
Jetzt im August, wenn die Nächte noch warm sind und der Tag schon früh sein Gewicht zeigt, denke ich gern an die kalten Morgen im Herbst und Winter. Manchmal spürt man den Herbst schon jetzt: Man steht vor dem Haus, und der Atem wird sichtbar. Eine kleine Wolke, die sich auflöst, kaum dass sie da ist. So einfach ist das Leben zu verstehen.
Kohelet hat dafür ein Wort gefunden: hevel – Windhauch. Dasselbe Wort für den Beschlag auf der Fensterscheibe und den Atem, der Leben bedeutet. Kurz da, dann durchsichtig. Nichts Dramatisches. Nur das, was ist, und das, was vergeht – zugleich.
Als Kind sammelte ich alles: Steine, Briefmarken, Insekten. Ganze Schachteln voller scheinbarer Unwichtigkeit. Ich glaubte, so könnte ich das Leben festhalten. Später lernte ich das Loslassen – mühsam, wie man etwas gegen die eigene Natur lernt. Noch später merkte ich: Das meiste lässt sich von selbst. Und das ist keine Tragödie, sondern eine Erleichterung.
Auch die Trauer um meinen Adoptivvater – Windhauch. Nicht, weil sie bedeutungslos wäre oder schnell vergehen soll, sondern weil sie atmet. Kommt in Wellen, bleibt, ebbt ab, kehrt zurück. Wie der Wind in den alten Bäumen vor der Kaplanei. Und das Glück nach einem gelungenen Seelsorgebesuch, das warme Gefühl nach einem ehrlichen Gespräch – auch Windhauch. Alles vom gleichen großen Atem getragen.
Ein Kollege erzählte mir einmal etwas, das mich nicht mehr loslässt: Der Gottesname im Hebräischen – JHWH – besteht ja nur aus vier Konsonanten. Ohne Vokale ist er eigentlich unaussprechbar. Doch wenn man genau hinhört, klingt er ohne Vokale wie Ein- und Ausatmen: „Jah“ beim Einatmen, „Weh“ beim Ausatmen. Jeder Atemzug spricht den Namen Gottes. Wir können gar nicht anders, als ihn auf den Lippen zu haben, Vom ersten Atmen solange wir leben.
Seitdem atme ich manchmal bewusst und höre: Jah-Weh, Jah-Weh. Ein Gebet, das sich von selbst betet. Eine Gegenwart, die nicht gemacht werden muss. Und ehrlich gesagt: Das beruhigt mich. Auch wenn ich vergesse zu beten – ich bete trotzdem. Mit jedem Atemzug.
So verstehe ich Kohelet. Er spricht nicht von Sinnlosigkeit, sondern von Leichtigkeit. Vom großen Lassen, das durch alles geht – Geburt und Tod, Freude und Schmerz, das Banale und das Heilige.
Heute Morgen, beim Brotschneiden, kam mir der Gedanke wieder: Auch das ist Windhauch. Das Brot, das Messer, die Hand, die es führt. Der Duft des frischen Brotes, das Geräusch der Klinge auf der Kruste – alles Teil desselben Atems. Nichts muss gehalten werden. Alles hält sich selbst – im großen Zusammenhang.
Meine Frau kam in die Küche, noch müde, die Haare zerzaust. Auch sie – Windhauch. Nicht vergänglich oder unwichtig, sondern getragen vom selben Atem, der alles trägt. In diesem Moment war alles da: Liebe, Dankbarkeit, Zerbrechlichkeit, Schönheit. Alles bewegt vom gleichen Wind. Ich hätte ihr gerne gesagt: Du bist Windhauch. Aber sie hätte mich wohl seltsam angeschaut.
Das Geheimnis ist: Wir müssen das Leben nicht festhalten, nicht beweisen, nicht rechtfertigen. Es reicht, dass wir atmen, dass es atmet. Und im Atem ist alles gesagt.
Was bleibt, ist nicht das, was ich krampfhaft festhalte. Was bleibt, ist das Atmen. Dieser eine große Atem, der alles durchzieht und alles von innen her erfüllt.
JH-WH. JH-WH.
Ein stilles, endloses Gebet, das sich von selbst betet, solange Leben in mir ist.
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