Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Eigentlich wollte ich lesen. Nichts Wichtiges, nur ein paar Zeilen. Aber die Brille war weg. Also suchte ich. Neben dem Bett, in beiden Jackentaschen, auf dem Schreibtisch, im Bad, noch einmal in beiden Jackentaschen und im Kühlschrank. Man weiss ja nie. Menschen wurden schon an ganz anderen Orten von der Erleuchtung gefunden …
Nach zwanzig Minuten liess ich es sein. Ich setzte mich hin, die Hände auf den Oberschenkeln, und atmete. Müde vom Suchen. Müde vom Denken über all das, was gerade nicht zu finden ist: die Brille, der Frieden, ein Moment ohne dass etwas drängt.
Nur zufällig fiel mein Blick auf meine rechte Hand. Die Brille lag darin. Einfach so. Vermutlich schon die ganze Zeit. Ich hatte sie gehalten, ohne es zu merken, hatte sie festgehalten, während ich überall danach suchte.
Ich sass noch eine Weile so da. Etwas in mir hatte aufgegeben – und Raum gelassen. In die entstandene Stille fiel ein Satz aus einem sehr alten Zen-Text, aus Huinengs „Plattform-Sutra“, den ich vor Tagen gelesen hatte: „Der rechte Weg kennt kein Suchen und kein Ergreifen.“ Damals hatte er fremd geklungen. Jetzt sass er neben mir, vertraut wie ein alter Freund.
Die Hand hielt die Brille. Der Kopf war woanders gewesen. So ist das manchmal.
In einer lauten Welt klingt so ein Satz fast unverschämt leise. Da sein. Die Brille halten. Atmen.
Ich brauche das immer wieder: Wachwerden zu einem offenen Herzen und leeren Händen. Zu Händen, die halten, ohne zu greifen. So findet sich dann oft der nächste, stimmige Schritt. Manchmal sogar für die ganze Welt. Selbst wenn es nur mein kurzer Schritt auf die andere Seite des Tisches ist.
Brille optional.

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