
„Mein Herz gereinigt –
Jetzt spiegelt es
Den Mond.“
Das ist das letzte Gedicht von Meister Renseki. Drei Zeilen, mehr nicht. Es ist mir nachgegangen, ausgerechnet beim Brillenputzen, kurz bevor ich aus dem Haus musste.
Es gibt eine alte Geschichte aus dem Zen, die mir dabei immer wieder in den Sinn kam. Der junge Mönch Ma-tsu sass Tag für Tag in der Meditationshalle, unbeweglich, fest entschlossen, ein Buddha zu werden. Sein Lehrer Nan-yüeh beobachtete ihn eine Weile. Dann setzte er sich draussen vor die Halle, nahm einen Ziegelstein und begann, ihn zu polieren.
Nach einiger Zeit hielt es Ma-tsu nicht mehr aus. „Was machst du da?“, fragte er.
„Ich poliere den Stein zu einem Spiegel“, sagte Nan-yüeh.
„Wie soll ein Ziegel durch Polieren zum Spiegel werden?“
„Und wie soll einer durch Sitzen zum Buddha werden?“
Ich musste bei Renseki an diese Geschichte denken, weil sein Gedicht genau in die andere Richtung zeigt. Er poliert nichts mehr. Er sitzt nicht angestrengt da und versucht, sich ein reines Herz herzustellen. Er sagt nur: gereinigt. Fertig. Und jetzt spiegelt es den Mond, so wie eine Pfütze im Hof den Mond spiegelt, ohne sich anzustrengen, ohne überhaupt zu wissen, dass sie das tut.
Darum mag ich das Wort Seinlassen lieber als Loslassen. Loslassen klingt, als müsste man noch einmal kräftig zupacken, bevor man die Faust öffnet. Seinlassen braucht das nicht. Es ist eher, wie wenn man aufhört, den Ziegel zu polieren, weil man merkt, dass daraus ohnehin nie ein Spiegel werden wollte.
Bei uns zuhause steht im Garten ein alter Kübel mit Regenwasser, den meine Frau eigentlich fürs Giessen aufgestellt hat. Nachts, wenn der Himmel klar ist, liegt manchmal der Mond mitten darin, ganz still, als hätte er dort schon immer gewohnt. Niemand hat den Kübel poliert. Er steht einfach da, und wenn der Mond kommt, ist er bereit.
Man putzt das Herz nicht, bis es glänzt. Man bleibt sitzen, bis man merkt, dass es eigentlich gar nicht anders kann als leuchten.
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