Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Ich habe einmal in einem Wirtshaus gesessen, in dem ein Stuhl mit einem Schal über der Lehne stand. Niemand sass dort. Niemand kam. Der Kellner hat ihn nie weggeräumt. Ich habe gefragt. Er sagte: „Der ist für Herrn Koller. Der war Stammgast. Kommt aber nicht mehr.“ Ich habe nicht gefragt, warum er nicht mehr kommt. Es hat gereicht, dass der Stuhl da war.

Ich glaube, man erkennt viel an dem, was bleibt, obwohl es nicht mehr gebraucht wird. Ein Stuhl, der frei bleibt. Ein Teller, der nicht abgeräumt wird. Ein Licht, das brennt, obwohl keiner im Zimmer ist. Und man erkennt die Menschen, die das verstehen. Die nicht alles erklären müssen. Die einfach einen Platz lassen. Für den, der vielleicht noch kommt.

Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus hatten nichts mehr erwartet. Sie gingen nicht zu einem Ziel. Sie gingen vom Schmerz weg. Zwei Menschen, nebeneinander, auf einem Weg, der keinen Namen hatte.

Dann kommt einer dazu. Er fragt nur, worüber sie reden. Das ist nicht viel. Aber es genügt. Manchmal genügt das Zuhören mehr als das Reden. Er geht einfach mit. Er erklärt nichts. Er drängt sich nicht auf. Und sie erzählen.

Ich glaube, man merkt erst spät, wenn jemand wirklich zuhört. Weil Zuhören keine grosse Geste ist. Es ist ein Schritt neben dir. Ein Satz zur richtigen Zeit. Oder kein Satz.

Ich habe einmal neben jemandem im Wartezimmer gesessen, lange. Wir haben kein Wort gewechselt. Aber als ich aufstand, sagte er: „Es war gut, dass Sie da waren.“ Ich hatte nichts getan. Ich hatte nur gewartet. Ich glaube, Jesus hat an dem Tag in Emmaus auch nichts getan. Er ist nur mitgegangen. Und das hat gereicht.

Ostern fängt nicht mit einem Wunder an. Es fängt mit einem Schritt an. Und mit einem, der nicht fragt, ob du glaubst – sondern ob du gehen möchtest. Und dann geht er mit.

Sie kommen ins Dorf. Der Abend senkt sich. Einer sagt: „Bleib doch bei uns.“ Ich mag diesen Satz. Nicht, weil er besonders fromm klingt. Sondern weil er offen ist. Bleib da. Du warst mit uns auf dem Weg. Jetzt setz dich auch mit an den Tisch.

Ich war oft im Haus eines meiner ältesten Freunde. Er hiess Peter, und ist vor einigen Jahren völlig zu Unrecht und viel zu früh verstorben. Es war ein Haus mit drei Kindern, manchmal fünf, weil Nachbarskin der einfach mitgegessen haben. Der Tisch war gross, aber nie zu voll. Irgendwo war immer noch ein Stuhl. Er sagte einmal: „Wir decken nicht extra für jemanden. Wir lassen einfach einen Platz nicht leer werden.“

Ich glaube, das war mehr als Grosszügigkeit. Es war ein Zeichen. Nicht für die Gäste. Für die Gastgeber. Eine Erinnerung: Da fehlt noch jemand. Und wenn man sich hinsetzt, weiss man – da ist Raum. Nicht nur für Menschen. Auch für das, was heiliger ist als Worte.

Vielleicht ist das das erste Sakrament: ein Tisch, der mehr will als satt machen.

Sie sitzen am Tisch. Er nimmt das Brot. Bricht es. Und gibt es ihnen. Und in genau diesem Moment erkennen sie ihn. Nicht an der Stimme. Nicht an den Erklärungen. Sondern dort, wo das Brot gebrochen wird.

Es war ein einfaches Mahl – aber keiner von ihnen hat danach noch gedacht, es sei nur ein Abendessen gewesen. Ich glaube, sie haben gespürt: Das war mehr. Mehr als ein Stück Brot. Mehr als eine freundliche Geste. Etwas hat sich geöffnet. Nicht mit Licht von oben. Nicht mit einem plötzlichen Wunder. Sondern in der Bewegung, in der ein Stück Brot nicht bei einem bleibt – sondern hingegeben wird.

Ich habe Menschen gesehen, die mit grossem Respekt eine Schale mit Brot weiterreichen. Und andere, die in genau diesem Moment still wurden. Nicht aus Angst, etwas falsch zu machen. Sondern weil sie wussten: Jetzt berühren wir etwas, das grösser ist als wir.

Dass die Jünger Jesus gerade dort erkennen – im Brechen des Brotes – ist kein Zufall. Es ist das, woran er sich festgemacht hat, als er wusste, dass er gehen wird. „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Nicht: Haltet grosse Reden. Sondern: Brecht das Brot. Seid da. Teilt euch.

Ich glaube, das ist mehr als Erinnerung. Es ist Gegenwart. Leise. Und wahr.

Die beiden Jünger stehen auf. Noch in derselben Stunde. Obwohl es spät ist. Obwohl der Weg lang war. Sie gehen zurück. Nicht, weil sie jetzt alles begriffen haben. Sondern weil sie etwas erlebt haben, das sie nicht behalten konnten. Etwas, das geteilt werden muss.

Das Brot, das gebrochen wurde – es war nicht nur eine Erinnerung. Es war eine Begegnung. Und jetzt wissen sie: Er ist nicht mehr dort, wo sie ihn verloren hatten. Er ist da, wo sie ihn erkannt haben. Und vielleicht auch da, wo sie ihn noch nicht erkannt haben.

Ich glaube, Ostern heisst nicht, dass alles hell wird. Es heisst, dass das, was unsichtbar war, plötzlich spürbar wird – im Brot, im Atem, im Weitergehen.

Zurück zu dem Haus, in dem immer ein Platz am Tisch frei war… Nicht demonstrativ. Nicht symbolisch. Einfach offen. Es war kein leerer Platz. Es war ein Erwartender.

Ich glaube, das ist Ostern:  
Nicht die Sicherheit, dass einer kommt.  
Aber der Mut, den Stuhl nicht wegzuräumen.  
Weil da einer war.  
Und weil da einer ist.  
Im Wort.  
Im Brot.  
Im Dazwischen.
In uns.

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