Vor ein paar Tagen habe ich auf dem Weg zum Kindergarten eine kleine «Prozession» gesehen.
Drei Kinder. Zwei Stöcke. Ein Plüschtier auf einem Trottinett.
Die Jüngste ging vorne.
Sie trug einen Ast wie eine Fahne.
Vielleicht war es ein Palmzweig.
Vielleicht auch nur ein Stück vom Haselstrauch,
mit noch schlafenden Knospen.
Sie schritt ganz feierlich.
Ganz ernst.
Hinter ihr der Junge mit dem Plüschtier,
das irgendwie wie ein Hund aussah –
ein Ohr fehlte. Dem Plüschtier. Nicht dem Kind.
Und dann noch einer,
der nichts trug,
aber ganz wichtig schaute.
Er ging so,
als wäre er der Anführer,
obwohl er hinterherlief.
Niemand winkte.
Niemand klatschte.
Aber sie liefen,
als wäre die Welt ihr Publikum.
Ich musste lächeln.
Und dann wurde mir ernst.
Denn ich dachte:
So war das vielleicht,
damals in Jerusalem.
Nicht mit goldenen Wagen.
Nicht mit Trommeln und Fanfaren.
Nicht mit roten Teppichen.
Sondern:
Ein Mann auf einem Esel.
Ein paar Menschen am Strassenrand.
Ein paar Zweige.
Ein bisschen Vertrauen.
Ein bisschen Angst.
Vielleicht auch ein bisschen Trotz.
Sie riefen „Hosanna!“
Und das ist kein frommer Gruss.
Das ist ein Aufschrei.
„Hilf uns!“
„Rette uns!“
„Tu etwas – wir können nicht mehr!“
Aber was sie meinten war vielleicht:
„Mach, dass alles bleibt, wie es ist.“
(Oder wie es nie war.)
Sicher.
Geordnet.
Berechenbar.
Und als Jesus das nicht tat –
als er nicht blieb,
sondern aufbrach in eine andere Richtung,
als er kam, um zu verwandeln, statt zu bestätigen –
da wurde aus dem Retter ein Störenfried.
Und Störenfriede mag keiner.
Er hätte sich drücken können.
Er hätte sagen können:
Nicht jetzt.
Nicht hier.
Nicht ich.
Aber er tat es nicht.
Er ritt.
Geradeaus.
In den Lärm.
In die Gefahr.
In das, was kommt.
Weil Liebe nicht fragt, ob es sich lohnt.
Weil Vertrauen nicht rechnet.
Weil Glaube nicht wartet, bis alle Zweifel weg sind.
Vielleicht hat Jesus gar nicht so sehr geglaubt,
wie wir es gerne hätten.
Vielleicht hat er einfach vertraut.
Trotz allem. Mit allem. In allem.
Vielleicht war sein Glaube
ein zitterndes Vertrauen.
Aber echt.
Und echt reicht.
Es gibt viele kleine «Prozessionen» auf dieser Welt.
Manchmal sieht man sie gar nicht.
Ein Mensch, der wieder aufsteht.
Eine Frau, die mit einer Blume ins Pflegeheim geht,
obwohl sie weiss, dass ihre Mutter sie nicht mehr erkennt.
Ein Kind, das einen Brief an den Himmel schickt.
Ein Mann, der sich ganz hinten in die Kirche setzt,
nach Monaten des Schweigens und der Ratlosigkeit.
Niemand klatscht.
Niemand ruft „Hosanna“.
Aber sie gehen.
Wie Jesus.
Langsam.
In das, was kommt.
Die Kinder sind irgendwie durch mein Herz gelaufen.
Ich habe Ihnen von innen zugeschaut.
Und gedacht:
Vielleicht war es tatsächlich eine «Prozession».
Vielleicht war es die Ehrlichste von allen.
Denn wer sich traut,
mit einem Plüschtier auf einem Trottinett durch die Welt zu ziehen,
hat verstanden, was Mut ist.
Mut ist ja nicht, wenn man keine Angst hat.
Mut ist, wenn man mit zitternden Knien weitergeht.
Mit einem Zweig in der Hand
und einem Lied im Herzen,
das noch nicht ganz fertig ist.
Palmsonntag ist kein Tag der Siege.
Es ist ein Tag für alle,
die trotzdem weitergehen.
Die nicht alles verstehen,
aber vertrauen.
Für die, die nicht laut sind,
aber treu.
Für die,
die in einer kleinen „Parade“Prozession“ unterwegs sind –
mit allem, was sie haben.
Mit Zweigen.
Mit Fragen.
Mit Liebe,
die nicht wissen, wie es ausgeht.
Und dennoch weitergehen.
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