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Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Nichts erwarten, aber mit allem rechnen – dieser scheinbare Widerspruch birgt eine tiefe Weisheit. Erwartungen begleiten uns wie unsichtbare Begleiter durch das Leben. Sie geben uns Orientierung und schenken uns manchmal auch den Mut, den nächsten Schritt zu wagen. Doch sie sind trügerisch. Denn allzu oft verwechseln wir unsere Erwartungen mit der Wirklichkeit. Wir machen sie zum Massstab für unser Glück, für das Gelingen unserer Beziehungen, für den Wert unseres Lebens.

Erwartungen, wenn sie starr und einseitig sind, engen uns ein. Sie wirken wie unsichtbare Fesseln, die uns hindern, das Leben in seiner ganzen Fülle zu erfahren. Noch mehr: Sie können zur Last für andere werden. Wir erwarten von ihnen, uns zu erfüllen, uns gerecht zu werden, unsere Sehnsüchte zu stillen. Doch wie könnten sie das?

Die traurige Brutalität der Erwartungen liegt darin, dass sie oft mehr zerstören als aufbauen. Wo Erwartungen regieren, hat das Leben kaum Raum, sich frei zu entfalten. Wir bewerten, was ist, ständig im Vergleich zu dem, was wir uns erhofft haben. So verpassen wir den Augenblick, die Gegenwart – und damit das einzig Reale.

Und doch: Ganz ohne Erwartungen zu leben, ist fast unmöglich. Sie gehören zu uns, wie unser Atem oder unsere Gedanken. Die Kunst besteht darin, mit ihnen massvoll umzugehen – sie nicht zu verdrängen, aber auch nicht zum Herrscher über unser Leben zu machen.

„Nichts erwarten, aber mit allem rechnen“ beschreibt eine Haltung der Offenheit. Es ist die Einladung, das Leben mit offenen Händen zu empfangen, ohne es festhalten zu wollen. Erwartungsloses Erwarten heisst, bereit zu sein, sich überraschen zu lassen. Es heisst, das Leben nicht nach unseren Plänen zu zwingen, sondern ihm zuzutrauen, dass es uns auf Wegen führt, die wir uns selbst nicht ausdenken könnten.

Das klingt einfach, ist aber eine grosse Herausforderung. Denn erwartungsloses Erwarten fordert uns heraus, Kontrolle aufzugeben. Es fordert uns heraus, loszulassen, was wir uns so sehr erhofft haben, und mit leeren Händen dazustehen – aber diese Leere als Chance zu begreifen.

In dieser Leere liegt Freiheit. Freiheit, den Moment zu sehen, wie er ist, und nicht, wie wir ihn haben wollten. Freiheit, dem anderen Menschen zu begegnen, ohne ihn in die engen Schablonen unserer Wünsche zu pressen. Freiheit, aus Enttäuschungen zu lernen, statt an ihnen zu verzweifeln.

Enttäuschungen sind nämlich nichts anderes als das Ende einer Täuschung. Sie zeigen uns, dass das Leben nicht so ist, wie wir es erwartet haben – und laden uns ein, das anzunehmen, was ist. Jede Enttäuschung birgt die Möglichkeit eines Neuanfangs, eine Chance, unsere Erwartungen zu überprüfen und freier zu werden.

Erwartungsloses Erwarten ist eine Lebenskunst, die Raum schafft: Raum für Kreativität, für Spontaneität, für Begegnung. Es ist die Einladung, unsere starren Vorstellungen loszulassen und stattdessen auf das zu vertrauen, was sich zeigen will. Das Leben selbst wird zum Lehrmeister.

Vielleicht ist es gerade dieser Raum der Offenheit, in dem die grössten Geschenke des Lebens auf uns warten – dort, wo wir aufgehört haben, sie zu erwarten. Dort, wo wir nicht mehr festhalten, sondern dem Leben vertrauensvoll entgegengehen. Dort, wo wir entdecken, dass das Leben uns mehr gibt, als wir je zu hoffen wagten – wenn wir es nur lassen.

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