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Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Bei(m) Atem bleiben

Der Kalender endete. Das Jahr ging zu Ende, und an vielen Orten lässt sich Unruhe spüren: Was bleibt? Was war? Was kommt? Die Tage zwischen den Jahren tragen immer etwas Schwebendes in sich, als stünde man zwischen zwei Atemzügen.

Ich sitze am Küchentisch. Durch das Fenster der alten Kaplanei in Merenschwand schaue ich dem Nebel zu, wie er sich über die Felder legt. Draussen wird es still. Die Welt zieht sich zusammen, wird klein und nah. In solchen Momenten kann man spüren, wie sehr wir sehr gewohnt sind, uns in der Zeit zu verlieren – in dem, was war, in dem, was sein wird. Wir machen Bilanzen, zählen auf, nehmen uns vor, im neuen Jahr vieles anders zu machen. Als ob die Zeit uns gehörte.

Aber was, wenn das Jahr gar nicht zu Ende geht? Was, wenn nur der Kalender endet, während das Leben einfach weiterfliesst, Atemzug um Atemzug? Es gibt keine grossen Wendepunkte. In der Gegenwart Gottes gibt es gibt nur diesen einen Moment – und dann den nächsten. Das Einatmen. Das Ausatmen. Das stille Verweilen dazwischen.

Mir kommen die Menschen in den Sinn, die ich in diesem Jahr begleiten durfte. Die Frau, die mir erzählte, wie sie jeden Morgen aufwacht und sich fragt, ob sie heute noch einmal von vorne anfangen kann. Der Mann, der sagte, er habe sein ganzes Leben damit verbracht, etwas zu werden, und nun wisse er nicht mehr, wer er ist. Die junge Mutter, die weinte, weil sie das Gefühl hat, dass sie nie genug ist.

Ich erkenne mich in ihnen wieder. Diese Sehnsucht nach einem Neuanfang kenne ich gut. Und zugleich die Angst, dass nichts sich je ändert. Wir träumen von Verwandlung und fürchten sie zugleich. Wir möchten loslassen, aber wir wissen nicht, was kommt, wenn wir die Hände öffnen.

Die alten Meister des Gebets sprechen hier von einem anderen Weg. Nicht von einem Weg des Machens, sondern von einem Weg des Seinlassens. Gedanken kommen und gehen. Zeit vergeht. Und in all dem gibt es eine Stille, die nicht von uns gemacht wird, die einfach da ist, wenn ich aufhöre, mir selbst im Weg zu stehen.

Irgendwann diesen Herbst stand ich vor der Bäckerei in Merenschwand, das Brot in der Hand, und plötzlich war da dieses Gefühl: Genug. Das Brot war warm. Die Luft war kühl. Der Atem ging ruhig. Es gab nichts zu erreichen. Nur dieser Moment. Und er war genug. Vollkommen wie der Himmel. Zutiefst dankbar.

Ich weiss nicht, ob ich das wirklich verstanden habe. Ich weiss nur, dass es da war – für einen Moment. Wenn ich aufhöre, der Zeit hinterherzulaufen. Wenn ich einfach atme. Wenn ich mir erlaube, wirklich still zu werden, dann kann es sein, dass sich der Himmel schenkt.

Atem kommt und geht. Einatmen. Ausatmen. Nichts weiter. Und wenn ich ihm ganz nah bin, dann spüre ich: Ich atme nicht aus eigener Kraft. Ich werde geatmet. Von etwas Grösserem. Von dem Atem, der über den Wassern schwebte – und noch immer in allem schwebt.

Das stille Gebet ist keine Technik. Es ist kein Programm für das neue Jahr. Es ist eher eine Haltung. Ein Verweilen. Ein Heimkommen zu dem, was immer schon da ist. Ich darf das üben. Manchmal geschieht es. Oft vergesse ich es wieder.

Ich schaue wieder aus dem Fenster. Der Nebel hat sich gelichtet. Die Felder liegen still, und über ihnen zieht ein Vogel seine Kreise. Er ist einfach da, im Wind, im Moment. Und ich überlasse mich dem Atem, der Gegenwart Gottes.

Das neue Jahr kam selbstverständlich. Es wird Tage geben, die schwer sind, und Tage, die leicht sind. Es wird Momente geben, in denen ich vergesse, beim Atem zu bleiben, und Momente, in denen ich mich daran erinnern darf. Aber nichts davon hängt davon ab, ob ich ab dem ersten Moment alles richtig mache. Es geht nur darum, dass ich immer wieder zurückkehren darf – zu diesem einen Atemzug, der gerade da ist. Zu der Stille, zum grossen Schweigen Gottes, das alles trägt.​​​​​​​​​​​​​​​​

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