
Ich sitze hier und höre zu. Mozart spielt. Eine Krönungsmesse, sagen sie. Ein grosses Wort.
Aber ich denke an den älteren Herrn, der letzte Woche vor mir in der Schlange stand. Im Laden. Er kaufte Brot und Milch. Nichts Besonderes. Aber er wartete geduldig, als die Frau vor ihm ihr Portemonnaie nicht fand.
Andere hätten geseufzt. Hätten geschaut – auf die Uhr. Sich geräuspert. Er wartete einfach.
Das war auch eine Art Krönung.
Manchmal wird es kühl zwischen Menschen. Niemand weiss warum. Niemand weiss wann. Es ist einfach da. Wie schlechtes Wetter.
Man grüsst noch. Man nickt noch. Aber etwas fehlt. Als wäre zwischen den Menschen ein dünnes Eis entstanden. Man muss aufpassen, wo man hintritt.
Dann werden die Gespräche vorsichtiger. Die einen werden zu Polizisten, die anderen werden verunsichert. Fragen klingen plötzlich wie Prüfungen. «Wie geht’s denn so?» bedeutet nicht mehr «Wie geht’s?» sondern «Was machst du falsch?»
«Schönes Wetter heute», sagt einer. Und der andere denkt: Was meint er damit? Ist das eine Kritik an gestern? Eine Anspielung auf etwas?
So wird selbst der Himmel verdächtig.
Dann redet man nicht mehr miteinander, sondern nun noch übereinander. «Ich habe gehört, dass…» Oder: «Man sagt…»
«Man» ist ein praktisches Wort. Wie ein Regenschirm. Man kann sich darunter verstecken. Man kann alles sagen und steht trotzdem nicht dafür gerade.
«Viele denken das», sagt einer. Aber welche Viele? Drei? Fünf? Oder nur er selbst am Morgen, am Mittag und am Abend?
So wird aus einem Gespräch ein Geflüster. Aus einer Meinung ein Gerücht. Aus einem Menschen ein Problem.
Und alle machen mit. Auch ich. Auch Sie. Wir sind alle sehr demokratisch, wenn es ums Tratschen geht.
Und dann passiert etwas Seltsames. Menschen fangen an, sich selbst kleiner zu machen. Sie ziehen den Kopf ein. Sie sagen weniger. Sie trauen sich weniger zu. Sie zeigen sich weniger.
Als hätten sie geglaubt, was über sie geredet wird. Als wären sie wirklich das Problem geworden, das andere aus ihnen gemacht haben. Sie nehmen sich selbst die Würde. Am Ende verhalten sie sich genauso, wie man über sie spricht, ohne es je gewollt zu haben.
Mozart wusste nichts von unseren kleinen Kriegen. Aber seine Musik kennt sie trotzdem. Sie kennt die Müdigkeit. Die Enttäuschung. Das Misstrauen.
Und sie antwortet darauf. Nicht mit Worten. Mit Tönen. Töne lügen nicht. Töne haben keine Hintergedanken.
Ein Ton ist ein Ton. Er meint nichts anderes. Er will nichts beweisen. Er ist einfach da. Wie die Luft. Wie das Licht.
Das liebe ich an der Musik. Sie macht keine Politik. Sie führt keine Gespräche über Gespräche. Sie spielt einfach. In ihrer eigenen Sprache.
Pfingsten ist auch so eine Geschichte. Menschen verstehen sich plötzlich. Jeder hört in seiner eigenen Sprache.
Das muss schön gewesen sein. Endlich mal ein Gespräch ohne Missverständnisse. Ohne dass einer sagt: «Das habe ich nicht so gemeint.» Oder: «Du verstehst mich nicht.»
Das Wunder ist nicht, dass alle dasselbe sagen. Das Wunder ist, dass alle zuhören – tief und nur.
Zuhören wird schwerer im Alter und unter dem Druck der Angst. Wir hören zu, um zu antworten. Um zu widersprechen. Um recht zu behalten. Um zu beweisen, dass wir auch etwas wissen.
Aber manchmal hört es in uns einfach zu. Ohne etwas zu wollen. Ohne etwas zu beweisen. Das ist selten. Das ist kostbar. Das ist ein Geschenk. Das ist unsere Natur.
Würde hat damit zu tun. Mit dem Zuhören. Mit dem Hinschauen. Mit dem Dasein, wenn es schwierig wird.
Würde ist ein komisches Wort geworden. Wir gebrauchen es bei Feierlichkeiten. Bei Reden. Bei wichtigen Anlässen. Als wäre Würde etwas für Sonntags.
Aber Würde ist alltäglich. Wie Brot und Milch. Wie Luft zum Atmen.
Der Betrunkene vor dem Bahnhof hat auch Würde. Auch wenn er nach Urin riecht. Auch wenn er lallt. Auch wenn er Passanten um Geld anbettelt.
Die Leute machen einen Bogen um ihn. Als hätte er eine ansteckende Krankheit. Die Krankheit des Scheiterns vielleicht.
Aber er ist immer noch ein Mensch. Mit einer Geschichte. Mit Träumen, die zerbrochen sind. Mit einer Mutter, die sich Sorgen macht.
Würde ist nicht etwas, das man verdient. Nicht etwas, das man sich erarbeitet. Sie ist da. Von Anfang an. Wie die Haut. Wie das Herz.
Und hier ist das Seltsame: Niemand kann sie einem nehmen. Niemand. Auch nicht der Chef, der einen runtermacht. Auch nicht die Nachbarin, die über einen redet. Auch nicht der Partner, der einem das Gefühl gibt, man sei nichts wert.
Aber: Man kann Menschen dazu bringen, dass sie sich die Würde selbst nehmen.
Das ist das Gemeine daran. Das ist der Trick.
Man redet so lange über jemanden, bis er anfängt, es zu selbst glauben. Man schaut so lange weg, bis er sich selbst nicht mehr sieht. Man stellt so lange Fragen wie Prüfungen, bis er sich selbst prüft und durchfallen lässt.
Dann macht er sich kleiner oder grösser, als er ist. Dann redet er leiser oder lauter, als nötig wäre. Dann entschuldigt er sich für Dinge, für die er sich nicht entschuldigen müsste.
Das ist die perfekte Methode. Der andere macht die Arbeit selbst. Nimmt sich selbst die Würde. Und man kann sagen: «Ich habe doch gar nichts gemacht.»
Stimmt. Man hat nur zugeschaut. Man hat nur geredet. Man hat ja nur gefragt.
Und das reicht.
Aber hier ist auch das Gute: Was man sich selbst genommen hat, kann man sich auch selbst zurück erlauben.
Man muss nur aufhören zu glauben, was andere über einen sagen. Man muss nur aufhören, sich kleiner oder grösser zu machen, als man ist. Und man muss lernen auf den stillen Geist Gottes im Herz zu lauschen.
Mozarts Krönungsmusik sagt genau das. Sie sagt: Du bist mehr, als du denkst. Du bist mehr, als andere von dir denken. «Du musst wissen, dass Du genug bist», sagt der Osten. «Ihr seid das Licht der Welt», sagt Jesus.
Sie sagt es mit einem Kyrie, das um Erbarmen bittet. Mit einem Gloria, das den Himmel offen sieht. Mit einem Agnus Dei, das den Frieden sprechen lässt.
Das ist die Krönung. Nicht der Pomp. Nicht der Glanz. Nicht die goldenen Kleider. Sondern die Erinnerung daran, wer wir sind.
Menschen. Mit Fehlern. Mit Ängsten. Mit kleinen und grossen Hoffnungen.
Menschen, die Brot kaufen und Milch. Die im Stau stehen. Die ihre Kinder zur Schule bringen. Die sich Sorgen machen um die Rente.
Menschen, die warten können. Die zuhören können. Die da sind, wenn es darauf ankommt.
Auch hier, an diesem Ort, sind solche Menschen. Menschen, die sich manchmal kleiner oder grösser gemacht haben, als sie sind. Die manchmal vergessen haben, wer sie wirklich sind.
Aber auch Menschen, die sich erinnern können. Die wieder aufstehen können. Die ihre Würde wiederentdecken können.
Vielleicht fängt es so an. Mit einem, der nicht wegschaut. Mit einer, die nicht weitererzählt, was sie gehört hat. Mit jemandem, der einfach Mensch ist. Von Natur aus erfüllt von heilendem Geist.
Ohne Bedingungen. Ohne Hintergedanken. Ohne zu fragen: «Was springt für mich dabei raus?»
Das ist alles, worum es geht: Ein Lächeln, das nichts will. Ein Gruss, der nicht bewertet. Ein Gespräch, das kein Verhör ist.
Die Musik spielt weiter. Mozart krönt uns alle. Feinfühlig. Selbstverständlich. Ohne die Frage, ob wir es verdient haben. Wie der Himmel selbst, der zu Pfingsten seinen weiten Geist schenkt.
Wie der Mann mit dem Bro und der Milch. Wie die Geduld. Die Würde, die bleibt.
Auch wenn wir sie vergessen. Auch wenn wir sie uns selbst nehmen. Sie wartet.
Weil sie weiss, dass sie immer schon da ist – wie die Haut. Wie das Herz.
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