Joh 20,22 – „Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!„
Es gibt Leute, die schnaufen, als hätten sie das Atmen verlernt. Ich meine jetzt nicht die mit Lungenproblemen oder die, die beim Treppensteigen pfeifen wie ein Wasserkessel. Ich meine die, die vergessen haben, dass man atmen darf. Langsam. Ohne etwas dafür leisten zu müssen.
Ich hatte mal einen Onkel – also genau genommen war es ein Bekannter, aber wir nannten ihn Onkel. Der sass oft einfach nur da, rauchte und sagte: „Solang i no schnauf, is no nix verlor’n.“ Ich mochte das. Ich wusste als Kind nicht, was genau er damit meinte, aber es hatte etwas Tröstliches. Vielleicht meinte er einfach, dass das Leben weitergeht, solange man noch nicht tot ist. Oder dass der Atem ein zuverlässigeres Zeichen für Leben ist als ein Terminplan.
Ich denke oft an ihn, wenn ich in Sitzungen sitze, in denen es um Zukunft geht. Da reden Leute über Ziele, Strategien, Massnahmen. Und niemand atmet. Also sie atmen natürlich schon, aber nicht, wie man atmet, wenn man lebt. Sondern wie man atmet, wenn man durchhalten muss. Irgendwann sagt dann jemand: „Wir müssen das jetzt wirklich zu Ende bringen.“ Und ich denke: Was, wenn nicht?
Was, wenn es manchmal reicht, durchzuatmen? Was, wenn das Durchatmen nicht die Pause ist, sondern das Eigentliche? Der Moment, in dem wir wieder bei uns ankommen? Bei dem, was wirklich ist – nicht bei dem, was dringend ist?
Es gibt diese Geschichte von einem Mann, der morgens aufsteht und sich vornimmt, heute besonders gut zu atmen. Er will es nicht übertreiben, nicht meditativ oder so, einfach ein bisschen bewusster. Und dann merkt er, dass er beim Frühstück schon wieder vergisst zu atmen, weil er denkt, er müsse die Zeitung noch fertig lesen, bevor der Bus kommt. Im Bus merkt er, dass er verkrampft das Handy hält, als würde es ihn sonst verlassen. Und bei der Arbeit vergisst er das Atmen ganz, weil da so viel anderes ist, das erledigt werden muss, dringend natürlich.
Am Abend fällt ihm auf, dass er heute eigentlich nur dann richtig geatmet hat, als er geschlafen hat. Und er fragt sich, ob das Leben so gemeint ist. Ob man es wirklich nur dann leben kann, wenn man nicht dabei ist.
Ich mag solche Geschichten. Sie sind traurig und komisch zugleich. Sie zeigen, dass wir oft meinen, wir müssten etwas besonders gut machen – das Leben, die Arbeit, sogar den Glauben –, während das Entscheidende leise nebenherläuft. Oder durch uns durch. So wie der Atem.
Ich habe vor Kurzem gelesen, dass der Mensch im Schnitt zwanzigtausend Atemzüge pro Tag macht. Und das Faszinierende ist: Wir tun das einfach. Ohne Antrag. Ohne Bewilligung. Ohne Leistungsnachweis. Unser Körper sagt nicht: Heute bist du nicht gut genug, heute bekommst du nur die Hälfte. Nein – er atmet einfach weiter. Manchmal stockend, manchmal tief, manchmal kaum hörbar – aber er hört nicht auf. Auch dann nicht, wenn wir es längst getan haben.
Ich glaube, das ist das Schönste am Atem. Dass er uns nicht verlässt. Und dass er uns daran erinnert, dass wir nicht alles selber machen müssen. Dass wir getragen sind, in einer Weise, die wir nicht organisieren können.
In der Kirche reden wir manchmal vom Geist. Und meinen damit alles Mögliche. Aber ursprünglich heisst das Wort einfach: Atem. Hauch. Wind. Da ist nichts Spektakuläres dabei. Kein Feuerwerk. Kein göttliches WLAN. Einfach ein Atemzug. Ein Dasein. Eine leise Bewegung, die nicht auf sich aufmerksam macht – aber ohne die nichts lebt.
Vielleicht sollten wir aufhören, immer auf Zeichen zu warten. Auf Beweise, auf Antworten, auf Wunder. Vielleicht reicht es, sich hinzusetzen, einmal ruhig zu atmen und zu merken: Ich bin noch da. Und solange ich atme, ist nichts verloren. Solange ich atme, bin ich verbunden. Mit allem, was lebt. Auch mit denen, die ich verloren habe. Auch mit dem, was ich nicht verstehe.
Und vielleicht ist es genau das, was an jenem Abend geschah, als sie sich eingeschlossen hatten, die Türen verriegelt, das Herz verknotet. Jesus kommt – nicht mit einem Donnerwort, sondern mit einem Atemzug. „Er hauchte sie an“, heisst es. Ein merkwürdiger, stiller Satz. Und doch: genau darin liegt alles.
Nicht ein Beweis, nicht ein Argument, nicht mal ein Trostwort – sondern ein Hauch. So beginnt es. Wie am Anfang, als Gott dem Staub Leben einblies. So auch jetzt, nach dem Tod: ein neuer Anfang, durch den Atem.
Er hat sie nicht überredet. Nicht umgestimmt. Nur angehaucht. Und in diesem Atem war alles: Nähe, Ermutigung, Leben. Keine Theorie, keine Lehre – nur das stille Angebot: Du darfst wieder atmen.
Vielleicht ist das das ganze Evangelium in einem Satz: Du darfst wieder atmen. Trotz allem. Gerade jetzt.
Und wenn ich eines Tages gefragt werde, ob ich geglaubt habe – dann hoffe ich, ich kann sagen: Ich habe geatmet. Nicht perfekt, nicht immer bewusst. Aber ich habe weitergeatmet. Und manchmal, wenn es still genug war, habe ich gespürt: Ich atme nicht allein. Da ist noch ein anderer Atem. Einer, der mir Leben einhaucht, wenn ich selber nicht mehr weiss, wie.
Und das, denke ich, ist Gnade.
