Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Zwischen Erde und Atem

Wenn der Herbst den Himmel klärt, wird die Luft dünner und weit. Der Wind trägt den Geruch von Erde, Laub, Kerzenrauch. In dieser Weite liegt etwas, das an Stille erinnert. Man spürt den eigenen Atem bewusster, als würde die Welt ihn begleiten. Jeder Schritt wird langsamer, jeder Gedanke ruhiger. Die Tage sind kürzer, das Licht sanfter, und etwas im Innern wird durchlässig für das, was sich zeigt, wenn man nicht mehr sucht.

Allerheiligen, Allerseelen – zwei Worte, die wie Türen klingen. Sie öffnen in dieselbe Richtung, hinein ins Unsichtbare. Es sind Tage, an denen die Grenze zwischen dem, was man sieht, und dem, was trägt, dünner wird. In der Erde ruht, was vergangen scheint. Im Atem bewegt sich, was bleibt. Alles gehört zusammen, auch wenn es in verschiedenen Gestalten erscheint.

Wer über den Friedhof geht, spürt diesen Zusammenklang. Erde, die aufnimmt. Luft, die trägt. Licht, das sich neigt. Auf jedem Grab liegt die Spur eines Lebens, das einmal voller Bewegung war. Die Hand, die eine Kerze anzündet, verbindet sich mit all den Händen, die dasselbe tun. Es entsteht eine stille Gemeinschaft – nicht in Worten, sondern im Atmen, im Schauen, im Dasein.

Das Gedächtnis arbeitet still. Es bringt Gesichter hervor, Stimmen, Gesten, manchmal nur eine Spur von Wärme. Erinnerung ist keine Linie nach hinten. Sie ist Gegenwart, die sich weitet. Wenn ein Name in uns aufsteigt, ist er da, unverstellt, vertraut. In diesem Moment geschieht Nähe. Nicht weil man sie herbeiruft, sondern weil sie Teil des Lebens selbst ist.

Heiligkeit wächst dort, wo jemand durchlässig wird. Ein heiliger Mensch trägt das Leben leicht, weil er ihm nichts entgegensetzt. Er lässt geschehen, was geschieht, und bleibt dabei wach. Heiligkeit hat keine Form, sie ist Atem. Sie bewegt sich in allem, was lebt, in allem, was sich hingibt, ohne zu besitzen.

Manchmal geschieht Heiligkeit unbemerkt. In einem Blick, der anhält. In einer Hand, die etwas aufhebt, das jemand verloren hat. In einem Wort, das den Raum heller macht. Solche Augenblicke tragen denselben Atem wie das Gebet eines ganzen Tages.

Wenn wir an die Toten denken, begegnen wir uns selbst. Wir stehen im selben Strom, atmen dieselbe Luft, die auch sie geatmet haben. In jedem Atemzug liegt eine Erinnerung daran, dass Leben sich teilt. Was einmal geatmet wurde, bleibt im Kreislauf der Welt. Der Atem, der heute unser Herz bewegt, hat vielleicht durch viele Leben hindurch seinen Weg genommen – durch Pflanzen, durch Tiere, durch Menschen, durch Zeiten. Es ist derselbe Atem, der in der Schöpfung kreist, unaufhörlich, geduldig, still.

Man kann diese Tage als Übung verstehen – eine Übung im Loslassen und im Hören. Der Atem lehrt beides. Er hält nichts fest. Er kommt und geht, ohne zu verlieren. So atmet auch das Leben durch uns hindurch. Es trägt uns, solange wir mitgehen, und ruht in uns, wenn wir still werden.

Kerzen auf Gräbern erzählen davon. Ihr Licht steht still und bewegt sich zugleich. Die Flamme ist Form und Bewegung in einem. Sie brennt, weil sie vergeht. In ihrem Leuchten spiegelt sich der Kreislauf, dem alles Leben folgt. Manchmal reicht es, eine Weile hinzusehen. Dann erkennt man, dass auch diese kleine Flamme das grosse Ganze spiegelt: Anfang, Wandlung, Weitergabe.

In dieser Bewegung liegt Trost. Wer still wird, spürt, dass Erinnerung kein Gewicht trägt. Sie ist leicht wie Atem, trägt uns aber weiter, als wir denken. Das, was war, lebt im Jetzt. Das, was jetzt geschieht, wird Erinnerung für die, die nach uns kommen. So sind alle Generationen verbunden, durch dieselbe Bewegung, durch dasselbe Schweigen zwischen zwei Atemzügen.

Allerheiligen, Allerseelen – das sind keine getrennten Feste. Es ist ein einziger grosser Atemzug der Menschheit. Die Lebenden und die Toten gehören zu demselben Lied. Man hört es, wenn man still wird. Ein Lied ohne Melodie, aber voller Gegenwart. Es braucht keine Worte, um verstanden zu werden.

Zwischen Erde und Atem geschieht Leben. Dort wächst Vertrauen. Dort beginnt Frieden. Dort ruht alles, was wir lieben, und dort bewegt sich, was uns trägt. In diesem Zwischenraum, wo Erde das Aufgehobene bewahrt und Atem das Lebendige weiterträgt, liegt der Sinn dieser Tage.

Wenn wir am Ende des Tages die Kerzen verlöschen und den letzten Atemzug des Abends spüren, ist nichts zu Ende. Die Luft, die uns verlässt, wird Teil des grossen Stroms. Der Atem, der kommt, trägt das Leben zurück. Alles, was war, bleibt darin enthalten.

So gehen wir still. Die Welt atmet, und wir atmen mit. Zwischen Erde und Atem geschieht alles, was wir sind.

Posted in

Hinterlasse einen Kommentar