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Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Zwischen Atem und Licht

Es gibt Tage, an denen das Leben leiser wird. Man steht am Fenster, schaut hinaus, und alles scheint langsamer. Der Nebel liegt über den Dächern, ein Hund bellt in der Ferne, und das Licht hat diese Farbe, die sich kaum beschreiben lässt – matt und warm zugleich. Ein Licht, das den Übergang kennt. Zwischen Sommer und Winter. Zwischen Aufbruch und Rückzug. Zwischen Aussen und Innen.

Ich mag diese Zeit. Sie zwingt niemanden zu etwas. Sie ist einfach da, mit ihrem Schweigen. Und sie fragt leise, was bleibt. Wenn die Felder abgeerntet sind, wenn die Bäume ihre Blätter fallen lassen, wenn die Tage kürzer werden – was bleibt dann. Nichts, das man in den Händen halten kann. Aber etwas im Innern bleibt. Etwas, das sich nicht aufdrängt, das man erst spürt, wenn man still wird.

In solchen Tagen kommen Gesichter zurück. Menschen, die einmal da waren. Manche lange, andere nur kurz. Und doch haben sie etwas hinterlassen. Einen Satz. Ein Lächeln. Eine Art zu gehen oder zu schauen. Die Spuren, die wirklich zählen, sind still. Sie liegen im Zwischenraum. In der Art, wie jemand zuhört. In der Geduld, mit der jemand eine Tasse abwäscht. In einem Blick, der sagt: Du bist gesehen.

Man trifft solche Menschen noch. Sie reden wenig. Sie tragen keine grossen Worte vor sich her. Sie gehen in ihrem Rhythmus, halten sich nicht fest an dem, was glänzt. Sie wissen um den Wert der kleinen Dinge. Eine Schale Suppe. Ein stiller Abend. Eine Hand auf der Schulter. In ihrer Nähe wird die Welt einfacher. Und irgendwie weiter.

Ich erinnere mich an einen alten Nachbarn. Jeden Morgen ging er mit seiner Zeitung in den Garten, setzte sich auf dieselbe Bank, trank denselben Kaffee. Er sass dort, solange die Sonne reichte. Dann stand er auf, ging hinein, als wäre nichts gewesen. Ich habe ihn nie über grosse Dinge sprechen hören. Aber wenn er einem begegnete, sah er einen an, als hätte er gerade alles verstanden. Das war seine Form von Gebet.

Man lernt von solchen Menschen, ohne dass sie lehren. Sie tragen etwas in sich, das Vertrauen schafft. Weil sie da sind, ohne etwas zu wollen. Weil sie das Leben nehmen, wie es kommt. Mit dem, was leicht ist, und dem, was schwer ist. Solche Menschen halten die Welt zusammen, ohne dass sie es merken.

In dieser stillen Zeit spürt man, dass man weniger tun muss. Dass man sich anvertraut, dem Rhythmus, der grösser ist als man selbst. Dass man loslässt, was gehen will. Kein Verzicht, eher ein Aufatmen. Ein Platz schaffen für das, was wieder wachsen will.

Wenn ich abends durch das Dorf gehe, sehe ich Lichter in den Fenstern. Menschen sitzen am Tisch, reden, schweigen, essen. Jemand liest, jemand schläft auf dem Sofa. In jedem dieser Häuser wohnt eine Geschichte. Freude, Sorge, Erinnerung. Alles auf engstem Raum. Und dazwischen dieses leise Wissen: Wir gehören zusammen. Auch wenn wir uns kaum kennen.

Das ist die Feier dieser Tage – dass man die Verbundenheit spürt, ohne sie benennen zu müssen. Dass man weiss, da sind andere, die tragen, die hoffen, die lieben, so gut sie können. Kein grosses Wissen, eher ein zartes. Und es genügt.

Ich zünde manchmal eine Kerze an. Ohne Anlass. Für das Leben vielleicht. Oder für die, die unterwegs sind. Oder einfach, weil das Licht guttut. Eine kleine Flamme, die brennt, ohne zu fragen, warum. Während sie brennt, wird etwas ruhig. Das genügt. Da sein. Atmen. Licht sehen, wo Dunkel ist.

Dann geht man schlafen. Steht am nächsten Morgen auf, macht Kaffee, schaut wieder hinaus. Alles ist gleich. Und doch ein wenig anders. Weil man gespürt hat, wie viel Tiefe im Alltäglichen liegt. Wie viel Leben in den Dingen wohnt, die kaum beachtet werden. Eine Tasse. Ein Blick. Ein Gang durchs Laub.

So geht die Zeit weiter. Ohne Eile. Ohne grosse Antworten. Mit Fragen, die offen bleiben dürfen. Und mit einem Gefühl von Dankbarkeit, das sich nicht erklären lässt.
Man lebt. Man erinnert sich. Man liebt.

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Eine Antwort zu „Zwischen Atem und Licht“

  1. Avatar von Patrizia Andermatt
    Patrizia Andermatt

    Danke für die besinnlichen Gedanken, die man gerne mehrmals liest, weil sie so tief, treffend, anregend sind und nachdenklich stimmen. Sie klingen nach und im Licht der Kerzenflamme flackern sie bruchstückweise wieder auf und inspirieren den Geist seine eigenen Gedanken weiter zu spinnen. Herzlichen Dank und lieber Gruss. Patrizia Andermatt

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