Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

  • Ich sitze hier und höre zu. Mozart spielt. Eine Krönungsmesse, sagen sie. Ein grosses Wort.

    Aber ich denke an den älteren Herrn, der letzte Woche vor mir in der Schlange stand. Im Laden. Er kaufte Brot und Milch. Nichts Besonderes. Aber er wartete geduldig, als die Frau vor ihm ihr Portemonnaie nicht fand.

    Andere hätten geseufzt. Hätten geschaut – auf die Uhr. Sich geräuspert. Er wartete einfach.

    Das war auch eine Art Krönung.

    Manchmal wird es kühl zwischen Menschen. Niemand weiss warum. Niemand weiss wann. Es ist einfach da. Wie schlechtes Wetter.

    Man grüsst noch. Man nickt noch. Aber etwas fehlt. Als wäre zwischen den Menschen ein dünnes Eis entstanden. Man muss aufpassen, wo man hintritt.

    Dann werden die Gespräche vorsichtiger. Die einen werden zu Polizisten, die anderen werden verunsichert. Fragen klingen plötzlich wie Prüfungen. «Wie geht’s denn so?» bedeutet nicht mehr «Wie geht’s?» sondern «Was machst du falsch?»

    «Schönes Wetter heute», sagt einer. Und der andere denkt: Was meint er damit? Ist das eine Kritik an gestern? Eine Anspielung auf etwas?

    So wird selbst der Himmel verdächtig.

    Dann redet man nicht mehr miteinander, sondern nun noch übereinander. «Ich habe gehört, dass…» Oder: «Man sagt…»

    «Man» ist ein praktisches Wort. Wie ein Regenschirm. Man kann sich darunter verstecken. Man kann alles sagen und steht trotzdem nicht dafür gerade.

    «Viele denken das», sagt einer. Aber welche Viele? Drei? Fünf? Oder nur er selbst am Morgen, am Mittag und am Abend?

    So wird aus einem Gespräch ein Geflüster. Aus einer Meinung ein Gerücht. Aus einem Menschen ein Problem.

    Und alle machen mit. Auch ich. Auch Sie. Wir sind alle sehr demokratisch, wenn es ums Tratschen geht.

    Und dann passiert etwas Seltsames. Menschen fangen an, sich selbst kleiner zu machen. Sie ziehen den Kopf ein. Sie sagen weniger. Sie trauen sich weniger zu. Sie zeigen sich weniger.

    Als hätten sie geglaubt, was über sie geredet wird. Als wären sie wirklich das Problem geworden, das andere aus ihnen gemacht haben. Sie nehmen sich selbst die Würde. Am Ende verhalten sie sich genauso, wie man über sie spricht, ohne es je gewollt zu haben. 

    Mozart wusste nichts von unseren kleinen Kriegen. Aber seine Musik kennt sie trotzdem. Sie kennt die Müdigkeit. Die Enttäuschung. Das Misstrauen.

    Und sie antwortet darauf. Nicht mit Worten. Mit Tönen. Töne lügen nicht. Töne haben keine Hintergedanken.

    Ein Ton ist ein Ton. Er meint nichts anderes. Er will nichts beweisen. Er ist einfach da. Wie die Luft. Wie das Licht.

    Das liebe ich an der Musik. Sie macht keine Politik. Sie führt keine Gespräche über Gespräche. Sie spielt einfach. In ihrer eigenen Sprache.

    Pfingsten ist auch so eine Geschichte. Menschen verstehen sich plötzlich. Jeder hört in seiner eigenen Sprache.

    Das muss schön gewesen sein. Endlich mal ein Gespräch ohne Missverständnisse. Ohne dass einer sagt: «Das habe ich nicht so gemeint.» Oder: «Du verstehst mich nicht.»

    Das Wunder ist nicht, dass alle dasselbe sagen. Das Wunder ist, dass alle zuhören – tief und nur. 

    Zuhören wird schwerer im Alter und unter dem Druck der Angst. Wir hören zu, um zu antworten. Um zu widersprechen. Um recht zu behalten. Um zu beweisen, dass wir auch etwas wissen.

    Aber manchmal hört es in uns einfach zu. Ohne etwas zu wollen. Ohne etwas zu beweisen. Das ist selten. Das ist kostbar. Das ist ein Geschenk. Das ist unsere Natur.

    Würde hat damit zu tun. Mit dem Zuhören. Mit dem Hinschauen. Mit dem Dasein, wenn es schwierig wird.

    Würde ist ein komisches Wort geworden. Wir gebrauchen es bei Feierlichkeiten. Bei Reden. Bei wichtigen Anlässen. Als wäre Würde etwas für Sonntags.

    Aber Würde ist alltäglich. Wie Brot und Milch. Wie Luft zum Atmen.

    Der Betrunkene vor dem Bahnhof hat auch Würde. Auch wenn er nach Urin riecht. Auch wenn er lallt. Auch wenn er Passanten um Geld anbettelt.

    Die Leute machen einen Bogen um ihn. Als hätte er eine ansteckende Krankheit. Die Krankheit des Scheiterns vielleicht.

    Aber er ist immer noch ein Mensch. Mit einer Geschichte. Mit Träumen, die zerbrochen sind. Mit einer Mutter, die sich Sorgen macht.

    Würde ist nicht etwas, das man verdient. Nicht etwas, das man sich erarbeitet. Sie ist da. Von Anfang an. Wie die Haut. Wie das Herz.

    Und hier ist das Seltsame: Niemand kann sie einem nehmen. Niemand. Auch nicht der Chef, der einen runtermacht. Auch nicht die Nachbarin, die über einen redet. Auch nicht der Partner, der einem das Gefühl gibt, man sei nichts wert.

    Aber: Man kann Menschen dazu bringen, dass sie sich die Würde selbst nehmen.

    Das ist das Gemeine daran. Das ist der Trick.

    Man redet so lange über jemanden, bis er anfängt, es zu selbst glauben. Man schaut so lange weg, bis er sich selbst nicht mehr sieht. Man stellt so lange Fragen wie Prüfungen, bis er sich selbst prüft und durchfallen lässt.

    Dann macht er sich kleiner oder grösser, als er ist. Dann redet er leiser oder lauter, als nötig wäre. Dann entschuldigt er sich für Dinge, für die er sich nicht entschuldigen müsste.

    Das ist die perfekte Methode. Der andere macht die Arbeit selbst. Nimmt sich selbst die Würde. Und man kann sagen: «Ich habe doch gar nichts gemacht.»

    Stimmt. Man hat nur zugeschaut. Man hat nur geredet. Man hat ja nur gefragt.

    Und das reicht.

    Aber hier ist auch das Gute: Was man sich selbst genommen hat, kann man sich auch selbst zurück erlauben.

    Man muss nur aufhören zu glauben, was andere über einen sagen. Man muss nur aufhören, sich kleiner oder grösser zu machen, als man ist. Und man muss lernen auf den stillen Geist Gottes im Herz zu lauschen. 

    Mozarts Krönungsmusik sagt genau das. Sie sagt: Du bist mehr, als du denkst. Du bist mehr, als andere von dir denken. «Du musst wissen, dass Du genug bist», sagt der Osten. «Ihr seid das Licht der Welt», sagt Jesus.

    Sie sagt es mit einem Kyrie, das um Erbarmen bittet. Mit einem Gloria, das den Himmel offen sieht. Mit einem Agnus Dei, das den Frieden sprechen lässt.

    Das ist die Krönung. Nicht der Pomp. Nicht der Glanz. Nicht die goldenen Kleider. Sondern die Erinnerung daran, wer wir sind.

    Menschen. Mit Fehlern. Mit Ängsten. Mit kleinen und grossen Hoffnungen.

    Menschen, die Brot kaufen und Milch. Die im Stau stehen. Die ihre Kinder zur Schule bringen. Die sich Sorgen machen um die Rente.

    Menschen, die warten können. Die zuhören können. Die da sind, wenn es darauf ankommt.

    Auch hier, an diesem Ort, sind solche Menschen. Menschen, die sich manchmal kleiner oder grösser gemacht haben, als sie sind. Die manchmal vergessen haben, wer sie wirklich sind.

    Aber auch Menschen, die sich erinnern können. Die wieder aufstehen können. Die ihre Würde wiederentdecken können.

    Vielleicht fängt es so an. Mit einem, der nicht wegschaut. Mit einer, die nicht weitererzählt, was sie gehört hat. Mit jemandem, der einfach Mensch ist. Von Natur aus erfüllt von heilendem Geist.

    Ohne Bedingungen. Ohne Hintergedanken. Ohne zu fragen: «Was springt für mich dabei raus?»

    Das ist alles, worum es geht: Ein Lächeln, das nichts will. Ein Gruss, der nicht bewertet. Ein Gespräch, das kein Verhör ist.

    Die Musik spielt weiter. Mozart krönt uns alle. Feinfühlig. Selbstverständlich. Ohne die Frage, ob wir es verdient haben. Wie der Himmel selbst, der zu Pfingsten seinen weiten Geist schenkt. 

    Wie der Mann mit dem Bro und der Milch. Wie die Geduld. Die Würde, die bleibt.

    Auch wenn wir sie vergessen. Auch wenn wir sie uns selbst nehmen. Sie wartet.

    Weil sie weiss, dass sie immer schon da ist – wie die Haut. Wie das Herz. 

    .

  • Es gibt Sätze, die bleiben. Auch wenn sie nur kurz ausgesprochen werden. Vielleicht gerade dann. Weil sie nichts erklären. Weil sie einfach da sind, wie ein stilles Leuchten in einem dunklen Raum.

    So ein Satz ist: „Ich sehe den Himmel offen.“

    Er stammt von einem Mann, der nicht gerade in einem guten Moment war. Es war laut um ihn herum. Es war gefährlich. Es gab Widerstand. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat er es gesagt. Ohne Pathos. Ohne Erklärung. Nur dieser eine Satz.

    Ich habe mich gefragt, ob man das heute noch sagen darf. „Ich sehe den Himmel offen.“ Ohne dass jemand lacht. Oder die Stirn runzelt. Oder sagt: „Das ist doch naiv.“

    Denn wer heute von offenen Himmeln spricht, wird schnell in eine bestimmte Schublade gelegt. Entweder zu fromm. Oder zu weltfremd. Oder beides. Dabei geht es gar nicht um eine Vision. Es geht um einen Moment. Um einen Blick. Um etwas, das man nicht beweisen kann – aber trotzdem weiss.

    Es ist, als würde sich mitten im Alltag etwas öffnen. Nicht spektakulär. Kein Donner. Kein Lichtstrahl. Nur ein leiser Spalt. Und man merkt: Da ist mehr. Mehr als das, was man sieht. Mehr als das, was man versteht. Mehr als das, was man schafft.

    Manchmal darf ich so etwas erahnen – und ich denke, Sie kennen das auch. Ganz unscheinbar. Beim Abwasch. Beim Gehen. Beim Blick auf ein Kind. Oder einfach im Sitzen. Wenn niemand etwas von einem will. Wenn alles kurz still wird. Und etwas in mir weiss: Es ist gut. Mit allem.

    Ich hätte das früher nicht so gesagt. Ich hätte das Wort „Himmel“ vielleicht vermieden. Aber inzwischen weiss ich: Es ist genau das. Ein offener Himmel. Nicht irgendwo. Hier! Nicht später. Jetzt!

    Ich glaube, es hat damit zu tun, wie man lebt. Ob man sich erlaubt, leer zu werden. Still. Nicht immer im Recht. Nicht immer wichtig. Ob man sich traut, weich zu bleiben in einer Welt, die auf Härte setzt.

    Stephanus war kein Weicher. Aber auch kein Kämpfer. Er hat nicht zurückgeschlagen. Nicht gross geredet. Er hat einfach gesagt, was er gesehen hat. Und dann war er still.

    Das ist schwer. Zu sagen, was man sieht – und dann still zu bleiben.

    Ich habe einen alten Mann gekannt, der einmal zu mir sagte: „Ich bin im Leben oft gescheitert. Aber nie am Leben selbst.“ Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was er meint. Vielleicht so etwas wie: Ich habe vieles nicht erreicht. Ich habe vieles verloren. Aber ich habe nie aufgehört zu staunen.

    Das ist nicht wenig.

    Die meisten Menschen hören irgendwann auf zu staunen. Weil sie zu viel wissen. Oder weil sie verletzt wurden. Oder weil sie Angst haben, dass sie sonst nicht ernst genommen werden.

    Aber wer aufhört zu staunen, sieht den Himmel nicht mehr. Er wird sich schliessen. Nicht weil er es tut. Sondern weil man ihn nicht mehr sucht.

    Ich glaube, der Himmel ist dort offen, wo ich aufhöre, alles zu kontrollieren. Wo ich den Dingen ihren Lauf lasse. Wo ich nicht mehr sage: „So soll es sein.“ Sondern: „Ja, So ist es jetzt gerade.“

    Das ist schwer. Denn das bedeutet, dass man den Widerstand spürt. Dass man ihn nicht gleich wegredet. Dass man nicht sofort einen Sinn draus macht.

    Es gibt Widerstand, wenn man bei sich bleibt. Es gibt Gegenwind, wenn man sagt, was man sieht. Es gibt Leute, die das nicht mögen. Weil Offenheit ansteckend ist. Und weil Freiheit Unruhe stiftet.

    Menschen, die auf ihre Erfahrung vertrauen, sind für manche gefährlich. Nicht weil sie laut sind. Sondern weil sie nicht mitmachen. Weil sie nicht schimpfen. Weil sie zuhören. Weil sie einfach da sind. Und weil das reicht.

    Ich habe mal so jemanden kennengelernt. Jemand, der mit niemandem mehr sprach. Nicht aus Trotz. Sondern weil ihm das Reden zu laut geworden war. Er sass jeden Tag auf derselben Bank. Am Rand eines Feldwegs. Kein schöner Platz. Aber seiner. Ich fragte ihn einmal, was er da tue. Und er sagte mit ruhigem Gesicht: „Nichts.“ Dann schwieg er wieder.

    Ich glaube, er sah mehr vom Himmel als viele Theologen. Er hat nichts erklärt. Aber man spürte, dass er nichts mehr beweisen musste.

    Das ist eine grosse Freiheit.

    Freiheit heisst nicht, alles sagen zu dürfen. Freiheit heisst, nicht alles sagen zu müssen. Nicht einmal das Eigene. Nur das, was jetzt dran ist. Und manchmal ist das eben: Schweigen. Oder ein Satz. So wie dieser: „Ich sehe den Himmel offen.“

    Ich frage mich oft, ob wir den Mut haben, so zu leben. Einfach. Ohne Absicht. Ohne Kalkül. Mit offenem Herzen. Auch wenn es weh tut. Auch wenn es einsam macht. Auch wenn andere dann sagen: Du bist nicht realistisch.

    Aber was heisst schon realistisch? Die Welt ist nicht realistisch. Sie ist rätselhaft. Gross. Weich. Widersprüchlich. Und manchmal wunderschön. Wenn man hinschaut. Wenn man sich zeigt. Wenn man aufhört, alles erklären zu wollen.

    Für mich ist Glauben genau das: Nicht wissen, sondern gehen. Nicht sehen, sondern lauschen. Und wenn es dann plötzlich hell wird – mitten am Tag, mitten in einem Satz, mitten in einer Begegnung – dann stehenbleiben. Nichts machen. Nur sein. Und wissen: Das war der Himmel.

    Nicht mehr. Und nicht weniger.

    Und das genügt.

    Ich glaube, der Satz „Ich sehe den Himmel offen“ ist nicht nur eine Erfahrung. Er ist auch eine Erinnerung. Und vielleicht sogar ein Auftrag.

    Denn was wäre, wenn Kirche genau das wäre? Ein Ort, an dem der Himmel offen bleibt – auch wenn wir ihn gerade nicht sehen. Eine Gemeinschaft, die nicht fragt, ob jemand alles richtig macht, sondern ob er da ist. Nicht ob jemand alles glaubt, sondern ob er atmet. Nicht ob jemand dazugehört, sondern ob er sich sehnt.

    Wenn Stephanus in seiner letzten Stunde den Himmel offen sieht, dann vielleicht deshalb, weil er ihn sein Leben lang nicht verschlossen hat. Nicht für sich. Und nicht für andere.

    Und vielleicht ist das unsere Aufgabe: nicht mehr. Und nicht weniger. Offene Türen. Offene Ohren. Und ein Herz, das nicht rechnet.

    Dass jemand zu uns kommen kann und merkt: Ich muss hier nichts leisten, um willkommen zu sein. Ich darf hier sein – mit allem, was nicht gelingt. Mit allem, was ich nicht verstehe. Mit allem, was mir zu schwer ist, um es auszusprechen.

    Der offene Himmel ist keine Belohnung. Er ist ein Versprechen. Dass nichts verloren ist. Dass kein Mensch zu spät kommt. Dass das Unfertige dazugehört. Dass das Gebrochene einen Platz hat.

    Ein langer verstorbener Bekannter, ein alter Benediktinerbruder aus Passau sagte immer wieder: „Die grössten Tore brauchen keine Schlüssel – sie stehen immer offen.“ Er hat gelacht, als er das sagte. Ein bisschen verschmitzt. Aber man hat gemerkt, er meint es so.

    Das ist mein Bild von Kirche. Kein Gebäude. Keine Institution. Sondern ein grosser Hof mit offener Tür. Und in der Mitte: Stille. Platz. Vielleicht ein Baum. Oder einfach ein Stuhl. Für jeden, der kommt. Für jede, die zögert. Für alle, die nichts mehr sagen können, aber trotzdem hier sein wollen.

    Und niemand fragt: Warum bist du hier?

    Denn der Himmel ist offen.

  • Heute habe ich gefegt. Draussen, im Hof. Unter dem alten Tisch lag noch Laub. Dünn wie Papier, brüchig vom Warten. Der Wind hatte es gebracht, nicht viel, aber genug, dass man es sah.

    Der Besen stand da, an der Wand, wo er meistens steht. Kein neuer. Die Borsten schräg, der Stiel matt vom Gebrauch. Man muss ihn ein wenig drehen, wenn man die Ritzen zwischen den Platten erwischen will. Ich kenne das schon.

    Es war kein grosser Entschluss. Kein Moment der Erleuchtung. Eher ein Zögern, das in Bewegung überging. Ein leiser Anfang, wie wenn man einen Gedanken wieder aufnimmt, den man nicht zu Ende gedacht hat.

    Der Spruch kam nicht gleich. Erst mit dem Schieben der ersten Blätter. Kehr deinen eigenen Hof. Ein Satz, der nichts erklärt. Nur zeigt. Und auf etwas weist, das leicht zu übersehen ist.

    Ich kenne viele, die in fremden Höfen fegen. Mit Eifer. Mit Überzeugung. Und manchmal mit guten Absichten. Ich selbst war auch schon dort. Man sieht Dinge klarer, wenn man nicht verantwortlich ist. Weiss, wie es besser ginge. Wie man es sagen müsste. Tun müsste. Denken müsste.

    Aber der eigene Hof hat seine eigene Sprache. Er lässt sich nicht so leicht beeindrucken. Der Staub liegt anders. Das Licht zeigt Dinge, die niemand sonst sieht. Und es braucht Zeit.

    Einige Nadeln haben sich festgesetzt zwischen den Steinen. Ich habe sie nicht alle herausbekommen. Aber ich habe es versucht.

    Der Stein, der seit Wochen am Rand liegt, blieb, wo er war. Nicht aus Nachlässigkeit. Eher aus Achtung. Manche Dinge darf man auch lassen.

    Ein Rotkehlchen kam kurz vorbei. Hielt inne, als wolle es etwas sagen, und flog dann weiter. Vielleicht war es nur der Schatten meines Besens, der es zögern liess. Vielleicht war auch das nichts. Nur ein kurzer Besuch.

    Meine Frau hat den Eimer mitgenommen, der neben dem Tisch stand. Kein Wort. Aber ich wusste, dass sie es gesehen hat.

    Es war nicht viel. Kein grosser Unterschied zu vorher. Aber der Hof war leerer. Und ich auch.

    Der Wind wird wiederkommen. Neue Blätter bringen, neue Spuren. Vielleicht werde ich wieder fegen. Vielleicht auch nicht.

    Aber heute war es so.

  • Das aktuelle Bild hat keinen Alternativtext. Der Dateiname ist: pexels-photo-5490702.jpeg

    Ich soll heute etwas über Schafe sagen. Am Muttertag. Ich habe überlegt, ob man das einfach machen kann. Etwas über Schafe sagen, wenn man keine Ahnung von Schafen hat. Ich habe keine. Ich kenne auch niemanden, der welche hat. In unserer Strasse gab es keine Schafe. Dort gab es Rasenmäher. Und Hecken. Und Kinderfahrräder. Und manchmal das Geräusch von einem Schlagzeug durch ein offenes Fenster.

    Das Evangelium sagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme. Ich kenne sie.“ Ich habe den Satz gelesen und gemerkt, dass ich nicht weiss, ob ich je jemandem gefolgt bin, weil er gerufen hat. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich bin ich immer dann losgelaufen, wenn es still war. Wenn niemand gerufen hat. Weil es da einfacher war, nicht enttäuscht zu werden.

    Man hat mich, als ich ein kleines Kind war, von meiner Mutter weggeholt. Das Jugendamt hat das entschieden. Ich war ein halbes Jahr alt. In den Unterlagen steht: verwahrlost. Ich weiss nichts davon. Ich kann mich nicht erinnern. Aber etwas in mir erinnert sich. Nicht mit Worten. Mehr so als Gefühl. So ein dünner Film über allem. Als ob man nicht ganz dazugehört, auch wenn man mittendrin ist.

    Auf Fotos aus dieser Zeit sehe ich nicht traurig aus. Ich sehe normal aus. Vielleicht ein bisschen ernst. Vielleicht ein bisschen zu wach. Ich war nie ein rundes Kind. Aber das Loch vom Anfang, das ist geblieben. Und es hat sich später gemeldet, in Momenten, in denen es draussen still war. Wenn man eigentlich hätte spüren sollen, dass man sicher ist, und es doch nicht tat.

    Ich wurde adoptiert. Ich hatte Glück. Da war jemand, der geblieben ist. Eine Frau, die nicht davongelaufen ist, obwohl sie selber nicht immer wusste, wie das geht, mit der Nähe. Auch sie hat gekämpft. Auch sie hatte ihre Dämonen. Aber sie war da. Und ich bin ihr heute dankbar dafür. Mehr, als ich sagen kann.

    Trotzdem ist da etwas geblieben. Etwas Altes. Etwas, das sagt: Du musst selber dafür sorgen, dass es reicht. Dass du satt wirst. Dass du gesehen wirst. Dass du Platz hast. Und so habe ich gegessen. Auch wenn ich keinen Hunger hatte.

    Und ja, man sieht’s. Ich nehme zu, wenn es mir nicht gut geht. Manchmal ist es wie ein Barometer. Ich muss mich nicht auf eine Waage stellen. Ich sehe es im Spiegel. Ich merke es an der Art, wie ich mich bewege. Wenn der Druck wächst, wächst auch mein Körper. Und das ist kein Drama. Es ist einfach so. Mein Körper schützt mich. Er hat es früh gelernt.

    Ich kann diszipliniert sein. Sehr sogar. Ich kann mit grosser Ruhe Entscheidungen treffen, zuhören, durchhalten. Aber nicht in allem. Es gibt Stellen in mir, da hilft keine Einsicht. Da spricht ein anderes System. Eines, das älter ist als mein Wille.

    Und doch lerne ich, auch darüber zu lächeln. Ich habe aufgehört, meinen Körper zu korrigieren. Er erzählt eine Geschichte. Und ich habe beschlossen, ihm zuzuhören. Nicht mich zu unterwerfen – nur zuzuhören. Und ihm zu danken. Dafür, dass er geblieben ist, auch in den Zeiten, in denen ich ihn nicht mochte.

    Jesus sagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme.“ Ich glaube, das ist kein Befehl. Das ist keine Aufforderung. Das ist einfach eine Feststellung. Sie hören. Nicht, weil sie gut trainiert sind. Sondern weil sie gemeint sind. Weil sie wissen, dass die Stimme nicht lügt.

    Er sagt auch: „Ich kenne sie.“ Nicht: Ich analysiere sie. Nicht: Ich beurteile sie. Sondern: Ich kenne sie. So wie man ein altes Möbelstück kennt, an dem man sich schon hundert Mal gestossen hat, aber es doch nie weggibt. Weil es dazugehört.

    In meiner Arbeit begegne ich oft Menschen, die das nicht glauben können. Dass sie einfach gemeint sind. Ohne Bedingung. Ohne Leistung. Menschen, die denken, sie müssten sich erst beweisen. Oder entschuldigen. Oder besser werden. Und ich kenne das von mir. Dass man denkt, man müsse sich ein Recht erarbeiten, da zu sein.

    Aber da ist diese Stimme. Die nicht fragt, wie man aussieht, oder wie viel man wiegt. Die nicht fragt, ob man alles verstanden hat. Die einfach sagt: ich sehe Dich. Ich weiss, wer du bist. Ich weiss, warum du manchmal laut wirst. Warum du isst, obwohl du satt bist. Warum du schweigst, obwohl du reden möchtest.

    Am Muttertag sprechen viele von Dankbarkeit. Und das ist gut. Auch ich bin dankbar. Nicht für ein makelloses Bild. Sondern für die, die geblieben sind. Für die, die da waren, ohne viel zu sagen. Für die, die sich bemüht haben, auch wenn es nicht immer gelang.

    Und ich denke auch an das, was gefehlt hat. Und daran, wie es ist, wenn man lernt, durch die Dinge hindurch zu leben. Und zu lieben. Und weiterzugehen.

    Eigentlich geht es heute nicht nur um Schafe. Und auch nicht nur um Mütter. Es geht um die Frage, ob da jemand ist, der bleibt, wenn alles still wird. Ob da jemand ist, der nicht fortgeht, wenn man sich selbst nicht mehr halten kann. Etwas Mütterliches und Väterliches hinter allem.

    Ich weiss, es gibt diese Stimme. Und ich weiss auch, sie spricht nicht laut. Sie ruft nicht. Sie stellt keine Bedingungen. Sie flüstert in gewaltigem Schweigen. Sie sagt nur: Ich bin da.

    Und manchmal – manchmal klingt sie durch eine Mutter. Nicht durch eine ideale, sondern durch eine wirkliche. Eine, die nachts aufsteht, obwohl sie selber kaum noch stehen kann. Eine, die sich Sorgen macht, ohne zu wissen, wie man tröstet. Eine, die einfach bleibt, auch wenn sie nichts lösen kann.

    Vielleicht ist dieses Dasein jeder Mutter (und auch der Väter)  – so verschieden es ist, so brüchig, so liebevoll, so erschöpft – eine Spur von etwas, das uns im innersten meint. Etwas, das unser Wesen hält. Etwas, das nicht fordert, sondern da ist. Immer.

    Und vielleicht liegt genau darin die Würde von allen, die sich leise schenken: nicht darin, dass sie alles richtig machen – sondern dass sie da sind.

    So, wie sie können.

    Und dort, so denke ich, öffnet sich der Himmel für beide.


  • (Joh 21,1–19)

    Es gibt Momente, da ist alles gesagt. Man hat gehofft, gebetet, gewartet, gelitten. Man hat sich müde geliebt, müde geglaubt, müde gehofft. Dann sitzt man da wie Simon Petrus am See, schaut auf das Wasser und weiss nicht, was man tun soll. Also macht man das, was man früher getan hat: Netze flicken, Alltägliches erledigen, über Brot und Fische nachdenken. Der grosse Traum ist in sich zusammengestürzt, das Feuer fast erloschen. Und das Herz fragt still: „War das alles?“

    So beginnt es manchmal. Nicht mit einem neuen Anfang, sondern mit dem Ende. Mit Müdigkeit. Mit Schweigen. Mit einem leeren Netz.

    Diese Geschichte – oder besser: dieses Geschehen – hat viele Namen. Rückfall ins Alte. Resignation. Identitätskrise. Ich glaube, das ist zu schnell gedacht. Vielleicht ist es kein Rückfall, sondern ein Mensch, der innehält. Jemand, der nicht mehr kann, aber auch nicht weg will. Jemand, der durch die Nacht gerudert ist und nun in aller Frühe dasitzt und auf das Wasser schaut. Nicht alles ist vorbei. Aber nichts ist mehr wie vorher.

    Was Petrus erlebt, ist nicht das Ende seiner Berufung. Es ist das Durchkreuzen seines früheren Verständnisses davon. Seine Idee von Erfolg, Kraft, Loyalität, Heldentum – sie ist zerbrochen. Er ist gescheitert. Aber: nicht verlassen.

    Jesus fragt ihn später dreimal: Liebst du mich? Nicht: Glaubst du genug? Nicht: Hast du verstanden? Nicht: Wirst du’s diesmal besser machen?

    Nur: Liebst du mich?

    Das ist kein theologischer Test. Es ist eine Rückfrage an die innere Wahrheit. Eine Einladung zurück in die Verbundenheit. Ohne Druck. Ohne Anklage. Nur dieses einfache, menschliche: Hast du mich noch lieb?

    Und wenn ich in diesen Tagen auf die Kirche schaue, dann sehe da auch viel Müdigkeit. Viel Durchgerudertes. Viele leere Netze. Und doch: auch eine andere Möglichkeit. Dass einer kommt. Nicht mit Macht. Nicht mit einem Konzept. Sondern mit Brot und Fisch am Feuer. Mit Wärme. Mit einer Frage. Und mit einem Blick, der nicht anklagt, sondern erinnert.

    Das ist für mich Kirche: Nicht eine Organisation, sondern ein Feuer am Ufer. Ein Ort, wo Menschen aufwärmen dürfen, was kalt geworden ist. Wo Fragen Raum finden. Wo Scheitern kein Ende bedeutet. Wo jemand da ist, der fragt, was trägt – nicht was glänzt.

    Wenn in der nächsten Woche der neue Papst gewählt wird – oder wenn du diese Worte liest, vielleicht ist er schon gewählt –, dann wünsche ich mir nicht in erster Linie einen Reformer oder Bewahrer. Ich wünsche mir einen Menschen, der ein Feuer entzünden bzw. hüten kann. Kein grosses. Kein loderndes. Nur ein kleines, stilles Feuer, das wärmt. Dass andere sich trauen, näherzukommen. Dass es wieder duftet nach Brot und nach Menschlichkeit.

    Kirche beginnt nicht im Hochamt. Sie beginnt am Ufer. In der Müdigkeit des Petrus. In der Leere unserer eigenen Versuche. Und dann – im Erkennen: Es ist es. Nicht weil einer sagt, wer er ist. Sondern weil es plötzlich warm wird.

    „Und wenn du einmal zurückkommst …“

    Es ist ein zarter Moment, kaum merklich. Einer sagt: Er ist es! Und das genügt. Kein Blitz. Kein Wunder. Nur diese Ahnung, die sich wie ein Schimmer in die Müdigkeit mischt. Der See, der eben noch fremd war, wird zur Schwelle. Das Ufer, eben noch leer, ist plötzlich ein Ort der Hoffnung.

    Aber das Entscheidende geschieht nicht am Feuer, sondern danach. Wenn Jesus Petrus beiseitenimmt. Und ihn fragt. Dreimal. Nicht aus Misstrauen. Nicht, um ihm sein Versagen vorzuhalten. Sondern weil Liebe Zeit braucht. Raum. Wiederholung. Vertrauen wächst nicht aus dem Wissen, dass man nicht scheitert. Es wächst aus dem Erfahren, dass man nach dem Scheitern noch gesehen wird.

    Petrus antwortet, wie einer antwortet, der nicht mehr an sich glaubt: Du weisst es doch. Keine grossen Worte mehr. Kein Heldentum. Nur noch dieses schlichte: Du weisst, wie es um mich steht. Und genau das reicht.

    Ich glaube, das ist die eigentliche Heilung. Nicht, dass Petrus seine Schuld ablegt wie ein altes Gewand. Sondern, dass sie sein darf. Dass sie Teil der Geschichte ist – nicht als Makel, sondern als Tiefe. Dass er wieder reden darf. Wieder glauben. Wieder lieben. Nicht obwohl – sondern weil er gefallen ist.

    Wenn jemand in eine neue Verantwortung gerufen wird – sei es als Papst oder einfach als Mensch, der gefragt ist – dann ist das keine Krönung. Es ist ein Ruf zurück. Ein zarter Auftrag: Weide meine Schafe. Hüte das Feuer. Nicht: Befiehl. Nicht: Richte. Nicht: Erkläre. Nur: Sorge.


    Diese Worte gelten nicht nur Petrus. Sie gelten allen. Dir. Mir. Uns. In einer Kirche, die müde ist. In einer Welt, die müde ist. Es geht nicht um Glanz. Nicht um Geltung. Es geht um das Feuer am Ufer. Um den Geschmack von Brot. Um ein neues Vertrauen.

    Wenn das Leben fragt: Liebst du mich? – dann ist das kein Vorwurf. Es ist die Einladung, aufzustehen. Wieder zu gehen. Wieder Mensch zu sein. Wieder zu hüten, was lebt.

    Der Rest ist schlicht. Jesus sagt: Folge mir nach. Kein Plan. Kein Ziel. Kein Sicherheitspaket. Nur das leise Vertrauen: dass der Weg sich zeigen wird, wenn wir ihn gehen.

    Und vielleicht – so hoffe ich – wird auch die Wahl des neuen Papstes kein weltpolitisches Ereignis sein, sondern ein leiser Schritt ans Ufer. Dass einer kommt, der fragt, nicht herrscht. Der zuhört, nicht urteilt. Der liebt, nicht beweist.

    Die eigentliche Krönung ist: Nicht, dass einer gewählt wird. Sondern dass einer in sich die Liebe wiederfindet. Und von dort her lebt.

  • Wir sprechen viel übereinander. „Die Jungen verstehen nicht mehr…“ sagen die Alten. „Die Alten blockieren alles…“ sagen die Jungen. So geht das. Endlos. Man spricht über die anderen, nicht mit ihnen.

    In einer meiner früheren Pfarreien. Ein Stammtisch nach der Messe. Es ging um das kommende Gemeindefest. Jemand sagte: „Die Jugendlichen wollen doch nur…“ Ein anderer: „Die Senioren brauchen aber…“ Alle nickten. Keiner fragte die Jugendlichen. Keiner fragte die Senioren. Sie waren gar nicht da.

    Wir wissen immer schon, was die anderen denken. Was sie wollen. Was sie brauchen. Wir haben sie in Schubladen gesteckt. Beschriftet. Abgelegt.

    Die Seelsorger reden über die Gemeinde. Die Gemeinde über die Seelsorger. Die Eltern über die Kinder. Die Kinder über die Eltern. Die Einheimischen über die Zugezogenen. Die Zugezogenen über die Einheimischen.

    Es ist einfach, übereinander zu reden. Man muss sich nicht aussetzen. Nicht verwundbar machen. Kann in der eigenen Welt bleiben. Sicher. Bequem. Aber wir verlieren etwas dabei. Wir verlieren den Menschen hinter unseren Vorstellungen. Wir verlieren die Geschichte hinter unseren Urteilen. Wir verlieren die Wahrheit hinter unseren Meinungen.

    An irgendeinem, lange vergangenen Sonntag, oder war es letzte Woche? Nach dem Gottesdienst. Zwei Leute standen beieinander. „Hast du gehört, der Herr Müller will jetzt im Chor mitsingen. Ausgerechnet der…“ Sie kicherten. Ein Mann ging vorbei, grüsste freundlich. Sie grüssten zurück. Der Mann war Herr Müller.

    Später hörte ich den Chor proben. Herr Müller sang mit. Eine tiefe, warme Stimme. Nach der Probe fragte ich ihn, warum er jetzt im Chor mitsinge. „Meine Frau ist vor einem Jahr gestorben“, sagte er. „Sie hat immer so gern gesungen. Ich will jetzt für sie singen.“ In seiner Stimme lag etwas, das ich noch nie gehört hatte.

    Der Weg vom Übereinander zum Miteinander ist kurz. Ein Schritt nur. Ein Satz nur: „Wie geht es dir?“ Und doch ist er weit. Er führt über Abgründe von Angst. Von Vorurteilen. Von Bequemlichkeit.

    Beim nächsten Gemeindefest-Planungstreffen waren sie da. Die Jugendlichen. Die Senioren. Sie sprachen nicht übereinander. Sie sprachen miteinander. Es war anstrengend. Manchmal laut. Sie verstanden sich nicht immer. Aber sie versuchten es.

    Eine junge Frau wollte eine Open-Air-Bühne mit Musik. Ein alter Mann einen stillen Begegnungsraum. Sie stritten. Dann fragte jemand: „Warum ist dir das wichtig?“ Kein Vorwurf. Eine echte Frage.

    Der alte Mann erzählte von seiner Frau, die Rosen liebte. Die junge Frau von ihrem Bruder, der beim Skaten Freunde fand, als er neu am Ort war. Plötzlich hörten sie einander zu. Sahen einander.

    Am Ende entstand etwas, das keiner allein erdacht hätte. Ein Fest mit ruhigen Ecken und lebendigen Plätzen. Mit Musik zu bestimmten Zeiten und Raum für Gespräche dazwischen. Nicht perfekt. Aber gemeinsam.

    So ist das, wenn wir beginnen, miteinander zu sprechen statt übereinander. Wir verlieren unsere fertigen Bilder. Unsere bequemen Urteile. Aber wir gewinnen etwas Grösseres: Den wirklichen Menschen. Die echte Begegnung. Den gemeinsamen Weg.

    Es ist einfach. Und schwer zugleich. Es beginnt mit einer Frage. Einem Zuhören. Einem offenen Herzen.

    Vom Übereinander zum Miteinander. Ein kleiner Schritt für jeden Einzelnen. Ein grosser Schritt für alle.

    Vielleicht ist das ein Stück vom Reich Gottes. Wenn wir nicht mehr übereinander reden, sondern miteinander. Wenn wir nicht mehr urteilen, sondern verstehen. Wenn wir einander nicht mehr in Schubladen stecken, sondern in die Augen schauen.

    Es braucht keine grossen Worte. Nur die Bereitschaft, den anderen wirklich zu sehen. Mit all seinen Geschichten. Mit all seinen Wunden. Mit all seinen Hoffnungen. Als Gottes geliebtes Kind. Wie wir selbst.

  • Joh 20,22 – „Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

    Es gibt Leute, die schnaufen, als hätten sie das Atmen verlernt. Ich meine jetzt nicht die mit Lungenproblemen oder die, die beim Treppensteigen pfeifen wie ein Wasserkessel. Ich meine die, die vergessen haben, dass man atmen darf. Langsam. Ohne etwas dafür leisten zu müssen.

    Ich hatte mal einen Onkel – also genau genommen war es ein Bekannter, aber wir nannten ihn Onkel. Der sass oft einfach nur da, rauchte und sagte: „Solang i no schnauf, is no nix verlor’n.“ Ich mochte das. Ich wusste als Kind nicht, was genau er damit meinte, aber es hatte etwas Tröstliches. Vielleicht meinte er einfach, dass das Leben weitergeht, solange man noch nicht tot ist. Oder dass der Atem ein zuverlässigeres Zeichen für Leben ist als ein Terminplan.

    Ich denke oft an ihn, wenn ich in Sitzungen sitze, in denen es um Zukunft geht. Da reden Leute über Ziele, Strategien, Massnahmen. Und niemand atmet. Also sie atmen natürlich schon, aber nicht, wie man atmet, wenn man lebt. Sondern wie man atmet, wenn man durchhalten muss. Irgendwann sagt dann jemand: „Wir müssen das jetzt wirklich zu Ende bringen.“ Und ich denke: Was, wenn nicht?

    Was, wenn es manchmal reicht, durchzuatmen? Was, wenn das Durchatmen nicht die Pause ist, sondern das Eigentliche? Der Moment, in dem wir wieder bei uns ankommen? Bei dem, was wirklich ist – nicht bei dem, was dringend ist?

    Es gibt diese Geschichte von einem Mann, der morgens aufsteht und sich vornimmt, heute besonders gut zu atmen. Er will es nicht übertreiben, nicht meditativ oder so, einfach ein bisschen bewusster. Und dann merkt er, dass er beim Frühstück schon wieder vergisst zu atmen, weil er denkt, er müsse die Zeitung noch fertig lesen, bevor der Bus kommt. Im Bus merkt er, dass er verkrampft das Handy hält, als würde es ihn sonst verlassen. Und bei der Arbeit vergisst er das Atmen ganz, weil da so viel anderes ist, das erledigt werden muss, dringend natürlich.

    Am Abend fällt ihm auf, dass er heute eigentlich nur dann richtig geatmet hat, als er geschlafen hat. Und er fragt sich, ob das Leben so gemeint ist. Ob man es wirklich nur dann leben kann, wenn man nicht dabei ist.

    Ich mag solche Geschichten. Sie sind traurig und komisch zugleich. Sie zeigen, dass wir oft meinen, wir müssten etwas besonders gut machen – das Leben, die Arbeit, sogar den Glauben –, während das Entscheidende leise nebenherläuft. Oder durch uns durch. So wie der Atem.

    Ich habe vor Kurzem gelesen, dass der Mensch im Schnitt zwanzigtausend Atemzüge pro Tag macht. Und das Faszinierende ist: Wir tun das einfach. Ohne Antrag. Ohne Bewilligung. Ohne Leistungsnachweis. Unser Körper sagt nicht: Heute bist du nicht gut genug, heute bekommst du nur die Hälfte. Nein – er atmet einfach weiter. Manchmal stockend, manchmal tief, manchmal kaum hörbar – aber er hört nicht auf. Auch dann nicht, wenn wir es längst getan haben.

    Ich glaube, das ist das Schönste am Atem. Dass er uns nicht verlässt. Und dass er uns daran erinnert, dass wir nicht alles selber machen müssen. Dass wir getragen sind, in einer Weise, die wir nicht organisieren können.

    In der Kirche reden wir manchmal vom Geist. Und meinen damit alles Mögliche. Aber ursprünglich heisst das Wort einfach: Atem. Hauch. Wind. Da ist nichts Spektakuläres dabei. Kein Feuerwerk. Kein göttliches WLAN. Einfach ein Atemzug. Ein Dasein. Eine leise Bewegung, die nicht auf sich aufmerksam macht – aber ohne die nichts lebt.

    Vielleicht sollten wir aufhören, immer auf Zeichen zu warten. Auf Beweise, auf Antworten, auf Wunder. Vielleicht reicht es, sich hinzusetzen, einmal ruhig zu atmen und zu merken: Ich bin noch da. Und solange ich atme, ist nichts verloren. Solange ich atme, bin ich verbunden. Mit allem, was lebt. Auch mit denen, die ich verloren habe. Auch mit dem, was ich nicht verstehe.

    Und vielleicht ist es genau das, was an jenem Abend geschah, als sie sich eingeschlossen hatten, die Türen verriegelt, das Herz verknotet. Jesus kommt – nicht mit einem Donnerwort, sondern mit einem Atemzug. „Er hauchte sie an“, heisst es. Ein merkwürdiger, stiller Satz. Und doch: genau darin liegt alles.

    Nicht ein Beweis, nicht ein Argument, nicht mal ein Trostwort – sondern ein Hauch. So beginnt es. Wie am Anfang, als Gott dem Staub Leben einblies. So auch jetzt, nach dem Tod: ein neuer Anfang, durch den Atem.

    Er hat sie nicht überredet. Nicht umgestimmt. Nur angehaucht. Und in diesem Atem war alles: Nähe, Ermutigung, Leben. Keine Theorie, keine Lehre – nur das stille Angebot: Du darfst wieder atmen.

    Vielleicht ist das das ganze Evangelium in einem Satz: Du darfst wieder atmen. Trotz allem. Gerade jetzt.

    Und wenn ich eines Tages gefragt werde, ob ich geglaubt habe – dann hoffe ich, ich kann sagen: Ich habe geatmet. Nicht perfekt, nicht immer bewusst. Aber ich habe weitergeatmet. Und manchmal, wenn es still genug war, habe ich gespürt: Ich atme nicht allein. Da ist noch ein anderer Atem. Einer, der mir Leben einhaucht, wenn ich selber nicht mehr weiss, wie.

    Und das, denke ich, ist Gnade.

  • Ich habe einmal in einem Wirtshaus gesessen, in dem ein Stuhl mit einem Schal über der Lehne stand. Niemand sass dort. Niemand kam. Der Kellner hat ihn nie weggeräumt. Ich habe gefragt. Er sagte: „Der ist für Herrn Koller. Der war Stammgast. Kommt aber nicht mehr.“ Ich habe nicht gefragt, warum er nicht mehr kommt. Es hat gereicht, dass der Stuhl da war.

    Ich glaube, man erkennt viel an dem, was bleibt, obwohl es nicht mehr gebraucht wird. Ein Stuhl, der frei bleibt. Ein Teller, der nicht abgeräumt wird. Ein Licht, das brennt, obwohl keiner im Zimmer ist. Und man erkennt die Menschen, die das verstehen. Die nicht alles erklären müssen. Die einfach einen Platz lassen. Für den, der vielleicht noch kommt.

    Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus hatten nichts mehr erwartet. Sie gingen nicht zu einem Ziel. Sie gingen vom Schmerz weg. Zwei Menschen, nebeneinander, auf einem Weg, der keinen Namen hatte.

    Dann kommt einer dazu. Er fragt nur, worüber sie reden. Das ist nicht viel. Aber es genügt. Manchmal genügt das Zuhören mehr als das Reden. Er geht einfach mit. Er erklärt nichts. Er drängt sich nicht auf. Und sie erzählen.

    Ich glaube, man merkt erst spät, wenn jemand wirklich zuhört. Weil Zuhören keine grosse Geste ist. Es ist ein Schritt neben dir. Ein Satz zur richtigen Zeit. Oder kein Satz.

    Ich habe einmal neben jemandem im Wartezimmer gesessen, lange. Wir haben kein Wort gewechselt. Aber als ich aufstand, sagte er: „Es war gut, dass Sie da waren.“ Ich hatte nichts getan. Ich hatte nur gewartet. Ich glaube, Jesus hat an dem Tag in Emmaus auch nichts getan. Er ist nur mitgegangen. Und das hat gereicht.

    Ostern fängt nicht mit einem Wunder an. Es fängt mit einem Schritt an. Und mit einem, der nicht fragt, ob du glaubst – sondern ob du gehen möchtest. Und dann geht er mit.

    Sie kommen ins Dorf. Der Abend senkt sich. Einer sagt: „Bleib doch bei uns.“ Ich mag diesen Satz. Nicht, weil er besonders fromm klingt. Sondern weil er offen ist. Bleib da. Du warst mit uns auf dem Weg. Jetzt setz dich auch mit an den Tisch.

    Ich war oft im Haus eines meiner ältesten Freunde. Er hiess Peter, und ist vor einigen Jahren völlig zu Unrecht und viel zu früh verstorben. Es war ein Haus mit drei Kindern, manchmal fünf, weil Nachbarskin der einfach mitgegessen haben. Der Tisch war gross, aber nie zu voll. Irgendwo war immer noch ein Stuhl. Er sagte einmal: „Wir decken nicht extra für jemanden. Wir lassen einfach einen Platz nicht leer werden.“

    Ich glaube, das war mehr als Grosszügigkeit. Es war ein Zeichen. Nicht für die Gäste. Für die Gastgeber. Eine Erinnerung: Da fehlt noch jemand. Und wenn man sich hinsetzt, weiss man – da ist Raum. Nicht nur für Menschen. Auch für das, was heiliger ist als Worte.

    Vielleicht ist das das erste Sakrament: ein Tisch, der mehr will als satt machen.

    Sie sitzen am Tisch. Er nimmt das Brot. Bricht es. Und gibt es ihnen. Und in genau diesem Moment erkennen sie ihn. Nicht an der Stimme. Nicht an den Erklärungen. Sondern dort, wo das Brot gebrochen wird.

    Es war ein einfaches Mahl – aber keiner von ihnen hat danach noch gedacht, es sei nur ein Abendessen gewesen. Ich glaube, sie haben gespürt: Das war mehr. Mehr als ein Stück Brot. Mehr als eine freundliche Geste. Etwas hat sich geöffnet. Nicht mit Licht von oben. Nicht mit einem plötzlichen Wunder. Sondern in der Bewegung, in der ein Stück Brot nicht bei einem bleibt – sondern hingegeben wird.

    Ich habe Menschen gesehen, die mit grossem Respekt eine Schale mit Brot weiterreichen. Und andere, die in genau diesem Moment still wurden. Nicht aus Angst, etwas falsch zu machen. Sondern weil sie wussten: Jetzt berühren wir etwas, das grösser ist als wir.

    Dass die Jünger Jesus gerade dort erkennen – im Brechen des Brotes – ist kein Zufall. Es ist das, woran er sich festgemacht hat, als er wusste, dass er gehen wird. „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Nicht: Haltet grosse Reden. Sondern: Brecht das Brot. Seid da. Teilt euch.

    Ich glaube, das ist mehr als Erinnerung. Es ist Gegenwart. Leise. Und wahr.

    Die beiden Jünger stehen auf. Noch in derselben Stunde. Obwohl es spät ist. Obwohl der Weg lang war. Sie gehen zurück. Nicht, weil sie jetzt alles begriffen haben. Sondern weil sie etwas erlebt haben, das sie nicht behalten konnten. Etwas, das geteilt werden muss.

    Das Brot, das gebrochen wurde – es war nicht nur eine Erinnerung. Es war eine Begegnung. Und jetzt wissen sie: Er ist nicht mehr dort, wo sie ihn verloren hatten. Er ist da, wo sie ihn erkannt haben. Und vielleicht auch da, wo sie ihn noch nicht erkannt haben.

    Ich glaube, Ostern heisst nicht, dass alles hell wird. Es heisst, dass das, was unsichtbar war, plötzlich spürbar wird – im Brot, im Atem, im Weitergehen.

    Zurück zu dem Haus, in dem immer ein Platz am Tisch frei war… Nicht demonstrativ. Nicht symbolisch. Einfach offen. Es war kein leerer Platz. Es war ein Erwartender.

    Ich glaube, das ist Ostern:  
    Nicht die Sicherheit, dass einer kommt.  
    Aber der Mut, den Stuhl nicht wegzuräumen.  
    Weil da einer war.  
    Und weil da einer ist.  
    Im Wort.  
    Im Brot.  
    Im Dazwischen.
    In uns.

  • Ich weiss nicht, ob Maria Magdalena schlecht geschlafen hat in jener Nacht. Aber ich nehme es an. Ich stelle sie mir vor, wie sie im Halbdunkel ihre Schuhe sucht, obwohl sie doch genau weiss, wo sie stehen. Wie sie aufsteht, weil sie nicht mehr liegen kann. Nicht, weil sie ausgeruht ist. Sondern weil es sinnlos ist, weiter zu versuchen, was nicht gelingt.

    Ich kenne dieses Aufstehen. Ich habe es gesehen. Bei meiner Mutter. In der Küche, als der Vater noch nicht lange tot war. Sie hat den Tisch gedeckt, für zwei, obwohl nur sie da war. Nicht aus Versehen. Sondern weil es einfacher war, als alles neu zu machen. Ich habe nie gefragt, warum sie das tat. Ich glaube, sie hätte es selbst nicht sagen können. Es war einfach so. Es war ihr Weg zum Grab.

    Maria Magdalena geht nicht, weil sie etwas erwartet. Sie geht, weil sie etwas tun muss. Irgendetwas. Wenn man nichts tun kann, hilft das Gehen. Ich bin manchmal auch gegangen. Ohne Ziel. Einfach, weil ich wusste: Wenn ich noch länger so dasitze, werde ich schreiend still.

    Maria geht zum Grab. Und findet es offen. Leer. Das ist der Moment, an dem alle Erklärungen aufhören. Die Geschichte, die man sich zurechtgelegt hat – der Tod, das Ende, der Schmerz – ist nicht mehr da. Aber auch nichts Neues. Nur Leere.

    Ich weiss nicht, wie lange sie einfach nur dastand. Vor dem Grab. Vielleicht lang. Vielleicht auch gar nicht. Vielleicht war da nur dieser Moment, in dem man nicht mehr denkt. Ich kenne solche Momente. Wenn man in einen leeren Raum kommt und nicht mehr weiss, was man wollte. Oder wenn man den Namen eines Menschen auf der Zunge hat und ihn trotzdem nicht sagen kann, weil er zu gross geworden ist.

    Maria sieht zwei Engel. Ich weiss nicht, wie Engel aussehen. Ich habe noch nie einen gesehen. Aber ich habe Menschen gesehen, die da waren, wenn ich es nicht erwartet habe. Einen Pfleger, der länger geblieben ist. Einen Jungen, der seinen Grossvater fragt, ob er ihm die Schuhe binden soll. Eine Frau an der Bushaltestelle, die dem anderen die Handtasche aufhebt, ohne etwas zu sagen. Vielleicht sind das Engel. Oder vielleicht sind es einfach Leute, die gerade nichts anderes vorhatten.

    Maria fragt, wo man ihn hingebracht hat. Das ist eine gute Frage. Ich habe auch schon gefragt, wo etwas geblieben ist, das ich liebte. Eine Stimme. Ein Geruch. Ein Blick, den es so nicht mehr gibt. Meistens bekommt man keine Antwort. Man bekommt Schweigen. Oder Wetter. Oder eine Hand auf der Schulter.

    Dann steht da einer hinter ihr. Sie erkennt ihn nicht. Sie hält ihn für den Gärtner. Das ist ein schönes Missverständnis. Ich mag Gärtner. Sie wissen, dass alles seine Zeit hat. Und dass man nicht alles sofort sieht. Vielleicht hat Jesus das gefallen. Dass sie ihn für einen Gärtner hielt.

    Er sagt ihren Namen. Einfach so. „Maria.“ Kein Zusatz. Kein „Fürchte dich nicht.“ Kein „Ich bin’s.“ Nur der Name. Ich habe oft darüber nachgedacht. Über diesen einen Moment. Ich glaube, es ist das Einzige, was nötig war. Vielleicht überhaupt das Einzige, was je nötig ist: dass jemand deinen Namen sagt, und du erkennst, dass du gemeint bist. Nicht als Idee. Nicht als Problem. Sondern als du.

    Ich habe einmal in einem Altersheim vorgelesen. Kurzgeschichten. Einmal pro Woche. Nicht viele kamen. Aber eine Frau war immer da. Ganz still. Nie Fragen. Kein Lächeln. Nach Monaten sagte sie, als ich gerade aufstehen wollte: „Sie lesen so, als würden Sie mich kennen.“ Und ich habe genickt. Obwohl ich sie nicht kannte. Aber sie hatte recht. Ich hatte sie gemeint.

    Jesus sagt „Maria“, und sie erkennt ihn. Manchmal genügt das. Dass jemand sagt: Ich sehe dich. Ohne Erklärung. Ohne dass du dich erklären musst. Ich finde das grösser als jede Auferstehungsgeschichte mit Trompeten und Siegesrufen. Einfach da. Eine Stimme. Ein Name. Und das Erkennen.

    Sie will ihn festhalten. Ich verstehe das. Ich habe auch schon Dinge festhalten wollen, die nicht zu halten waren. Einen Moment, der gut war. Eine Berührung. Einen Duft. Ein Lachen, das schon vorbei war. Es funktioniert nie. Man macht es trotzdem. Und irgendwann sagt einem das Leben: Lass los. Nicht hart. Nur: Jetzt.

    „Halte mich nicht fest“, sagt Jesus. Ich habe lange nicht gewusst, ob das ein Trost ist oder eine Zumutung. Vielleicht beides. Ich glaube, die grösste Schwierigkeit im Leben ist nicht das Verlieren – sondern das Weitergehen, ohne festzuhalten. Ich habe Menschen erlebt, die mit grosser Zärtlichkeit losgelassen haben. Und andere, die mit grossem Glauben nie aufgehört haben, festzuhalten. Beide haben gelitten. Beide hatten recht.

    Maria wird zur Botin gemacht. Sie soll den anderen sagen, was sie gesehen hat. Ich frage mich manchmal, wie sie das gemacht hat. Ob sie gerufen hat. Oder ob sie einfach da sass, und einer hat sie angesehen und verstanden: Da ist etwas geschehen. Ich glaube, sie hat nicht gepredigt. Ich glaube, sie hat geschwiegen. Und irgendwann gesagt: „Ich habe ihn gesehen.“ Ohne Beweis. Ohne Theater. Einfach so, wie man sagt: „Der Frühling ist da.“ Und alle schauen hinaus – und merken, dass der Schnee verschwunden ist.

    Ostern ist nicht der Moment, in dem alles klar wird. Es ist der Moment, in dem etwas nicht mehr so schwer ist wie vorher. Die Luft wird leichter. Der Blick wird weiter. Man steht auf, nicht um zu siegen, sondern um wieder einen Schritt zu machen. Vielleicht barfuss. Vielleicht vorsichtig. Aber man geht.

    Ich glaube, das Evangelium sagt nicht: Du musst glauben, dass er lebt. Es sagt: Vielleicht sagt jemand deinen Namen. Und du erkennst etwas wieder. Nicht alles. Aber genug, um wieder aufzustehen. Vielleicht ist das alles. Und vielleicht genügt das.

    Ich habe gestern einen Brief gefunden, den ich vor Jahren bekommen habe. Ich hatte vergessen, dass ich ihn aufgehoben hatte. Die Schrift war ein wenig verwischt, an der Stelle, wo wohl ein Tropfen Tee gefallen ist. Ich habe ihn nicht ganz gelesen. Nur die ersten zwei Sätze. Das hat gereicht. Manchmal weiss man dann: Ich war gemeint. Und bin es vielleicht noch immer.

    Vielleicht ist Ostern genau das. Kein grosser Beweis. Kein neues Leben mit Pauken und Trompeten. Sondern etwas, das einen leisen Klang hat – wie eine Stimme aus dem Nebenzimmer, die meinen Namen sagt, und ich merke: ich werde gehört.


    Ich habe heute Morgen die Tulpen in der Vase zurechtgerückt. Eine war umgekippt. Ich habe sie gestützt. Nicht weil es nötig war. Aber weil sie schöner aussah, wenn sie stand. Dann habe ich den Tisch gedeckt. Meine Frau kam aus dem Garten. Unser Sohn war noch oben. Ich habe nichts gesagt. Ich habe nur geschaut, wie das Licht über den Rand der Tasse kam.

    Und ich habe gedacht: Das ist Ostern.

  • Ich bin einmal spät nach Hause gekommen. Das Haus war dunkel, aber in meinem Zimmer brannte Licht. Ich war verwundert. Ich hatte es nicht angelassen. Ich dachte erst, jemand sei da. Aber es war niemand da. Nur das Licht. Es war warm. Und es hat gut getan. Ich habe mich hingesetzt, nicht gleich das Licht gelöscht. Ich habe nichts gedacht. Ich war einfach da. Und das Licht auch.

    Ich weiss nicht, ob das mit Ostern zu tun hat. Aber es ist mir eingefallen, als ich das mit dem Licht gehört habe. Mit der Osterkerze, mit dem Ruf „Lumen Christi“, mit der Flamme, die sich verteilt, ganz langsam, zuerst vorne, dann weiter hinten, bis alles still leuchtet.

    Ich glaube, es gibt viele Lichter, die wir nicht selbst anzünden. Sie sind einfach da. Weil jemand anderes sie brennen liess. Vielleicht aus Liebe. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht, weil dieser Mensch selbst nicht mehr im Dunkeln sitzen wollte.

    Ich kenne viele Arten von Dunkelheit. Die im Zimmer, wenn der Strom ausfällt. Die, wenn man nachts aufwacht und nicht weiss, wo man ist. Die, wenn ein Mensch nicht mehr da ist. Und die, wenn einer zwar noch da ist, aber man ihn nicht mehr erreicht.

    Man sagt, die Osternacht beginne im Dunkeln. Ich glaube, sie beginnt vorher. In den Tagen, in denen man nichts mehr weiss. In denen man einfach weitermacht, obwohl einem alles fehlt. Ich habe einmal eine Frau besucht, die gerade jemanden verloren hatte. Ich habe nichts gesagt. Ich war nur da. Wir haben Tee getrunken. Sie hat zwei Tassen hingestellt. Auch wenn sie allein war.

    Ich habe das still gefunden. Und schön. Nicht feierlich. Aber stark. So wie die Dunkelheit, die nicht droht, sondern nur wartet. Wartet auf ein kleines Licht. Auf das erste Zögern der Flamme. Auf etwas, das nicht sagt: Jetzt ist alles gut. Sondern nur: Jetzt ist nicht mehr ganz dunkel.

    Ich war oft in Kirchen, wenn sie leer waren. Am liebsten abends. Wenn das Licht schon aus war und nur noch eine einzelne Kerze brannte, irgendwo im Seitenschiff. Ich habe nie herausgefunden, wer sie angezündet hat. Aber ich habe mich jedes Mal darüber gefreut. Weil es genügte. Eine Kerze. Sie hat nicht die Dunkelheit vertrieben. Sie hat sie nur unterbrochen. Wie eine Frage, auf die niemand eine Antwort erwartet, aber trotzdem stellt.

    Ich glaube, das ist Ostern. Kein Triumph. Kein grosser Moment. Sondern eine Geste. Jemand zündet eine Kerze an. Jemand sagt: Ich bleibe noch. Jemand stellt den Stuhl zurück, auf dem vorher jemand sass. Nicht weil man hofft. Nicht weil man sicher ist. Sondern weil man es so gelernt hat. Oder weil man es nicht anders kann.

    Es gibt diese kleinen Handlungen, die fast nichts bedeuten – und trotzdem alles verändern. Eine Tür, die nicht zugeschlagen wird. Ein Fenster, das offen bleibt. Ein Licht, das jemand für dich brennen lässt, ohne zu wissen, wann du kommst.

    Ich glaube nicht, dass die ersten Christen am Ostermorgen gejubelt haben. Ich glaube, sie haben gestutzt. Sie haben gesucht. Vielleicht geschwiegen. Einer ist gerannt, ein anderer ist stehen geblieben, eine hat geweint. Niemand wusste, was zu tun war. Und vielleicht war gerade das der Anfang.

    Es war noch nicht hell. Das Grab war offen. Das Tuch lag da. Und der, den sie suchten, war nicht mehr dort, wo er zuletzt gewesen war. Ich finde das tröstlich. Dass der Glaube nicht dort beginnt, wo man etwas findet – sondern dort, wo man merkt, dass etwas fehlt.

    Ich habe einmal einen alten Mann gesehen, der nach dem Gottesdienst immer die Kerzen gerade rückte. Er sagte nie viel. Aber er blieb, wenn die anderen schon draussen waren. Ich habe ihn gefragt, warum er das macht. Er sagte: „Damit es bereit ist, wenn jemand kommt.“ Ich weiss nicht, ob er an Gott geglaubt hat. Aber er hat gewartet. Und Licht gemacht. Und Platz gelassen.

     

    Ich bin dann doch irgendwann schlafen gegangen, damals, als ich heimkam und das Licht in meinem Zimmer noch brannte. Ich habe es nicht gelöscht. Ich habe mich einfach hingelegt. Es war gut, dass es da war. Nicht weil ich Angst hatte. Sondern weil ich nicht allein war. Auch wenn keiner im Raum war.

    Ich glaube, es ist nicht so wichtig, ob wir verstehen, was an Ostern passiert ist. Vielleicht reicht es, dass jemand einmal gesagt hat: Das Leben ist nicht zu Ende. Nicht, solange noch jemand Licht macht. Nicht, solange noch einer sagt: Ich bin da. Nicht, solange irgendwo ein Raum offen bleibt für das, was man nicht erklären kann.

    In der Osternacht geht das Licht durch die Reihen. Erst zögerlich. Dann weiter. Es wird nicht plötzlich hell. Aber es genügt, dass man den Nächsten sehen kann. Und den eigenen Schritt.

    Ich glaube, das ist genug.