Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Ich weiss nicht, ob Maria Magdalena schlecht geschlafen hat in jener Nacht. Aber ich nehme es an. Ich stelle sie mir vor, wie sie im Halbdunkel ihre Schuhe sucht, obwohl sie doch genau weiss, wo sie stehen. Wie sie aufsteht, weil sie nicht mehr liegen kann. Nicht, weil sie ausgeruht ist. Sondern weil es sinnlos ist, weiter zu versuchen, was nicht gelingt.

Ich kenne dieses Aufstehen. Ich habe es gesehen. Bei meiner Mutter. In der Küche, als der Vater noch nicht lange tot war. Sie hat den Tisch gedeckt, für zwei, obwohl nur sie da war. Nicht aus Versehen. Sondern weil es einfacher war, als alles neu zu machen. Ich habe nie gefragt, warum sie das tat. Ich glaube, sie hätte es selbst nicht sagen können. Es war einfach so. Es war ihr Weg zum Grab.

Maria Magdalena geht nicht, weil sie etwas erwartet. Sie geht, weil sie etwas tun muss. Irgendetwas. Wenn man nichts tun kann, hilft das Gehen. Ich bin manchmal auch gegangen. Ohne Ziel. Einfach, weil ich wusste: Wenn ich noch länger so dasitze, werde ich schreiend still.

Maria geht zum Grab. Und findet es offen. Leer. Das ist der Moment, an dem alle Erklärungen aufhören. Die Geschichte, die man sich zurechtgelegt hat – der Tod, das Ende, der Schmerz – ist nicht mehr da. Aber auch nichts Neues. Nur Leere.

Ich weiss nicht, wie lange sie einfach nur dastand. Vor dem Grab. Vielleicht lang. Vielleicht auch gar nicht. Vielleicht war da nur dieser Moment, in dem man nicht mehr denkt. Ich kenne solche Momente. Wenn man in einen leeren Raum kommt und nicht mehr weiss, was man wollte. Oder wenn man den Namen eines Menschen auf der Zunge hat und ihn trotzdem nicht sagen kann, weil er zu gross geworden ist.

Maria sieht zwei Engel. Ich weiss nicht, wie Engel aussehen. Ich habe noch nie einen gesehen. Aber ich habe Menschen gesehen, die da waren, wenn ich es nicht erwartet habe. Einen Pfleger, der länger geblieben ist. Einen Jungen, der seinen Grossvater fragt, ob er ihm die Schuhe binden soll. Eine Frau an der Bushaltestelle, die dem anderen die Handtasche aufhebt, ohne etwas zu sagen. Vielleicht sind das Engel. Oder vielleicht sind es einfach Leute, die gerade nichts anderes vorhatten.

Maria fragt, wo man ihn hingebracht hat. Das ist eine gute Frage. Ich habe auch schon gefragt, wo etwas geblieben ist, das ich liebte. Eine Stimme. Ein Geruch. Ein Blick, den es so nicht mehr gibt. Meistens bekommt man keine Antwort. Man bekommt Schweigen. Oder Wetter. Oder eine Hand auf der Schulter.

Dann steht da einer hinter ihr. Sie erkennt ihn nicht. Sie hält ihn für den Gärtner. Das ist ein schönes Missverständnis. Ich mag Gärtner. Sie wissen, dass alles seine Zeit hat. Und dass man nicht alles sofort sieht. Vielleicht hat Jesus das gefallen. Dass sie ihn für einen Gärtner hielt.

Er sagt ihren Namen. Einfach so. „Maria.“ Kein Zusatz. Kein „Fürchte dich nicht.“ Kein „Ich bin’s.“ Nur der Name. Ich habe oft darüber nachgedacht. Über diesen einen Moment. Ich glaube, es ist das Einzige, was nötig war. Vielleicht überhaupt das Einzige, was je nötig ist: dass jemand deinen Namen sagt, und du erkennst, dass du gemeint bist. Nicht als Idee. Nicht als Problem. Sondern als du.

Ich habe einmal in einem Altersheim vorgelesen. Kurzgeschichten. Einmal pro Woche. Nicht viele kamen. Aber eine Frau war immer da. Ganz still. Nie Fragen. Kein Lächeln. Nach Monaten sagte sie, als ich gerade aufstehen wollte: „Sie lesen so, als würden Sie mich kennen.“ Und ich habe genickt. Obwohl ich sie nicht kannte. Aber sie hatte recht. Ich hatte sie gemeint.

Jesus sagt „Maria“, und sie erkennt ihn. Manchmal genügt das. Dass jemand sagt: Ich sehe dich. Ohne Erklärung. Ohne dass du dich erklären musst. Ich finde das grösser als jede Auferstehungsgeschichte mit Trompeten und Siegesrufen. Einfach da. Eine Stimme. Ein Name. Und das Erkennen.

Sie will ihn festhalten. Ich verstehe das. Ich habe auch schon Dinge festhalten wollen, die nicht zu halten waren. Einen Moment, der gut war. Eine Berührung. Einen Duft. Ein Lachen, das schon vorbei war. Es funktioniert nie. Man macht es trotzdem. Und irgendwann sagt einem das Leben: Lass los. Nicht hart. Nur: Jetzt.

„Halte mich nicht fest“, sagt Jesus. Ich habe lange nicht gewusst, ob das ein Trost ist oder eine Zumutung. Vielleicht beides. Ich glaube, die grösste Schwierigkeit im Leben ist nicht das Verlieren – sondern das Weitergehen, ohne festzuhalten. Ich habe Menschen erlebt, die mit grosser Zärtlichkeit losgelassen haben. Und andere, die mit grossem Glauben nie aufgehört haben, festzuhalten. Beide haben gelitten. Beide hatten recht.

Maria wird zur Botin gemacht. Sie soll den anderen sagen, was sie gesehen hat. Ich frage mich manchmal, wie sie das gemacht hat. Ob sie gerufen hat. Oder ob sie einfach da sass, und einer hat sie angesehen und verstanden: Da ist etwas geschehen. Ich glaube, sie hat nicht gepredigt. Ich glaube, sie hat geschwiegen. Und irgendwann gesagt: „Ich habe ihn gesehen.“ Ohne Beweis. Ohne Theater. Einfach so, wie man sagt: „Der Frühling ist da.“ Und alle schauen hinaus – und merken, dass der Schnee verschwunden ist.

Ostern ist nicht der Moment, in dem alles klar wird. Es ist der Moment, in dem etwas nicht mehr so schwer ist wie vorher. Die Luft wird leichter. Der Blick wird weiter. Man steht auf, nicht um zu siegen, sondern um wieder einen Schritt zu machen. Vielleicht barfuss. Vielleicht vorsichtig. Aber man geht.

Ich glaube, das Evangelium sagt nicht: Du musst glauben, dass er lebt. Es sagt: Vielleicht sagt jemand deinen Namen. Und du erkennst etwas wieder. Nicht alles. Aber genug, um wieder aufzustehen. Vielleicht ist das alles. Und vielleicht genügt das.

Ich habe gestern einen Brief gefunden, den ich vor Jahren bekommen habe. Ich hatte vergessen, dass ich ihn aufgehoben hatte. Die Schrift war ein wenig verwischt, an der Stelle, wo wohl ein Tropfen Tee gefallen ist. Ich habe ihn nicht ganz gelesen. Nur die ersten zwei Sätze. Das hat gereicht. Manchmal weiss man dann: Ich war gemeint. Und bin es vielleicht noch immer.

Vielleicht ist Ostern genau das. Kein grosser Beweis. Kein neues Leben mit Pauken und Trompeten. Sondern etwas, das einen leisen Klang hat – wie eine Stimme aus dem Nebenzimmer, die meinen Namen sagt, und ich merke: ich werde gehört.


Ich habe heute Morgen die Tulpen in der Vase zurechtgerückt. Eine war umgekippt. Ich habe sie gestützt. Nicht weil es nötig war. Aber weil sie schöner aussah, wenn sie stand. Dann habe ich den Tisch gedeckt. Meine Frau kam aus dem Garten. Unser Sohn war noch oben. Ich habe nichts gesagt. Ich habe nur geschaut, wie das Licht über den Rand der Tasse kam.

Und ich habe gedacht: Das ist Ostern.

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2 Antworten zu „Ostersonntag”.

  1. Avatar von Jürg Orfei
    Jürg Orfei

    Mir kommen beim Lesen die Tränen. Diese Sprache, die mir Pauken und Trompeten beseite schiebt und die Stille wiederherstellt, die es braucht, um die Essenz der Schöpfung wahrzunehmen, habe ich lange nicht mehr gehört. Die Schönheit des Frühlings ist da, das Licht macht alles leichter. Loszulassen heisst auch, nicht mehr mit der Stimme der Predigt im Kopf durch den Wald nach Hause zu spazieren. Doch wenn das Licht über den Rand der Tasse kommt, weiss ich, das ich gemeint bin.

    1. Avatar von Karl H. Scholz

      Lieber Jürg,
      Vielen Dank für Deine berührenden und zärtlichen Worte. Vor allem für Dein offenes Herz.
      Von Herzen, Karl H.

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