
Es gibt Sätze, die bleiben. Auch wenn sie nur kurz ausgesprochen werden. Vielleicht gerade dann. Weil sie nichts erklären. Weil sie einfach da sind, wie ein stilles Leuchten in einem dunklen Raum.
So ein Satz ist: „Ich sehe den Himmel offen.“
Er stammt von einem Mann, der nicht gerade in einem guten Moment war. Es war laut um ihn herum. Es war gefährlich. Es gab Widerstand. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat er es gesagt. Ohne Pathos. Ohne Erklärung. Nur dieser eine Satz.
Ich habe mich gefragt, ob man das heute noch sagen darf. „Ich sehe den Himmel offen.“ Ohne dass jemand lacht. Oder die Stirn runzelt. Oder sagt: „Das ist doch naiv.“
Denn wer heute von offenen Himmeln spricht, wird schnell in eine bestimmte Schublade gelegt. Entweder zu fromm. Oder zu weltfremd. Oder beides. Dabei geht es gar nicht um eine Vision. Es geht um einen Moment. Um einen Blick. Um etwas, das man nicht beweisen kann – aber trotzdem weiss.
Es ist, als würde sich mitten im Alltag etwas öffnen. Nicht spektakulär. Kein Donner. Kein Lichtstrahl. Nur ein leiser Spalt. Und man merkt: Da ist mehr. Mehr als das, was man sieht. Mehr als das, was man versteht. Mehr als das, was man schafft.
Manchmal darf ich so etwas erahnen – und ich denke, Sie kennen das auch. Ganz unscheinbar. Beim Abwasch. Beim Gehen. Beim Blick auf ein Kind. Oder einfach im Sitzen. Wenn niemand etwas von einem will. Wenn alles kurz still wird. Und etwas in mir weiss: Es ist gut. Mit allem.
Ich hätte das früher nicht so gesagt. Ich hätte das Wort „Himmel“ vielleicht vermieden. Aber inzwischen weiss ich: Es ist genau das. Ein offener Himmel. Nicht irgendwo. Hier! Nicht später. Jetzt!
Ich glaube, es hat damit zu tun, wie man lebt. Ob man sich erlaubt, leer zu werden. Still. Nicht immer im Recht. Nicht immer wichtig. Ob man sich traut, weich zu bleiben in einer Welt, die auf Härte setzt.
Stephanus war kein Weicher. Aber auch kein Kämpfer. Er hat nicht zurückgeschlagen. Nicht gross geredet. Er hat einfach gesagt, was er gesehen hat. Und dann war er still.
Das ist schwer. Zu sagen, was man sieht – und dann still zu bleiben.
Ich habe einen alten Mann gekannt, der einmal zu mir sagte: „Ich bin im Leben oft gescheitert. Aber nie am Leben selbst.“ Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was er meint. Vielleicht so etwas wie: Ich habe vieles nicht erreicht. Ich habe vieles verloren. Aber ich habe nie aufgehört zu staunen.
Das ist nicht wenig.
Die meisten Menschen hören irgendwann auf zu staunen. Weil sie zu viel wissen. Oder weil sie verletzt wurden. Oder weil sie Angst haben, dass sie sonst nicht ernst genommen werden.
Aber wer aufhört zu staunen, sieht den Himmel nicht mehr. Er wird sich schliessen. Nicht weil er es tut. Sondern weil man ihn nicht mehr sucht.
Ich glaube, der Himmel ist dort offen, wo ich aufhöre, alles zu kontrollieren. Wo ich den Dingen ihren Lauf lasse. Wo ich nicht mehr sage: „So soll es sein.“ Sondern: „Ja, So ist es jetzt gerade.“
Das ist schwer. Denn das bedeutet, dass man den Widerstand spürt. Dass man ihn nicht gleich wegredet. Dass man nicht sofort einen Sinn draus macht.
Es gibt Widerstand, wenn man bei sich bleibt. Es gibt Gegenwind, wenn man sagt, was man sieht. Es gibt Leute, die das nicht mögen. Weil Offenheit ansteckend ist. Und weil Freiheit Unruhe stiftet.
Menschen, die auf ihre Erfahrung vertrauen, sind für manche gefährlich. Nicht weil sie laut sind. Sondern weil sie nicht mitmachen. Weil sie nicht schimpfen. Weil sie zuhören. Weil sie einfach da sind. Und weil das reicht.
Ich habe mal so jemanden kennengelernt. Jemand, der mit niemandem mehr sprach. Nicht aus Trotz. Sondern weil ihm das Reden zu laut geworden war. Er sass jeden Tag auf derselben Bank. Am Rand eines Feldwegs. Kein schöner Platz. Aber seiner. Ich fragte ihn einmal, was er da tue. Und er sagte mit ruhigem Gesicht: „Nichts.“ Dann schwieg er wieder.
Ich glaube, er sah mehr vom Himmel als viele Theologen. Er hat nichts erklärt. Aber man spürte, dass er nichts mehr beweisen musste.
Das ist eine grosse Freiheit.
Freiheit heisst nicht, alles sagen zu dürfen. Freiheit heisst, nicht alles sagen zu müssen. Nicht einmal das Eigene. Nur das, was jetzt dran ist. Und manchmal ist das eben: Schweigen. Oder ein Satz. So wie dieser: „Ich sehe den Himmel offen.“
Ich frage mich oft, ob wir den Mut haben, so zu leben. Einfach. Ohne Absicht. Ohne Kalkül. Mit offenem Herzen. Auch wenn es weh tut. Auch wenn es einsam macht. Auch wenn andere dann sagen: Du bist nicht realistisch.
Aber was heisst schon realistisch? Die Welt ist nicht realistisch. Sie ist rätselhaft. Gross. Weich. Widersprüchlich. Und manchmal wunderschön. Wenn man hinschaut. Wenn man sich zeigt. Wenn man aufhört, alles erklären zu wollen.
Für mich ist Glauben genau das: Nicht wissen, sondern gehen. Nicht sehen, sondern lauschen. Und wenn es dann plötzlich hell wird – mitten am Tag, mitten in einem Satz, mitten in einer Begegnung – dann stehenbleiben. Nichts machen. Nur sein. Und wissen: Das war der Himmel.
Nicht mehr. Und nicht weniger.
Und das genügt.
Ich glaube, der Satz „Ich sehe den Himmel offen“ ist nicht nur eine Erfahrung. Er ist auch eine Erinnerung. Und vielleicht sogar ein Auftrag.
Denn was wäre, wenn Kirche genau das wäre? Ein Ort, an dem der Himmel offen bleibt – auch wenn wir ihn gerade nicht sehen. Eine Gemeinschaft, die nicht fragt, ob jemand alles richtig macht, sondern ob er da ist. Nicht ob jemand alles glaubt, sondern ob er atmet. Nicht ob jemand dazugehört, sondern ob er sich sehnt.
Wenn Stephanus in seiner letzten Stunde den Himmel offen sieht, dann vielleicht deshalb, weil er ihn sein Leben lang nicht verschlossen hat. Nicht für sich. Und nicht für andere.
Und vielleicht ist das unsere Aufgabe: nicht mehr. Und nicht weniger. Offene Türen. Offene Ohren. Und ein Herz, das nicht rechnet.
Dass jemand zu uns kommen kann und merkt: Ich muss hier nichts leisten, um willkommen zu sein. Ich darf hier sein – mit allem, was nicht gelingt. Mit allem, was ich nicht verstehe. Mit allem, was mir zu schwer ist, um es auszusprechen.
Der offene Himmel ist keine Belohnung. Er ist ein Versprechen. Dass nichts verloren ist. Dass kein Mensch zu spät kommt. Dass das Unfertige dazugehört. Dass das Gebrochene einen Platz hat.
Ein langer verstorbener Bekannter, ein alter Benediktinerbruder aus Passau sagte immer wieder: „Die grössten Tore brauchen keine Schlüssel – sie stehen immer offen.“ Er hat gelacht, als er das sagte. Ein bisschen verschmitzt. Aber man hat gemerkt, er meint es so.
Das ist mein Bild von Kirche. Kein Gebäude. Keine Institution. Sondern ein grosser Hof mit offener Tür. Und in der Mitte: Stille. Platz. Vielleicht ein Baum. Oder einfach ein Stuhl. Für jeden, der kommt. Für jede, die zögert. Für alle, die nichts mehr sagen können, aber trotzdem hier sein wollen.
Und niemand fragt: Warum bist du hier?
Denn der Himmel ist offen.

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