
Es ist lange her. An einem Donnerstag Abend im Dom von Passau. Draussen regnet es in Strömen. Wir, ein paar nicht nur geistig mittellose Studenten, sitzen im Chorgestühl hinter dem Chor des Bayrischen Rundfunks. Davor die Münchner Philharmoniker. Der Sakristan der Kathedrale hatte uns nach Türschluss kostenlos hereingeschläust. Ein Vorteil, wenn man die richtigen Leute kennt. Am Pult vor dem Orchester steht Yehudi Menuhin. Es hiess, er würde die C-Dur-Messe von Franz Schubert dirigieren. Im Moment steht er aber nur da, den Taktstock in der Hand, und tut nichts. Gar nichts. Sehr lange nichts.
Die Leute räuspern sich. Einer hustet. Man hört das Knarzen der Bänke.
Hellwach und mit ganzem Herzen steht Menuhin da. Seine blitzenden Augen weit offen. Dann eine kleine, fast unscheinbare Bewegung – und der erste, zarte Ton. Und war plötzlich war alles anders. Als hätte dieser eine Ton die Stille geöffnet.
Diese zauberhafte Musik war schon lange da. Während wir gewartet hatten, war sie unsichtbar, unhörbar, tief im Schweigen verborgen. Wie etwas, das in jedem Herzen wartet.
Wo ist die Musik jetzt, wenn sie nicht gespielt wird?
Wo ist die Liebe, wenn sie keiner lebt? Vielleicht sitzt eine alte Frau im Garten, legt zwei Brote auf den Tisch, aber niemand kommt. Sie trägt die Brote am Abend wieder hinein. Die Liebe liegt in den Broten. Sie ist nicht verschwunden. Sie bleibt, auch wenn niemand sie isst. Sie hängt in der Luft. Aber sie wird hart, wenn keiner sie teilt. Liebe braucht die Geste von Geben und Annehmen, sonst bleibt sie leer.
Wo ist der Glaube, wenn er nicht gelebt wird? Ich war einmal auf einem sehr alten Pfarrhausdachboden. Da lag ein Kreuz, staubig. Daneben ein Stapel alter Gesangbücher. Vergilbte Seiten. Niemand schlug sie mehr auf. Und doch war etwas da. Nicht tot, eher eingefroren. Glaube kann warten. Er liegt still, bis einer wieder atmet.
Und wo ist die Hoffnung? Manchmal unter dem Staub vieler Jahre. Manchmal in den Augen eines Kindes, das einfach glaubt, dass morgen ein guter Tag wird. Hoffnung bleibt, auch wenn sie stumm wird. Sie liegt wie Samen im Boden. Man sieht sie nicht, bis sie jemand giesst.
Ezechiel sieht ein Feld voller Knochen. Tot, trocken, ohne Atem. Plötzlich rücken sie zusammen. Sehnen, Fleisch, Haut. Alles sieht lebendig aus. Aber es ist noch immer tot. Erst als der Geist, der Atem, weht, richten sie sich auf. Erst da beginnt Leben. So ist es mit der Musik. Ein Klavier ist nur ein Möbel, wenn niemand spielt. Eine Trommel nur Holz und Leder, wenn sie keiner schlägt. Erst wenn jemand den Mut findet, einen Ton zu wagen, beginnt es. So ist es mit der Liebe. So ist es mit dem Glauben. So ist es mit der Hoffnung.
Johannes schreibt: Am Anfang war das Wort. Das Wort aus der grossen Stille. Vielleicht war es Klang. Vielleicht Atem. Eine Schwingung. Alles kommt von dort. Alles geht dorthin zurück. Nichts geht verloren. Auch wenn wir meinen, es sei vorbei – nichts verschwindet einfach.
Ein Wort wie Abrakadabra klingt fremd. Es stammt aus dem Aramäischen, der Sprache Jesu. Es heisst: „Ich erschaffe, während ich spreche.“ Es ist ein Zauberspruch. Aber er zeigt, was Sprache kann. Worte schaffen Wirklichkeit. In der Magie nimmt der Mensch sich diese Macht. In der Bibel ist es der Himmel, der spricht – und es wird. Atem, Klang, Wort – sie rufen Leben hervor.
Und darum geht es: Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei und mit ihnen die vielen anderen kostbare Dinge des Lebens stehen jederzeit bereit. Vergebung, Güte, Verbundenheit, Frieden, sie kosten nichts, ausser dass man für sie die alten Ängste und die hinterlistige Gier loslassen muss. Alles wartet. Es wartet, mit Leben gefüllt zu werden – wie die Musik. Irgendeiner muss doch mal anfangen, das Lied des Friedens zu singen. Warum also nicht wir?
Die Ausreden sind bekannt: meine Stimme ist schwach. Ich will mich nicht verletzen. Ich bin müde. Und doch: wenn keiner anfängt, bleibt es still. Wenn keiner den Schritt wagt, bleibt alles eingefroren.
Dabei genügt wenig. Eine Frau, die summt. Ein Junge, der im Bus pfeift. Einer, der mitten in der Nacht wach liegt und plötzlich den Mut findet, das Fenster zu öffnen, um den Himmel zu sehen. Kleine Gesten, die eine Tür öffnen. Plötzlich weht Atem.
In der Zen-Tradition gibt es etwas, das Koan heisst. Es sind Fragen, die man mit dem Intellekt nicht beantworten kann. Sie kommen aus alten Gesprächen zwischen Lehrern und Schülern. Sie öffnen. Sie lassen uns nicht in Ruhe. Und sie verweisen alle auf die Tiefe des Lebens.
„Wo ist die Musik, wenn sie niemand singt?“ – tiefes, lauschendes Schweigen wäre eine Antwort. Oder ein Lied. „Wo ist die Liebe, wenn sie keiner lebt?“ – eine unmittelbare Geste aus dem Herzen wäre eine Antwort. „Wo ist der Glaube, wenn er nicht gelebt wird?“ – ein entschlossener Schritt wäre eine Antwort. „Wo ist die Hoffnung, wenn sie keiner wagt?“ – ein klares Wort, leicht wie eine Feder, wäre eine Antwort.
Vielleicht ist der Himmel wie ein Dirigent. Der Einsatz ist längst gegeben. Wir sitzen mit den Instrumenten auf dem Schoss. Und wir zögern. Der Himmel wartet. Geduldig. Vielleicht sogar lächelnd. Bis endlich einer beginnt.
Und dann ändert sich alles. Die Stille klingt. Die Knochen stehen auf. Die Liebe bekommt ein Gesicht. Der Glaube atmet. Die Hoffnung leuchtet. Der Frieden wird spürbar.
Nichts ist verloren. Aber damit es lebendig wird, braucht es uns. Einen Ton. Einen Blick. Einen Schritt. Mehr nicht. Und die ganze Welt ist anders.
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