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Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.


(Joh 21,1–19)

Es gibt Momente, da ist alles gesagt. Man hat gehofft, gebetet, gewartet, gelitten. Man hat sich müde geliebt, müde geglaubt, müde gehofft. Dann sitzt man da wie Simon Petrus am See, schaut auf das Wasser und weiss nicht, was man tun soll. Also macht man das, was man früher getan hat: Netze flicken, Alltägliches erledigen, über Brot und Fische nachdenken. Der grosse Traum ist in sich zusammengestürzt, das Feuer fast erloschen. Und das Herz fragt still: „War das alles?“

So beginnt es manchmal. Nicht mit einem neuen Anfang, sondern mit dem Ende. Mit Müdigkeit. Mit Schweigen. Mit einem leeren Netz.

Diese Geschichte – oder besser: dieses Geschehen – hat viele Namen. Rückfall ins Alte. Resignation. Identitätskrise. Ich glaube, das ist zu schnell gedacht. Vielleicht ist es kein Rückfall, sondern ein Mensch, der innehält. Jemand, der nicht mehr kann, aber auch nicht weg will. Jemand, der durch die Nacht gerudert ist und nun in aller Frühe dasitzt und auf das Wasser schaut. Nicht alles ist vorbei. Aber nichts ist mehr wie vorher.

Was Petrus erlebt, ist nicht das Ende seiner Berufung. Es ist das Durchkreuzen seines früheren Verständnisses davon. Seine Idee von Erfolg, Kraft, Loyalität, Heldentum – sie ist zerbrochen. Er ist gescheitert. Aber: nicht verlassen.

Jesus fragt ihn später dreimal: Liebst du mich? Nicht: Glaubst du genug? Nicht: Hast du verstanden? Nicht: Wirst du’s diesmal besser machen?

Nur: Liebst du mich?

Das ist kein theologischer Test. Es ist eine Rückfrage an die innere Wahrheit. Eine Einladung zurück in die Verbundenheit. Ohne Druck. Ohne Anklage. Nur dieses einfache, menschliche: Hast du mich noch lieb?

Und wenn ich in diesen Tagen auf die Kirche schaue, dann sehe da auch viel Müdigkeit. Viel Durchgerudertes. Viele leere Netze. Und doch: auch eine andere Möglichkeit. Dass einer kommt. Nicht mit Macht. Nicht mit einem Konzept. Sondern mit Brot und Fisch am Feuer. Mit Wärme. Mit einer Frage. Und mit einem Blick, der nicht anklagt, sondern erinnert.

Das ist für mich Kirche: Nicht eine Organisation, sondern ein Feuer am Ufer. Ein Ort, wo Menschen aufwärmen dürfen, was kalt geworden ist. Wo Fragen Raum finden. Wo Scheitern kein Ende bedeutet. Wo jemand da ist, der fragt, was trägt – nicht was glänzt.

Wenn in der nächsten Woche der neue Papst gewählt wird – oder wenn du diese Worte liest, vielleicht ist er schon gewählt –, dann wünsche ich mir nicht in erster Linie einen Reformer oder Bewahrer. Ich wünsche mir einen Menschen, der ein Feuer entzünden bzw. hüten kann. Kein grosses. Kein loderndes. Nur ein kleines, stilles Feuer, das wärmt. Dass andere sich trauen, näherzukommen. Dass es wieder duftet nach Brot und nach Menschlichkeit.

Kirche beginnt nicht im Hochamt. Sie beginnt am Ufer. In der Müdigkeit des Petrus. In der Leere unserer eigenen Versuche. Und dann – im Erkennen: Es ist es. Nicht weil einer sagt, wer er ist. Sondern weil es plötzlich warm wird.

„Und wenn du einmal zurückkommst …“

Es ist ein zarter Moment, kaum merklich. Einer sagt: Er ist es! Und das genügt. Kein Blitz. Kein Wunder. Nur diese Ahnung, die sich wie ein Schimmer in die Müdigkeit mischt. Der See, der eben noch fremd war, wird zur Schwelle. Das Ufer, eben noch leer, ist plötzlich ein Ort der Hoffnung.

Aber das Entscheidende geschieht nicht am Feuer, sondern danach. Wenn Jesus Petrus beiseitenimmt. Und ihn fragt. Dreimal. Nicht aus Misstrauen. Nicht, um ihm sein Versagen vorzuhalten. Sondern weil Liebe Zeit braucht. Raum. Wiederholung. Vertrauen wächst nicht aus dem Wissen, dass man nicht scheitert. Es wächst aus dem Erfahren, dass man nach dem Scheitern noch gesehen wird.

Petrus antwortet, wie einer antwortet, der nicht mehr an sich glaubt: Du weisst es doch. Keine grossen Worte mehr. Kein Heldentum. Nur noch dieses schlichte: Du weisst, wie es um mich steht. Und genau das reicht.

Ich glaube, das ist die eigentliche Heilung. Nicht, dass Petrus seine Schuld ablegt wie ein altes Gewand. Sondern, dass sie sein darf. Dass sie Teil der Geschichte ist – nicht als Makel, sondern als Tiefe. Dass er wieder reden darf. Wieder glauben. Wieder lieben. Nicht obwohl – sondern weil er gefallen ist.

Wenn jemand in eine neue Verantwortung gerufen wird – sei es als Papst oder einfach als Mensch, der gefragt ist – dann ist das keine Krönung. Es ist ein Ruf zurück. Ein zarter Auftrag: Weide meine Schafe. Hüte das Feuer. Nicht: Befiehl. Nicht: Richte. Nicht: Erkläre. Nur: Sorge.


Diese Worte gelten nicht nur Petrus. Sie gelten allen. Dir. Mir. Uns. In einer Kirche, die müde ist. In einer Welt, die müde ist. Es geht nicht um Glanz. Nicht um Geltung. Es geht um das Feuer am Ufer. Um den Geschmack von Brot. Um ein neues Vertrauen.

Wenn das Leben fragt: Liebst du mich? – dann ist das kein Vorwurf. Es ist die Einladung, aufzustehen. Wieder zu gehen. Wieder Mensch zu sein. Wieder zu hüten, was lebt.

Der Rest ist schlicht. Jesus sagt: Folge mir nach. Kein Plan. Kein Ziel. Kein Sicherheitspaket. Nur das leise Vertrauen: dass der Weg sich zeigen wird, wenn wir ihn gehen.

Und vielleicht – so hoffe ich – wird auch die Wahl des neuen Papstes kein weltpolitisches Ereignis sein, sondern ein leiser Schritt ans Ufer. Dass einer kommt, der fragt, nicht herrscht. Der zuhört, nicht urteilt. Der liebt, nicht beweist.

Die eigentliche Krönung ist: Nicht, dass einer gewählt wird. Sondern dass einer in sich die Liebe wiederfindet. Und von dort her lebt.

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