Einheit in der Verschiedenheit
Am Morgen liegt das Licht über den Dächern.
Alles wirkt still, als hielte die Welt den Atem an.
Und doch bewegt sich etwas: ein Vogel, der quer fliegt, ein Ast, der sich vom Wind her bewegt, ein Mensch, der langsam die Strasse hinuntergeht.
Nichts passt genau zusammen.
Und doch stimmt alles.
Einheit hat keinen Plan.
Sie geschieht.
So wie der Wind, der durch verschiedene Räume zieht, und doch derselbe Wind bleibt.
Manchmal suchen wir Harmonie.
Und wundern uns, dass sie nicht kommt.
Dann merken wir: Das Leben stimmt schon – bloss nicht nach unserer Tonart.
Im Zen heisst es, dass das Ganze sich in jedem Teil zeigt.
Nicht als Idee, sondern als Erfahrung.
Wer aufmerksam hinschaut, sieht:
Kein Blatt ist wie das andere, und doch gehören sie alle zum selben Baum.
Verschiedenheit ist kein Gegensatz zur Einheit.
Sie ist ihr Ausdruck.
Der Baum wäre ärmer, wenn alle Blätter gleich wären.
Auch Menschen sind wie Blätter.
Jeder trägt sein eigenes Grün, seinen eigenen Rhythmus.
Und wenn der Wind kommt, bewegt sich jeder anders.
Doch alle tanzen in derselben Luft.
Es gibt Tage, an denen man spürt, wie nah alles beieinander ist.
Und andere, an denen man sich verliert.
Beides gehört dazu.
Einheit in der Verschiedenheit ist nichts, das man herstellen könnte.
Sie zeigt sich, wenn man aufhört, sie zu suchen.
Wenn man das Ganze sein lässt, wie es ist – lebendig, bunt, unvollständig und zutiefst vollkommen.

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