Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Das aktuelle Bild hat keinen Alternativtext. Der Dateiname ist: pexels-photo-5490702.jpeg

Ich soll heute etwas über Schafe sagen. Am Muttertag. Ich habe überlegt, ob man das einfach machen kann. Etwas über Schafe sagen, wenn man keine Ahnung von Schafen hat. Ich habe keine. Ich kenne auch niemanden, der welche hat. In unserer Strasse gab es keine Schafe. Dort gab es Rasenmäher. Und Hecken. Und Kinderfahrräder. Und manchmal das Geräusch von einem Schlagzeug durch ein offenes Fenster.

Das Evangelium sagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme. Ich kenne sie.“ Ich habe den Satz gelesen und gemerkt, dass ich nicht weiss, ob ich je jemandem gefolgt bin, weil er gerufen hat. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich bin ich immer dann losgelaufen, wenn es still war. Wenn niemand gerufen hat. Weil es da einfacher war, nicht enttäuscht zu werden.

Man hat mich, als ich ein kleines Kind war, von meiner Mutter weggeholt. Das Jugendamt hat das entschieden. Ich war ein halbes Jahr alt. In den Unterlagen steht: verwahrlost. Ich weiss nichts davon. Ich kann mich nicht erinnern. Aber etwas in mir erinnert sich. Nicht mit Worten. Mehr so als Gefühl. So ein dünner Film über allem. Als ob man nicht ganz dazugehört, auch wenn man mittendrin ist.

Auf Fotos aus dieser Zeit sehe ich nicht traurig aus. Ich sehe normal aus. Vielleicht ein bisschen ernst. Vielleicht ein bisschen zu wach. Ich war nie ein rundes Kind. Aber das Loch vom Anfang, das ist geblieben. Und es hat sich später gemeldet, in Momenten, in denen es draussen still war. Wenn man eigentlich hätte spüren sollen, dass man sicher ist, und es doch nicht tat.

Ich wurde adoptiert. Ich hatte Glück. Da war jemand, der geblieben ist. Eine Frau, die nicht davongelaufen ist, obwohl sie selber nicht immer wusste, wie das geht, mit der Nähe. Auch sie hat gekämpft. Auch sie hatte ihre Dämonen. Aber sie war da. Und ich bin ihr heute dankbar dafür. Mehr, als ich sagen kann.

Trotzdem ist da etwas geblieben. Etwas Altes. Etwas, das sagt: Du musst selber dafür sorgen, dass es reicht. Dass du satt wirst. Dass du gesehen wirst. Dass du Platz hast. Und so habe ich gegessen. Auch wenn ich keinen Hunger hatte.

Und ja, man sieht’s. Ich nehme zu, wenn es mir nicht gut geht. Manchmal ist es wie ein Barometer. Ich muss mich nicht auf eine Waage stellen. Ich sehe es im Spiegel. Ich merke es an der Art, wie ich mich bewege. Wenn der Druck wächst, wächst auch mein Körper. Und das ist kein Drama. Es ist einfach so. Mein Körper schützt mich. Er hat es früh gelernt.

Ich kann diszipliniert sein. Sehr sogar. Ich kann mit grosser Ruhe Entscheidungen treffen, zuhören, durchhalten. Aber nicht in allem. Es gibt Stellen in mir, da hilft keine Einsicht. Da spricht ein anderes System. Eines, das älter ist als mein Wille.

Und doch lerne ich, auch darüber zu lächeln. Ich habe aufgehört, meinen Körper zu korrigieren. Er erzählt eine Geschichte. Und ich habe beschlossen, ihm zuzuhören. Nicht mich zu unterwerfen – nur zuzuhören. Und ihm zu danken. Dafür, dass er geblieben ist, auch in den Zeiten, in denen ich ihn nicht mochte.

Jesus sagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme.“ Ich glaube, das ist kein Befehl. Das ist keine Aufforderung. Das ist einfach eine Feststellung. Sie hören. Nicht, weil sie gut trainiert sind. Sondern weil sie gemeint sind. Weil sie wissen, dass die Stimme nicht lügt.

Er sagt auch: „Ich kenne sie.“ Nicht: Ich analysiere sie. Nicht: Ich beurteile sie. Sondern: Ich kenne sie. So wie man ein altes Möbelstück kennt, an dem man sich schon hundert Mal gestossen hat, aber es doch nie weggibt. Weil es dazugehört.

In meiner Arbeit begegne ich oft Menschen, die das nicht glauben können. Dass sie einfach gemeint sind. Ohne Bedingung. Ohne Leistung. Menschen, die denken, sie müssten sich erst beweisen. Oder entschuldigen. Oder besser werden. Und ich kenne das von mir. Dass man denkt, man müsse sich ein Recht erarbeiten, da zu sein.

Aber da ist diese Stimme. Die nicht fragt, wie man aussieht, oder wie viel man wiegt. Die nicht fragt, ob man alles verstanden hat. Die einfach sagt: ich sehe Dich. Ich weiss, wer du bist. Ich weiss, warum du manchmal laut wirst. Warum du isst, obwohl du satt bist. Warum du schweigst, obwohl du reden möchtest.

Am Muttertag sprechen viele von Dankbarkeit. Und das ist gut. Auch ich bin dankbar. Nicht für ein makelloses Bild. Sondern für die, die geblieben sind. Für die, die da waren, ohne viel zu sagen. Für die, die sich bemüht haben, auch wenn es nicht immer gelang.

Und ich denke auch an das, was gefehlt hat. Und daran, wie es ist, wenn man lernt, durch die Dinge hindurch zu leben. Und zu lieben. Und weiterzugehen.

Eigentlich geht es heute nicht nur um Schafe. Und auch nicht nur um Mütter. Es geht um die Frage, ob da jemand ist, der bleibt, wenn alles still wird. Ob da jemand ist, der nicht fortgeht, wenn man sich selbst nicht mehr halten kann. Etwas Mütterliches und Väterliches hinter allem.

Ich weiss, es gibt diese Stimme. Und ich weiss auch, sie spricht nicht laut. Sie ruft nicht. Sie stellt keine Bedingungen. Sie flüstert in gewaltigem Schweigen. Sie sagt nur: Ich bin da.

Und manchmal – manchmal klingt sie durch eine Mutter. Nicht durch eine ideale, sondern durch eine wirkliche. Eine, die nachts aufsteht, obwohl sie selber kaum noch stehen kann. Eine, die sich Sorgen macht, ohne zu wissen, wie man tröstet. Eine, die einfach bleibt, auch wenn sie nichts lösen kann.

Vielleicht ist dieses Dasein jeder Mutter (und auch der Väter)  – so verschieden es ist, so brüchig, so liebevoll, so erschöpft – eine Spur von etwas, das uns im innersten meint. Etwas, das unser Wesen hält. Etwas, das nicht fordert, sondern da ist. Immer.

Und vielleicht liegt genau darin die Würde von allen, die sich leise schenken: nicht darin, dass sie alles richtig machen – sondern dass sie da sind.

So, wie sie können.

Und dort, so denke ich, öffnet sich der Himmel für beide.

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4 Antworten zu „Muttertag und Schafe“

  1. Avatar von Vera Holliger
    Vera Holliger

    herzlichen Dank für diesen sehr persönlichen und tiefen Text, der mich wirklich weiterbringt!
    Vera Holliger

    1. Avatar von Karl J. Scholz

      Vielen Dank, liebe Vera! 🙏

  2. Avatar von Thomas Affolter
    Thomas Affolter

    Danke für deine tiefen Worte.

    Herzlicher Gruss

    Thomas

    1. Avatar von Karl J. Scholz

      Vielen Dank, lieber Thomas 🙏

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