
Ein Krankenhausflur, nachts um drei, oder ist es nachmittags um drei? Ich weiss es nicht mehr.
Das Surren einer Neonröhre. Sonst nichts. Jeder Schritt hallt. In einem der Zimmer wacht ein Mann. In einem anderen schläft eine Frau. Und ich sitze auf einem Stuhl, der ein bisschen zu hart ist, und warte. In solchen Momenten wird die Welt ganz einfach. Es gibt nur noch das Atmen. Das Warten. Und diese Stille.
Sie ist nicht leer. Sie ist voll. Voll von dem, was an gewöhnlichen Tagen keinen Platz hat. Die Angst. Die Hoffnung. Die Frage, was bleibt, wenn alles andere wegbricht.
Ich kenne diese Stille auch von woanders. Aus einem Raum, in dem zwei Menschen sitzen und keiner redet. Weil alles gesagt ist. Oder weil die Worte fehlen. Über die Jahre durfte ich lernen: Das Wichtigste, was man einem anderen Menschen schenken kann, ist nicht immer ein Wort. Manchmal ist es das gemeinsame Schweigen.
Mein Weg im Zen hat mich gelehrt, diese Stille nicht nur auszuhalten. Sondern sie zu suchen. Jeden Morgen, bevor die Welt wach wird, oder abends, wenn sie sich auf den Schlaf vorbereitet, oder einfach mitten am Tag: mich sitzen lassen. Den Lärm im Kopf zur Ruhe kommen lassen. Wie Sediment in einem Glas Wasser, das man stehen lässt.
Und dann, wenn alles sich gelegt hat, wird etwas spürbar. Etwas kraftvoll Zartes. Etwas total gegenwärtiges.
Es ist keine Antwort. Eher ein Anwesend-Sein. Ein Gefühl, gehalten zu sein. Gesehen zu werden. In allem.
Es gibt diese alte Geschichte. Von einem Propheten, der sich in einer Höhle verkriecht. Ausgebrannt und leer. Er wartet auf Gott. Und Gott kommt nicht im Sturm. Nicht im Erdbeben. Nicht im Feuer. Er kommt in einem leisen, sanften Säuseln. Im Flüstern.
Dieses flüsternde Schweigen ist immer da. Mitten im Gewusel unseres Lebens. Es wartet.
Man muss nichts dafür tun. Nur für einen Moment innehalten. Und lauschen.

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