Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Gestern habe ich Hui -Nengs Plattformsutra gelesen.
Nicht alles. Ich lese nie alles. Ich lese meistens nur ein paar Sätze. Gestern war es ein Einziger.
„Wenn der Geist zur Ruhe kommt, ist alles ganz einfach.“ So ungefähr stand es da.

Ich habe dann das Buch wieder zugeklappt. Nicht, weil ich fertig war. Sondern, weil ich gemerkt habe: Das reicht. Ein Satz.
Dann bin ich in die Küche gegangen und habe Tee gemacht. Einfach Tee. Ohne Grund. Vielleicht, weil es für mich zum Lesen dazugehört. Oder weil ich mir das bloss einbilde? Der Tee war zu heiss. Also habe ich gewartet, habe den Dampf angeschaut, der aus der Tasse stieg. Und plötzlich war alles ganz einfach.
Nicht, weil ich etwas verstanden hätte. Sondern weil ich offenbar aufgehört habe, etwas zu wollen. Das heisst: Nicht ich habe aufgehört. Es hat einfach aufgehört. Eigentlich weiss ich nicht, wie ich das sagen soll …
Vielleicht war das Ruhig sein gar nicht mein Verdienst. Vielleicht ist das Ruhig sein etwas, das geschieht, wenn man nicht im Weg steht. So wie der Dampf einfach aufsteigt. Ich sass da, trank, mit Hui-Neng.
Ich dachte: Er konnte nicht lesen. Ich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Zwar lese ich Buchstaben, aber oft lese ich an der Wirklichkeit vorbei. Doch manchmal – manchmal fällt ein Satz in mich hinein, wie ein Stein in einen See. Dann sitze ich still da und sehe zu, wie die Ringe grösser werden.

Vielleicht ist das der Anfang der Praxis. Vielleicht ist es auch bloss Tee. Aber ich sitze gern da. Und ich glaube, Hui-Neng hätte das verstanden.

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