Pfarrhausgarten.ch

Karl Scholz schreibt über die grosse Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der kath. Theologe ist Diakon und Pastoralraumleiter im Pastoralraum Muri AG und Umgebung. Seit 2022 ist er autorisierter Zen-Lehrer.

  • Mein Kunstlehrer hatte einen uralten Diaprojektor. Es war noch so ein Modell, bei dem man die Dias (ältere unter uns werden sich noch erinnern, was ein Dia ist) von Hand in eine Schiene schieben musste, um sie dann in den Lichtschacht des Projektors zu drücken. Auf der anderen Seite kam dann das vorher betrachtete Bild heraus und man konnte das nächste Dia einschieben – wenn es klappte. Eigentlich ist das ein ganz einfacher und ziemlich unverwüstlicher Mechanismus ohne überflüssige, mechanische Bauteile oder anfällige Micromotoren. Nur Fingerkraft und ein wenig Metall – wenn es funktionierte. Und das tat es nicht bei jedem.

    Bei dem bewussten Kunstlehrer funktionierte es nicht. Entweder brachte er das verflixte Dia nicht in die Führungsschiene, oder es blieb – wenn es denn mal drin war – für immer und alle Ewigkeit im eisernen Griff der heimtückischen Höllenmaschine stecken. In den meisten Fällen führte verbissenes Herumfummeln dazu, dass die perfide Technik frech und respektlos zubiss. So steckte am Ende nicht nur das mittlerweile verbogene Dia von Picassos „Les Demoiselles d’Avigion“ in den blechernen Rahmen fest, sondern auch des verzweifelnden Künstlers schmerzender Finger.

    Ich vermute er hatte einen Dauerauftrag bei irgend einem Pflasterhersteller seines Vertrauens.

    Nie um einen guten Kommentar verlegen, murmelte die erschütterte Lehrperson in solch tragischen Situationen jeweils: „Ich bin mir SICHER, dass sich die Dinge BOSHAFT gegenüber dem Menschen verhalten können.“

    Wer verhält sich hier gegenüber wem? Ist es wirklich das dumme Stück Metall, das mir in den Finger schneidet? Es stimmt schon, ich neige auch manchmal zu der Annahme, mein Computer habe ausgeprägt bockige Persönlichkeistzüge. Aber das tue ich vor allem dann, wenn mir selbst die Aufmerksamkeit fehlt und ich genervt bin und es viel zu mühsam wäre, genau das auszuhalten.

    Denn wir empfinden es in der Regel als ziemlich unangenehm und vor allem wenig schmeichelhaft, wenn wir beginnen unsere eigene Unzulänglichkeit und unsere eigene Unsicherheit zu spüren. Niemand ist gerne der Blöde. Also machen wir das „Ding“ zum dummen Ding und spalten ab, was eigentlich zu unserer Einzigartigkeit gehört.

    Das wäre noch kein all zu grosses Problem, machten wir hier einen Unterschied zwischen Dingen und Menschen. Leider tun wir das nicht. Schneller als eine Millisekunde sind wir bereit, unsere genervten Stimmungen, unseren eigenen Frust und Ärger, unsere eigene Angst, und vor allem den eigenen Egoismus auf die anderen zu Projizieren. Das Leben scheint einfacher, wenn die anderen Blöd sind. Oder mindestens bequemer, weil ich mir so den bitteren Geschmack von Scham und Reue, der mit allem Erkennen verbunden ist, erspare.

    Vielleicht bräuchten wir manchmal auch einen Ort, wo wir uns von Herzen blöd anstellen dürften, ohne uns gleich geisseln zu müssen.

    Das entspräche viel mehr unserer Natur, als immer alles – aus der Sicht der Anderen und der Moral – richtig und perfekt zu machen. Wie sollen wir uns denn Entwickeln, wie sollen wir denn lernen, ohne uns vorher mindestens ein wenig blöd angestellt zu haben? Wie sollen wir neue Wege finden, wenn wir stets brav auf den alten Pfaden „trotten“ (Sie empfinden den Geschmack des „Trottels“ in dieser Art des Gehens?).

    Wenn wir ganz still werden, können wir sehen, dass eine geheimnisvolle Gegenwart in jedem Menschen leuchtet, dass sie darauf wartet, entdeckt und freigelegt zu werden – und das wird sie nicht durch Perfektion und Können, sondern viel eher dadurch, mit Vertrauen und Mut, dem Abgründigen in mir, dem Frust, der Angst, der Langeweile, dem Egoismus, so lange ins Gesicht zu schauen, bis mein Herz sich mit ihnen versöhnt hat.

    Dann braucht es keine „dummen“ Diaprojektoren, keine „bockigen“ Computer und keine „gemeinen“ Mitmenschen mehr nur, damit ich mich nicht blöd fühle.

    Ich wünsche uns einen fröhlichen und „depperten“ und ausgelassenen und freien und unkonventionellen Blick, damit wir uns niemals unserer Selbst schämen, sondern bestenfalls laut und von Herzen über uns und die Welt lachen.

  • Leibhaftes Beten

     

    Setz Deine Füsse, säulengleich auf weiten Raum
    Heb Deine Augen auf zum Licht
    Mach Deine Hände zum Portal
    Deine Ohren zum Schoss für den Samen
    Deinen Leib zum wartenden Kelch.
    Stille tropft in Dein Herz
    und das Wort umarmt Deine Mitte
    Sehnsucht faltet sich auf, wie eine Blume
    Du selbst bist Gebet.

    Irmgard Hess

  • Gestern noch
    war
    mein ganzer Leib
    nichts
    als offene Wunde.

     

    Heute schon
    trägt mich –
    trage ich
    die ganze Welt
    in meinem Körper.

     

    Dazwischen
    nächtlich
    liegt

    nichts
    als leises Flüstern
    im Herzen
    jeder Zelle:
    „ja“.

     

    Sind Deine Ohren
    offen,
    ist es um Dich
    geschehen
    und Du lauscht

    heilend

    nur
    dem Gesang
    des Lebens.

    (KHS) 

  • Ein Mann lag im Sterben.

    In der Stille seines langsamen Abschieds, sah er jemand langsam näherkommen.
    Es war Gott. Und er hatte einen Koffer in seiner Hand.
    Gott sagte: „Mein Sohn, es ist Zeit, zu gehen.“
    Erstaunt antwortete der Mann: „Jetzt? Schon? Ich hatte noch so viel vor …“

    „Es tut mir leid, aber es ist Zeit, zu gehen.“ erwiderte Gott.

    „Was hast Du in dem Koffer da?“ fragte der Mann.
    Gott antwortete: „Deins.“

     

    „Meins? Meinst Du meine Sachen, meine Kleider, mein Geld?“

    Gott antwortete: „Diese Dinge waren nicht `Deins`. Sie gehören der Erde.“

     

    „Sind es meine Erinnerungen?“ fragte der Mann.

    Gott antwortete: „Die haben Dir nie gehört. Sie gehören der Zeit.“

     

    „Sind es meine Begabungen?“

    Gott antwortete: „Auch die haben Dir nie gehört. Sie gehören zu deinen Gegebenheiten des Lebens.“

     

    „Sind es dann meine Freunde und meine Familie?“

    Gott antwortete: „Tut mir leid, die haben Dir nie gehört. Sie gehören zum Weg.“

     

    „Sind es meine Frau und mein Sohn?“

    Gott antwortete: „Sie haben Dir nie gehört. Sie gehören zu Deinem Herzen.“

     

    „Ist es dann mein Körper?

    Gott antwortete: „Der war nie Deiner. Er gehörte von Anfang an zum Staub.“

     

    „Es ist meine Seele, oder?

    Gott antwortete: „Nein, die gehört mir.“

     

    Voller Angst nahm der Mann den Koffer entgegen und öffnete ihn – er war leer. Während ihm eine Träne über die Wange lief, sagte er: „Hatte ich nie irgendetwas, das `meins` war??? Gott antwortete: „Ja. Jeder Augenblick Deines Lebens war ganz und gar für Dich. Das Leben ist nur ein Augenblick. Ein Augenblick, der ganz und gar Dir gehört. Deshalb solltest Du auch diesen Augenblick schätzen, so lange er mit Dir verweilt. Lass nicht zu, dass irgendetwas (von dem Du glaubst, es gehöre Dir) Dich davon abhält, ganz den Augenblick zu leben. Lebe JETZT. LEBE Dein Leben. Vergiss nie, Dankbarkeit und echtes Glück zuzulassen. Sie sind die einzigen Dinge im Leben, die wirklich zählen.

    Materielle Dinge und alles Andere, für das Du Dich abgemüht hast, bleiben hier zurück. Du kannst nichts mitnehmen. Nirgendwohin.

  • Inflation gibt es nicht nur in der Wirtschaft. Auch die Sprache kennt den inflationären Gebrauch von Begriffen. Was zu oft in Umlauf gebracht wird, verliert seinen Wert. Wovon zu viel geredet wird, verliert seine Tiefe.

    Wohl gemerkt, es ist nicht das Göttliche, das seine Tiefe verliert. Aber das Wort dieser Wirklichkeit verliert die Kraft, uns zurückzuwerfen, auf die grosse Weite des Lebens.

    Ich habe es nicht gerne, wenn das Wort Gott so oft und vor allem so schnell verwendet wird. Es wird so belanglos, so gewöhnlich und so beiläufig dadurch.

    Die jüdische Tradition liegt mir näher. Aus Respekt vor der Heiligkeit der letzten Wirklichkeit, wird ihr Name niemals ausgesprochen, sondern nur umschrieben.

    Wer könnte auch mit einem simplen Namen von der grossen Wirklichkeit sprechen. Buchstaben, Worte sind nur Finger, die auf den Mond zeigen. Niemals der Mond selbst. Es sind nur Etiketten. Schilder, Labels, nichts weiter.

    Gottseidank gibt es das nicht, was sich die meisten Menschen in ihren Begriffen, Bildern, Worten, unter Gott vorstellen. Leider glauben wir schnell, wir müssten uns konkrete Vorstellungen machen, weil die Wirklich weit entfernt sei und damit unsichtbar. Dabei müssten wir nur einfach lernen, ganz still zu werden. Wirklich still. So still, dass man den Augenblick greifen kann. Dass es keinen Unterscheid mehr gibt, zwischen dem Schweigen und dem, der Schweigt. So still, dass ich mit meinen Knochen spüre: Ich bin diese Stille – und diese Stille ist das Schweigen Gottes. Das ist kein Widerspruch und keine überhebliche Ketzerei, sondern ganz einfach alles durchdringendes, dankbares Dasein. Geheimnisvolle Gegenwart in allem. Grabesstille und Auferstehung im selben Moment.

     

    Wenn es so ganz still wird, wenn kein Laut die Stille stören kann, weil ich erfahre, dass es nicht leise sein muss, um in der Stille Gottes zu atmen, wenn mein, wenn sein Schweigen dicht wird, dann hat plötzlich alles seinen Platz. Dann fehlt nichts mehr und nichts ist mehr zu viel. Dann sitzt Du an der Kraftquelle Deines Lebens: Jetzt. Diese Quelle hat kein Ende – und Sie ist immer dort, wo Du bist, an jedem Ort.

     

  • Lächeln
    Still sein
    für eine Sekunde
    und atmen
    nocheinmal
    dich.

     

    (G. Belli)