
Es beginnt unscheinbar.
Ein Morgen, der anders riecht. Kühle Luft, die durch die Ritzen zieht, selbst wenn die Sonne scheint. Ein Licht, das nicht mehr blendet, sondern liegen bleibt – auf den Dingen, auf der Haut. Man merkt es nicht sofort. Aber irgendwann spürt man: Das Jahr hat die Richtung gewechselt.
Ich gehe früh hinaus. Der Kies unter den Schuhen klingt dumpfer. Der Himmel hat an Farbe verloren, dafür an Tiefe gewonnen. Auf der Bank liegt noch Tau. Über dem Fluss hängt Dunst, dünn wie Seide. Man kann durch ihn hindurchsehen, und zugleich bleibt er undurchsichtig.
Im Garten neigen sich die Sonnenblumen. Die Köpfe schwer, voll Samen. Ein paar Bienen sind noch da, träge, fast höflich in ihrer Langsamkeit. Der Wind bewegt sich vorsichtig, als wolle er niemanden stören.
Ich bleibe stehen und höre. Da ist ein Geräusch, das ich lange nicht wahrgenommen habe – das feine Rascheln von etwas, das fällt. Ein Blatt, dann noch eines. So leise, dass man sich selbst erst still werden muss, um es zu hören.
Der Sommer ist noch da, aber nur in der Erinnerung. Er zieht sich zurück, ohne Abschied, ohne Spur. Die Tage haben begonnen, sich selbst zu verkürzen. Und plötzlich merkt man, dass man das Licht vermisst, noch bevor es ganz weg ist.
Drinnen ist das Feuer im Kamin das neue Zentrum. Holz, das langsam Wärme abgibt. Der Rauch zieht in feinen Linien durch den Raum, verschwindet im Zug des Schornsteins. Ich sitze davor, schaue in die Glut, und spüre, wie alles Unnötige verschwindet.
Im Herbst geschieht die Welt anders. Sie will nichts mehr beweisen. Keine Blüte, kein Aufbruch, kein Drängen. Nur Sein. Das ist ihre Schönheit – diese Gelassenheit, in der nichts fehlen muss.
Ich gehe durch das Dorf. Auf den Wegen liegen Kastanien, manche noch in ihren grünen Hüllen, gesprungen, weich, bereit. Kinder treten darauf, das Knacken hallt durch die Gasse. Alte Leute tragen Taschen voller Äpfel. Jemand fegt den Gehweg. Das Leben wird kleiner, aber dichter.
An der Mauer beim Friedhof steht ein alter Mann. Die Hände auf den Rücken gelegt, den Blick über die Wiesen gerichtet. Er steht da, als hätte er alles verstanden. Ich nicke ihm zu. Er lächelt kaum merklich. Zwischen uns liegt ein stilles Einverständnis, das keine Worte braucht.
Ein paar Krähen sitzen auf der Stromleitung. Ihre Schatten zittern im Wind. Eine von ihnen hebt ab, ohne Ziel, ohne Eile, nur weil der Moment es erlaubt.
Ich nehme den Feldweg. Die Erde riecht stark, nach Regen, nach Pilzen, nach Leben unter der Oberfläche. Auf halber Strecke bleibe ich stehen. Unten das Dorf, darüber ein Himmel, der sich nicht entscheiden muss zwischen Grau und Blau.
Ein einzelner Apfelbaum trägt noch Früchte. Sie leuchten in einem Rot, das fast trotzig wirkt. Ich pflücke einen, wische ihn am Ärmel ab. Er schmeckt kühl, herb, klar. Kein Überfluss, nur Wesen.
Auf dem Rückweg denke ich an die Jahre, die vergangen sind. An Menschen, die kamen, gingen, blieben – jeder auf seine Weise. Der Herbst kennt solche Gedanken. Er drängt sie nicht auf, er erlaubt sie einfach.
Zu Hause brennt eine Kerze. Der Docht flackert, zieht sich zurück, richtet sich wieder auf. Ich schreibe ein paar Zeilen in mein Heft, ohne Absicht. Wörter, die sich finden, nicht gesucht. Manche bleiben, manche lösen sich auf. Wie Blätter auf Wasser.
Am Abend gibt es Suppe. Das Messer gleitet durch Kürbis, Kartoffeln, Zwiebeln. Die Hände wissen, was zu tun ist. Der Duft füllt den Raum. Kochen und Essen sind Gebet, ohne Worte, ohne Form.
Draussen klopft Regen an die Scheibe. Gleichmässig, geduldig. Es ist ein beruhigendes Geräusch – das Erinnern des Himmels daran, dass alles, was fällt, Teil eines Kreislaufs ist.
Später gehe ich noch einmal hinaus. Der Regen hat aufgehört, aber die Luft ist schwer. Über den Dächern steht der Mond, gross und ruhig. Die Wege glänzen. Ich sehe meinen Atem. Alles ist klar.
Der Herbst hat eine besondere Art von Wahrheit. Keine, die erklärt, sondern eine, die zeigt. Alles, was entstehen soll, muss auch vergehen dürfen. Alles, was festhält, wird müde. Alles, was sich löst, wird leicht.
Ich setze mich auf die alte Bank unter dem Ahorn. Das Laub liegt hoch, weich, bunt. Ich lasse die Hände darin ruhen. Ein Vogel ruft, weit weg. Dann Stille.
Manchmal reicht ein solcher Augenblick, um zu verstehen, wie wenig es braucht. Kein Plan, kein Ziel, kein Müssen. Nur Dasein. So schlicht, dass man es fast übersieht.
Der Wind hebt an, kaum merklich. Ein Blatt löst sich, schwebt, dreht sich, landet auf meinem Knie. Gelb, mit einem kleinen Riss. Ich sehe es lange an. Dann nehme ich es zwischen die Finger und lege es auf den Boden zurück.
Das ist Herbst: das Einverständnis mit dem, was vergeht. Das Vertrauen, dass das Fallen Teil des Kreises ist. Die Ruhe, die bleibt, wenn nichts mehr werden muss.
Wenn ich wieder ins Haus gehe, knarrt die Tür. Es riecht nach Holz und Wachs. Ich stelle die Schuhe beiseite, ziehe die Jacke aus. Alles, was man loslässt, wird leichter.
Ich lösche das Licht, lasse den Ofen weiterglühen. Draussen rauscht der Wind.
Die Nacht nimmt den Tag in sich auf, ohne Unterschied.
Und irgendwo, im Dunkel, beginnt schon das Neue zu keimen.
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