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Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Fronleichnam 2025, Kapelle Unterrütti

Ich bin adoptiert. Das ist keine Geschichte, die ich oft erzähle. Aber heute erzähle ich sie.

Meine Eltern, die mich adoptiert haben, waren gute Menschen. Sie haben mir früh gesagt, wie es ist. Ohne Aufhebens. „Du bist adoptiert“, haben sie gesagt. „Wir haben dich ausgesucht.“

Das war schön. Ausgesucht worden zu sein.

Trotzdem habe ich manchmal gedacht: Ich muss beweisen, dass sie richtig gewählt haben. Ich muss zeigen, dass ich es wert war.

Menschen denken oft so. Dass sie etwas wert sein müssen. Dass sie sich verdienen müssen, was sie bekommen.

Heute ist Fronleichnam. Ein Fest mit einem komischen Namen. Fronleichnam heisst: der Leib des Herrn. Gemeint ist Jesus. Gemeint ist das Brot, das er den Menschen gegeben hat. Aber nicht nur das Brot aus Mehl und Wasser. Gemeint ist die Nahrung, die er für uns ist. Und die wir füreinander sein können.

Es ist ein schwieriges Fest. Wir tragen das Brot durch die Strassen und sagen: Das ist Gott. Die Leute schauen uns an und denken: Die spinnen.

Ich verstehe das.

Jesus hat gesagt: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Das ist ein seltsamer Satz. Brot ist Brot. Jesus ist Jesus. Wie kann Jesus Brot sein?

Aber ich verstehe etwas anderes. Ich verstehe den Hunger.

Nicht nur den Hunger nach Essen. Den anderen Hunger. Den Hunger danach, dass jemand sagt: Du gehörst dazu. Du bist richtig hier.

Ich war mal für längere Zeit in einem Kloster. Die Mönche dort essen dreimal am Tag zusammen. Jeder bekommt das Gleiche. Niemand fragt: Hast du das verdient? Niemand sagt: Du warst heute nicht brav genug für das Dessert.

In unseren Zen-Kursen ist es ähnlich. Wer kommt, gehört dazu. Niemand muss etwas beweisen.

Das gefällt mir. Diese Selbstverständlichkeit.

Draussen ist es anders. Draussen muss man sich das meiste verdienen. Den Job. Die Anerkennung. Die Liebe. Manchmal sogar das Essen.

Und wir glauben: So ist es richtig. Wer nichts leistet, bekommt nichts.

Aber Jesus sagt etwas anderes. Er sagt: Das Wichtigste ist geschenkt.

Das ist schwer zu glauben.

Ich erinnere mich an meinen ersten Brotkauf. Ich war fünf Jahre alt. Meine Mutter gab mir Geld und sagte: „Geh zum Bäcker und kauf ein Brot.“

Ich war stolz. Ich war wichtig. Mama traute mir etwas zu.

Der Bäcker kannte mich. Er lächelte und gab mir das Brot. Es war schwer in meinen kleinen Händen.

Auf dem Heimweg dachte ich: Ich bin gross. Ich kann das.

Erst später habe ich verstanden: Nicht weil ich es konnte, war ich gross. Sondern weil ich gross war, konnte ich es. Meine Mutter hatte mir vertraut. Der Bäcker hatte mich ernst genommen. Sie hatten mir das geschenkt, bevor ich etwas geleistet hatte.

So ist das mit dem Brot des Lebens, glaube ich.

Es ist nicht so, dass wir uns die Liebe verdienen müssen. Es ist so, dass wir geliebt werden. Und deshalb können wir lieben.

Es ist nicht so, dass wir uns die Zugehörigkeit verdienen müssen. Es ist so, dass wir dazugehören. Und deshalb können wir etwas beitragen.

Aber das vergessen wir oft.

Wenn ich hier stehe und predige, denke ich manchmal: Hoffentlich ist es gut genug. Hoffentlich merken sie nicht, dass ich einfach ein Suchender bin.

Als würde meine Berechtigung davon abhängen, wie authentisch, wie tiefgründig, oder wie «geschliffen» ich bin.

Dabei ist es umgekehrt. Nicht weil ich tiefgründig oder «geschliffen» wäre, darf ich hier stehen. Sondern weil ich hier stehen darf, kann ich versuchen, mit Euch tiefer zu gehen.

Das ist das Geschenk.

Ich kenne einen älteren Herrn. Er geht seit Jahren nicht mehr zur Kommunion. Er sagt: „Ich bin geschieden. Ich gehöre nicht dazu.“ Er ist nicht alleine mit diesem Gefühl. 

Das macht mich traurig. Weil es zeigt, wie wir aus dem Geschenk eine Bedingung gemacht haben. Wie wir aus der Einladung eine Prüfung gemacht haben.

Jesus hat mit allen gegessen. Mit den Zöllnern, die betrogen haben. Mit den Sündern, die gesündigt haben. Mit den Frauen, die nicht dazugehört haben.

Er hat nie gefragt: Bist du gut genug?

Er hat einfach das Brot gebrochen und gesagt: Hier, für dich.

Das ist Fronleichnam. Die Erinnerung daran, dass das Wichtigste geschenkt ist.

Sie sind heute hierhergekommen. Warum auch immer. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht weil Sie Hunger haben. Nach Brot oder nach etwas anderem.

Ich weiss nicht, warum Sie gekommen sind. Aber ich weiss: Sie gehören dazu.

Nicht weil Sie fromm sind. Nicht weil Sie alles verstehen. Nicht weil Sie ein gutes Leben geführt haben.

Sondern weil Sie da sind.

Das ist das Brot des Lebens. Die Gewissheit: Du gehörst dazu. Du hast ein Recht zu sein.

Und wenn Sie nachher nach Hause gehen und immer noch hungrig sind, ist das auch in Ordnung. Denn das Brot des Lebens ist kein Zaubermittel. Es ist ein Versprechen.

Das Versprechen, dass Sie einen Platz haben.

Hier und überall.

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Eine Antwort zu „Das Geschenk”.

  1. Avatar von pioneeringboldly08b6d2264f
    pioneeringboldly08b6d2264f

    Lieber Karl,

    wie tief berühren mich Deine Worte: auch ich durfte vor nicht all zu langer Zeit erfahren, wie wertvoll ich mich fühlen kann, wie wertgeschätzt, wenn ein anderer Mensch einfach an mich glaubt. Nicht, weil ich eine besondere Ausbildung habe, nicht weil ich eine besondere Begabung habe, sondern einfach, weil ich bin, wie ich bin.

    So wie Deine Mama Dir vertraut hat, so hat dieser Mensch an mich geglaubt und das hat mich unendlich beflügelt-ich fühlte mich, als könnte ich Berge versetzen. Welch wunderbares, berauschendes Gefühl! Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie Du dich damals als 5jähriger Junge gefühlt hast.

    Und auf einmal ist alles weg: der Mensch mit dem liebevollen Blick, das tolle Gefühl, zu wissen, wer man ist und wie man sich entfalten kann.

    Man sieht Mauern, die man nicht überwinden kann: Mauern der Perfektion, Mauern der Hierarchie, Mauern der vorwurfsvollen Blicke, Mauern der Kontrolle…alles menschengemachte Mauern, die unsere Seele verwunden.

    Und man sucht wieder den eigenen Platz, das Gefühl der Zugehörigkeit, die Anerkennung, die eigene Wertigkeit.

    Und da tut sich mir die Frage auf: warum tun wir uns das gegenseitig an? Jeder und jede weiss, wie sich das anfühlt und doch tun wir es immer wieder. Wir bewerten, wir verurteilen, wir verletzen, wir alle.

    Wann hört das endlich auf? Wann nehmen wir uns wirklich ein Beispiel an Jesus? Wann?

    Ich wünsche es mir so sehr und ich gebe nicht auf, es zu versuchen!

    Danke für Deine Gedanken, die Du hier mit uns teilst.

    Brigitte

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