Es ist Frühling, sagt der Kalender. Ein Sonntag nach dem ersten Vollmond. Früher war das ein Festtag, weil das Leben zurückkam. Weil die Bäume austrieben, weil die Tiere aus den Ställen kamen, weil die Tage länger wurden. Die Menschen feierten das. Dann kam das Christentum und sagte: Das ist Ostern.
Und wie das so ist mit den Festen, man weiss nie genau, ob sie erfunden sind oder ob sie einfach da sind. Ostern jedenfalls kommt nicht einfach. Es hat eine Geschichte, die dazugehört. Eine Geschichte von Leiden und Tod. Jesus im Garten Gethsemane, alleine, weil die Freunde müde sind und schlafen. „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ sagt er. Aber keiner hört es. Es ist Nacht. Und dann wird er verhaftet. Das Gehabe der Mächtigen, das Gekreische der Menge. „Kreuzige ihn!“ schreien sie. Warum? Weil sie immer schreien. Weil es immer so ist. Einer steht da, allein, und die anderen schreien.
Dann kreuzigen sie ihn. Die Sonne verfinstert sich, der Tempelvorhang zerreisst. Vielleicht war es so. Vielleicht hat man es sich so erzählt. Jedenfalls war er tot. Das wusste man sicher. Und das war das Entscheidende, was sicher war.
Am Karsamstag dann nichts. Gar nichts. Eine Stille, die nicht wohltut. Keine Antwort, keine Erklärung, kein Wunder. Kein Gott, der sagt: So, jetzt ist es vorbei. Kein Engel, der tröstet. Nur das Grab. Nur die Nacht. Und Warten. Warten, aber worauf? Vielleicht nur darauf, dass es wieder Frühling wird. Dass die Zeit vergeht. Dass es irgendwann leichter wird. Oder dass man vergisst.
Maria Magdalena geht zum Grab. Morgens früh. Weil man das so macht. Man geht zum Grab, um nachzusehen, ob alles noch da ist. Ob die Welt noch die gleiche ist. Ob man sich an das Gesicht erinnern kann. Aber das Grab ist leer. Und der Stein? Weg. Und ein Engel, der sagt: „Jesus ist auferstanden.“ Einfach so.
Und dann ist Stille. Nicht mehr die Stille des Todes. Eine andere. Eine, die wie eine Frage ist. Eine Stille, die nach etwas klingt. Nach einem Anfang, den man nicht versteht. Nach einem Leben, das nicht mehr so ist wie vorher. Eine Stille, in der alles möglich scheint.
Der Lärm und die Stille. Die Stille und der Lärm. Beides gehört dazu. Aber am Ende bleibt die Stille. Nicht die leere Stille. Nicht die, die einen verzweifeln lässt. Sondern die andere. Die, die Raum lässt. Die, die nach etwas klingt. Vielleicht nach Hoffnung. Vielleicht nach einer Geschichte, die noch nicht zu Ende ist. In jedem Falle nach dem vollen Leben – und nach Himmel. Auferstehung eben.
Pfarrhausgarten.ch
Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.
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Vor ein paar Tagen habe ich auf dem Weg zum Kindergarten eine kleine «Prozession» gesehen.
Drei Kinder. Zwei Stöcke. Ein Plüschtier auf einem Trottinett.
Die Jüngste ging vorne.
Sie trug einen Ast wie eine Fahne.
Vielleicht war es ein Palmzweig.
Vielleicht auch nur ein Stück vom Haselstrauch,
mit noch schlafenden Knospen.Sie schritt ganz feierlich.
Ganz ernst.
Hinter ihr der Junge mit dem Plüschtier,
das irgendwie wie ein Hund aussah –
ein Ohr fehlte. Dem Plüschtier. Nicht dem Kind.Und dann noch einer,
der nichts trug,
aber ganz wichtig schaute.Er ging so,
als wäre er der Anführer,
obwohl er hinterherlief.Niemand winkte.
Niemand klatschte.
Aber sie liefen,
als wäre die Welt ihr Publikum.Ich musste lächeln.
Und dann wurde mir ernst.Denn ich dachte:
So war das vielleicht,
damals in Jerusalem.Nicht mit goldenen Wagen.
Nicht mit Trommeln und Fanfaren.
Nicht mit roten Teppichen.Sondern:
Ein Mann auf einem Esel.
Ein paar Menschen am Strassenrand.
Ein paar Zweige.
Ein bisschen Vertrauen.
Ein bisschen Angst.
Vielleicht auch ein bisschen Trotz.Sie riefen „Hosanna!“
Und das ist kein frommer Gruss.
Das ist ein Aufschrei.
„Hilf uns!“
„Rette uns!“
„Tu etwas – wir können nicht mehr!“Aber was sie meinten war vielleicht:
„Mach, dass alles bleibt, wie es ist.“
(Oder wie es nie war.)
Sicher.
Geordnet.
Berechenbar.Und als Jesus das nicht tat –
als er nicht blieb,
sondern aufbrach in eine andere Richtung,
als er kam, um zu verwandeln, statt zu bestätigen –
da wurde aus dem Retter ein Störenfried.Und Störenfriede mag keiner.
Er hätte sich drücken können.
Er hätte sagen können:
Nicht jetzt.
Nicht hier.
Nicht ich.Aber er tat es nicht.
Er ritt.
Geradeaus.
In den Lärm.
In die Gefahr.
In das, was kommt.Weil Liebe nicht fragt, ob es sich lohnt.
Weil Vertrauen nicht rechnet.
Weil Glaube nicht wartet, bis alle Zweifel weg sind.Vielleicht hat Jesus gar nicht so sehr geglaubt,
wie wir es gerne hätten.
Vielleicht hat er einfach vertraut.Trotz allem. Mit allem. In allem.
Vielleicht war sein Glaube
ein zitterndes Vertrauen.Aber echt.
Und echt reicht.Es gibt viele kleine «Prozessionen» auf dieser Welt.
Manchmal sieht man sie gar nicht.Ein Mensch, der wieder aufsteht.
Eine Frau, die mit einer Blume ins Pflegeheim geht,
obwohl sie weiss, dass ihre Mutter sie nicht mehr erkennt.
Ein Kind, das einen Brief an den Himmel schickt.
Ein Mann, der sich ganz hinten in die Kirche setzt,
nach Monaten des Schweigens und der Ratlosigkeit.Niemand klatscht.
Niemand ruft „Hosanna“.
Aber sie gehen.
Wie Jesus.
Langsam.
In das, was kommt.Die Kinder sind irgendwie durch mein Herz gelaufen.
Ich habe Ihnen von innen zugeschaut.
Und gedacht:
Vielleicht war es tatsächlich eine «Prozession».
Vielleicht war es die Ehrlichste von allen.Denn wer sich traut,
mit einem Plüschtier auf einem Trottinett durch die Welt zu ziehen,
hat verstanden, was Mut ist.Mut ist ja nicht, wenn man keine Angst hat.
Mut ist, wenn man mit zitternden Knien weitergeht.
Mit einem Zweig in der Hand
und einem Lied im Herzen,
das noch nicht ganz fertig ist.Palmsonntag ist kein Tag der Siege.
Es ist ein Tag für alle,
die trotzdem weitergehen.
Die nicht alles verstehen,
aber vertrauen.
Für die, die nicht laut sind,
aber treu.Für die,
die in einer kleinen „Parade“Prozession“ unterwegs sind –
mit allem, was sie haben.Mit Zweigen.
Mit Fragen.
Mit Liebe,
die nicht wissen, wie es ausgeht.
Und dennoch weitergehen. -

Gestern habe ich Hui -Nengs Plattformsutra gelesen.
Nicht alles. Ich lese nie alles. Ich lese meistens nur ein paar Sätze. Gestern war es ein Einziger.
„Wenn der Geist zur Ruhe kommt, ist alles ganz einfach.“ So ungefähr stand es da.
Ich habe dann das Buch wieder zugeklappt. Nicht, weil ich fertig war. Sondern, weil ich gemerkt habe: Das reicht. Ein Satz.
Dann bin ich in die Küche gegangen und habe Tee gemacht. Einfach Tee. Ohne Grund. Vielleicht, weil es für mich zum Lesen dazugehört. Oder weil ich mir das bloss einbilde? Der Tee war zu heiss. Also habe ich gewartet, habe den Dampf angeschaut, der aus der Tasse stieg. Und plötzlich war alles ganz einfach.
Nicht, weil ich etwas verstanden hätte. Sondern weil ich offenbar aufgehört habe, etwas zu wollen. Das heisst: Nicht ich habe aufgehört. Es hat einfach aufgehört. Eigentlich weiss ich nicht, wie ich das sagen soll …
Vielleicht war das Ruhig sein gar nicht mein Verdienst. Vielleicht ist das Ruhig sein etwas, das geschieht, wenn man nicht im Weg steht. So wie der Dampf einfach aufsteigt. Ich sass da, trank, mit Hui-Neng.
Ich dachte: Er konnte nicht lesen. Ich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Zwar lese ich Buchstaben, aber oft lese ich an der Wirklichkeit vorbei. Doch manchmal – manchmal fällt ein Satz in mich hinein, wie ein Stein in einen See. Dann sitze ich still da und sehe zu, wie die Ringe grösser werden.
Vielleicht ist das der Anfang der Praxis. Vielleicht ist es auch bloss Tee. Aber ich sitze gern da. Und ich glaube, Hui-Neng hätte das verstanden. -
Wir leben in einer Zeit, die uns unaufhörlich zuflüstert: Mehr ist besser. Mehr Auswahl, mehr Komfort, mehr Sicherheit. Wir sind umgeben von Dingen, die unser Leben leichter machen sollen – und doch spüren viele von uns eine merkwürdige Schwere. Die Fülle der Dinge füllt nicht unser Herz. Oft bleibt ein vages Gefühl von Leere, gerade mitten im Überfluss.
Verzichten – dieses Wort klingt in unseren Ohren oft hart. Es klingt nach Verlust, nach Verzicht auf Genuss, auf Lebensfreude. Doch echter Verzicht ist nicht Verarmung, sondern Befreiung. Er befreit uns von dem Zuviel, das uns den Blick auf das Wesentliche verstellt. Er führt uns zurück zu dem, was wir wirklich brauchen – und was uns im Innersten nährt. Weniger ist mehr. Die Entdeckung der Einfachheit ist so eine Einladung zur Freiheit. Wer loslässt, was er nicht braucht, wird frei für das, was er wirklich braucht.
Wer sich auf den Verzicht einlässt, erfährt: Die Hände werden leerer, das Herz wird weiter. In der äusseren Reduktion wächst innere Fülle. Und plötzlich wird sichtbar, was die vielen Dinge oft verdecken – die Schönheit eines einfachen Moments, die Freude an echtem Kontakt, die Dankbarkeit für das, was wir ohnehin schon haben.
Verzicht ist keine moralische Pflichtübung. Er ist eine Einladung, das Leben leichter zu machen. Sich aus der Umklammerung der Dinge zu lösen. Und zu spüren: Ich bin nicht, was ich besitze. Ich bin nicht, was ich mir leisten kann. Ich bin nicht, was andere in mir sehen. Ich bin einfach – und das ist mehr als genug.
Die Fastenzeit lädt uns ein, diese innere Freiheit einzuüben. Indem wir uns fragen: Was brauche ich wirklich? Was belastet mich mehr, als es mich beglückt? Was kann ich lassen – aus der Hand und aus dem Herzen?
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Man isst. Jeden Tag. Man trinkt. Jeden Tag. Man redet, arbeitet, schaut, hört. Jeden Tag. Und dann fastet man. Warum? Weil es eine Zeit dafür gibt. Weil es eine Tradition gibt. Oder einfach, weil man wissen will, was passiert, wenn man nicht isst, wenn man nicht trinkt, wenn man nicht redet. Wenn man weniger tut. Wenn man wartet.
Früher fastete man, weil es nicht anders ging. Der Winter war lang, der Frühling kam spät. Die Vorräte wurden knapp. Man hatte keine Wahl. Dann sagte die Kirche: Es ist Fastenzeit. Vierzig Tage. Wie Jesus in der Wüste. Keine Ablenkung. Nur Sand, nur Wind, nur Stille. Und Hunger. Und Stimmen, die sagen: „Nimm dir, was du brauchst!“ Aber Jesus nimmt nichts. Er wartet. Warten auf nichts.
Fasten ist nicht Hungern. Fasten ist ein Raum. Ein Raum, in dem das Leben stillsteht. Oder weitergeht, aber langsamer. Ohne das Übliche. Ohne das Viele. Nur das Nötigste. Oder weniger als das. Und dann sieht man, was bleibt.
Am Anfang fehlt etwas. Das Brot, der Kaffee, der Wein. Das Sprechen. Die Ablenkung. Dann kommt die Stille. Erst unangenehm. Dann anders. Eine Stille, die nicht leer ist. Eine, die alles offenlässt. Die nichts fordert. Eine, die nicht sagt: Du musst. Sondern eine, die fragt: Was brauchst du wirklich?
Man merkt: Der Körper wird leichter. Das Denken wird anders. Man schmeckt bewusster, hört genauer. Der Raum ist weiter. Die Zeit ist anders. Und irgendwann, nach einigen Tagen, wenn man wieder isst, ist es wie neu. Ein Stück Brot. Ein Glas Wasser. Ein Wort. Das Einfachste ist plötzlich genug. Vielleicht mehr als genug.
Aber es ist nicht nur das Essen. Es ist vor allem auch das Reden. Die Gedanken. Die Dinge, die man immer tut, ohne nachzudenken. Man lässt etwas weg, und plötzlich ist da ein Loch. Eine Lücke. Ein offener Raum. Und dieser Raum fragt: Was ist nötig? Was ist überflüssig? Was ist Gewohnheit, und was ist Leben?
Fasten ist nicht das Ende von etwas. Fasten ist der Raum dazwischen. Fasten ist das Warten auf nichts. Und die Entdeckung, dass ‘nichts’ manchmal genug ist. Dass in diesem ‘Nichts’ etwas geschieht. Etwas, das man nicht machen kann, sondern das einfach kommt, das sich schenkt: Die stille Gegenwart Gottes. Aber nicht so, wie ich es erwarte. Nicht mit Posaunen und Zeichen. Sondern still. Ein Himmel, der sich nicht aufdrängt, sondern sich dort zeigt, wo auch Raum für ihn gelassen wird.
Vielleicht ist Fasten eine Übung im Warten. Eine Übung darin, Dinge sein zu lassen, ohne sie sofort zu ersetzen. Eine Übung darin, das Leben nicht vollzupacken, sondern ihm Platz zu lassen. Platz für das Unerwartete. Platz für das, was man nicht kontrollieren kann. Platz für eine Stille, die nicht Leere ist, sondern ein Raum, in dem etwas entstehen kann.
Ich wünsche Euch eine solche Zeit, die Raum gibt. Eine, die nichts will, aber vieles zeigt. Eine Weite, die bleibt. -
Nichts erwarten, aber mit allem rechnen – dieser scheinbare Widerspruch birgt eine tiefe Weisheit. Erwartungen begleiten uns wie unsichtbare Begleiter durch das Leben. Sie geben uns Orientierung und schenken uns manchmal auch den Mut, den nächsten Schritt zu wagen. Doch sie sind trügerisch. Denn allzu oft verwechseln wir unsere Erwartungen mit der Wirklichkeit. Wir machen sie zum Massstab für unser Glück, für das Gelingen unserer Beziehungen, für den Wert unseres Lebens.
Erwartungen, wenn sie starr und einseitig sind, engen uns ein. Sie wirken wie unsichtbare Fesseln, die uns hindern, das Leben in seiner ganzen Fülle zu erfahren. Noch mehr: Sie können zur Last für andere werden. Wir erwarten von ihnen, uns zu erfüllen, uns gerecht zu werden, unsere Sehnsüchte zu stillen. Doch wie könnten sie das?
Die traurige Brutalität der Erwartungen liegt darin, dass sie oft mehr zerstören als aufbauen. Wo Erwartungen regieren, hat das Leben kaum Raum, sich frei zu entfalten. Wir bewerten, was ist, ständig im Vergleich zu dem, was wir uns erhofft haben. So verpassen wir den Augenblick, die Gegenwart – und damit das einzig Reale.
Und doch: Ganz ohne Erwartungen zu leben, ist fast unmöglich. Sie gehören zu uns, wie unser Atem oder unsere Gedanken. Die Kunst besteht darin, mit ihnen massvoll umzugehen – sie nicht zu verdrängen, aber auch nicht zum Herrscher über unser Leben zu machen.
„Nichts erwarten, aber mit allem rechnen“ beschreibt eine Haltung der Offenheit. Es ist die Einladung, das Leben mit offenen Händen zu empfangen, ohne es festhalten zu wollen. Erwartungsloses Erwarten heisst, bereit zu sein, sich überraschen zu lassen. Es heisst, das Leben nicht nach unseren Plänen zu zwingen, sondern ihm zuzutrauen, dass es uns auf Wegen führt, die wir uns selbst nicht ausdenken könnten.
Das klingt einfach, ist aber eine grosse Herausforderung. Denn erwartungsloses Erwarten fordert uns heraus, Kontrolle aufzugeben. Es fordert uns heraus, loszulassen, was wir uns so sehr erhofft haben, und mit leeren Händen dazustehen – aber diese Leere als Chance zu begreifen.
In dieser Leere liegt Freiheit. Freiheit, den Moment zu sehen, wie er ist, und nicht, wie wir ihn haben wollten. Freiheit, dem anderen Menschen zu begegnen, ohne ihn in die engen Schablonen unserer Wünsche zu pressen. Freiheit, aus Enttäuschungen zu lernen, statt an ihnen zu verzweifeln.
Enttäuschungen sind nämlich nichts anderes als das Ende einer Täuschung. Sie zeigen uns, dass das Leben nicht so ist, wie wir es erwartet haben – und laden uns ein, das anzunehmen, was ist. Jede Enttäuschung birgt die Möglichkeit eines Neuanfangs, eine Chance, unsere Erwartungen zu überprüfen und freier zu werden.
Erwartungsloses Erwarten ist eine Lebenskunst, die Raum schafft: Raum für Kreativität, für Spontaneität, für Begegnung. Es ist die Einladung, unsere starren Vorstellungen loszulassen und stattdessen auf das zu vertrauen, was sich zeigen will. Das Leben selbst wird zum Lehrmeister.
Vielleicht ist es gerade dieser Raum der Offenheit, in dem die grössten Geschenke des Lebens auf uns warten – dort, wo wir aufgehört haben, sie zu erwarten. Dort, wo wir nicht mehr festhalten, sondern dem Leben vertrauensvoll entgegengehen. Dort, wo wir entdecken, dass das Leben uns mehr gibt, als wir je zu hoffen wagten – wenn wir es nur lassen.
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In einer Welt, die uns immer wieder an die Grenzen unserer Sicherheiten führt, sind Misstrauen und Wohlwollen wie zwei Pole, die unser Leben und unsere Beziehungen prägen. Misstrauen, so scheint es, entsteht fast von selbst – aus Erfahrungen der Verletzung, aus enttäuschten Erwartungen, aus der Angst vor dem, was sein könnte. Misstrauen ist ein Schutzmechanismus. Es bringt uns dazu, uns zurückzuziehen, Mauern zu errichten. Aber Vorsicht: Anhaltendes Misstrauen zermürbt. Es ist, als ob wir in einem ständigen Alarmzustand leben. Körper und Seele zahlen den Preis. Stress, Ängste, Isolation – und das Herz leidet mit, wortwörtlich. Es schadet nicht nur dem Misstrauenden selbst, sondern entfremdet auch die, die ihm begegnen.
Wohlwollen hingegen – was für ein leises, heilsames Geschenk. Es ist keine naive Blindheit gegenüber den Schattenseiten des Lebens, sondern ein bewusster Entscheid: Ich will das Gute sehen. Wohlwollen entspannt. Es macht weich. Es stärkt die Seele und den Körper. Studien belegen: Wer mit einer wohlwollenden Haltung durchs Leben geht, lebt gesünder. Der Blutdruck sinkt, das Immunsystem wird robuster. Aber das Entscheidende: Wohlwollen verbindet. Es schafft eine Atmosphäre, in der Menschen atmen und sich entfalten können – Gebende und Empfangende gleichermassen.
Die Bibel bringt es auf den Punkt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Markus 12,31). Wohlwollen ist Ausdruck dieser Liebe. Sie zeigt sich nicht in grossen, heroischen Taten, sondern in den kleinen Gesten des Alltags: ein freundliches Wort, ein aufmerksamer Blick, ein stilles Verstehen. Der Schweizer Theologe Adolf Schlatter hat das treffend „Entfeindungsliebe“ genannt. Es geht um Versöhnung – mit dem anderen und mit sich selbst.
Die Kraft zu solchem Wohlwollen finden wir nicht im blinden Aktivismus. Sie wächst in der Stille, in der Kontemplation. „Werdet still und erkennt, dass ich Gott bin“ (Psalm 46,10). Stille ist mehr als die Abwesenheit von Lärm. Sie ist ein Raum, in dem wir uns selbst begegnen – mit allem, was wir sind: unseren Ängsten und unserem Potenzial zur Liebe. Stille öffnet uns für den Grund des Seins, der grösser ist als wir.
Dieser Weg ist ein Prozess, ein ständiges Üben. Wohlwollen muss nicht perfekt sein, nicht grossartig. Es genügt, wenn es echt ist. Oft sind es gerade die kleinen, unscheinbaren Gesten, die Brücken bauen.
Am Ende bleibt die Einladung, die wir uns selbst geben können: Raum schaffen für Vertrauen, für Menschlichkeit, für diese stille, heilsame Kraft des Wohlwollens. In der Stille und im Gebet können wir immer wieder neu in Berührung kommen mit der Liebe, die uns trägt. Und vielleicht spüren wir dann, wie das Wohlwollen des Himmels auch durch uns fliesst.
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Manchmal erscheint mir das Leben wie ein endloses Rauschen. Die Welt um uns herum kann sehr laut und hektisch sein. Die vielen Anforderungen und Ablenkungen fordern mich oft bis ins Mark heraus. Genau dann, wenn scheinbar alles zu viel wird, wird die innere Stille umso wichtiger. Was mir als Herausforderung entgegenkommt, kann aber auch eine Einladung sein, tiefer zu lauschen und zum Wesentlichen zu kommen .
Das laute Rauschen des Alltags lädt mich ein, vertrauensvoll die Augen zu schliessen, wenn sich alles dreht. Für einen Moment tief ein- und ausatmen. Den Boden unter den Füssen spüren. Erfahren, wie der Atem ruhig in den Körper fliesst und wieder hinausströmt. Die Gedanken kommen und gehen lassen, wie Wolken am Himmel. Augenblick für Augenblick, des grenzenlosen Raumes der Stille gewahr werden…
In dieser Stille gibt es kein Müssen, kein Sollen – nur Sein. In diesem Sein liegt eine unglaubliche Kraft. Manchmal ist es, als ob die Welt für einen Moment stillsteht und nur noch dieser eine Herzschlag zählt. Hier finde ich zu mir selbst zurück, spüre meine wahren Bedürfnisse, meine tieferen Wünsche. Hier erahne ich, wie untrennbar verwoben ich im „grossen Ganzen“ bin, verbunden mit mir selbst und mit allem, was ist. Hier findet alles seinen Platz. Genau in diesem Augenblick.
Wenn ich bereit bin, öffne ich die Augen wieder. Die Welt ist dieselbe, doch ich bin anders. Ruhiger und klarer – und mehr im Einklang mit mir selbst. Es ist manchmal tatsächlich der Lärm im Alltag, der mich einlädt, hinter ihm die tiefe Stille in allem zu erfahren. Wie eine geheime Tür, durch die ich immer wieder zu mir selbst zurück finde.
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Einheit in Verschiedenheit – Die Brücke der Herzen
«Die Vielfalt soll uns nicht trennen, sondern bereichern.» Doch wie oft erleben wir das Gegenteil? Unsere Welt scheint voller Gegensätze: Tradition und Wandel, Nähe und Distanz, Glauben und Zweifel, Du und Ich. Gerade in Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit stehen wir vor der Herausforderung, aus Gegensätzen eine lebendige Einheit zu schaffen – eine Einheit in Verschiedenheit.
Diese Einheit ist jedoch kein Einheitsbrei, keine Nivellierung der Unterschiede, sondern eine Einladung, das Verbindende im Verschiedenen zu suchen. Wie im Zen geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem Gegensätze nicht ausgelöscht, sondern integriert werden. Einheit entsteht nicht durch Machen, sondern durch Offenheit – wie Wellen, die denselben Ozean widerspiegeln.
Auch das unsere Religion lebt in dieser Spannung. So viele Konfessionen, Traditionen und Rituale – und doch ein gemeinsames Fundament. Jesus sagt: «Damit alle eins seien.» Doch dies ist kein Ruf zur Gleichförmigkeit, sondern zur tiefen Verbundenheit, die das Trennende überwindet. Im Zen sprechen wir vom Erwachen zur Einheit, die hinter allen Formen und Begriffen liegt – jenseits von Ich und Du.
Vielleicht liegt der Schlüssel genau hier: in der Brücke des Herzens. Was trennt uns wirklich? Oft nicht die Unterschiede an sich, sondern unsere Ängste, unsere Enge, unser Festhalten an Urteilen. Zen lehrt uns, diese inneren Barrieren loszulassen. Wenn das Herz offen ist, kann es Verbindungen schaffen. Und wer mit stiller Präsenz auf den anderen zugeht, findet oft mehr Gemeinsamkeiten, als er erwartet.
Einheit beginnt in uns selbst. In den spirituellen Traditionen heisst es: «Versöhne dich mit dir selbst, und die Welt wird Frieden finden.» Einheit mit mir selbst bedeutet, mich anzunehmen: meine Stärken und Schwächen, mein Licht und meinen Schatten. Wenn ich in mir ruhen kann, bin ich fähig, den anderen wirklich zu sehen. Und in dieser Offenheit erkennen wir: Wir sind nicht getrennt. Wir sind verbunden – wie Wurzeln eines Baumes, die tief im selben Boden verankert sind.
Einheit in Verschiedenheit ist keine Leistung, sondern ein Geschenk. Es ist wie ein Chor, in dem jede Stimme ihren eigenen Klang hat, und doch entsteht ein harmonisches Ganzes. Oder wie ein Garten, in dem die Vielfalt der Pflanzen ein einziges Bild der Schönheit ergibt. Im Zen nennen wir das «Intersein»: Alles ist mit allem verbunden, und gerade die Verschiedenheit zeigt uns die Tiefe dieser Einheit.
Die Frage, die uns in unseren Gemeinschaften bewegt, ist: Was trägt uns? Was eint uns, wenn die Welt immer komplexer wird und der Druck zunimmt? Die Antwort liegt im Herzen. Ein offenes Herz hört zu, stellt Fragen und bleibt neugierig: Was bewegt dich? Was lässt dich hoffen? Wo finden wir Heimat in der Gemeinschaft, ohne die Vielfalt auszuschliessen?
Einheit entsteht nicht durch grosse Worte, sondern durch stille Präsenz. Wenn wir innehalten, in der Stille verweilen und einander Raum geben, können wir uns jenseits aller Grenzen begegnen. Zen nennt dies das Verweilen im «stillen Grund». In dieser Haltung entsteht etwas, das nicht gemacht werden kann: die Brücke des Herzens.
Lassen wir uns also ermutigen: zu Begegnung, zu Gastfreundschaft, zum achtsamen Miteinander. Einheit geschieht, wo wir einander Raum geben und zugleich in uns selbst verwurzelt bleiben.
In einer Welt, die oft trennt, sind wir gerufen, Brücken zu bauen – Brücken von Mensch zu Mensch, von Kultur zu Kultur, von Herz zu Herz. Und während wir gehen, erkennen wir: Die Einheit ist kein fernes Ziel. Sie ist längst da – mitten in der Vielfalt, mitten in uns.
Diakon Karl Scholz
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„Das Gestrige ist blass und gestorben. Das Morgige ist vage und noch nicht da. Frei von Furcht gilt es zu leben. Jetzt, in Gottes Gegenwart“
Der verstorbene Papst Johannes XXIII musste wieder einmal für ein Porträt Modell sitzen. Dass er keine Schönheit war, das wusste er selbst. Auch wenn das nicht zum Anforderungsprofil von Päpsten gehört, notierte er angeblich dennoch ein kurzes und ein wenig hilfloses Gebet in eines seiner Tagebücher: „Lieber Gott, Du wusstest doch, dass ich einmal Papst werde. Warum hast Du mir dann diese Nase gegeben?“ Ich bin nicht sicher, aber ich meine im italienischen Original steht sogar das Wort „Nasone“, „Zinken“.
Er sass also geduldig da und liess sich malen.
Als man ihm das fertige Bild zeigte, blickte er eine Weile stumm und mitleidsvoll darüber. Der Künstler fragte nervös: „Und, Eure Heiligkeit, wie …“
„Johannes 6, Vers 20“ murmelte der Papst und ging davon. Zu Hause schlug der päpstliche Maler die Bibel an der angegebenen Stelle auf. Dort stand: „Fürchtet Euch nicht, ich bin es.“
Fürchtet Euch nicht. So schnell gesagt. Fürchtet Euch nicht. So schwer gelebt.
Fürchtet Euch nicht vor mir, vor Euch selbst und voreinander – und vor allem: Fürchtet Euch nicht vor Eurem Leben. Fürchtet Euch nicht!
Das ist auch einer der ersten Sätze, die Jesus nach seiner Auferstehung spricht. Es ist sozusagen seine gesprochene Osterbotschaft. Immer wieder sagt er es: „Habt keine Angst!“ Das gilt in allen Lebenslagen. Egal, wie gross oder schwer die Herausforderung gerade sein mag – ob es sich nun um eine lebensbedrohliche Krankheit handelt, oder nur um einen pontifikalen „Zinken“. Die Botschaft Jesu ist deutlich: Lass Dich nicht in die Enge, in die Angst führen. Du bist nicht allein.
Fürchte Dich nicht vor Deiner eigenen Grösse. Steh hinein, in das, was Du bist. Hab keine Angst vor der unauslöschlichen Kraft des Lebens, die in Dir am Werk ist. Fürchtet Dich auch nicht davor, genau darin tiefe, schlichte Demut zu entwickeln. Fürchtet Dich nicht! Sondern lausche und vertraue auf das leise Flüstern Gottes in der Stille Deines Herzens. Deine Seele kennt den Weg mit tiefer Sicherheit. Alles, was Du wirklich brauchst, um ganz Mensch zu sein, ist da. Fürchte Dich also nicht – und dann setze einen Schritt.
Stellen Dir vor, wir würden uns alle so verstehen. Das wäre eine Auferstehung!