alten Schreiners auf seinem vergoldeten Hocker – ich höre es manchmal noch. Als hätte er verstanden, dass wahre Könige keine Kronen brauchen. Dass sie einfach leben. Und dass das mehr als genug ist.

  • Es beginnt unscheinbar.

    Ein Morgen, der anders riecht. Kühle Luft, die durch die Ritzen zieht, selbst wenn die Sonne scheint. Ein Licht, das nicht mehr blendet, sondern liegen bleibt – auf den Dingen, auf der Haut. Man merkt es nicht sofort. Aber irgendwann spürt man: Das Jahr hat die Richtung gewechselt.

    Ich gehe früh hinaus. Der Kies unter den Schuhen klingt dumpfer. Der Himmel hat an Farbe verloren, dafür an Tiefe gewonnen. Auf der Bank liegt noch Tau. Über dem Fluss hängt Dunst, dünn wie Seide. Man kann durch ihn hindurchsehen, und zugleich bleibt er undurchsichtig.

    Im Garten neigen sich die Sonnenblumen. Die Köpfe schwer, voll Samen. Ein paar Bienen sind noch da, träge, fast höflich in ihrer Langsamkeit. Der Wind bewegt sich vorsichtig, als wolle er niemanden stören.

    Ich bleibe stehen und höre. Da ist ein Geräusch, das ich lange nicht wahrgenommen habe – das feine Rascheln von etwas, das fällt. Ein Blatt, dann noch eines. So leise, dass man sich selbst erst still werden muss, um es zu hören.

    Der Sommer ist noch da, aber nur in der Erinnerung. Er zieht sich zurück, ohne Abschied, ohne Spur. Die Tage haben begonnen, sich selbst zu verkürzen. Und plötzlich merkt man, dass man das Licht vermisst, noch bevor es ganz weg ist.

    Drinnen ist das Feuer im Kamin das neue Zentrum. Holz, das langsam Wärme abgibt. Der Rauch zieht in feinen Linien durch den Raum, verschwindet im Zug des Schornsteins. Ich sitze davor, schaue in die Glut, und spüre, wie alles Unnötige verschwindet.

    Im Herbst geschieht die Welt anders. Sie will nichts mehr beweisen. Keine Blüte, kein Aufbruch, kein Drängen. Nur Sein. Das ist ihre Schönheit – diese Gelassenheit, in der nichts fehlen muss.

    Ich gehe durch das Dorf. Auf den Wegen liegen Kastanien, manche noch in ihren grünen Hüllen, gesprungen, weich, bereit. Kinder treten darauf, das Knacken hallt durch die Gasse. Alte Leute tragen Taschen voller Äpfel. Jemand fegt den Gehweg. Das Leben wird kleiner, aber dichter.

    An der Mauer beim Friedhof steht ein alter Mann. Die Hände auf den Rücken gelegt, den Blick über die Wiesen gerichtet. Er steht da, als hätte er alles verstanden. Ich nicke ihm zu. Er lächelt kaum merklich. Zwischen uns liegt ein stilles Einverständnis, das keine Worte braucht.

    Ein paar Krähen sitzen auf der Stromleitung. Ihre Schatten zittern im Wind. Eine von ihnen hebt ab, ohne Ziel, ohne Eile, nur weil der Moment es erlaubt.

    Ich nehme den Feldweg. Die Erde riecht stark, nach Regen, nach Pilzen, nach Leben unter der Oberfläche. Auf halber Strecke bleibe ich stehen. Unten das Dorf, darüber ein Himmel, der sich nicht entscheiden muss zwischen Grau und Blau.

    Ein einzelner Apfelbaum trägt noch Früchte. Sie leuchten in einem Rot, das fast trotzig wirkt. Ich pflücke einen, wische ihn am Ärmel ab. Er schmeckt kühl, herb, klar. Kein Überfluss, nur Wesen.

    Auf dem Rückweg denke ich an die Jahre, die vergangen sind. An Menschen, die kamen, gingen, blieben – jeder auf seine Weise. Der Herbst kennt solche Gedanken. Er drängt sie nicht auf, er erlaubt sie einfach.

    Zu Hause brennt eine Kerze. Der Docht flackert, zieht sich zurück, richtet sich wieder auf. Ich schreibe ein paar Zeilen in mein Heft, ohne Absicht. Wörter, die sich finden, nicht gesucht. Manche bleiben, manche lösen sich auf. Wie Blätter auf Wasser.

    Am Abend gibt es Suppe. Das Messer gleitet durch Kürbis, Kartoffeln, Zwiebeln. Die Hände wissen, was zu tun ist. Der Duft füllt den Raum. Kochen und Essen sind Gebet, ohne Worte, ohne Form.

    Draussen klopft Regen an die Scheibe. Gleichmässig, geduldig. Es ist ein beruhigendes Geräusch – das Erinnern des Himmels daran, dass alles, was fällt, Teil eines Kreislaufs ist.

    Später gehe ich noch einmal hinaus. Der Regen hat aufgehört, aber die Luft ist schwer. Über den Dächern steht der Mond, gross und ruhig. Die Wege glänzen. Ich sehe meinen Atem. Alles ist klar.

    Der Herbst hat eine besondere Art von Wahrheit. Keine, die erklärt, sondern eine, die zeigt. Alles, was entstehen soll, muss auch vergehen dürfen. Alles, was festhält, wird müde. Alles, was sich löst, wird leicht.

    Ich setze mich auf die alte Bank unter dem Ahorn. Das Laub liegt hoch, weich, bunt. Ich lasse die Hände darin ruhen. Ein Vogel ruft, weit weg. Dann Stille.

    Manchmal reicht ein solcher Augenblick, um zu verstehen, wie wenig es braucht. Kein Plan, kein Ziel, kein Müssen. Nur Dasein. So schlicht, dass man es fast übersieht.

    Der Wind hebt an, kaum merklich. Ein Blatt löst sich, schwebt, dreht sich, landet auf meinem Knie. Gelb, mit einem kleinen Riss. Ich sehe es lange an. Dann nehme ich es zwischen die Finger und lege es auf den Boden zurück.

    Das ist Herbst: das Einverständnis mit dem, was vergeht. Das Vertrauen, dass das Fallen Teil des Kreises ist. Die Ruhe, die bleibt, wenn nichts mehr werden muss.

    Wenn ich wieder ins Haus gehe, knarrt die Tür. Es riecht nach Holz und Wachs. Ich stelle die Schuhe beiseite, ziehe die Jacke aus. Alles, was man loslässt, wird leichter.

    Ich lösche das Licht, lasse den Ofen weiterglühen. Draussen rauscht der Wind.

    Die Nacht nimmt den Tag in sich auf, ohne Unterschied.

    Und irgendwo, im Dunkel, beginnt schon das Neue zu keimen.


  • Es ist lange her. An einem Donnerstag Abend im Dom von Passau. Draussen regnet es in Strömen. Wir, ein paar nicht nur geistig mittellose Studenten, sitzen im Chorgestühl hinter dem Chor des Bayrischen Rundfunks. Davor die Münchner Philharmoniker. Der Sakristan der Kathedrale hatte uns nach Türschluss kostenlos hereingeschläust. Ein Vorteil, wenn man die richtigen Leute kennt. Am Pult vor dem Orchester steht Yehudi Menuhin. Es hiess, er würde die C-Dur-Messe von Franz Schubert dirigieren. Im Moment steht er aber nur da, den Taktstock in der Hand, und tut nichts. Gar nichts. Sehr lange nichts.
    Die Leute räuspern sich. Einer hustet. Man hört das Knarzen der Bänke. 
    Hellwach und mit ganzem Herzen steht Menuhin da. Seine blitzenden Augen weit offen. Dann eine kleine, fast unscheinbare Bewegung – und der erste, zarte Ton. Und war plötzlich war alles anders. Als hätte dieser eine Ton die Stille geöffnet. 

    Diese zauberhafte Musik war schon lange da. Während wir gewartet hatten, war sie unsichtbar, unhörbar, tief im Schweigen verborgen. Wie etwas, das in jedem Herzen wartet. 

    Wo ist die Musik jetzt, wenn sie nicht gespielt wird?

    Wo ist die Liebe, wenn sie keiner lebt? Vielleicht sitzt eine alte Frau im Garten, legt zwei Brote auf den Tisch, aber niemand kommt. Sie trägt die Brote am Abend wieder hinein. Die Liebe liegt in den Broten. Sie ist nicht verschwunden. Sie bleibt, auch wenn niemand sie isst. Sie hängt in der Luft. Aber sie wird hart, wenn keiner sie teilt. Liebe braucht die Geste von Geben und Annehmen, sonst bleibt sie leer.

    Wo ist der Glaube, wenn er nicht gelebt wird? Ich war einmal auf einem sehr alten Pfarrhausdachboden. Da lag ein Kreuz, staubig. Daneben ein Stapel alter Gesangbücher. Vergilbte Seiten. Niemand schlug sie mehr auf. Und doch war etwas da. Nicht tot, eher eingefroren. Glaube kann warten. Er liegt still, bis einer wieder atmet.

    Und wo ist die Hoffnung? Manchmal unter dem Staub vieler Jahre. Manchmal in den Augen eines Kindes, das einfach glaubt, dass morgen ein guter Tag wird. Hoffnung bleibt, auch wenn sie stumm wird. Sie liegt wie Samen im Boden. Man sieht sie nicht, bis sie jemand giesst.

    Ezechiel sieht ein Feld voller Knochen. Tot, trocken, ohne Atem. Plötzlich rücken sie zusammen. Sehnen, Fleisch, Haut. Alles sieht lebendig aus. Aber es ist noch immer tot. Erst als der Geist, der Atem, weht, richten sie sich auf. Erst da beginnt Leben. So ist es mit der Musik. Ein Klavier ist nur ein Möbel, wenn niemand spielt. Eine Trommel nur Holz und Leder, wenn sie keiner schlägt. Erst wenn jemand den Mut findet, einen Ton zu wagen, beginnt es. So ist es mit der Liebe. So ist es mit dem Glauben. So ist es mit der Hoffnung.

    Johannes schreibt: Am Anfang war das Wort. Das Wort aus der grossen Stille. Vielleicht war es Klang. Vielleicht Atem. Eine Schwingung. Alles kommt von dort. Alles geht dorthin zurück. Nichts geht verloren. Auch wenn wir meinen, es sei vorbei – nichts verschwindet einfach.

    Ein Wort wie Abrakadabra klingt fremd. Es stammt aus dem Aramäischen, der Sprache Jesu. Es heisst: „Ich erschaffe, während ich spreche.“ Es ist ein Zauberspruch. Aber er zeigt, was Sprache kann. Worte schaffen Wirklichkeit. In der Magie nimmt der Mensch sich diese Macht. In der Bibel ist es der Himmel, der spricht – und es wird. Atem, Klang, Wort – sie rufen Leben hervor.

    Und darum geht es: Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei und mit ihnen die vielen anderen kostbare Dinge des Lebens stehen jederzeit bereit. Vergebung, Güte, Verbundenheit, Frieden, sie kosten nichts, ausser dass man für sie die alten Ängste und die hinterlistige Gier loslassen muss. Alles wartet. Es wartet, mit Leben gefüllt zu werden – wie die Musik. Irgendeiner muss doch mal anfangen, das Lied des Friedens zu singen. Warum also nicht wir?

    Die Ausreden sind bekannt: meine Stimme ist schwach. Ich will mich nicht verletzen. Ich bin müde. Und doch: wenn keiner anfängt, bleibt es still. Wenn keiner den Schritt wagt, bleibt alles eingefroren.

    Dabei genügt wenig. Eine Frau, die summt. Ein Junge, der im Bus pfeift. Einer, der mitten in der Nacht wach liegt und plötzlich den Mut findet, das Fenster zu öffnen, um den Himmel zu sehen. Kleine Gesten, die eine Tür öffnen. Plötzlich weht Atem.

    In der Zen-Tradition gibt es etwas, das Koan heisst. Es sind Fragen, die man mit dem Intellekt nicht beantworten kann. Sie kommen aus alten Gesprächen zwischen Lehrern und Schülern. Sie öffnen. Sie lassen uns nicht in Ruhe. Und sie verweisen alle auf die Tiefe des Lebens. 
    „Wo ist die Musik, wenn sie niemand singt?“ – tiefes, lauschendes Schweigen wäre eine Antwort. Oder ein Lied. „Wo ist die Liebe, wenn sie keiner lebt?“ – eine unmittelbare Geste aus dem Herzen wäre eine Antwort. „Wo ist der Glaube, wenn er nicht gelebt wird?“ – ein entschlossener Schritt wäre eine Antwort. „Wo ist die Hoffnung, wenn sie keiner wagt?“ – ein klares Wort, leicht wie eine Feder, wäre eine Antwort.

    Vielleicht ist der Himmel wie ein Dirigent. Der Einsatz ist längst gegeben. Wir sitzen mit den Instrumenten auf dem Schoss. Und wir zögern. Der Himmel wartet. Geduldig. Vielleicht sogar lächelnd. Bis endlich einer beginnt.

    Und dann ändert sich alles. Die Stille klingt. Die Knochen stehen auf. Die Liebe bekommt ein Gesicht. Der Glaube atmet. Die Hoffnung leuchtet. Der Frieden wird spürbar.

    Nichts ist verloren. Aber damit es lebendig wird, braucht es uns. Einen Ton. Einen Blick. Einen Schritt. Mehr nicht. Und die ganze Welt ist anders.

  • Jetzt im August, wenn die Nächte noch warm sind und der Tag schon früh sein Gewicht zeigt, denke ich gern an die kalten Morgen im Herbst und Winter. Manchmal spürt man den Herbst schon jetzt: Man steht vor dem Haus, und der Atem wird sichtbar. Eine kleine Wolke, die sich auflöst, kaum dass sie da ist. So einfach ist das Leben zu verstehen.

    Kohelet hat dafür ein Wort gefunden: hevel – Windhauch. Dasselbe Wort für den Beschlag auf der Fensterscheibe und den Atem, der Leben bedeutet. Kurz da, dann durchsichtig. Nichts Dramatisches. Nur das, was ist, und das, was vergeht – zugleich.

    Als Kind sammelte ich alles: Steine, Briefmarken, Insekten. Ganze Schachteln voller scheinbarer Unwichtigkeit. Ich glaubte, so könnte ich das Leben festhalten. Später lernte ich das Loslassen – mühsam, wie man etwas gegen die eigene Natur lernt. Noch später merkte ich: Das meiste lässt sich von selbst. Und das ist keine Tragödie, sondern eine Erleichterung.

    Auch die Trauer um meinen Adoptivvater – Windhauch. Nicht, weil sie bedeutungslos wäre oder schnell vergehen soll, sondern weil sie atmet. Kommt in Wellen, bleibt, ebbt ab, kehrt zurück. Wie der Wind in den alten Bäumen vor der Kaplanei. Und das Glück nach einem gelungenen Seelsorgebesuch, das warme Gefühl nach einem ehrlichen Gespräch – auch Windhauch. Alles vom gleichen großen Atem getragen.

    Ein Kollege erzählte mir einmal etwas, das mich nicht mehr loslässt: Der Gottesname im Hebräischen – JHWH – besteht ja nur aus vier Konsonanten. Ohne Vokale ist er eigentlich unaussprechbar. Doch wenn man genau hinhört, klingt er ohne Vokale wie Ein- und Ausatmen: „Jah“ beim Einatmen, „Weh“ beim Ausatmen. Jeder Atemzug spricht den Namen Gottes. Wir können gar nicht anders, als ihn auf den Lippen zu haben, Vom ersten Atmen solange wir leben.

    Seitdem atme ich manchmal bewusst und höre: Jah-Weh, Jah-Weh. Ein Gebet, das sich von selbst betet. Eine Gegenwart, die nicht gemacht werden muss. Und ehrlich gesagt: Das beruhigt mich. Auch wenn ich vergesse zu beten – ich bete trotzdem. Mit jedem Atemzug.

    So verstehe ich Kohelet. Er spricht nicht von Sinnlosigkeit, sondern von Leichtigkeit. Vom großen Lassen, das durch alles geht – Geburt und Tod, Freude und Schmerz, das Banale und das Heilige.

    Heute Morgen, beim Brotschneiden, kam mir der Gedanke wieder: Auch das ist Windhauch. Das Brot, das Messer, die Hand, die es führt. Der Duft des frischen Brotes, das Geräusch der Klinge auf der Kruste – alles Teil desselben Atems. Nichts muss gehalten werden. Alles hält sich selbst – im großen Zusammenhang.

    Meine Frau kam in die Küche, noch müde, die Haare zerzaust. Auch sie – Windhauch. Nicht vergänglich oder unwichtig, sondern getragen vom selben Atem, der alles trägt. In diesem Moment war alles da: Liebe, Dankbarkeit, Zerbrechlichkeit, Schönheit. Alles bewegt vom gleichen Wind. Ich hätte ihr gerne gesagt: Du bist Windhauch. Aber sie hätte mich wohl seltsam angeschaut.

    Das Geheimnis ist: Wir müssen das Leben nicht festhalten, nicht beweisen, nicht rechtfertigen. Es reicht, dass wir atmen, dass es atmet. Und im Atem ist alles gesagt.

    Was bleibt, ist nicht das, was ich krampfhaft festhalte. Was bleibt, ist das Atmen. Dieser eine große Atem, der alles durchzieht und alles von innen her erfüllt.

    JH-WH. JH-WH.

    Ein stilles, endloses Gebet, das sich von selbst betet, solange Leben in mir ist.

  • Eigentlich wollte ich lesen. Nichts Wichtiges, nur ein paar Zeilen. Aber die Brille war weg. Also suchte ich. Neben dem Bett, in beiden Jackentaschen, auf dem Schreibtisch, im Bad, noch einmal in beiden Jackentaschen und im Kühlschrank. Man weiss ja nie. Menschen wurden schon an ganz anderen Orten von der Erleuchtung gefunden …
    Nach zwanzig Minuten liess ich es sein. Ich setzte mich hin, die Hände auf den Oberschenkeln, und atmete. Müde vom Suchen. Müde vom Denken über all das, was gerade nicht zu finden ist: die Brille, der Frieden, ein Moment ohne dass etwas drängt.
    Nur zufällig fiel mein Blick auf meine rechte Hand. Die Brille lag darin. Einfach so. Vermutlich schon die ganze Zeit. Ich hatte sie gehalten, ohne es zu merken, hatte sie festgehalten, während ich überall danach suchte.
    Ich sass noch eine Weile so da. Etwas in mir hatte aufgegeben – und Raum gelassen. In die entstandene Stille fiel ein Satz aus einem sehr alten Zen-Text, aus Huinengs „Plattform-Sutra“, den ich vor Tagen gelesen hatte: „Der rechte Weg kennt kein Suchen und kein Ergreifen.“ Damals hatte er fremd geklungen. Jetzt sass er neben mir, vertraut wie ein alter Freund.
    Die Hand hielt die Brille. Der Kopf war woanders gewesen. So ist das manchmal.
    In einer lauten Welt klingt so ein Satz fast unverschämt leise. Da sein. Die Brille halten. Atmen.
    Ich brauche das immer wieder: Wachwerden zu einem offenen Herzen und leeren Händen. Zu Händen, die halten, ohne zu greifen. So findet sich dann oft der nächste, stimmige Schritt. Manchmal sogar für die ganze Welt. Selbst wenn es nur mein kurzer Schritt auf die andere Seite des Tisches ist.
    Brille optional.

  • In der Küche liegt ein Zettel auf dem Tisch. Nicht besonders auffällig. Ein Einkaufszettel, dachte ich zuerst. Aber dann habe ich ihn gelesen. „Ferien ab 8. Juli“, steht da. Nicht mehr. Keine Ausrufezeichen. Keine Ergänzungen. Kein Ziel. Kein Plan. Nur dieses eine Wort, und ein Datum.

    Ich weiss nicht mehr, wer den Zettel geschrieben hat. Vielleicht ich. Vielleicht jemand anders. Er lag einfach da. Und er hat mich ausgebremst. Nicht hart, nicht abrupt. Nur ein bisschen. Als hätte jemand den Ton leiser gedreht.

    Es gibt Worte, die wirken wie eine offene Tür. „Ferien“ ist so eines. Man steht davor und weiss nicht gleich, ob man eintreten darf. Ob das für einen selbst gemeint ist. Oder für andere. Und wenn man dann eintritt, merkt man: Es ist still. Und diese Stille meint es ernst.

    Ich habe den Zettel nicht weggeräumt. Ich habe ihn liegen lassen. Neben der Schale mit den Äpfeln, zwischen einer Gabel und einer Rechnung. Wenn ich vorbeikomme, sehe ich ihn. Und jedes Mal merke ich: Ich bin noch nicht so weit. Noch nicht angekommen im Dazwischen.

    Der Anfang der Ferien ist kein Ort. Er ist ein Blick. Ein Atemzug. Ein Schritt weniger.

    Ich verreise manchmal allein. Nicht, um mich zurückzuziehen, sondern um den Blick zu öffnen. Ich nehme die Kamera mit, aber es geht nicht um Bilder. Es geht um das Schauen. Ich suche nicht das Spektakuläre. Ich warte darauf, dass etwas still wird. Nicht um mich herum – in mir.

    Vor zwei Jahren stand ich irgendwo in einer fremden Ebene, nichts war vertraut, ausser das Licht. Ich wartete. Das tue ich oft, wenn ich fotografiere. Nicht auf das richtige Motiv. Auf das Verschwinden des Wartens.

    Ein Hirte ging vorbei, barfuss, mit drei Ziegen. Er grüsste nicht, blieb nicht stehen. Und trotzdem war es, als hätte sich etwas berührt. Es war kein schöner Moment. Er war windig, das Licht hart, die Luft staubig. Aber ich erinnere mich daran. Weil es nichts von mir wollte.

    Das Evangelium erzählt von Leuten, die losgeschickt werden, ohne Gepäck. Ohne Geld, ohne Vorrat, ohne Reservierung. Geht einfach, sagt Jesus. Bleibt, wo man euch aufnimmt. Esst, was man euch hinstellt. Wenn euch jemand nicht will, geht weiter. Kein Streit. Kein Groll. Nur Staub abklopfen und weitergehen.

    Ich frage mich, ob das nicht auch eine Art Ferien ist. So zu gehen. Ohne Beweis, ohne Ziel, ohne Angst, etwas zu verpassen. Einfach gehen. Und schauen, was sich zeigt. Und wenn nichts kommt, dann eben nichts. Auch das hat ein Gewicht.

    Ich kenne einen älteren Herren, der geht immer am ersten Ferientag in die Badi. Nicht zum Schwimmen, sagt er. Zum Ankommen. Er geht hin, setzt sich auf den warmen Stein am Beckenrand, zieht die Schuhe aus und schaut den anderen zu. Dann geht er wieder. Das ist sein Ritual. Und jedes Jahr sagt er: Jetzt ist Sommer.

    Ich weiss nicht, ob ich ein Ritual habe. Ich glaube, ich warte einfach. Bis etwas in mir langsamer wird. Nicht aufhört, aber langsamer. Bis der Lärm nachlässt. Bis ich wieder merke, dass ich atme.

    In Jesaja steht: „Wie einen seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“ Das ist kein Satz, den man analysiert. Auch keiner, über den man diskutieren muss. Es ist ein Satz, der einfach neben einem sitzt. Wie ein Mensch, der nicht fragt, wie es einem geht, sondern einfach da ist.

    Irgendwo unterwegs, weit weg an einem Grenzübergang stand eine jüngere Frau. Zwei Kinder bei sich, ein Rucksack. Sie sprach mit niemandem, sie wirkte nicht unruhig. Sie stand einfach da. Wartete. Niemand wusste, worauf. Aber sie strahlte etwas aus, das schwer zu benennen war. Nicht Hoffnung. Auch nicht Resignation. Eher ein stilles Bleiben. Und für einen Moment war es, als hätte sie den ganzen Ort mit Ruhe gefüllt.

    So sind Ferien nicht immer. Aber so sind sie manchmal. In einem Augenblick. In einem Blick. In einer Bewegung, die langsamer ist als sonst.

    Ich glaube nicht, dass wir dafür Ferien brauchen. Aber sie helfen. Sie geben uns einen Grund, den wir uns sonst nicht erlauben. Sie sagen: Jetzt nicht. Und manchmal auch: Jetzt nie mehr. Nie mehr so weitermachen wie vorher. Nie mehr alles dem Tempo unterordnen. Nie mehr das Wichtige dem Dringenden opfern.

    Wie lange dieser Zustand hält, weiss ich nicht. Vielleicht ein paar Stunden. Vielleicht eine Woche. Vielleicht nur einen Atemzug. Aber wenn man ihn einmal gespürt hat, will man ihn nicht mehr vergessen.

    Ich habe den Zettel vom Küchentisch inzwischen weggelegt. Nicht weggeworfen. Nur beiseite. Er hat getan, was er tun sollte. Er hat mich erinnert. Daran, dass nicht der Tag entscheidet, ob etwas Ferien ist. Sondern der Blick. Der Ton. Der Raum zwischen den Dingen. Und dass man nicht gleichzeitig rennen und ankommen kann.

    Ferien beginnen nicht, wenn man losfährt. Sie beginnen, wenn man stehenbleibt. Und sie enden nicht mit der Rückkehr. Sie enden, wenn man wieder anfängt, sich selbst zu überholen.

    Ich wünsche uns, dass wir das hinausschieben. Dass wir uns nicht so schnell wieder einholen. Und wenn doch – dass wir uns dabei freundlich begegnen. Ohne Hast. Ohne Urteil. Einfach so, wie man sich wiedersieht auf einem Bahnsteig. Mit einem Lächeln. Und einem leisen: Du auch hier?

  • Fronleichnam 2025, Kapelle Unterrütti

    Ich bin adoptiert. Das ist keine Geschichte, die ich oft erzähle. Aber heute erzähle ich sie.

    Meine Eltern, die mich adoptiert haben, waren gute Menschen. Sie haben mir früh gesagt, wie es ist. Ohne Aufhebens. „Du bist adoptiert“, haben sie gesagt. „Wir haben dich ausgesucht.“

    Das war schön. Ausgesucht worden zu sein.

    Trotzdem habe ich manchmal gedacht: Ich muss beweisen, dass sie richtig gewählt haben. Ich muss zeigen, dass ich es wert war.

    Menschen denken oft so. Dass sie etwas wert sein müssen. Dass sie sich verdienen müssen, was sie bekommen.

    Heute ist Fronleichnam. Ein Fest mit einem komischen Namen. Fronleichnam heisst: der Leib des Herrn. Gemeint ist Jesus. Gemeint ist das Brot, das er den Menschen gegeben hat. Aber nicht nur das Brot aus Mehl und Wasser. Gemeint ist die Nahrung, die er für uns ist. Und die wir füreinander sein können.

    Es ist ein schwieriges Fest. Wir tragen das Brot durch die Strassen und sagen: Das ist Gott. Die Leute schauen uns an und denken: Die spinnen.

    Ich verstehe das.

    Jesus hat gesagt: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Das ist ein seltsamer Satz. Brot ist Brot. Jesus ist Jesus. Wie kann Jesus Brot sein?

    Aber ich verstehe etwas anderes. Ich verstehe den Hunger.

    Nicht nur den Hunger nach Essen. Den anderen Hunger. Den Hunger danach, dass jemand sagt: Du gehörst dazu. Du bist richtig hier.

    Ich war mal für längere Zeit in einem Kloster. Die Mönche dort essen dreimal am Tag zusammen. Jeder bekommt das Gleiche. Niemand fragt: Hast du das verdient? Niemand sagt: Du warst heute nicht brav genug für das Dessert.

    In unseren Zen-Kursen ist es ähnlich. Wer kommt, gehört dazu. Niemand muss etwas beweisen.

    Das gefällt mir. Diese Selbstverständlichkeit.

    Draussen ist es anders. Draussen muss man sich das meiste verdienen. Den Job. Die Anerkennung. Die Liebe. Manchmal sogar das Essen.

    Und wir glauben: So ist es richtig. Wer nichts leistet, bekommt nichts.

    Aber Jesus sagt etwas anderes. Er sagt: Das Wichtigste ist geschenkt.

    Das ist schwer zu glauben.

    Ich erinnere mich an meinen ersten Brotkauf. Ich war fünf Jahre alt. Meine Mutter gab mir Geld und sagte: „Geh zum Bäcker und kauf ein Brot.“

    Ich war stolz. Ich war wichtig. Mama traute mir etwas zu.

    Der Bäcker kannte mich. Er lächelte und gab mir das Brot. Es war schwer in meinen kleinen Händen.

    Auf dem Heimweg dachte ich: Ich bin gross. Ich kann das.

    Erst später habe ich verstanden: Nicht weil ich es konnte, war ich gross. Sondern weil ich gross war, konnte ich es. Meine Mutter hatte mir vertraut. Der Bäcker hatte mich ernst genommen. Sie hatten mir das geschenkt, bevor ich etwas geleistet hatte.

    So ist das mit dem Brot des Lebens, glaube ich.

    Es ist nicht so, dass wir uns die Liebe verdienen müssen. Es ist so, dass wir geliebt werden. Und deshalb können wir lieben.

    Es ist nicht so, dass wir uns die Zugehörigkeit verdienen müssen. Es ist so, dass wir dazugehören. Und deshalb können wir etwas beitragen.

    Aber das vergessen wir oft.

    Wenn ich hier stehe und predige, denke ich manchmal: Hoffentlich ist es gut genug. Hoffentlich merken sie nicht, dass ich einfach ein Suchender bin.

    Als würde meine Berechtigung davon abhängen, wie authentisch, wie tiefgründig, oder wie «geschliffen» ich bin.

    Dabei ist es umgekehrt. Nicht weil ich tiefgründig oder «geschliffen» wäre, darf ich hier stehen. Sondern weil ich hier stehen darf, kann ich versuchen, mit Euch tiefer zu gehen.

    Das ist das Geschenk.

    Ich kenne einen älteren Herrn. Er geht seit Jahren nicht mehr zur Kommunion. Er sagt: „Ich bin geschieden. Ich gehöre nicht dazu.“ Er ist nicht alleine mit diesem Gefühl. 

    Das macht mich traurig. Weil es zeigt, wie wir aus dem Geschenk eine Bedingung gemacht haben. Wie wir aus der Einladung eine Prüfung gemacht haben.

    Jesus hat mit allen gegessen. Mit den Zöllnern, die betrogen haben. Mit den Sündern, die gesündigt haben. Mit den Frauen, die nicht dazugehört haben.

    Er hat nie gefragt: Bist du gut genug?

    Er hat einfach das Brot gebrochen und gesagt: Hier, für dich.

    Das ist Fronleichnam. Die Erinnerung daran, dass das Wichtigste geschenkt ist.

    Sie sind heute hierhergekommen. Warum auch immer. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht weil Sie Hunger haben. Nach Brot oder nach etwas anderem.

    Ich weiss nicht, warum Sie gekommen sind. Aber ich weiss: Sie gehören dazu.

    Nicht weil Sie fromm sind. Nicht weil Sie alles verstehen. Nicht weil Sie ein gutes Leben geführt haben.

    Sondern weil Sie da sind.

    Das ist das Brot des Lebens. Die Gewissheit: Du gehörst dazu. Du hast ein Recht zu sein.

    Und wenn Sie nachher nach Hause gehen und immer noch hungrig sind, ist das auch in Ordnung. Denn das Brot des Lebens ist kein Zaubermittel. Es ist ein Versprechen.

    Das Versprechen, dass Sie einen Platz haben.

    Hier und überall.

  • Ich sitze hier und höre zu. Mozart spielt. Eine Krönungsmesse, sagen sie. Ein grosses Wort.

    Aber ich denke an den älteren Herrn, der letzte Woche vor mir in der Schlange stand. Im Laden. Er kaufte Brot und Milch. Nichts Besonderes. Aber er wartete geduldig, als die Frau vor ihm ihr Portemonnaie nicht fand.

    Andere hätten geseufzt. Hätten geschaut – auf die Uhr. Sich geräuspert. Er wartete einfach.

    Das war auch eine Art Krönung.

    Manchmal wird es kühl zwischen Menschen. Niemand weiss warum. Niemand weiss wann. Es ist einfach da. Wie schlechtes Wetter.

    Man grüsst noch. Man nickt noch. Aber etwas fehlt. Als wäre zwischen den Menschen ein dünnes Eis entstanden. Man muss aufpassen, wo man hintritt.

    Dann werden die Gespräche vorsichtiger. Die einen werden zu Polizisten, die anderen werden verunsichert. Fragen klingen plötzlich wie Prüfungen. «Wie geht’s denn so?» bedeutet nicht mehr «Wie geht’s?» sondern «Was machst du falsch?»

    «Schönes Wetter heute», sagt einer. Und der andere denkt: Was meint er damit? Ist das eine Kritik an gestern? Eine Anspielung auf etwas?

    So wird selbst der Himmel verdächtig.

    Dann redet man nicht mehr miteinander, sondern nun noch übereinander. «Ich habe gehört, dass…» Oder: «Man sagt…»

    «Man» ist ein praktisches Wort. Wie ein Regenschirm. Man kann sich darunter verstecken. Man kann alles sagen und steht trotzdem nicht dafür gerade.

    «Viele denken das», sagt einer. Aber welche Viele? Drei? Fünf? Oder nur er selbst am Morgen, am Mittag und am Abend?

    So wird aus einem Gespräch ein Geflüster. Aus einer Meinung ein Gerücht. Aus einem Menschen ein Problem.

    Und alle machen mit. Auch ich. Auch Sie. Wir sind alle sehr demokratisch, wenn es ums Tratschen geht.

    Und dann passiert etwas Seltsames. Menschen fangen an, sich selbst kleiner zu machen. Sie ziehen den Kopf ein. Sie sagen weniger. Sie trauen sich weniger zu. Sie zeigen sich weniger.

    Als hätten sie geglaubt, was über sie geredet wird. Als wären sie wirklich das Problem geworden, das andere aus ihnen gemacht haben. Sie nehmen sich selbst die Würde. Am Ende verhalten sie sich genauso, wie man über sie spricht, ohne es je gewollt zu haben. 

    Mozart wusste nichts von unseren kleinen Kriegen. Aber seine Musik kennt sie trotzdem. Sie kennt die Müdigkeit. Die Enttäuschung. Das Misstrauen.

    Und sie antwortet darauf. Nicht mit Worten. Mit Tönen. Töne lügen nicht. Töne haben keine Hintergedanken.

    Ein Ton ist ein Ton. Er meint nichts anderes. Er will nichts beweisen. Er ist einfach da. Wie die Luft. Wie das Licht.

    Das liebe ich an der Musik. Sie macht keine Politik. Sie führt keine Gespräche über Gespräche. Sie spielt einfach. In ihrer eigenen Sprache.

    Pfingsten ist auch so eine Geschichte. Menschen verstehen sich plötzlich. Jeder hört in seiner eigenen Sprache.

    Das muss schön gewesen sein. Endlich mal ein Gespräch ohne Missverständnisse. Ohne dass einer sagt: «Das habe ich nicht so gemeint.» Oder: «Du verstehst mich nicht.»

    Das Wunder ist nicht, dass alle dasselbe sagen. Das Wunder ist, dass alle zuhören – tief und nur. 

    Zuhören wird schwerer im Alter und unter dem Druck der Angst. Wir hören zu, um zu antworten. Um zu widersprechen. Um recht zu behalten. Um zu beweisen, dass wir auch etwas wissen.

    Aber manchmal hört es in uns einfach zu. Ohne etwas zu wollen. Ohne etwas zu beweisen. Das ist selten. Das ist kostbar. Das ist ein Geschenk. Das ist unsere Natur.

    Würde hat damit zu tun. Mit dem Zuhören. Mit dem Hinschauen. Mit dem Dasein, wenn es schwierig wird.

    Würde ist ein komisches Wort geworden. Wir gebrauchen es bei Feierlichkeiten. Bei Reden. Bei wichtigen Anlässen. Als wäre Würde etwas für Sonntags.

    Aber Würde ist alltäglich. Wie Brot und Milch. Wie Luft zum Atmen.

    Der Betrunkene vor dem Bahnhof hat auch Würde. Auch wenn er nach Urin riecht. Auch wenn er lallt. Auch wenn er Passanten um Geld anbettelt.

    Die Leute machen einen Bogen um ihn. Als hätte er eine ansteckende Krankheit. Die Krankheit des Scheiterns vielleicht.

    Aber er ist immer noch ein Mensch. Mit einer Geschichte. Mit Träumen, die zerbrochen sind. Mit einer Mutter, die sich Sorgen macht.

    Würde ist nicht etwas, das man verdient. Nicht etwas, das man sich erarbeitet. Sie ist da. Von Anfang an. Wie die Haut. Wie das Herz.

    Und hier ist das Seltsame: Niemand kann sie einem nehmen. Niemand. Auch nicht der Chef, der einen runtermacht. Auch nicht die Nachbarin, die über einen redet. Auch nicht der Partner, der einem das Gefühl gibt, man sei nichts wert.

    Aber: Man kann Menschen dazu bringen, dass sie sich die Würde selbst nehmen.

    Das ist das Gemeine daran. Das ist der Trick.

    Man redet so lange über jemanden, bis er anfängt, es zu selbst glauben. Man schaut so lange weg, bis er sich selbst nicht mehr sieht. Man stellt so lange Fragen wie Prüfungen, bis er sich selbst prüft und durchfallen lässt.

    Dann macht er sich kleiner oder grösser, als er ist. Dann redet er leiser oder lauter, als nötig wäre. Dann entschuldigt er sich für Dinge, für die er sich nicht entschuldigen müsste.

    Das ist die perfekte Methode. Der andere macht die Arbeit selbst. Nimmt sich selbst die Würde. Und man kann sagen: «Ich habe doch gar nichts gemacht.»

    Stimmt. Man hat nur zugeschaut. Man hat nur geredet. Man hat ja nur gefragt.

    Und das reicht.

    Aber hier ist auch das Gute: Was man sich selbst genommen hat, kann man sich auch selbst zurück erlauben.

    Man muss nur aufhören zu glauben, was andere über einen sagen. Man muss nur aufhören, sich kleiner oder grösser zu machen, als man ist. Und man muss lernen auf den stillen Geist Gottes im Herz zu lauschen. 

    Mozarts Krönungsmusik sagt genau das. Sie sagt: Du bist mehr, als du denkst. Du bist mehr, als andere von dir denken. «Du musst wissen, dass Du genug bist», sagt der Osten. «Ihr seid das Licht der Welt», sagt Jesus.

    Sie sagt es mit einem Kyrie, das um Erbarmen bittet. Mit einem Gloria, das den Himmel offen sieht. Mit einem Agnus Dei, das den Frieden sprechen lässt.

    Das ist die Krönung. Nicht der Pomp. Nicht der Glanz. Nicht die goldenen Kleider. Sondern die Erinnerung daran, wer wir sind.

    Menschen. Mit Fehlern. Mit Ängsten. Mit kleinen und grossen Hoffnungen.

    Menschen, die Brot kaufen und Milch. Die im Stau stehen. Die ihre Kinder zur Schule bringen. Die sich Sorgen machen um die Rente.

    Menschen, die warten können. Die zuhören können. Die da sind, wenn es darauf ankommt.

    Auch hier, an diesem Ort, sind solche Menschen. Menschen, die sich manchmal kleiner oder grösser gemacht haben, als sie sind. Die manchmal vergessen haben, wer sie wirklich sind.

    Aber auch Menschen, die sich erinnern können. Die wieder aufstehen können. Die ihre Würde wiederentdecken können.

    Vielleicht fängt es so an. Mit einem, der nicht wegschaut. Mit einer, die nicht weitererzählt, was sie gehört hat. Mit jemandem, der einfach Mensch ist. Von Natur aus erfüllt von heilendem Geist.

    Ohne Bedingungen. Ohne Hintergedanken. Ohne zu fragen: «Was springt für mich dabei raus?»

    Das ist alles, worum es geht: Ein Lächeln, das nichts will. Ein Gruss, der nicht bewertet. Ein Gespräch, das kein Verhör ist.

    Die Musik spielt weiter. Mozart krönt uns alle. Feinfühlig. Selbstverständlich. Ohne die Frage, ob wir es verdient haben. Wie der Himmel selbst, der zu Pfingsten seinen weiten Geist schenkt. 

    Wie der Mann mit dem Bro und der Milch. Wie die Geduld. Die Würde, die bleibt.

    Auch wenn wir sie vergessen. Auch wenn wir sie uns selbst nehmen. Sie wartet.

    Weil sie weiss, dass sie immer schon da ist – wie die Haut. Wie das Herz. 

    .

  • Es gibt Sätze, die bleiben. Auch wenn sie nur kurz ausgesprochen werden. Vielleicht gerade dann. Weil sie nichts erklären. Weil sie einfach da sind, wie ein stilles Leuchten in einem dunklen Raum.

    So ein Satz ist: „Ich sehe den Himmel offen.“

    Er stammt von einem Mann, der nicht gerade in einem guten Moment war. Es war laut um ihn herum. Es war gefährlich. Es gab Widerstand. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat er es gesagt. Ohne Pathos. Ohne Erklärung. Nur dieser eine Satz.

    Ich habe mich gefragt, ob man das heute noch sagen darf. „Ich sehe den Himmel offen.“ Ohne dass jemand lacht. Oder die Stirn runzelt. Oder sagt: „Das ist doch naiv.“

    Denn wer heute von offenen Himmeln spricht, wird schnell in eine bestimmte Schublade gelegt. Entweder zu fromm. Oder zu weltfremd. Oder beides. Dabei geht es gar nicht um eine Vision. Es geht um einen Moment. Um einen Blick. Um etwas, das man nicht beweisen kann – aber trotzdem weiss.

    Es ist, als würde sich mitten im Alltag etwas öffnen. Nicht spektakulär. Kein Donner. Kein Lichtstrahl. Nur ein leiser Spalt. Und man merkt: Da ist mehr. Mehr als das, was man sieht. Mehr als das, was man versteht. Mehr als das, was man schafft.

    Manchmal darf ich so etwas erahnen – und ich denke, Sie kennen das auch. Ganz unscheinbar. Beim Abwasch. Beim Gehen. Beim Blick auf ein Kind. Oder einfach im Sitzen. Wenn niemand etwas von einem will. Wenn alles kurz still wird. Und etwas in mir weiss: Es ist gut. Mit allem.

    Ich hätte das früher nicht so gesagt. Ich hätte das Wort „Himmel“ vielleicht vermieden. Aber inzwischen weiss ich: Es ist genau das. Ein offener Himmel. Nicht irgendwo. Hier! Nicht später. Jetzt!

    Ich glaube, es hat damit zu tun, wie man lebt. Ob man sich erlaubt, leer zu werden. Still. Nicht immer im Recht. Nicht immer wichtig. Ob man sich traut, weich zu bleiben in einer Welt, die auf Härte setzt.

    Stephanus war kein Weicher. Aber auch kein Kämpfer. Er hat nicht zurückgeschlagen. Nicht gross geredet. Er hat einfach gesagt, was er gesehen hat. Und dann war er still.

    Das ist schwer. Zu sagen, was man sieht – und dann still zu bleiben.

    Ich habe einen alten Mann gekannt, der einmal zu mir sagte: „Ich bin im Leben oft gescheitert. Aber nie am Leben selbst.“ Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was er meint. Vielleicht so etwas wie: Ich habe vieles nicht erreicht. Ich habe vieles verloren. Aber ich habe nie aufgehört zu staunen.

    Das ist nicht wenig.

    Die meisten Menschen hören irgendwann auf zu staunen. Weil sie zu viel wissen. Oder weil sie verletzt wurden. Oder weil sie Angst haben, dass sie sonst nicht ernst genommen werden.

    Aber wer aufhört zu staunen, sieht den Himmel nicht mehr. Er wird sich schliessen. Nicht weil er es tut. Sondern weil man ihn nicht mehr sucht.

    Ich glaube, der Himmel ist dort offen, wo ich aufhöre, alles zu kontrollieren. Wo ich den Dingen ihren Lauf lasse. Wo ich nicht mehr sage: „So soll es sein.“ Sondern: „Ja, So ist es jetzt gerade.“

    Das ist schwer. Denn das bedeutet, dass man den Widerstand spürt. Dass man ihn nicht gleich wegredet. Dass man nicht sofort einen Sinn draus macht.

    Es gibt Widerstand, wenn man bei sich bleibt. Es gibt Gegenwind, wenn man sagt, was man sieht. Es gibt Leute, die das nicht mögen. Weil Offenheit ansteckend ist. Und weil Freiheit Unruhe stiftet.

    Menschen, die auf ihre Erfahrung vertrauen, sind für manche gefährlich. Nicht weil sie laut sind. Sondern weil sie nicht mitmachen. Weil sie nicht schimpfen. Weil sie zuhören. Weil sie einfach da sind. Und weil das reicht.

    Ich habe mal so jemanden kennengelernt. Jemand, der mit niemandem mehr sprach. Nicht aus Trotz. Sondern weil ihm das Reden zu laut geworden war. Er sass jeden Tag auf derselben Bank. Am Rand eines Feldwegs. Kein schöner Platz. Aber seiner. Ich fragte ihn einmal, was er da tue. Und er sagte mit ruhigem Gesicht: „Nichts.“ Dann schwieg er wieder.

    Ich glaube, er sah mehr vom Himmel als viele Theologen. Er hat nichts erklärt. Aber man spürte, dass er nichts mehr beweisen musste.

    Das ist eine grosse Freiheit.

    Freiheit heisst nicht, alles sagen zu dürfen. Freiheit heisst, nicht alles sagen zu müssen. Nicht einmal das Eigene. Nur das, was jetzt dran ist. Und manchmal ist das eben: Schweigen. Oder ein Satz. So wie dieser: „Ich sehe den Himmel offen.“

    Ich frage mich oft, ob wir den Mut haben, so zu leben. Einfach. Ohne Absicht. Ohne Kalkül. Mit offenem Herzen. Auch wenn es weh tut. Auch wenn es einsam macht. Auch wenn andere dann sagen: Du bist nicht realistisch.

    Aber was heisst schon realistisch? Die Welt ist nicht realistisch. Sie ist rätselhaft. Gross. Weich. Widersprüchlich. Und manchmal wunderschön. Wenn man hinschaut. Wenn man sich zeigt. Wenn man aufhört, alles erklären zu wollen.

    Für mich ist Glauben genau das: Nicht wissen, sondern gehen. Nicht sehen, sondern lauschen. Und wenn es dann plötzlich hell wird – mitten am Tag, mitten in einem Satz, mitten in einer Begegnung – dann stehenbleiben. Nichts machen. Nur sein. Und wissen: Das war der Himmel.

    Nicht mehr. Und nicht weniger.

    Und das genügt.

    Ich glaube, der Satz „Ich sehe den Himmel offen“ ist nicht nur eine Erfahrung. Er ist auch eine Erinnerung. Und vielleicht sogar ein Auftrag.

    Denn was wäre, wenn Kirche genau das wäre? Ein Ort, an dem der Himmel offen bleibt – auch wenn wir ihn gerade nicht sehen. Eine Gemeinschaft, die nicht fragt, ob jemand alles richtig macht, sondern ob er da ist. Nicht ob jemand alles glaubt, sondern ob er atmet. Nicht ob jemand dazugehört, sondern ob er sich sehnt.

    Wenn Stephanus in seiner letzten Stunde den Himmel offen sieht, dann vielleicht deshalb, weil er ihn sein Leben lang nicht verschlossen hat. Nicht für sich. Und nicht für andere.

    Und vielleicht ist das unsere Aufgabe: nicht mehr. Und nicht weniger. Offene Türen. Offene Ohren. Und ein Herz, das nicht rechnet.

    Dass jemand zu uns kommen kann und merkt: Ich muss hier nichts leisten, um willkommen zu sein. Ich darf hier sein – mit allem, was nicht gelingt. Mit allem, was ich nicht verstehe. Mit allem, was mir zu schwer ist, um es auszusprechen.

    Der offene Himmel ist keine Belohnung. Er ist ein Versprechen. Dass nichts verloren ist. Dass kein Mensch zu spät kommt. Dass das Unfertige dazugehört. Dass das Gebrochene einen Platz hat.

    Ein langer verstorbener Bekannter, ein alter Benediktinerbruder aus Passau sagte immer wieder: „Die grössten Tore brauchen keine Schlüssel – sie stehen immer offen.“ Er hat gelacht, als er das sagte. Ein bisschen verschmitzt. Aber man hat gemerkt, er meint es so.

    Das ist mein Bild von Kirche. Kein Gebäude. Keine Institution. Sondern ein grosser Hof mit offener Tür. Und in der Mitte: Stille. Platz. Vielleicht ein Baum. Oder einfach ein Stuhl. Für jeden, der kommt. Für jede, die zögert. Für alle, die nichts mehr sagen können, aber trotzdem hier sein wollen.

    Und niemand fragt: Warum bist du hier?

    Denn der Himmel ist offen.