Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

Wie ein Herz, das noch nachschwingt

Oberhalb des Lago Maggiore liegt ein kleines Dorf, festgehalten von Mauern, die schon vieles gesehen haben. Die Häuser stehen eng beieinander, ihre Dächer berühren sich fast. Unter der Woche ist es still hier. Die Fensterläden sind geschlossen, die Luft steht, als lausche sie sich selbst. Ein Hund schlägt an, irgendwo fällt eine Tür, dann wieder nichts.

Am Freitagabend verändert sich das Dorf. Autos aus Mailand kommen den Hang hinauf, beladen mit Taschen, Stimmen, dem Gewicht von Wochen. Türen öffnen sich, Lichter gehen an, die Gassen füllen sich mit Gerüchen von Knoblauch, Kaffee und Motoröl. Eine Vespa jault um die Kurve, ein Kind ruft seiner Nonna zu, zwei Männer streiten freundlich über Fussball, und aus einem Fenster läuft ein Lied, das schon beim Refrain lacht.

Ich sitze auf dem kleinen Balkon des Hauses der Nonna meiner Frau. Von hier aus sehe ich den See, ein schmales Stück Wasser zwischen den Dächern. Er glitzert, als wollte er alles verbinden. Die Hunde bellen einander zu, unsichtbar hinter Mauern. Jemand hämmert einen Nagel in eine Wand, jemand klopft einen Teppich aus. Es ist kein Lärm, es ist ein Chor.

Ich habe lange gebraucht, um das zu hören. Früher suchte ich Ruhe, dachte, das Leben sei schöner, wenn es gleichmässig klingt. Doch hier lernt man, dass nichts gleich sein muss, um zusammenzugehören. Dass Unterschiedliches sich nicht stört, sondern trägt. Dass jede Stimme den anderen braucht, um vollständig zu werden.

Die Alte, die ruft, der Hund, der antwortet, das Kind, das dazwischen lacht – sie wissen nichts voneinander, und doch bilden sie ein Ganzes. Wie die Steine der Häuser, unregelmässig, aber zusammen stark.

Wenn am Sonntagabend die Motoren anspringen und das Dorf wieder still wird, bleibt etwas zurück. Keine Leere, eher ein Nachhall. Die Mauern halten die Stimmen, die Wege die Schritte, der See das Licht. Alles hat seinen Platz. Auch das, was verschwindet.

Es flüstert leis‘: Höre allem zu, bis du spürst, wie es dich atmen lässt.

Posted in

2 Antworten zu „Wie ein Herz, das noch nachschwingt“

  1. Avatar von Vera
    Vera

    Danke! So ein schöner Text!

Hinterlasse eine Antwort zu Karl J. Scholz Antwort abbrechen