Es ist Frühling, sagt der Kalender. Ein Sonntag nach dem ersten Vollmond. Früher war das ein Festtag, weil das Leben zurückkam. Weil die Bäume austrieben, weil die Tiere aus den Ställen kamen, weil die Tage länger wurden. Die Menschen feierten das. Dann kam das Christentum und sagte: Das ist Ostern.
Und wie das so ist mit den Festen, man weiss nie genau, ob sie erfunden sind oder ob sie einfach da sind. Ostern jedenfalls kommt nicht einfach. Es hat eine Geschichte, die dazugehört. Eine Geschichte von Leiden und Tod. Jesus im Garten Gethsemane, alleine, weil die Freunde müde sind und schlafen. „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ sagt er. Aber keiner hört es. Es ist Nacht. Und dann wird er verhaftet. Das Gehabe der Mächtigen, das Gekreische der Menge. „Kreuzige ihn!“ schreien sie. Warum? Weil sie immer schreien. Weil es immer so ist. Einer steht da, allein, und die anderen schreien.
Dann kreuzigen sie ihn. Die Sonne verfinstert sich, der Tempelvorhang zerreisst. Vielleicht war es so. Vielleicht hat man es sich so erzählt. Jedenfalls war er tot. Das wusste man sicher. Und das war das Entscheidende, was sicher war.
Am Karsamstag dann nichts. Gar nichts. Eine Stille, die nicht wohltut. Keine Antwort, keine Erklärung, kein Wunder. Kein Gott, der sagt: So, jetzt ist es vorbei. Kein Engel, der tröstet. Nur das Grab. Nur die Nacht. Und Warten. Warten, aber worauf? Vielleicht nur darauf, dass es wieder Frühling wird. Dass die Zeit vergeht. Dass es irgendwann leichter wird. Oder dass man vergisst.
Maria Magdalena geht zum Grab. Morgens früh. Weil man das so macht. Man geht zum Grab, um nachzusehen, ob alles noch da ist. Ob die Welt noch die gleiche ist. Ob man sich an das Gesicht erinnern kann. Aber das Grab ist leer. Und der Stein? Weg. Und ein Engel, der sagt: „Jesus ist auferstanden.“ Einfach so.
Und dann ist Stille. Nicht mehr die Stille des Todes. Eine andere. Eine, die wie eine Frage ist. Eine Stille, die nach etwas klingt. Nach einem Anfang, den man nicht versteht. Nach einem Leben, das nicht mehr so ist wie vorher. Eine Stille, in der alles möglich scheint.
Der Lärm und die Stille. Die Stille und der Lärm. Beides gehört dazu. Aber am Ende bleibt die Stille. Nicht die leere Stille. Nicht die, die einen verzweifeln lässt. Sondern die andere. Die, die Raum lässt. Die, die nach etwas klingt. Vielleicht nach Hoffnung. Vielleicht nach einer Geschichte, die noch nicht zu Ende ist. In jedem Falle nach dem vollen Leben – und nach Himmel. Auferstehung eben.
Pfarrhausgarten.ch
Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.
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