Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

In der Küche liegt ein Zettel auf dem Tisch. Nicht besonders auffällig. Ein Einkaufszettel, dachte ich zuerst. Aber dann habe ich ihn gelesen. „Ferien ab 8. Juli“, steht da. Nicht mehr. Keine Ausrufezeichen. Keine Ergänzungen. Kein Ziel. Kein Plan. Nur dieses eine Wort, und ein Datum.

Ich weiss nicht mehr, wer den Zettel geschrieben hat. Vielleicht ich. Vielleicht jemand anders. Er lag einfach da. Und er hat mich ausgebremst. Nicht hart, nicht abrupt. Nur ein bisschen. Als hätte jemand den Ton leiser gedreht.

Es gibt Worte, die wirken wie eine offene Tür. „Ferien“ ist so eines. Man steht davor und weiss nicht gleich, ob man eintreten darf. Ob das für einen selbst gemeint ist. Oder für andere. Und wenn man dann eintritt, merkt man: Es ist still. Und diese Stille meint es ernst.

Ich habe den Zettel nicht weggeräumt. Ich habe ihn liegen lassen. Neben der Schale mit den Äpfeln, zwischen einer Gabel und einer Rechnung. Wenn ich vorbeikomme, sehe ich ihn. Und jedes Mal merke ich: Ich bin noch nicht so weit. Noch nicht angekommen im Dazwischen.

Der Anfang der Ferien ist kein Ort. Er ist ein Blick. Ein Atemzug. Ein Schritt weniger.

Ich verreise manchmal allein. Nicht, um mich zurückzuziehen, sondern um den Blick zu öffnen. Ich nehme die Kamera mit, aber es geht nicht um Bilder. Es geht um das Schauen. Ich suche nicht das Spektakuläre. Ich warte darauf, dass etwas still wird. Nicht um mich herum – in mir.

Vor zwei Jahren stand ich irgendwo in einer fremden Ebene, nichts war vertraut, ausser das Licht. Ich wartete. Das tue ich oft, wenn ich fotografiere. Nicht auf das richtige Motiv. Auf das Verschwinden des Wartens.

Ein Hirte ging vorbei, barfuss, mit drei Ziegen. Er grüsste nicht, blieb nicht stehen. Und trotzdem war es, als hätte sich etwas berührt. Es war kein schöner Moment. Er war windig, das Licht hart, die Luft staubig. Aber ich erinnere mich daran. Weil es nichts von mir wollte.

Das Evangelium erzählt von Leuten, die losgeschickt werden, ohne Gepäck. Ohne Geld, ohne Vorrat, ohne Reservierung. Geht einfach, sagt Jesus. Bleibt, wo man euch aufnimmt. Esst, was man euch hinstellt. Wenn euch jemand nicht will, geht weiter. Kein Streit. Kein Groll. Nur Staub abklopfen und weitergehen.

Ich frage mich, ob das nicht auch eine Art Ferien ist. So zu gehen. Ohne Beweis, ohne Ziel, ohne Angst, etwas zu verpassen. Einfach gehen. Und schauen, was sich zeigt. Und wenn nichts kommt, dann eben nichts. Auch das hat ein Gewicht.

Ich kenne einen älteren Herren, der geht immer am ersten Ferientag in die Badi. Nicht zum Schwimmen, sagt er. Zum Ankommen. Er geht hin, setzt sich auf den warmen Stein am Beckenrand, zieht die Schuhe aus und schaut den anderen zu. Dann geht er wieder. Das ist sein Ritual. Und jedes Jahr sagt er: Jetzt ist Sommer.

Ich weiss nicht, ob ich ein Ritual habe. Ich glaube, ich warte einfach. Bis etwas in mir langsamer wird. Nicht aufhört, aber langsamer. Bis der Lärm nachlässt. Bis ich wieder merke, dass ich atme.

In Jesaja steht: „Wie einen seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“ Das ist kein Satz, den man analysiert. Auch keiner, über den man diskutieren muss. Es ist ein Satz, der einfach neben einem sitzt. Wie ein Mensch, der nicht fragt, wie es einem geht, sondern einfach da ist.

Irgendwo unterwegs, weit weg an einem Grenzübergang stand eine jüngere Frau. Zwei Kinder bei sich, ein Rucksack. Sie sprach mit niemandem, sie wirkte nicht unruhig. Sie stand einfach da. Wartete. Niemand wusste, worauf. Aber sie strahlte etwas aus, das schwer zu benennen war. Nicht Hoffnung. Auch nicht Resignation. Eher ein stilles Bleiben. Und für einen Moment war es, als hätte sie den ganzen Ort mit Ruhe gefüllt.

So sind Ferien nicht immer. Aber so sind sie manchmal. In einem Augenblick. In einem Blick. In einer Bewegung, die langsamer ist als sonst.

Ich glaube nicht, dass wir dafür Ferien brauchen. Aber sie helfen. Sie geben uns einen Grund, den wir uns sonst nicht erlauben. Sie sagen: Jetzt nicht. Und manchmal auch: Jetzt nie mehr. Nie mehr so weitermachen wie vorher. Nie mehr alles dem Tempo unterordnen. Nie mehr das Wichtige dem Dringenden opfern.

Wie lange dieser Zustand hält, weiss ich nicht. Vielleicht ein paar Stunden. Vielleicht eine Woche. Vielleicht nur einen Atemzug. Aber wenn man ihn einmal gespürt hat, will man ihn nicht mehr vergessen.

Ich habe den Zettel vom Küchentisch inzwischen weggelegt. Nicht weggeworfen. Nur beiseite. Er hat getan, was er tun sollte. Er hat mich erinnert. Daran, dass nicht der Tag entscheidet, ob etwas Ferien ist. Sondern der Blick. Der Ton. Der Raum zwischen den Dingen. Und dass man nicht gleichzeitig rennen und ankommen kann.

Ferien beginnen nicht, wenn man losfährt. Sie beginnen, wenn man stehenbleibt. Und sie enden nicht mit der Rückkehr. Sie enden, wenn man wieder anfängt, sich selbst zu überholen.

Ich wünsche uns, dass wir das hinausschieben. Dass wir uns nicht so schnell wieder einholen. Und wenn doch – dass wir uns dabei freundlich begegnen. Ohne Hast. Ohne Urteil. Einfach so, wie man sich wiedersieht auf einem Bahnsteig. Mit einem Lächeln. Und einem leisen: Du auch hier?

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