Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Ich bin einmal spät nach Hause gekommen. Das Haus war dunkel, aber in meinem Zimmer brannte Licht. Ich war verwundert. Ich hatte es nicht angelassen. Ich dachte erst, jemand sei da. Aber es war niemand da. Nur das Licht. Es war warm. Und es hat gut getan. Ich habe mich hingesetzt, nicht gleich das Licht gelöscht. Ich habe nichts gedacht. Ich war einfach da. Und das Licht auch.

Ich weiss nicht, ob das mit Ostern zu tun hat. Aber es ist mir eingefallen, als ich das mit dem Licht gehört habe. Mit der Osterkerze, mit dem Ruf „Lumen Christi“, mit der Flamme, die sich verteilt, ganz langsam, zuerst vorne, dann weiter hinten, bis alles still leuchtet.

Ich glaube, es gibt viele Lichter, die wir nicht selbst anzünden. Sie sind einfach da. Weil jemand anderes sie brennen liess. Vielleicht aus Liebe. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht, weil dieser Mensch selbst nicht mehr im Dunkeln sitzen wollte.

Ich kenne viele Arten von Dunkelheit. Die im Zimmer, wenn der Strom ausfällt. Die, wenn man nachts aufwacht und nicht weiss, wo man ist. Die, wenn ein Mensch nicht mehr da ist. Und die, wenn einer zwar noch da ist, aber man ihn nicht mehr erreicht.

Man sagt, die Osternacht beginne im Dunkeln. Ich glaube, sie beginnt vorher. In den Tagen, in denen man nichts mehr weiss. In denen man einfach weitermacht, obwohl einem alles fehlt. Ich habe einmal eine Frau besucht, die gerade jemanden verloren hatte. Ich habe nichts gesagt. Ich war nur da. Wir haben Tee getrunken. Sie hat zwei Tassen hingestellt. Auch wenn sie allein war.

Ich habe das still gefunden. Und schön. Nicht feierlich. Aber stark. So wie die Dunkelheit, die nicht droht, sondern nur wartet. Wartet auf ein kleines Licht. Auf das erste Zögern der Flamme. Auf etwas, das nicht sagt: Jetzt ist alles gut. Sondern nur: Jetzt ist nicht mehr ganz dunkel.

Ich war oft in Kirchen, wenn sie leer waren. Am liebsten abends. Wenn das Licht schon aus war und nur noch eine einzelne Kerze brannte, irgendwo im Seitenschiff. Ich habe nie herausgefunden, wer sie angezündet hat. Aber ich habe mich jedes Mal darüber gefreut. Weil es genügte. Eine Kerze. Sie hat nicht die Dunkelheit vertrieben. Sie hat sie nur unterbrochen. Wie eine Frage, auf die niemand eine Antwort erwartet, aber trotzdem stellt.

Ich glaube, das ist Ostern. Kein Triumph. Kein grosser Moment. Sondern eine Geste. Jemand zündet eine Kerze an. Jemand sagt: Ich bleibe noch. Jemand stellt den Stuhl zurück, auf dem vorher jemand sass. Nicht weil man hofft. Nicht weil man sicher ist. Sondern weil man es so gelernt hat. Oder weil man es nicht anders kann.

Es gibt diese kleinen Handlungen, die fast nichts bedeuten – und trotzdem alles verändern. Eine Tür, die nicht zugeschlagen wird. Ein Fenster, das offen bleibt. Ein Licht, das jemand für dich brennen lässt, ohne zu wissen, wann du kommst.

Ich glaube nicht, dass die ersten Christen am Ostermorgen gejubelt haben. Ich glaube, sie haben gestutzt. Sie haben gesucht. Vielleicht geschwiegen. Einer ist gerannt, ein anderer ist stehen geblieben, eine hat geweint. Niemand wusste, was zu tun war. Und vielleicht war gerade das der Anfang.

Es war noch nicht hell. Das Grab war offen. Das Tuch lag da. Und der, den sie suchten, war nicht mehr dort, wo er zuletzt gewesen war. Ich finde das tröstlich. Dass der Glaube nicht dort beginnt, wo man etwas findet – sondern dort, wo man merkt, dass etwas fehlt.

Ich habe einmal einen alten Mann gesehen, der nach dem Gottesdienst immer die Kerzen gerade rückte. Er sagte nie viel. Aber er blieb, wenn die anderen schon draussen waren. Ich habe ihn gefragt, warum er das macht. Er sagte: „Damit es bereit ist, wenn jemand kommt.“ Ich weiss nicht, ob er an Gott geglaubt hat. Aber er hat gewartet. Und Licht gemacht. Und Platz gelassen.

 

Ich bin dann doch irgendwann schlafen gegangen, damals, als ich heimkam und das Licht in meinem Zimmer noch brannte. Ich habe es nicht gelöscht. Ich habe mich einfach hingelegt. Es war gut, dass es da war. Nicht weil ich Angst hatte. Sondern weil ich nicht allein war. Auch wenn keiner im Raum war.

Ich glaube, es ist nicht so wichtig, ob wir verstehen, was an Ostern passiert ist. Vielleicht reicht es, dass jemand einmal gesagt hat: Das Leben ist nicht zu Ende. Nicht, solange noch jemand Licht macht. Nicht, solange noch einer sagt: Ich bin da. Nicht, solange irgendwo ein Raum offen bleibt für das, was man nicht erklären kann.

In der Osternacht geht das Licht durch die Reihen. Erst zögerlich. Dann weiter. Es wird nicht plötzlich hell. Aber es genügt, dass man den Nächsten sehen kann. Und den eigenen Schritt.

Ich glaube, das ist genug.

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Eine Antwort zu „Osternacht”.

  1. Avatar von Thomas Affolter
    Thomas Affolter

    Danke, für deine Gedanken

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