Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

  • Man isst. Jeden Tag. Man trinkt. Jeden Tag. Man redet, arbeitet, schaut, hört. Jeden Tag. Und dann fastet man. Warum? Weil es eine Zeit dafür gibt. Weil es eine Tradition gibt. Oder einfach, weil man wissen will, was passiert, wenn man nicht isst, wenn man nicht trinkt, wenn man nicht redet. Wenn man weniger tut. Wenn man wartet.

    Früher fastete man, weil es nicht anders ging. Der Winter war lang, der Frühling kam spät. Die Vorräte wurden knapp. Man hatte keine Wahl. Dann sagte die Kirche: Es ist Fastenzeit. Vierzig Tage. Wie Jesus in der Wüste. Keine Ablenkung. Nur Sand, nur Wind, nur Stille. Und Hunger. Und Stimmen, die sagen: „Nimm dir, was du brauchst!“ Aber Jesus nimmt nichts. Er wartet. Warten auf nichts.

    Fasten ist nicht Hungern. Fasten ist ein Raum. Ein Raum, in dem das Leben stillsteht. Oder weitergeht, aber langsamer. Ohne das Übliche. Ohne das Viele. Nur das Nötigste. Oder weniger als das. Und dann sieht man, was bleibt.

    Am Anfang fehlt etwas. Das Brot, der Kaffee, der Wein. Das Sprechen. Die Ablenkung. Dann kommt die Stille. Erst unangenehm. Dann anders. Eine Stille, die nicht leer ist. Eine, die alles offenlässt. Die nichts fordert. Eine, die nicht sagt: Du musst. Sondern eine, die fragt: Was brauchst du wirklich?

    Man merkt: Der Körper wird leichter. Das Denken wird anders. Man schmeckt bewusster, hört genauer. Der Raum ist weiter. Die Zeit ist anders. Und irgendwann, nach einigen Tagen, wenn man wieder isst, ist es wie neu. Ein Stück Brot. Ein Glas Wasser. Ein Wort. Das Einfachste ist plötzlich genug. Vielleicht mehr als genug.

    Aber es ist nicht nur das Essen. Es ist vor allem auch das Reden. Die Gedanken. Die Dinge, die man immer tut, ohne nachzudenken. Man lässt etwas weg, und plötzlich ist da ein Loch. Eine Lücke. Ein offener Raum. Und dieser Raum fragt: Was ist nötig? Was ist überflüssig? Was ist Gewohnheit, und was ist Leben?

    Fasten ist nicht das Ende von etwas. Fasten ist der Raum dazwischen. Fasten ist das Warten auf nichts. Und die Entdeckung, dass ‘nichts’ manchmal genug ist. Dass in diesem ‘Nichts’ etwas geschieht. Etwas, das man nicht machen kann, sondern das einfach kommt, das sich schenkt: Die stille Gegenwart Gottes. Aber nicht so, wie ich es erwarte. Nicht mit Posaunen und Zeichen. Sondern still. Ein Himmel, der sich nicht aufdrängt, sondern sich dort zeigt, wo auch Raum für ihn gelassen wird. 

    Vielleicht ist Fasten eine Übung im Warten. Eine Übung darin, Dinge sein zu lassen, ohne sie sofort zu ersetzen. Eine Übung darin, das Leben nicht vollzupacken, sondern ihm Platz zu lassen. Platz für das Unerwartete. Platz für das, was man nicht kontrollieren kann. Platz für eine Stille, die nicht Leere ist, sondern ein Raum, in dem etwas entstehen kann.

    Ich wünsche Euch eine solche Zeit, die Raum gibt. Eine, die nichts will, aber vieles zeigt. Eine Weite, die bleibt.

  • Nichts erwarten, aber mit allem rechnen – dieser scheinbare Widerspruch birgt eine tiefe Weisheit. Erwartungen begleiten uns wie unsichtbare Begleiter durch das Leben. Sie geben uns Orientierung und schenken uns manchmal auch den Mut, den nächsten Schritt zu wagen. Doch sie sind trügerisch. Denn allzu oft verwechseln wir unsere Erwartungen mit der Wirklichkeit. Wir machen sie zum Massstab für unser Glück, für das Gelingen unserer Beziehungen, für den Wert unseres Lebens.

    Erwartungen, wenn sie starr und einseitig sind, engen uns ein. Sie wirken wie unsichtbare Fesseln, die uns hindern, das Leben in seiner ganzen Fülle zu erfahren. Noch mehr: Sie können zur Last für andere werden. Wir erwarten von ihnen, uns zu erfüllen, uns gerecht zu werden, unsere Sehnsüchte zu stillen. Doch wie könnten sie das?

    Die traurige Brutalität der Erwartungen liegt darin, dass sie oft mehr zerstören als aufbauen. Wo Erwartungen regieren, hat das Leben kaum Raum, sich frei zu entfalten. Wir bewerten, was ist, ständig im Vergleich zu dem, was wir uns erhofft haben. So verpassen wir den Augenblick, die Gegenwart – und damit das einzig Reale.

    Und doch: Ganz ohne Erwartungen zu leben, ist fast unmöglich. Sie gehören zu uns, wie unser Atem oder unsere Gedanken. Die Kunst besteht darin, mit ihnen massvoll umzugehen – sie nicht zu verdrängen, aber auch nicht zum Herrscher über unser Leben zu machen.

    „Nichts erwarten, aber mit allem rechnen“ beschreibt eine Haltung der Offenheit. Es ist die Einladung, das Leben mit offenen Händen zu empfangen, ohne es festhalten zu wollen. Erwartungsloses Erwarten heisst, bereit zu sein, sich überraschen zu lassen. Es heisst, das Leben nicht nach unseren Plänen zu zwingen, sondern ihm zuzutrauen, dass es uns auf Wegen führt, die wir uns selbst nicht ausdenken könnten.

    Das klingt einfach, ist aber eine grosse Herausforderung. Denn erwartungsloses Erwarten fordert uns heraus, Kontrolle aufzugeben. Es fordert uns heraus, loszulassen, was wir uns so sehr erhofft haben, und mit leeren Händen dazustehen – aber diese Leere als Chance zu begreifen.

    In dieser Leere liegt Freiheit. Freiheit, den Moment zu sehen, wie er ist, und nicht, wie wir ihn haben wollten. Freiheit, dem anderen Menschen zu begegnen, ohne ihn in die engen Schablonen unserer Wünsche zu pressen. Freiheit, aus Enttäuschungen zu lernen, statt an ihnen zu verzweifeln.

    Enttäuschungen sind nämlich nichts anderes als das Ende einer Täuschung. Sie zeigen uns, dass das Leben nicht so ist, wie wir es erwartet haben – und laden uns ein, das anzunehmen, was ist. Jede Enttäuschung birgt die Möglichkeit eines Neuanfangs, eine Chance, unsere Erwartungen zu überprüfen und freier zu werden.

    Erwartungsloses Erwarten ist eine Lebenskunst, die Raum schafft: Raum für Kreativität, für Spontaneität, für Begegnung. Es ist die Einladung, unsere starren Vorstellungen loszulassen und stattdessen auf das zu vertrauen, was sich zeigen will. Das Leben selbst wird zum Lehrmeister.

    Vielleicht ist es gerade dieser Raum der Offenheit, in dem die grössten Geschenke des Lebens auf uns warten – dort, wo wir aufgehört haben, sie zu erwarten. Dort, wo wir nicht mehr festhalten, sondern dem Leben vertrauensvoll entgegengehen. Dort, wo wir entdecken, dass das Leben uns mehr gibt, als wir je zu hoffen wagten – wenn wir es nur lassen.

  • In einer Welt, die uns immer wieder an die Grenzen unserer Sicherheiten führt, sind Misstrauen und Wohlwollen wie zwei Pole, die unser Leben und unsere Beziehungen prägen. Misstrauen, so scheint es, entsteht fast von selbst – aus Erfahrungen der Verletzung, aus enttäuschten Erwartungen, aus der Angst vor dem, was sein könnte. Misstrauen ist ein Schutzmechanismus. Es bringt uns dazu, uns zurückzuziehen, Mauern zu errichten. Aber Vorsicht: Anhaltendes Misstrauen zermürbt. Es ist, als ob wir in einem ständigen Alarmzustand leben. Körper und Seele zahlen den Preis. Stress, Ängste, Isolation – und das Herz leidet mit, wortwörtlich. Es schadet nicht nur dem Misstrauenden selbst, sondern entfremdet auch die, die ihm begegnen.

    Wohlwollen hingegen – was für ein leises, heilsames Geschenk. Es ist keine naive Blindheit gegenüber den Schattenseiten des Lebens, sondern ein bewusster Entscheid: Ich will das Gute sehen. Wohlwollen entspannt. Es macht weich. Es stärkt die Seele und den Körper. Studien belegen: Wer mit einer wohlwollenden Haltung durchs Leben geht, lebt gesünder. Der Blutdruck sinkt, das Immunsystem wird robuster. Aber das Entscheidende: Wohlwollen verbindet. Es schafft eine Atmosphäre, in der Menschen atmen und sich entfalten können – Gebende und Empfangende gleichermassen.

    Die Bibel bringt es auf den Punkt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Markus 12,31). Wohlwollen ist Ausdruck dieser Liebe. Sie zeigt sich nicht in grossen, heroischen Taten, sondern in den kleinen Gesten des Alltags: ein freundliches Wort, ein aufmerksamer Blick, ein stilles Verstehen. Der Schweizer Theologe Adolf Schlatter hat das treffend „Entfeindungsliebe“ genannt. Es geht um Versöhnung – mit dem anderen und mit sich selbst.

    Die Kraft zu solchem Wohlwollen finden wir nicht im blinden Aktivismus. Sie wächst in der Stille, in der Kontemplation. „Werdet still und erkennt, dass ich Gott bin“ (Psalm 46,10). Stille ist mehr als die Abwesenheit von Lärm. Sie ist ein Raum, in dem wir uns selbst begegnen – mit allem, was wir sind: unseren Ängsten und unserem Potenzial zur Liebe. Stille öffnet uns für den Grund des Seins, der grösser ist als wir.

    Dieser Weg ist ein Prozess, ein ständiges Üben. Wohlwollen muss nicht perfekt sein, nicht grossartig. Es genügt, wenn es echt ist. Oft sind es gerade die kleinen, unscheinbaren Gesten, die Brücken bauen.

    Am Ende bleibt die Einladung, die wir uns selbst geben können: Raum schaffen für Vertrauen, für Menschlichkeit, für diese stille, heilsame Kraft des Wohlwollens. In der Stille und im Gebet können wir immer wieder neu in Berührung kommen mit der Liebe, die uns trägt. Und vielleicht spüren wir dann, wie das Wohlwollen des Himmels auch durch uns fliesst.

  • Manchmal erscheint mir das Leben wie ein endloses Rauschen. Die Welt um uns herum kann sehr laut und hektisch sein. Die vielen Anforderungen und Ablenkungen fordern mich oft bis ins Mark heraus. Genau dann, wenn scheinbar alles zu viel wird, wird die innere Stille umso wichtiger. Was mir als Herausforderung entgegenkommt, kann aber auch eine Einladung sein, tiefer zu lauschen und zum Wesentlichen zu kommen .

    Das laute Rauschen des Alltags lädt mich ein, vertrauensvoll die Augen zu schliessen, wenn sich alles dreht. Für einen Moment tief ein- und ausatmen. Den Boden unter den Füssen spüren. Erfahren, wie der Atem ruhig in den Körper fliesst und wieder hinausströmt. Die Gedanken kommen und gehen lassen, wie Wolken am Himmel. Augenblick für Augenblick, des grenzenlosen Raumes der Stille gewahr werden…

    In dieser Stille gibt es kein Müssen, kein Sollen – nur Sein. In diesem Sein liegt eine unglaubliche Kraft. Manchmal ist es, als ob die Welt für einen Moment stillsteht und nur noch dieser eine Herzschlag zählt. Hier finde ich zu mir selbst zurück, spüre meine wahren Bedürfnisse, meine tieferen Wünsche. Hier erahne ich, wie untrennbar verwoben ich im „grossen Ganzen“ bin, verbunden mit mir selbst und mit allem, was ist. Hier findet alles seinen Platz. Genau in diesem Augenblick.

    Wenn ich bereit bin, öffne ich die Augen wieder. Die Welt ist dieselbe, doch ich bin anders. Ruhiger und klarer – und mehr im Einklang mit mir selbst. Es ist manchmal tatsächlich der Lärm im Alltag, der mich einlädt, hinter ihm die tiefe Stille in allem zu erfahren. Wie eine geheime Tür, durch die ich immer wieder zu mir selbst zurück finde. 

  • Einheit in Verschiedenheit – Die Brücke der Herzen

    «Die Vielfalt soll uns nicht trennen, sondern bereichern.» Doch wie oft erleben wir das Gegenteil? Unsere Welt scheint voller Gegensätze: Tradition und Wandel, Nähe und Distanz, Glauben und Zweifel, Du und Ich. Gerade in Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit stehen wir vor der Herausforderung, aus Gegensätzen eine lebendige Einheit zu schaffen – eine Einheit in Verschiedenheit.

    Diese Einheit ist jedoch kein Einheitsbrei, keine Nivellierung der Unterschiede, sondern eine Einladung, das Verbindende im Verschiedenen zu suchen. Wie im Zen geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem Gegensätze nicht ausgelöscht, sondern integriert werden. Einheit entsteht nicht durch Machen, sondern durch Offenheit – wie Wellen, die denselben Ozean widerspiegeln.

    Auch das unsere Religion lebt in dieser Spannung. So viele Konfessionen, Traditionen und Rituale – und doch ein gemeinsames Fundament. Jesus sagt: «Damit alle eins seien.» Doch dies ist kein Ruf zur Gleichförmigkeit, sondern zur tiefen Verbundenheit, die das Trennende überwindet. Im Zen sprechen wir vom Erwachen zur Einheit, die hinter allen Formen und Begriffen liegt – jenseits von Ich und Du.

    Vielleicht liegt der Schlüssel genau hier: in der Brücke des Herzens. Was trennt uns wirklich? Oft nicht die Unterschiede an sich, sondern unsere Ängste, unsere Enge, unser Festhalten an Urteilen. Zen lehrt uns, diese inneren Barrieren loszulassen. Wenn das Herz offen ist, kann es Verbindungen schaffen. Und wer mit stiller Präsenz auf den anderen zugeht, findet oft mehr Gemeinsamkeiten, als er erwartet.

    Einheit beginnt in uns selbst. In den spirituellen Traditionen heisst es: «Versöhne dich mit dir selbst, und die Welt wird Frieden finden.» Einheit mit mir selbst bedeutet, mich anzunehmen: meine Stärken und Schwächen, mein Licht und meinen Schatten. Wenn ich in mir ruhen kann, bin ich fähig, den anderen wirklich zu sehen. Und in dieser Offenheit erkennen wir: Wir sind nicht getrennt. Wir sind verbunden – wie Wurzeln eines Baumes, die tief im selben Boden verankert sind.

    Einheit in Verschiedenheit ist keine Leistung, sondern ein Geschenk. Es ist wie ein Chor, in dem jede Stimme ihren eigenen Klang hat, und doch entsteht ein harmonisches Ganzes. Oder wie ein Garten, in dem die Vielfalt der Pflanzen ein einziges Bild der Schönheit ergibt. Im Zen nennen wir das «Intersein»: Alles ist mit allem verbunden, und gerade die Verschiedenheit zeigt uns die Tiefe dieser Einheit.

    Die Frage, die uns in unseren Gemeinschaften bewegt, ist: Was trägt uns? Was eint uns, wenn die Welt immer komplexer wird und der Druck zunimmt? Die Antwort liegt im Herzen. Ein offenes Herz hört zu, stellt Fragen und bleibt neugierig: Was bewegt dich? Was lässt dich hoffen? Wo finden wir Heimat in der Gemeinschaft, ohne die Vielfalt auszuschliessen?

    Einheit entsteht nicht durch grosse Worte, sondern durch stille Präsenz. Wenn wir innehalten, in der Stille verweilen und einander Raum geben, können wir uns jenseits aller Grenzen begegnen. Zen nennt dies das Verweilen im «stillen Grund». In dieser Haltung entsteht etwas, das nicht gemacht werden kann: die Brücke des Herzens.

    Lassen wir uns also ermutigen: zu Begegnung, zu Gastfreundschaft, zum achtsamen Miteinander. Einheit geschieht, wo wir einander Raum geben und zugleich in uns selbst verwurzelt bleiben.

    In einer Welt, die oft trennt, sind wir gerufen, Brücken zu bauen – Brücken von Mensch zu Mensch, von Kultur zu Kultur, von Herz zu Herz. Und während wir gehen, erkennen wir: Die Einheit ist kein fernes Ziel. Sie ist längst da – mitten in der Vielfalt, mitten in uns.

    Diakon Karl Scholz

  • „Das Gestrige ist blass und gestorben. Das Morgige ist vage und noch nicht da. Frei von Furcht gilt es zu leben. Jetzt, in Gottes Gegenwart“

    Der verstorbene Papst Johannes XXIII musste wieder einmal für ein Porträt Modell sitzen. Dass er keine Schönheit war, das wusste er selbst. Auch wenn das nicht zum Anforderungsprofil von Päpsten gehört, notierte er angeblich dennoch ein kurzes und ein wenig hilfloses Gebet in eines seiner Tagebücher: „Lieber Gott, Du wusstest doch, dass ich einmal Papst werde. Warum hast Du mir dann diese Nase gegeben?“ Ich bin nicht sicher, aber ich meine im italienischen Original steht sogar das Wort „Nasone“, „Zinken“.

    Er sass also geduldig da und liess sich malen.

    Als man ihm das fertige Bild zeigte, blickte er eine Weile stumm und mitleidsvoll darüber. Der Künstler fragte nervös: „Und, Eure Heiligkeit, wie …“

    „Johannes 6, Vers 20“ murmelte der Papst und ging davon. Zu Hause schlug der päpstliche Maler die Bibel an der angegebenen Stelle auf. Dort stand: „Fürchtet Euch nicht, ich bin es.“

    Fürchtet Euch nicht. So schnell gesagt. Fürchtet Euch nicht. So schwer gelebt.

    Fürchtet Euch nicht vor mir, vor Euch selbst und voreinander – und vor allem: Fürchtet Euch nicht vor Eurem Leben. Fürchtet Euch nicht!

    Das ist auch einer der ersten Sätze, die Jesus nach seiner Auferstehung spricht. Es ist sozusagen seine gesprochene Osterbotschaft. Immer wieder sagt er es: „Habt keine Angst!“ Das gilt in allen Lebenslagen. Egal, wie gross oder schwer die Herausforderung gerade sein mag – ob es sich nun um eine lebensbedrohliche Krankheit handelt, oder nur um einen pontifikalen „Zinken“. Die Botschaft Jesu ist deutlich: Lass Dich nicht in die Enge, in die Angst führen. Du bist nicht allein.

    Fürchte Dich nicht vor Deiner eigenen Grösse. Steh hinein, in das, was Du bist. Hab keine Angst vor der unauslöschlichen Kraft des Lebens, die in Dir am Werk ist. Fürchtet Dich auch nicht davor, genau darin tiefe, schlichte Demut zu entwickeln. Fürchtet Dich nicht! Sondern lausche und vertraue auf das leise Flüstern Gottes in der Stille Deines Herzens. Deine Seele kennt den Weg mit tiefer Sicherheit. Alles, was Du wirklich brauchst, um ganz Mensch zu sein, ist da. Fürchte Dich also nicht – und dann setze einen Schritt.

    Stellen Dir vor, wir würden uns alle so verstehen. Das wäre eine Auferstehung!

  • In Pfarrämtern geschehen schräge Dinge. Vor einiger Zeit hatte mich ein jüngerer Mann angerufen. Er klang irgendwie ein wenig nervös, aber eigentlich ganz sympathisch. Auf der Suche nach einem Seelsorger sei er, sagte er. Ob ich so einer sei, und ob ich auch wirklich studiert hätte, frage er. Nein, vorbeikommen wollte er nicht, man könne sein Anliegen auch jetzt schnell am Telefon klären. Ich habe das eigentlich nicht so gerne. Aber gut, wenn er das so will …

    Ob ich den Satz „Vivere militare est“ kenne, fragte er. Er bräuchte diesbezüglich dringend Unterstützung.

    Das Wort „militare“ störe ihn – mich störte es auch. Da ich doch Theologie studiert habe, und deshalb sicher gut Latein spräche, könne ich ihm sicher helfen, dieses Wort durch ein ähnliches, weniger kriegerisches, zu ersetzen.

    Jetzt hatte ich Latein nicht schon in der Schule, sondern erst an der Uni „gelernt“. Nach der Schlussprüfung hat mein Prof. Schwankl aus dem Fenster gezeigt und mit ernster Miene gesagt: Sehn’s da drüben Maria Hilf mit der Büssertreppe? Da gehen’s heut’ Nachmittag ‘nauf und zünd’n ‘s a grosse Kerz’n a. Grund dazu ha’m Sie.»

    Deshalb wollte ich meinen Anrufer eigentlich zu unserem pensionierten Priester mit seinen deutlich besseren Lateinkenntnissen schicken. Während ich die Telefonnummer heraussuchen wollte, fragte ich den jungen Herrn noch, wofür er diesen Satz eigentlich benötige.

    Voller Stolz sagte er, er wolle sich den Satz auf den Hintern tätowieren lassen und da käme ein Wort wie „militare“ nicht so gut – vor allem bei den Frauen nicht!

    Der Mann sagt „vivere militare est.“ „Zu leben heisst zu kämpfen.“ Da haben wir ihn, den alten Geschlechterkonflikt. 

    Ich glaube, dass das inhaltlich völlig falsch ist. Ja, das Leben kann sich manchmal so darstellen, als ginge es nur darum, sich durchzukämpfen, aber das Leben ist nicht grundsätzlich ein Kampf – ausser, wir machen es dazu. Das ist ein Blickwinkel auf das Leben, nicht das Leben selbst. Das Leben ist auch kein Wettbewerb, auch wenn man uns das noch so nachdrücklich eintrichtern möchte. Wer das tut, will uns meist nur etwas verkaufen. Man kann das Leben aus diesem Blickwinkel betrachten und bewerten, aber es bleibt ein Blickwinkel, nicht das Leben selbst.

    Ich sage lieber (und das ist eigentlich auch nur ein weiterer Blickwinkel, wenn auch ein, wie ich finde viel sympathischerer): „Vivere, amare est.“ „Zu leben heisst, zu lieben.“

    Wenn Du Dich und das Leben frei lässt,
    wirklich frei lässt,
    wenn Du ohne Angst verstraust, ganz,

    wenn Du wach bleibst,
    in der Tiefe Deiner Seele,
    und die unverfälschten,
    klaren Augen Deines Kinderherzens
    nicht mit der Suche nach Glück und Unglück verdeckst,
    wenn Du das Leben so frisch von innen her anschaust,
    genau wahrnimmst,
    wenn Du Dich berühren lässt, einfach, und jetzt,
    dann wird das,
    was Du dann tust,
    kraftvoller sein als alles,
    was Du Dir vorstellen kannst. 
    Deine Schritte werden Dich selbst behüten,
    sie werden heilen, segnen, leben. 
    Dann wirst Du ein Liebender, eine Liebende sein,
    mit jeder Faser Deines Lebens.

    Und um das geht es in meinen Augen auch an Ostern. Um die Auferstehung aus der Illusion des Kampfes, die alles und alle in die Rolle von Gegnern oder Verbündeten zwingt. Eigentlich ist es die Illusion der Getrenntheit, aus der es aufzuwachen, aufzuerstehen gilt. Spirituell leben heisst, aus der Erfahrung der Einheit allen Lebens, mich ganz der Unendlichkeit Gottes hinzugeben. Das wäre für mich wahre Auferstehung, wahres Ostern. Oder anders ausgedrückt: Die Augen zu öffnen und zu sehen, dass ich bis in die letzte Faser nichts anderes bin als Liebe.

    Trotzdem würde ich mir das jetzt nicht auf den Hintern tätowieren lassen.

    Herzlich, Karl H. Scholz

  • Eigentlich ist es ja die Stille, die am Ende machtvoll spricht, die offen ist und alles in sich vereint, wenn die Worte im Kopf endlich ein zufriedenes Ende gefunden haben. Aber wie diese Stille, wie das Schweigen Gottes finden? Wie kann es überhaupt ganz stille werden, in einer Welt die ständig spricht und lärmt und schreit und donnert – bis hinein in meine Seele?

    Ein Weg – und es ist gewiss nicht der schlechteste – ist, sich GANZ auf etwas einzulassen. GANZ auf EINES einzulassen, hinein zu lauschen in das Geheimnis dessen, was sich in diesem Augenblick hier ereignet.

    Nicht verstehen zu wollen, nicht festhalten zu wollen, nicht beurteilen zu wollen und nicht ablehnen zu wollen, sondern offen und wach wie ein Kind einfach zu schauen und zu lauschen und so nichts anderes zu tun als GANZ (da)zu sein.

    Dann kann sich das grosse Wunder dieser Welt in jedem Augenblick ereignen: Das Wunder, dass es plötzlich still wird in allem Lärm und Gebrüll der Zeit. Das Wunder, dass es plötzlich weit wird und gelöst, in aller Enge unseres Alltags. Das Wunder, dass die Zeit vergeht und ALLE Zeit ver-geht und nur noch jetzt ist, Gottes JETZT.

    Die Frage ist, erwarten wir noch, dass uns dies geschieht? Haben wir noch wirkliches Vertrauen in das unvergängliche Wunder unserer Achtsamkeit?

  • Im buchstäblichen Sinne selbst-vergessen – unser wahres Selbst vergessend – ziehen wir durch unser Leben und versuchen alles zu unternehmen, um das brennende und stechende Gefühl des Verlorenseins, des Ungewissen nicht mehr wahrzunehmen.

    So kämpfen wir und lenken uns ab von dem Gefühl der Einsamkeit und beginnen, wie in einer Ersatz-handlung, auf Konten, Häuser, Autos, Schmuck, Bargeld und wertvolles Metall zu vertrauen. Wir beginnen fast unbemerkt und ziemlich blind auf die Versprechungen von Parteien, von Wissenschaft und sogar Heilsinstitutionen (manchmal auch unserer Kirche) zu schnell zu vertrauen und glauben, wir könnten damit die tiefe Sehnsucht nähren, die in unseren Herzen wohnt.

    Dabei ertränken wir nur das durstige Herz durch pochendes Wiederholen und Betonen dessen, was wir meinen zu sein: Deutsche, Schweizer, Europäer, Christen, Gebildete, ehrliche Handwerker, Vater, Mutter, Partner, ein Scholz, ein Hänggi, ein Meier, ein Huber …

    Doch sobald wir anfangen, unser Gefühl des Mangels mittels Abgrenzung zu beantworten, mittels Zugehörigkeit und Differenz, beginnt auch das, was viele von uns seit Langem in den Wahnsinn treibt: der Wettbewerb.

    Er macht auch vor keiner Kirche halt: Wer hat mehr Kirchenbesucher, mehr Ministranten, besucht mehr alte Leute, wirkt heilvoller in seiner Umgebung, spendet mehr und hat die tiefere Kirchensteuer?

    Eigentlich wissen wir genau, dass es keinen Gewinn ohne Verlierer gibt. Wir könnten heute sehr genau sehen, wer und wo die Verlierer sind, auf deren Rücken unser Glück entsteht. Dennoch tun wir so, als gäbe es kein Morgen, keine andere Wahl.

    Werden wir so glücklich? Tragen wir so zum Glück in unserer Umgebung bei – geschweige denn in unserer Welt? Das ist doch ignoranter Wahnsinn.

    Dieses System ist menschengemacht – auch, wenn wir meinen, es sei ewig – also können es auch Menschen wieder ändern.

    Unsere Probleme beginnen damit, dass wir vergessen, wer und was wir wirklich sind. Und sie enden damit, dass wir uns wieder verbinden mit der grossen Quelle, aus der wir bis hierher gekommen sind: Grosses Leben, Gottes Leben, das jetzt atmet in mir und Dir und auch in denen, deren Haut gelb, schwarz oder braun ist und deren Blut doch rot pulsierend durch die Menschenadern fliesst.

    Warum nehmen wir die Einladung, die uns der Wind, der Regen, die Sonne, die Erde, der Tag und die Nacht, das Holz auf dem wir sitzen, die Kleidung, die unsere Haut berührt, warum nehmen wir die Einladung, die uns das grosse Leben in all seiner Fülle, in jedem Moment, selbst noch im Sterben und an jedem Ort, selbst im tiefsten Kellerloch entgegen schreit uns nahe streichelt, flüstert, lebt und liebt, nur mit so grossem Zögern an?

    Warum lassen wir uns nicht von dem, was wir jetzt sehen, riechen, hören, schmecken, fühlen, zu dem verführen, was unser Herz erfüllt und uns verbinden mit dem Ursprung, der tief in uns das Leben wach hält?

    Warum lassen wir uns nicht erweichen, von der Güte, mit der die Erde jeden einzelnen Menschen birgt und lassen unser Innerstes so weit werden, dass es katholisch (allumfassend, das All umfassend) wird und buchstäblich die ganze Welt – damit sich selbst – in liebevoller Zärtlichkeit umarmt?

    In der Religion geht es immer auch darum, die Unterschiede so lange zu lieben und zu veratmen, bis sie zusammenfallen, obwohl sie noch da sind:

    Kein Aussen, kein Innen, kein Hier, kein Dort, kein Du, kein Ich, nur Leben, das atmet, pulsiert und liebt.

    KH Scholz

  • Ich möchte gern ein Anfänger sein. In allem, was ich tue und was ich bin, möchte ich ein einfacher, blutiger Anfänger sein. Nach 50 Jahren als Mensch, nach 22 Jahren als Seelsorger, nach 18 Jahren Ehe und nach bald 13 Jahren als Papa, möchte ich mich, Augenblick für Augenblick je neu als Anfänger vom Leben führen lassen.

    Früher dachte ich, es ginge darum, die Dinge zu können. Mehr noch, sie besser zu können als andere. Ich hatte geglaubt, ich müsste mich überall behaupten, beweisen und durchsetzen. Auf dem Weg der Stille durfte ich lernen, wie peinlich das sein kann. Und wie verletzend – für andere und für mich.

    In meinem Tunnelblick hatte ich Bewunderung mit Liebe verwechselt. Dieser verkürzte Blick degradiert: mich zum ‘Könner’ und die anderen zu minderwertigen Zuschauern. Das nährt niemanden, es zehrt nur aus.

    Als ‘Könner’ bin ich zudem ein „Festgelegter“ und damit blitzschnell ein ‘Festgefahrener’. Als ‘Könner’ fehlen meinem Herz die Ohren. Und den Ohren fehlt, wie auch dem Tun, das Herz.

    Als Anfänger aber, weiss ich nichts, habe nichts, bin nichts Besonderes, einfach nur Anfänger. Was bleibt ist offene Weite.

    Vom offenen Blick des Anfängers geführt, habe ich keine Ahnung, was aus meinem Tun entsteht. Erst recht nicht, was sich aus meinem Sein entfaltet. Als Anfänger weiss ich nicht. Es bleibt nur, Atemzug um Atemzug in den Augenblick hineinzuwachsen – mich, die anderen, die ganze Welt immer wieder neu zu empfangen. Alle Möglichkeiten stehen offen. Der Blick wird frei, für den nächsten, klaren und oft notwendigen Schritt.

    Vielleicht ist es genau das, was uns im eigenen Älterwerden an der Jugend so fasziniert: dass wir am Anfang unseres Weges noch eine leise Ahnung von der unergründlichen Weite und Kostbarkeit des Lebens hatten.

    Wirklich zu fragen, ist ein wunderbares Werkzeug echten Anfangens. Was wäre, wenn wir als Menschheit, als Staaten, als Städte und Dörfer, wieder lernten, die richtigen Fragen zu stellen, genau und tief. Wenn wir offen hinhörten, von wo sich eine Antwort zeigt – und nicht aufhören, wahrhaft Lauschende zu sein.

    Wohin wird es uns führen, wenn wir uns von der Faszination des ‘Könnens’ und der Leistung verabschieden? Wohin gehen wir, wenn wir lernen, noch klarer die Kraft des ‘nicht Wissens’, der Unfassbarkeit und des Einfachen zu entdecken. Welcher Weg wird sich zeigen, wenn wir uns erlauben, ganz wach und radikal offen, durch unsere Fragen hindurchzugehen?

    Den schweren Rucksack des ‘ich weiss schon’ stelle ich ab. Immer wieder. Mit leeren Händen und weitem Geist atme ich ein, als wäre es das erste Mal. Dann ein Schritt …