Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

  • Joh 20,22 – „Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

    Es gibt Leute, die schnaufen, als hätten sie das Atmen verlernt. Ich meine jetzt nicht die mit Lungenproblemen oder die, die beim Treppensteigen pfeifen wie ein Wasserkessel. Ich meine die, die vergessen haben, dass man atmen darf. Langsam. Ohne etwas dafür leisten zu müssen.

    Ich hatte mal einen Onkel – also genau genommen war es ein Bekannter, aber wir nannten ihn Onkel. Der sass oft einfach nur da, rauchte und sagte: „Solang i no schnauf, is no nix verlor’n.“ Ich mochte das. Ich wusste als Kind nicht, was genau er damit meinte, aber es hatte etwas Tröstliches. Vielleicht meinte er einfach, dass das Leben weitergeht, solange man noch nicht tot ist. Oder dass der Atem ein zuverlässigeres Zeichen für Leben ist als ein Terminplan.

    Ich denke oft an ihn, wenn ich in Sitzungen sitze, in denen es um Zukunft geht. Da reden Leute über Ziele, Strategien, Massnahmen. Und niemand atmet. Also sie atmen natürlich schon, aber nicht, wie man atmet, wenn man lebt. Sondern wie man atmet, wenn man durchhalten muss. Irgendwann sagt dann jemand: „Wir müssen das jetzt wirklich zu Ende bringen.“ Und ich denke: Was, wenn nicht?

    Was, wenn es manchmal reicht, durchzuatmen? Was, wenn das Durchatmen nicht die Pause ist, sondern das Eigentliche? Der Moment, in dem wir wieder bei uns ankommen? Bei dem, was wirklich ist – nicht bei dem, was dringend ist?

    Es gibt diese Geschichte von einem Mann, der morgens aufsteht und sich vornimmt, heute besonders gut zu atmen. Er will es nicht übertreiben, nicht meditativ oder so, einfach ein bisschen bewusster. Und dann merkt er, dass er beim Frühstück schon wieder vergisst zu atmen, weil er denkt, er müsse die Zeitung noch fertig lesen, bevor der Bus kommt. Im Bus merkt er, dass er verkrampft das Handy hält, als würde es ihn sonst verlassen. Und bei der Arbeit vergisst er das Atmen ganz, weil da so viel anderes ist, das erledigt werden muss, dringend natürlich.

    Am Abend fällt ihm auf, dass er heute eigentlich nur dann richtig geatmet hat, als er geschlafen hat. Und er fragt sich, ob das Leben so gemeint ist. Ob man es wirklich nur dann leben kann, wenn man nicht dabei ist.

    Ich mag solche Geschichten. Sie sind traurig und komisch zugleich. Sie zeigen, dass wir oft meinen, wir müssten etwas besonders gut machen – das Leben, die Arbeit, sogar den Glauben –, während das Entscheidende leise nebenherläuft. Oder durch uns durch. So wie der Atem.

    Ich habe vor Kurzem gelesen, dass der Mensch im Schnitt zwanzigtausend Atemzüge pro Tag macht. Und das Faszinierende ist: Wir tun das einfach. Ohne Antrag. Ohne Bewilligung. Ohne Leistungsnachweis. Unser Körper sagt nicht: Heute bist du nicht gut genug, heute bekommst du nur die Hälfte. Nein – er atmet einfach weiter. Manchmal stockend, manchmal tief, manchmal kaum hörbar – aber er hört nicht auf. Auch dann nicht, wenn wir es längst getan haben.

    Ich glaube, das ist das Schönste am Atem. Dass er uns nicht verlässt. Und dass er uns daran erinnert, dass wir nicht alles selber machen müssen. Dass wir getragen sind, in einer Weise, die wir nicht organisieren können.

    In der Kirche reden wir manchmal vom Geist. Und meinen damit alles Mögliche. Aber ursprünglich heisst das Wort einfach: Atem. Hauch. Wind. Da ist nichts Spektakuläres dabei. Kein Feuerwerk. Kein göttliches WLAN. Einfach ein Atemzug. Ein Dasein. Eine leise Bewegung, die nicht auf sich aufmerksam macht – aber ohne die nichts lebt.

    Vielleicht sollten wir aufhören, immer auf Zeichen zu warten. Auf Beweise, auf Antworten, auf Wunder. Vielleicht reicht es, sich hinzusetzen, einmal ruhig zu atmen und zu merken: Ich bin noch da. Und solange ich atme, ist nichts verloren. Solange ich atme, bin ich verbunden. Mit allem, was lebt. Auch mit denen, die ich verloren habe. Auch mit dem, was ich nicht verstehe.

    Und vielleicht ist es genau das, was an jenem Abend geschah, als sie sich eingeschlossen hatten, die Türen verriegelt, das Herz verknotet. Jesus kommt – nicht mit einem Donnerwort, sondern mit einem Atemzug. „Er hauchte sie an“, heisst es. Ein merkwürdiger, stiller Satz. Und doch: genau darin liegt alles.

    Nicht ein Beweis, nicht ein Argument, nicht mal ein Trostwort – sondern ein Hauch. So beginnt es. Wie am Anfang, als Gott dem Staub Leben einblies. So auch jetzt, nach dem Tod: ein neuer Anfang, durch den Atem.

    Er hat sie nicht überredet. Nicht umgestimmt. Nur angehaucht. Und in diesem Atem war alles: Nähe, Ermutigung, Leben. Keine Theorie, keine Lehre – nur das stille Angebot: Du darfst wieder atmen.

    Vielleicht ist das das ganze Evangelium in einem Satz: Du darfst wieder atmen. Trotz allem. Gerade jetzt.

    Und wenn ich eines Tages gefragt werde, ob ich geglaubt habe – dann hoffe ich, ich kann sagen: Ich habe geatmet. Nicht perfekt, nicht immer bewusst. Aber ich habe weitergeatmet. Und manchmal, wenn es still genug war, habe ich gespürt: Ich atme nicht allein. Da ist noch ein anderer Atem. Einer, der mir Leben einhaucht, wenn ich selber nicht mehr weiss, wie.

    Und das, denke ich, ist Gnade.

  • Ich habe einmal in einem Wirtshaus gesessen, in dem ein Stuhl mit einem Schal über der Lehne stand. Niemand sass dort. Niemand kam. Der Kellner hat ihn nie weggeräumt. Ich habe gefragt. Er sagte: „Der ist für Herrn Koller. Der war Stammgast. Kommt aber nicht mehr.“ Ich habe nicht gefragt, warum er nicht mehr kommt. Es hat gereicht, dass der Stuhl da war.

    Ich glaube, man erkennt viel an dem, was bleibt, obwohl es nicht mehr gebraucht wird. Ein Stuhl, der frei bleibt. Ein Teller, der nicht abgeräumt wird. Ein Licht, das brennt, obwohl keiner im Zimmer ist. Und man erkennt die Menschen, die das verstehen. Die nicht alles erklären müssen. Die einfach einen Platz lassen. Für den, der vielleicht noch kommt.

    Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus hatten nichts mehr erwartet. Sie gingen nicht zu einem Ziel. Sie gingen vom Schmerz weg. Zwei Menschen, nebeneinander, auf einem Weg, der keinen Namen hatte.

    Dann kommt einer dazu. Er fragt nur, worüber sie reden. Das ist nicht viel. Aber es genügt. Manchmal genügt das Zuhören mehr als das Reden. Er geht einfach mit. Er erklärt nichts. Er drängt sich nicht auf. Und sie erzählen.

    Ich glaube, man merkt erst spät, wenn jemand wirklich zuhört. Weil Zuhören keine grosse Geste ist. Es ist ein Schritt neben dir. Ein Satz zur richtigen Zeit. Oder kein Satz.

    Ich habe einmal neben jemandem im Wartezimmer gesessen, lange. Wir haben kein Wort gewechselt. Aber als ich aufstand, sagte er: „Es war gut, dass Sie da waren.“ Ich hatte nichts getan. Ich hatte nur gewartet. Ich glaube, Jesus hat an dem Tag in Emmaus auch nichts getan. Er ist nur mitgegangen. Und das hat gereicht.

    Ostern fängt nicht mit einem Wunder an. Es fängt mit einem Schritt an. Und mit einem, der nicht fragt, ob du glaubst – sondern ob du gehen möchtest. Und dann geht er mit.

    Sie kommen ins Dorf. Der Abend senkt sich. Einer sagt: „Bleib doch bei uns.“ Ich mag diesen Satz. Nicht, weil er besonders fromm klingt. Sondern weil er offen ist. Bleib da. Du warst mit uns auf dem Weg. Jetzt setz dich auch mit an den Tisch.

    Ich war oft im Haus eines meiner ältesten Freunde. Er hiess Peter, und ist vor einigen Jahren völlig zu Unrecht und viel zu früh verstorben. Es war ein Haus mit drei Kindern, manchmal fünf, weil Nachbarskin der einfach mitgegessen haben. Der Tisch war gross, aber nie zu voll. Irgendwo war immer noch ein Stuhl. Er sagte einmal: „Wir decken nicht extra für jemanden. Wir lassen einfach einen Platz nicht leer werden.“

    Ich glaube, das war mehr als Grosszügigkeit. Es war ein Zeichen. Nicht für die Gäste. Für die Gastgeber. Eine Erinnerung: Da fehlt noch jemand. Und wenn man sich hinsetzt, weiss man – da ist Raum. Nicht nur für Menschen. Auch für das, was heiliger ist als Worte.

    Vielleicht ist das das erste Sakrament: ein Tisch, der mehr will als satt machen.

    Sie sitzen am Tisch. Er nimmt das Brot. Bricht es. Und gibt es ihnen. Und in genau diesem Moment erkennen sie ihn. Nicht an der Stimme. Nicht an den Erklärungen. Sondern dort, wo das Brot gebrochen wird.

    Es war ein einfaches Mahl – aber keiner von ihnen hat danach noch gedacht, es sei nur ein Abendessen gewesen. Ich glaube, sie haben gespürt: Das war mehr. Mehr als ein Stück Brot. Mehr als eine freundliche Geste. Etwas hat sich geöffnet. Nicht mit Licht von oben. Nicht mit einem plötzlichen Wunder. Sondern in der Bewegung, in der ein Stück Brot nicht bei einem bleibt – sondern hingegeben wird.

    Ich habe Menschen gesehen, die mit grossem Respekt eine Schale mit Brot weiterreichen. Und andere, die in genau diesem Moment still wurden. Nicht aus Angst, etwas falsch zu machen. Sondern weil sie wussten: Jetzt berühren wir etwas, das grösser ist als wir.

    Dass die Jünger Jesus gerade dort erkennen – im Brechen des Brotes – ist kein Zufall. Es ist das, woran er sich festgemacht hat, als er wusste, dass er gehen wird. „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Nicht: Haltet grosse Reden. Sondern: Brecht das Brot. Seid da. Teilt euch.

    Ich glaube, das ist mehr als Erinnerung. Es ist Gegenwart. Leise. Und wahr.

    Die beiden Jünger stehen auf. Noch in derselben Stunde. Obwohl es spät ist. Obwohl der Weg lang war. Sie gehen zurück. Nicht, weil sie jetzt alles begriffen haben. Sondern weil sie etwas erlebt haben, das sie nicht behalten konnten. Etwas, das geteilt werden muss.

    Das Brot, das gebrochen wurde – es war nicht nur eine Erinnerung. Es war eine Begegnung. Und jetzt wissen sie: Er ist nicht mehr dort, wo sie ihn verloren hatten. Er ist da, wo sie ihn erkannt haben. Und vielleicht auch da, wo sie ihn noch nicht erkannt haben.

    Ich glaube, Ostern heisst nicht, dass alles hell wird. Es heisst, dass das, was unsichtbar war, plötzlich spürbar wird – im Brot, im Atem, im Weitergehen.

    Zurück zu dem Haus, in dem immer ein Platz am Tisch frei war… Nicht demonstrativ. Nicht symbolisch. Einfach offen. Es war kein leerer Platz. Es war ein Erwartender.

    Ich glaube, das ist Ostern:  
    Nicht die Sicherheit, dass einer kommt.  
    Aber der Mut, den Stuhl nicht wegzuräumen.  
    Weil da einer war.  
    Und weil da einer ist.  
    Im Wort.  
    Im Brot.  
    Im Dazwischen.
    In uns.

  • Ich weiss nicht, ob Maria Magdalena schlecht geschlafen hat in jener Nacht. Aber ich nehme es an. Ich stelle sie mir vor, wie sie im Halbdunkel ihre Schuhe sucht, obwohl sie doch genau weiss, wo sie stehen. Wie sie aufsteht, weil sie nicht mehr liegen kann. Nicht, weil sie ausgeruht ist. Sondern weil es sinnlos ist, weiter zu versuchen, was nicht gelingt.

    Ich kenne dieses Aufstehen. Ich habe es gesehen. Bei meiner Mutter. In der Küche, als der Vater noch nicht lange tot war. Sie hat den Tisch gedeckt, für zwei, obwohl nur sie da war. Nicht aus Versehen. Sondern weil es einfacher war, als alles neu zu machen. Ich habe nie gefragt, warum sie das tat. Ich glaube, sie hätte es selbst nicht sagen können. Es war einfach so. Es war ihr Weg zum Grab.

    Maria Magdalena geht nicht, weil sie etwas erwartet. Sie geht, weil sie etwas tun muss. Irgendetwas. Wenn man nichts tun kann, hilft das Gehen. Ich bin manchmal auch gegangen. Ohne Ziel. Einfach, weil ich wusste: Wenn ich noch länger so dasitze, werde ich schreiend still.

    Maria geht zum Grab. Und findet es offen. Leer. Das ist der Moment, an dem alle Erklärungen aufhören. Die Geschichte, die man sich zurechtgelegt hat – der Tod, das Ende, der Schmerz – ist nicht mehr da. Aber auch nichts Neues. Nur Leere.

    Ich weiss nicht, wie lange sie einfach nur dastand. Vor dem Grab. Vielleicht lang. Vielleicht auch gar nicht. Vielleicht war da nur dieser Moment, in dem man nicht mehr denkt. Ich kenne solche Momente. Wenn man in einen leeren Raum kommt und nicht mehr weiss, was man wollte. Oder wenn man den Namen eines Menschen auf der Zunge hat und ihn trotzdem nicht sagen kann, weil er zu gross geworden ist.

    Maria sieht zwei Engel. Ich weiss nicht, wie Engel aussehen. Ich habe noch nie einen gesehen. Aber ich habe Menschen gesehen, die da waren, wenn ich es nicht erwartet habe. Einen Pfleger, der länger geblieben ist. Einen Jungen, der seinen Grossvater fragt, ob er ihm die Schuhe binden soll. Eine Frau an der Bushaltestelle, die dem anderen die Handtasche aufhebt, ohne etwas zu sagen. Vielleicht sind das Engel. Oder vielleicht sind es einfach Leute, die gerade nichts anderes vorhatten.

    Maria fragt, wo man ihn hingebracht hat. Das ist eine gute Frage. Ich habe auch schon gefragt, wo etwas geblieben ist, das ich liebte. Eine Stimme. Ein Geruch. Ein Blick, den es so nicht mehr gibt. Meistens bekommt man keine Antwort. Man bekommt Schweigen. Oder Wetter. Oder eine Hand auf der Schulter.

    Dann steht da einer hinter ihr. Sie erkennt ihn nicht. Sie hält ihn für den Gärtner. Das ist ein schönes Missverständnis. Ich mag Gärtner. Sie wissen, dass alles seine Zeit hat. Und dass man nicht alles sofort sieht. Vielleicht hat Jesus das gefallen. Dass sie ihn für einen Gärtner hielt.

    Er sagt ihren Namen. Einfach so. „Maria.“ Kein Zusatz. Kein „Fürchte dich nicht.“ Kein „Ich bin’s.“ Nur der Name. Ich habe oft darüber nachgedacht. Über diesen einen Moment. Ich glaube, es ist das Einzige, was nötig war. Vielleicht überhaupt das Einzige, was je nötig ist: dass jemand deinen Namen sagt, und du erkennst, dass du gemeint bist. Nicht als Idee. Nicht als Problem. Sondern als du.

    Ich habe einmal in einem Altersheim vorgelesen. Kurzgeschichten. Einmal pro Woche. Nicht viele kamen. Aber eine Frau war immer da. Ganz still. Nie Fragen. Kein Lächeln. Nach Monaten sagte sie, als ich gerade aufstehen wollte: „Sie lesen so, als würden Sie mich kennen.“ Und ich habe genickt. Obwohl ich sie nicht kannte. Aber sie hatte recht. Ich hatte sie gemeint.

    Jesus sagt „Maria“, und sie erkennt ihn. Manchmal genügt das. Dass jemand sagt: Ich sehe dich. Ohne Erklärung. Ohne dass du dich erklären musst. Ich finde das grösser als jede Auferstehungsgeschichte mit Trompeten und Siegesrufen. Einfach da. Eine Stimme. Ein Name. Und das Erkennen.

    Sie will ihn festhalten. Ich verstehe das. Ich habe auch schon Dinge festhalten wollen, die nicht zu halten waren. Einen Moment, der gut war. Eine Berührung. Einen Duft. Ein Lachen, das schon vorbei war. Es funktioniert nie. Man macht es trotzdem. Und irgendwann sagt einem das Leben: Lass los. Nicht hart. Nur: Jetzt.

    „Halte mich nicht fest“, sagt Jesus. Ich habe lange nicht gewusst, ob das ein Trost ist oder eine Zumutung. Vielleicht beides. Ich glaube, die grösste Schwierigkeit im Leben ist nicht das Verlieren – sondern das Weitergehen, ohne festzuhalten. Ich habe Menschen erlebt, die mit grosser Zärtlichkeit losgelassen haben. Und andere, die mit grossem Glauben nie aufgehört haben, festzuhalten. Beide haben gelitten. Beide hatten recht.

    Maria wird zur Botin gemacht. Sie soll den anderen sagen, was sie gesehen hat. Ich frage mich manchmal, wie sie das gemacht hat. Ob sie gerufen hat. Oder ob sie einfach da sass, und einer hat sie angesehen und verstanden: Da ist etwas geschehen. Ich glaube, sie hat nicht gepredigt. Ich glaube, sie hat geschwiegen. Und irgendwann gesagt: „Ich habe ihn gesehen.“ Ohne Beweis. Ohne Theater. Einfach so, wie man sagt: „Der Frühling ist da.“ Und alle schauen hinaus – und merken, dass der Schnee verschwunden ist.

    Ostern ist nicht der Moment, in dem alles klar wird. Es ist der Moment, in dem etwas nicht mehr so schwer ist wie vorher. Die Luft wird leichter. Der Blick wird weiter. Man steht auf, nicht um zu siegen, sondern um wieder einen Schritt zu machen. Vielleicht barfuss. Vielleicht vorsichtig. Aber man geht.

    Ich glaube, das Evangelium sagt nicht: Du musst glauben, dass er lebt. Es sagt: Vielleicht sagt jemand deinen Namen. Und du erkennst etwas wieder. Nicht alles. Aber genug, um wieder aufzustehen. Vielleicht ist das alles. Und vielleicht genügt das.

    Ich habe gestern einen Brief gefunden, den ich vor Jahren bekommen habe. Ich hatte vergessen, dass ich ihn aufgehoben hatte. Die Schrift war ein wenig verwischt, an der Stelle, wo wohl ein Tropfen Tee gefallen ist. Ich habe ihn nicht ganz gelesen. Nur die ersten zwei Sätze. Das hat gereicht. Manchmal weiss man dann: Ich war gemeint. Und bin es vielleicht noch immer.

    Vielleicht ist Ostern genau das. Kein grosser Beweis. Kein neues Leben mit Pauken und Trompeten. Sondern etwas, das einen leisen Klang hat – wie eine Stimme aus dem Nebenzimmer, die meinen Namen sagt, und ich merke: ich werde gehört.


    Ich habe heute Morgen die Tulpen in der Vase zurechtgerückt. Eine war umgekippt. Ich habe sie gestützt. Nicht weil es nötig war. Aber weil sie schöner aussah, wenn sie stand. Dann habe ich den Tisch gedeckt. Meine Frau kam aus dem Garten. Unser Sohn war noch oben. Ich habe nichts gesagt. Ich habe nur geschaut, wie das Licht über den Rand der Tasse kam.

    Und ich habe gedacht: Das ist Ostern.

  • Ich bin einmal spät nach Hause gekommen. Das Haus war dunkel, aber in meinem Zimmer brannte Licht. Ich war verwundert. Ich hatte es nicht angelassen. Ich dachte erst, jemand sei da. Aber es war niemand da. Nur das Licht. Es war warm. Und es hat gut getan. Ich habe mich hingesetzt, nicht gleich das Licht gelöscht. Ich habe nichts gedacht. Ich war einfach da. Und das Licht auch.

    Ich weiss nicht, ob das mit Ostern zu tun hat. Aber es ist mir eingefallen, als ich das mit dem Licht gehört habe. Mit der Osterkerze, mit dem Ruf „Lumen Christi“, mit der Flamme, die sich verteilt, ganz langsam, zuerst vorne, dann weiter hinten, bis alles still leuchtet.

    Ich glaube, es gibt viele Lichter, die wir nicht selbst anzünden. Sie sind einfach da. Weil jemand anderes sie brennen liess. Vielleicht aus Liebe. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht, weil dieser Mensch selbst nicht mehr im Dunkeln sitzen wollte.

    Ich kenne viele Arten von Dunkelheit. Die im Zimmer, wenn der Strom ausfällt. Die, wenn man nachts aufwacht und nicht weiss, wo man ist. Die, wenn ein Mensch nicht mehr da ist. Und die, wenn einer zwar noch da ist, aber man ihn nicht mehr erreicht.

    Man sagt, die Osternacht beginne im Dunkeln. Ich glaube, sie beginnt vorher. In den Tagen, in denen man nichts mehr weiss. In denen man einfach weitermacht, obwohl einem alles fehlt. Ich habe einmal eine Frau besucht, die gerade jemanden verloren hatte. Ich habe nichts gesagt. Ich war nur da. Wir haben Tee getrunken. Sie hat zwei Tassen hingestellt. Auch wenn sie allein war.

    Ich habe das still gefunden. Und schön. Nicht feierlich. Aber stark. So wie die Dunkelheit, die nicht droht, sondern nur wartet. Wartet auf ein kleines Licht. Auf das erste Zögern der Flamme. Auf etwas, das nicht sagt: Jetzt ist alles gut. Sondern nur: Jetzt ist nicht mehr ganz dunkel.

    Ich war oft in Kirchen, wenn sie leer waren. Am liebsten abends. Wenn das Licht schon aus war und nur noch eine einzelne Kerze brannte, irgendwo im Seitenschiff. Ich habe nie herausgefunden, wer sie angezündet hat. Aber ich habe mich jedes Mal darüber gefreut. Weil es genügte. Eine Kerze. Sie hat nicht die Dunkelheit vertrieben. Sie hat sie nur unterbrochen. Wie eine Frage, auf die niemand eine Antwort erwartet, aber trotzdem stellt.

    Ich glaube, das ist Ostern. Kein Triumph. Kein grosser Moment. Sondern eine Geste. Jemand zündet eine Kerze an. Jemand sagt: Ich bleibe noch. Jemand stellt den Stuhl zurück, auf dem vorher jemand sass. Nicht weil man hofft. Nicht weil man sicher ist. Sondern weil man es so gelernt hat. Oder weil man es nicht anders kann.

    Es gibt diese kleinen Handlungen, die fast nichts bedeuten – und trotzdem alles verändern. Eine Tür, die nicht zugeschlagen wird. Ein Fenster, das offen bleibt. Ein Licht, das jemand für dich brennen lässt, ohne zu wissen, wann du kommst.

    Ich glaube nicht, dass die ersten Christen am Ostermorgen gejubelt haben. Ich glaube, sie haben gestutzt. Sie haben gesucht. Vielleicht geschwiegen. Einer ist gerannt, ein anderer ist stehen geblieben, eine hat geweint. Niemand wusste, was zu tun war. Und vielleicht war gerade das der Anfang.

    Es war noch nicht hell. Das Grab war offen. Das Tuch lag da. Und der, den sie suchten, war nicht mehr dort, wo er zuletzt gewesen war. Ich finde das tröstlich. Dass der Glaube nicht dort beginnt, wo man etwas findet – sondern dort, wo man merkt, dass etwas fehlt.

    Ich habe einmal einen alten Mann gesehen, der nach dem Gottesdienst immer die Kerzen gerade rückte. Er sagte nie viel. Aber er blieb, wenn die anderen schon draussen waren. Ich habe ihn gefragt, warum er das macht. Er sagte: „Damit es bereit ist, wenn jemand kommt.“ Ich weiss nicht, ob er an Gott geglaubt hat. Aber er hat gewartet. Und Licht gemacht. Und Platz gelassen.

     

    Ich bin dann doch irgendwann schlafen gegangen, damals, als ich heimkam und das Licht in meinem Zimmer noch brannte. Ich habe es nicht gelöscht. Ich habe mich einfach hingelegt. Es war gut, dass es da war. Nicht weil ich Angst hatte. Sondern weil ich nicht allein war. Auch wenn keiner im Raum war.

    Ich glaube, es ist nicht so wichtig, ob wir verstehen, was an Ostern passiert ist. Vielleicht reicht es, dass jemand einmal gesagt hat: Das Leben ist nicht zu Ende. Nicht, solange noch jemand Licht macht. Nicht, solange noch einer sagt: Ich bin da. Nicht, solange irgendwo ein Raum offen bleibt für das, was man nicht erklären kann.

    In der Osternacht geht das Licht durch die Reihen. Erst zögerlich. Dann weiter. Es wird nicht plötzlich hell. Aber es genügt, dass man den Nächsten sehen kann. Und den eigenen Schritt.

    Ich glaube, das ist genug.

  • Es ist Frühling, sagt der Kalender. Ein Sonntag nach dem ersten Vollmond. Früher war das ein Festtag, weil das Leben zurückkam. Weil die Bäume austrieben, weil die Tiere aus den Ställen kamen, weil die Tage länger wurden. Die Menschen feierten das. Dann kam das Christentum und sagte: Das ist Ostern.

    Und wie das so ist mit den Festen, man weiss nie genau, ob sie erfunden sind oder ob sie einfach da sind. Ostern jedenfalls kommt nicht einfach. Es hat eine Geschichte, die dazugehört. Eine Geschichte von Leiden und Tod. Jesus im Garten Gethsemane, alleine, weil die Freunde müde sind und schlafen. „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ sagt er. Aber keiner hört es. Es ist Nacht. Und dann wird er verhaftet. Das Gehabe der Mächtigen, das Gekreische der Menge. „Kreuzige ihn!“ schreien sie. Warum? Weil sie immer schreien. Weil es immer so ist. Einer steht da, allein, und die anderen schreien. 

    Dann kreuzigen sie ihn. Die Sonne verfinstert sich, der Tempelvorhang zerreisst. Vielleicht war es so. Vielleicht hat man es sich so erzählt. Jedenfalls war er tot. Das wusste man sicher. Und das war das Entscheidende, was sicher war. 

    Am Karsamstag dann nichts. Gar nichts. Eine Stille, die nicht wohltut. Keine Antwort, keine Erklärung, kein Wunder. Kein Gott, der sagt: So, jetzt ist es vorbei. Kein Engel, der tröstet. Nur das Grab. Nur die Nacht. Und Warten. Warten, aber worauf? Vielleicht nur darauf, dass es wieder Frühling wird. Dass die Zeit vergeht. Dass es irgendwann leichter wird. Oder dass man vergisst.

    Maria Magdalena geht zum Grab. Morgens früh. Weil man das so macht. Man geht zum Grab, um nachzusehen, ob alles noch da ist. Ob die Welt noch die gleiche ist. Ob man sich an das Gesicht erinnern kann. Aber das Grab ist leer. Und der Stein? Weg. Und ein Engel, der sagt: „Jesus ist auferstanden.“ Einfach so. 

    Und dann ist Stille. Nicht mehr die Stille des Todes. Eine andere. Eine, die wie eine Frage ist. Eine Stille, die nach etwas klingt. Nach einem Anfang, den man nicht versteht. Nach einem Leben, das nicht mehr so ist wie vorher. Eine Stille, in der alles möglich scheint. 

    Der Lärm und die Stille. Die Stille und der Lärm. Beides gehört dazu. Aber am Ende bleibt die Stille. Nicht die leere Stille. Nicht die, die einen verzweifeln lässt. Sondern die andere. Die, die Raum lässt. Die, die nach etwas klingt. Vielleicht nach Hoffnung. Vielleicht nach einer Geschichte, die noch nicht zu Ende ist. In jedem Falle nach dem vollen Leben – und nach Himmel. Auferstehung eben.

  • Vor ein paar Tagen habe ich auf dem Weg zum Kindergarten eine kleine «Prozession» gesehen.

    Drei Kinder. Zwei Stöcke. Ein Plüschtier auf einem Trottinett.

    Die Jüngste ging vorne.
    Sie trug einen Ast wie eine Fahne.
    Vielleicht war es ein Palmzweig.
    Vielleicht auch nur ein Stück vom Haselstrauch,
    mit noch schlafenden Knospen.

    Sie schritt ganz feierlich.
    Ganz ernst.
    Hinter ihr der Junge mit dem Plüschtier,
    das irgendwie wie ein Hund aussah –
    ein Ohr fehlte. Dem Plüschtier. Nicht dem Kind.

    Und dann noch einer,
    der nichts trug,
    aber ganz wichtig schaute.

    Er ging so,
    als wäre er der Anführer,
    obwohl er hinterherlief.

    Niemand winkte.
    Niemand klatschte.
    Aber sie liefen,
    als wäre die Welt ihr Publikum.

    Ich musste lächeln.
    Und dann wurde mir ernst.

    Denn ich dachte:
    So war das vielleicht,
    damals in Jerusalem.

    Nicht mit goldenen Wagen.
    Nicht mit Trommeln und Fanfaren.
    Nicht mit roten Teppichen.

    Sondern:
    Ein Mann auf einem Esel.
    Ein paar Menschen am Strassenrand.
    Ein paar Zweige.
    Ein bisschen Vertrauen.
    Ein bisschen Angst.
    Vielleicht auch ein bisschen Trotz.

    Sie riefen „Hosanna!“
    Und das ist kein frommer Gruss.
    Das ist ein Aufschrei.
    „Hilf uns!“
    „Rette uns!“
    „Tu etwas – wir können nicht mehr!“

    Aber was sie meinten war vielleicht:
    „Mach, dass alles bleibt, wie es ist.“
    (Oder wie es nie war.)
    Sicher.
    Geordnet.
    Berechenbar.

    Und als Jesus das nicht tat –
    als er nicht blieb,
    sondern aufbrach in eine andere Richtung,
    als er kam, um zu verwandeln, statt zu bestätigen –
    da wurde aus dem Retter ein Störenfried.

    Und Störenfriede mag keiner.

    Er hätte sich drücken können.
    Er hätte sagen können:
    Nicht jetzt.
    Nicht hier.
    Nicht ich.

    Aber er tat es nicht.

    Er ritt.
    Geradeaus.
    In den Lärm.
    In die Gefahr.
    In das, was kommt.

    Weil Liebe nicht fragt, ob es sich lohnt.
    Weil Vertrauen nicht rechnet.
    Weil Glaube nicht wartet, bis alle Zweifel weg sind.

    Vielleicht hat Jesus gar nicht so sehr geglaubt,
    wie wir es gerne hätten.
    Vielleicht hat er einfach vertraut.

    Trotz allem. Mit allem. In allem.
    Vielleicht war sein Glaube
    ein zitterndes Vertrauen.

    Aber echt.
    Und echt reicht.

    Es gibt viele kleine «Prozessionen» auf dieser Welt.
    Manchmal sieht man sie gar nicht.

    Ein Mensch, der wieder aufsteht.
    Eine Frau, die mit einer Blume ins Pflegeheim geht,
    obwohl sie weiss, dass ihre Mutter sie nicht mehr erkennt.
    Ein Kind, das einen Brief an den Himmel schickt.
    Ein Mann, der sich ganz hinten in die Kirche setzt,
    nach Monaten des Schweigens und der Ratlosigkeit.

    Niemand klatscht.
    Niemand ruft „Hosanna“.
    Aber sie gehen.
    Wie Jesus.
    Langsam.
    In das, was kommt.

    Die Kinder sind irgendwie durch mein Herz gelaufen.
    Ich habe Ihnen von innen zugeschaut.
    Und gedacht:
    Vielleicht war es tatsächlich eine «Prozession».
    Vielleicht war es die Ehrlichste von allen.

    Denn wer sich traut,
    mit einem Plüschtier auf einem Trottinett durch die Welt zu ziehen,
    hat verstanden, was Mut ist.

    Mut ist ja nicht, wenn man keine Angst hat.
    Mut ist, wenn man mit zitternden Knien weitergeht.
    Mit einem Zweig in der Hand
    und einem Lied im Herzen,
    das noch nicht ganz fertig ist.

    Palmsonntag ist kein Tag der Siege.
    Es ist ein Tag für alle,
    die trotzdem weitergehen.
    Die nicht alles verstehen,
    aber vertrauen.

    Für die, die nicht laut sind,
    aber treu.

    Für die,
    die in einer kleinen „Parade“Prozession“ unterwegs sind –
    mit allem, was sie haben.

    Mit Zweigen.
    Mit Fragen.
    Mit Liebe,
    die nicht wissen, wie es ausgeht.
    Und dennoch weitergehen.

  • Gestern habe ich Hui -Nengs Plattformsutra gelesen.
    Nicht alles. Ich lese nie alles. Ich lese meistens nur ein paar Sätze. Gestern war es ein Einziger.
    „Wenn der Geist zur Ruhe kommt, ist alles ganz einfach.“ So ungefähr stand es da.

    Ich habe dann das Buch wieder zugeklappt. Nicht, weil ich fertig war. Sondern, weil ich gemerkt habe: Das reicht. Ein Satz.
    Dann bin ich in die Küche gegangen und habe Tee gemacht. Einfach Tee. Ohne Grund. Vielleicht, weil es für mich zum Lesen dazugehört. Oder weil ich mir das bloss einbilde? Der Tee war zu heiss. Also habe ich gewartet, habe den Dampf angeschaut, der aus der Tasse stieg. Und plötzlich war alles ganz einfach.
    Nicht, weil ich etwas verstanden hätte. Sondern weil ich offenbar aufgehört habe, etwas zu wollen. Das heisst: Nicht ich habe aufgehört. Es hat einfach aufgehört. Eigentlich weiss ich nicht, wie ich das sagen soll …
    Vielleicht war das Ruhig sein gar nicht mein Verdienst. Vielleicht ist das Ruhig sein etwas, das geschieht, wenn man nicht im Weg steht. So wie der Dampf einfach aufsteigt. Ich sass da, trank, mit Hui-Neng.
    Ich dachte: Er konnte nicht lesen. Ich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Zwar lese ich Buchstaben, aber oft lese ich an der Wirklichkeit vorbei. Doch manchmal – manchmal fällt ein Satz in mich hinein, wie ein Stein in einen See. Dann sitze ich still da und sehe zu, wie die Ringe grösser werden.

    Vielleicht ist das der Anfang der Praxis. Vielleicht ist es auch bloss Tee. Aber ich sitze gern da. Und ich glaube, Hui-Neng hätte das verstanden.

  • Wir leben in einer Zeit, die uns unaufhörlich zuflüstert: Mehr ist besser. Mehr Auswahl, mehr Komfort, mehr Sicherheit. Wir sind umgeben von Dingen, die unser Leben leichter machen sollen – und doch spüren viele von uns eine merkwürdige Schwere. Die Fülle der Dinge füllt nicht unser Herz. Oft bleibt ein vages Gefühl von Leere, gerade mitten im Überfluss.

    Verzichten – dieses Wort klingt in unseren Ohren oft hart. Es klingt nach Verlust, nach Verzicht auf Genuss, auf Lebensfreude. Doch echter Verzicht ist nicht Verarmung, sondern Befreiung. Er befreit uns von dem Zuviel, das uns den Blick auf das Wesentliche verstellt. Er führt uns zurück zu dem, was wir wirklich brauchen – und was uns im Innersten nährt. Weniger ist mehr. Die Entdeckung der Einfachheit ist so eine Einladung zur Freiheit. Wer loslässt, was er nicht braucht, wird frei für das, was er wirklich braucht.

    Wer sich auf den Verzicht einlässt, erfährt: Die Hände werden leerer, das Herz wird weiter. In der äusseren Reduktion wächst innere Fülle. Und plötzlich wird sichtbar, was die vielen Dinge oft verdecken – die Schönheit eines einfachen Moments, die Freude an echtem Kontakt, die Dankbarkeit für das, was wir ohnehin schon haben.

    Verzicht ist keine moralische Pflichtübung. Er ist eine Einladung, das Leben leichter zu machen. Sich aus der Umklammerung der Dinge zu lösen. Und zu spüren: Ich bin nicht, was ich besitze. Ich bin nicht, was ich mir leisten kann. Ich bin nicht, was andere in mir sehen. Ich bin einfach – und das ist mehr als genug.

    Die Fastenzeit lädt uns ein, diese innere Freiheit einzuüben. Indem wir uns fragen: Was brauche ich wirklich? Was belastet mich mehr, als es mich beglückt? Was kann ich lassen – aus der Hand und aus dem Herzen?

  • Man isst. Jeden Tag. Man trinkt. Jeden Tag. Man redet, arbeitet, schaut, hört. Jeden Tag. Und dann fastet man. Warum? Weil es eine Zeit dafür gibt. Weil es eine Tradition gibt. Oder einfach, weil man wissen will, was passiert, wenn man nicht isst, wenn man nicht trinkt, wenn man nicht redet. Wenn man weniger tut. Wenn man wartet.

    Früher fastete man, weil es nicht anders ging. Der Winter war lang, der Frühling kam spät. Die Vorräte wurden knapp. Man hatte keine Wahl. Dann sagte die Kirche: Es ist Fastenzeit. Vierzig Tage. Wie Jesus in der Wüste. Keine Ablenkung. Nur Sand, nur Wind, nur Stille. Und Hunger. Und Stimmen, die sagen: „Nimm dir, was du brauchst!“ Aber Jesus nimmt nichts. Er wartet. Warten auf nichts.

    Fasten ist nicht Hungern. Fasten ist ein Raum. Ein Raum, in dem das Leben stillsteht. Oder weitergeht, aber langsamer. Ohne das Übliche. Ohne das Viele. Nur das Nötigste. Oder weniger als das. Und dann sieht man, was bleibt.

    Am Anfang fehlt etwas. Das Brot, der Kaffee, der Wein. Das Sprechen. Die Ablenkung. Dann kommt die Stille. Erst unangenehm. Dann anders. Eine Stille, die nicht leer ist. Eine, die alles offenlässt. Die nichts fordert. Eine, die nicht sagt: Du musst. Sondern eine, die fragt: Was brauchst du wirklich?

    Man merkt: Der Körper wird leichter. Das Denken wird anders. Man schmeckt bewusster, hört genauer. Der Raum ist weiter. Die Zeit ist anders. Und irgendwann, nach einigen Tagen, wenn man wieder isst, ist es wie neu. Ein Stück Brot. Ein Glas Wasser. Ein Wort. Das Einfachste ist plötzlich genug. Vielleicht mehr als genug.

    Aber es ist nicht nur das Essen. Es ist vor allem auch das Reden. Die Gedanken. Die Dinge, die man immer tut, ohne nachzudenken. Man lässt etwas weg, und plötzlich ist da ein Loch. Eine Lücke. Ein offener Raum. Und dieser Raum fragt: Was ist nötig? Was ist überflüssig? Was ist Gewohnheit, und was ist Leben?

    Fasten ist nicht das Ende von etwas. Fasten ist der Raum dazwischen. Fasten ist das Warten auf nichts. Und die Entdeckung, dass ‘nichts’ manchmal genug ist. Dass in diesem ‘Nichts’ etwas geschieht. Etwas, das man nicht machen kann, sondern das einfach kommt, das sich schenkt: Die stille Gegenwart Gottes. Aber nicht so, wie ich es erwarte. Nicht mit Posaunen und Zeichen. Sondern still. Ein Himmel, der sich nicht aufdrängt, sondern sich dort zeigt, wo auch Raum für ihn gelassen wird. 

    Vielleicht ist Fasten eine Übung im Warten. Eine Übung darin, Dinge sein zu lassen, ohne sie sofort zu ersetzen. Eine Übung darin, das Leben nicht vollzupacken, sondern ihm Platz zu lassen. Platz für das Unerwartete. Platz für das, was man nicht kontrollieren kann. Platz für eine Stille, die nicht Leere ist, sondern ein Raum, in dem etwas entstehen kann.

    Ich wünsche Euch eine solche Zeit, die Raum gibt. Eine, die nichts will, aber vieles zeigt. Eine Weite, die bleibt.

  • Nichts erwarten, aber mit allem rechnen – dieser scheinbare Widerspruch birgt eine tiefe Weisheit. Erwartungen begleiten uns wie unsichtbare Begleiter durch das Leben. Sie geben uns Orientierung und schenken uns manchmal auch den Mut, den nächsten Schritt zu wagen. Doch sie sind trügerisch. Denn allzu oft verwechseln wir unsere Erwartungen mit der Wirklichkeit. Wir machen sie zum Massstab für unser Glück, für das Gelingen unserer Beziehungen, für den Wert unseres Lebens.

    Erwartungen, wenn sie starr und einseitig sind, engen uns ein. Sie wirken wie unsichtbare Fesseln, die uns hindern, das Leben in seiner ganzen Fülle zu erfahren. Noch mehr: Sie können zur Last für andere werden. Wir erwarten von ihnen, uns zu erfüllen, uns gerecht zu werden, unsere Sehnsüchte zu stillen. Doch wie könnten sie das?

    Die traurige Brutalität der Erwartungen liegt darin, dass sie oft mehr zerstören als aufbauen. Wo Erwartungen regieren, hat das Leben kaum Raum, sich frei zu entfalten. Wir bewerten, was ist, ständig im Vergleich zu dem, was wir uns erhofft haben. So verpassen wir den Augenblick, die Gegenwart – und damit das einzig Reale.

    Und doch: Ganz ohne Erwartungen zu leben, ist fast unmöglich. Sie gehören zu uns, wie unser Atem oder unsere Gedanken. Die Kunst besteht darin, mit ihnen massvoll umzugehen – sie nicht zu verdrängen, aber auch nicht zum Herrscher über unser Leben zu machen.

    „Nichts erwarten, aber mit allem rechnen“ beschreibt eine Haltung der Offenheit. Es ist die Einladung, das Leben mit offenen Händen zu empfangen, ohne es festhalten zu wollen. Erwartungsloses Erwarten heisst, bereit zu sein, sich überraschen zu lassen. Es heisst, das Leben nicht nach unseren Plänen zu zwingen, sondern ihm zuzutrauen, dass es uns auf Wegen führt, die wir uns selbst nicht ausdenken könnten.

    Das klingt einfach, ist aber eine grosse Herausforderung. Denn erwartungsloses Erwarten fordert uns heraus, Kontrolle aufzugeben. Es fordert uns heraus, loszulassen, was wir uns so sehr erhofft haben, und mit leeren Händen dazustehen – aber diese Leere als Chance zu begreifen.

    In dieser Leere liegt Freiheit. Freiheit, den Moment zu sehen, wie er ist, und nicht, wie wir ihn haben wollten. Freiheit, dem anderen Menschen zu begegnen, ohne ihn in die engen Schablonen unserer Wünsche zu pressen. Freiheit, aus Enttäuschungen zu lernen, statt an ihnen zu verzweifeln.

    Enttäuschungen sind nämlich nichts anderes als das Ende einer Täuschung. Sie zeigen uns, dass das Leben nicht so ist, wie wir es erwartet haben – und laden uns ein, das anzunehmen, was ist. Jede Enttäuschung birgt die Möglichkeit eines Neuanfangs, eine Chance, unsere Erwartungen zu überprüfen und freier zu werden.

    Erwartungsloses Erwarten ist eine Lebenskunst, die Raum schafft: Raum für Kreativität, für Spontaneität, für Begegnung. Es ist die Einladung, unsere starren Vorstellungen loszulassen und stattdessen auf das zu vertrauen, was sich zeigen will. Das Leben selbst wird zum Lehrmeister.

    Vielleicht ist es gerade dieser Raum der Offenheit, in dem die grössten Geschenke des Lebens auf uns warten – dort, wo wir aufgehört haben, sie zu erwarten. Dort, wo wir nicht mehr festhalten, sondern dem Leben vertrauensvoll entgegengehen. Dort, wo wir entdecken, dass das Leben uns mehr gibt, als wir je zu hoffen wagten – wenn wir es nur lassen.